Die Narrative der Gewalt

Wolfgang Sofsky über den heutigen Stand des Menschen nach Hobbes

Von Lennart LaberenzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lennart Laberenz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach dem "Traktat über die Gewalt" (1996) erscheint Wolfgang Sofskys zweites abstraktes Buch über die Sphären der Gewalt - "Die Zeit des Schreckens".

Hatte der absolute Terror des Konzentrationslagers, den Sofsky noch in "Die Ordnung des Terrors" (1993) untersucht, der nichts als die "Verwirklichung seiner Freiheit in der vollkommenen Vernichtung des Menschen", ohne ihn allerdings notwendig zu töten zum Gegenstand, geht der Göttinger Soziologe nun einen Schritt weiter: Wolfgang Sofsky hat es sich in dieser Aufsatzsammlung zum Ziel gemacht, die Narrative der Gewalt zu erzählen. In Erzählweise und Abstraktionsebene in jedem Falle dem "Traktat" näher, scheinen nach Littleton und dem 11. September, nach den Anschlägen auf wehrlose Menschen in Washington, Virginia und Maryland, während einer schon wieder zwei Jahre andauernden Intifada, einem vor sich hinköchelnden Krieg in Afghanistan und am vermutlichen Vorabend des Krieges einer großen westlichen Allianz auf den Irak die einzelnen Punkte aus Sofskys Sammlung wie matte Lichter in einem langen dunklen Gang, der immer nur abwärts weist: man ist geneigt, "die hobbessche Kernthese" anzunehmen, die da lautet, dass die Quelle der Gewalt die Vorstellungskraft ist. "Es ist die Imagination, welche immerzu neue Gewaltformen erfindet. Sie führt den Menschen aus dem Bannkreis seiner Erfahrungen hinaus, enthebt ihn seiner Lebensumstände, befreit ihn von eingefahrenen Gewohnheiten. Sie gestattet ihm, sich selbst zu übertrumpfen und ein anderer zu werden. [...] Es gibt keine Grenzen, deren Überschreitung sich Menschen nicht vorstellen können." Und tatsächlich ist Sofsky Fatalist, er sieht die Gewalt als inhärente Logik des Menschen und in der Imagination die Uferlosigkeit jenes Vorwärtsdrangs: "Es ist die Imagination, ein ganz und gar menschliches Vermögen, die dafür sorgt, dass die Geschichte der Gewalt weitergehen wird. Wollte man die Gewalt aus der Welt schaffen, man müsste die Menschen ihrer Erfindungskraft berauben."

Von diesem ungemütlichen Tenor ausgehend zelebriert Sofksy seine Variationen. Er beginnt seine Betrachtungen bei der einfachen Grenzüberschreitung, dem Töten als direkter, interpersonaler Ebene. Aus den nur dem Menschen vorbehaltenen Motivationen der akuten Todespanik und dem Bewusstsein seiner eigenen Sterblichkeit resultiert seine ganze Kulturarbeit und die erste, fundamentalste Dimension der Einbildungskraft: Menschen denken sich ihre eigene Begrenztheit weg, verdrängen sie und nehmen so den Kampf gegen das Fortschreiten der Zeit auf. Sofsky liest folgerichtig den Sinn der Systeme der Gesellschaften als Instrumentarien in diesem Kampf. Der Begriff der Zivilisation und seine kolonialisierenden Mechanismen bleiben eine gut organisierte Selbstlüge. In jenem abstrakten Verständnis der Gesellschaft bleibt der Einzelne ewig, wird geschützt und fühlt sich sicher. "Die Gesellschaft überlebt alle Individuen, denn sie ist in Wahrheit der unsterbliche, allseits gegenwärtige Gott."

Von hier aus steigern sich nun die Dimensionen, in denen die Gewalt gedacht wird und die Narrative sich darstellen. Von der detaillierten dargestellten Psychologie einzelner Aktionen der Grenzüberschreitung wie Amok oder dem Attentat, die immer um ihre soziale Trägerschaft und spezielle Praktiken ergänzt werden (der Mob, der Pranger, die Maskierung), zu den Formen von Terror und Verfolgung bis hin zum Höhepunkt, dem Krieg selbst. Interessant ist, dass der Terrorkrieg, der sich am 11. Septemeber versinnbildlicht, ohne die (von Sofsky trocken "sozialdeterministisch" betitelten) Erklärungsversuche einer stringenten Logik, die von der weltpolitischen Rolle der USA auf die Antwort im jenem Anschlag verweist, auskommen muss. Jede politische Ökonomie, die diesem Anschlag zugrunde liegen soll und sich etwa mit religiöser Verschworenheit, der Tatsache der Unterdrückung und Ausbeutung oder dem kulturellen Widerstreit analysieren ließe, weist Sofsky zurück, dies wäre "glatte Verharmlosung." Tatsächlich verbleibt er in seiner eigenen Logik, die sich hier als Erklärungsversuch darstellen lässt, in dem aber die Fragen nach dem Warum nebulös bleiben: "Die physische Realität des Massentodes ist nicht mit kulturellem Sinn zu überhöhen [...] ein politisches Ziel jenseits der Zerstörung war nicht zu erkennen. [...] Das einzige, was die Zerstörung bezweckte, war eine leere Fläche, eine Tabula rasa." Freilich kommt dieser Gewaltausbruch nicht aus dem Nichts, sondern erlebt Vorläufer und organisiert sich selbst nach einer Systemlogik. Allerdings weist Sofsky jegliche Idee der direkten gegenseitigen Bedingtheit zurück - was nicht widerspruchsfrei bleiben kann, wenn nach Gründen und Vorbildfunktionen gefragt wird. Indem Sofsky so en passant eine Art Anti-Clausewitz formuliert, der einen gewissen kausalen Zusammenhang zwischen Politik und Krieg über die Wahl der Mittel negiert, räumt er den unterschiedlichen Narrativen eine partiell eigenständige Ebene ein, die aber in der Differenz zu anderen Ebenen einen Bezug herstellt. Für Sofsky existiert solche eine kausale Verkettung nicht, "die Waffen des Massenterrors heben jede Politik auf."

Da er die Gewalt und ihre Erscheinungsformen als Eigentlichkeit des Menschen befindet, gibt es keinen tieferen Sinn, nur Oberflächenphänomene. Diese können sozialpolitisch, polizeilich im Sinne von Entwicklungszusammenarbeit oder militärisch beantwortet werden - die innere Disposition berühren diese Maßnahmen kaum. Eine These, die sicherlich kontrovers, aber in letzter Konsequenz eben fatalistisch letztbegründend ist und nur nachvollzogen werden kann.

Wer dies nicht tut, der wird sich rasch abwenden von seiner Schilderung und sich der eigenen, höher geschätzten Realität von Kausalketten zuwenden. Sofsky stellt dar und verweist in seiner Deskription auf die Abgründe, die wir täglich gewillt sind zu ignorieren. Unter dem Gras, das über die Schauplätze des Grauens gewachsen ist, finden sich noch immer sichtbar die Ruinen der Konzentrationslager, die Konturen jener beinahe unsagbaren Gewalt. Sie haben sich eingefügt in das Alltagsleben von Dörfern und Kleinstädten und werden dem Kundigen so zu Zeugen der Geschichtsverdrängung. Der Mensch ist also dem Menschen der skrupellose Wolf; die Gewalt manifestiert sich, ohne, dass allgemeine Schnittmuster genügend Auskunft über die innere Logik und die Motivation geben müssten - in der Fassade des Alltagslebens, des Fortschrittsglaubens und der Zivilisation decken wir ab, ohne zu beenden.

Titelbild

Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok Terror Krieg.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
256 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 310072707X

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