Weck' den Houellebecq in Dir

Zwei weitere Romane der "Skandalautorin" Virginie Despentes

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Verfilmung von Virginie Despentes Erstlingswerk "Baise-moi" (der deutsche Buchtitel lautete weniger drastisch "Wölfe fangen") durch die Autorin selbst führte nicht nur in Frankreich zu einem veritablen Skandal und löste, angeregt auch durch die Bücher von Catherine Millet ("Das sexuelle Leben der Catherine M.") und Michel Houellebecq ("Ausweitung der Kampfzone", "Elementarteilchen") eine ebenso heftige wie kontrovers geführte Debatte um Pornographie und Kunst aus. Das Buch selbst war allerdings eher unnötig brutal, vulgär und großmäulig.

In ihrem zweiten Roman "Die Unberührte" bleibt Despentes ihrem Milieu treu. Die Geschichte dreht sich um Louise, eine Nackttänzerin in einer schmuddeligen Peepshow in einem heruntergekommenen Lyoner Viertel. Ihr Leben dreht sich ums Kiffen, ums Trinken, um den alltäglichen Smalltalk mit Ihren Kolleginnen und darum, ob die "Königinmutter", die Chefin des Etablissements, ihren "Claim" behaupten kann. Etwas kurios ist aber, dass Louise noch Jungfrau ist, nicht gerade Standard in ihrem Gewerbe. Eine Tages werden zwei Frauen aus dem Milieu ermordet, die Angst macht sich unter den Mädels breit. Louise lernt den zwielichtigen Victor kennen, verliebt sich in ihn, und wird tiefer als sie ahnt in die ganze Sache verstrickt. Zugegeben, wirklich hochwertig klingt das alles nicht, auch die Sprache ist auf Dauer eher nervig als provokant, so oft "Scheiße", "Fotze" und "dreckige Sau" hat man selten so häufig auf so wenig Seiten gelesen. Dennoch ist "Die Unberührte" interessant zu lesen und keineswegs nur trivialer Schund, zwischen der drastischen und lärmigen Oberfläche verbirgt sich eine gelungene Geschichte um Leben, Liebe und Tod, die rotzige Heldin entpuppt sich als fragile und zerrissene Persönlichkeit. Ein literarisches Meisterwerk hat die Ex-Punkerin, Ex-Stripperin und Sängerin Virginie Despentes zwar nicht geschrieben, aber einen soliden und stellenweise gar guten Roman.

Die mit "Die Unberührte" begonnene Wendung zum Brauchbaren führt sie mit ihrem jüngsten Werk "Pauline und Claudine" zu einem erfolgreichen, vorläufigen Abschluss.

Pauline, eher normal, an Liebe und Prinzipien glaubend, aber ansonsten nicht sonderlich aufregend oder attraktiv, besucht ihre Zwillingsschwester Claudine, eine typische Despentes-Heldin: sie lässt sich ziellos umhertreiben, nimmt mit, was sie bekommen kann. Ihre "Karriere" als Sängerin will nicht in die Gänge kommen, als Schauspielerin hat sie es immerhin schon in einem Porno gebracht. Eines Tages begeht sie unvermittelt Selbstmord, und ihre Schwester nimmt ihre Rolle ein. Zunächst eher widerwillig, aber im Laufe der Zeit findet Pauline Gefallen an der Lebenweise ihrer Schwester, begibt sich bereitwillig in die Sex-and-drugs-Subkultur von Paris und findet mehr und mehr über sich selbst und ihre verborgenen Seiten heraus. So einfach das Ganze auch hier aussehen mag, in "Pauline und Claudine" überrascht Virginie Despentes durch Qualität. Die hässliche und verkommene Welt ihrer Protagonisten wird detailreich und mit einer gehörigen Portion Ironie beschrieben, geschickt arbeitet sie die kantige und zunächst unergründlich erscheinende Persönlichkeit Paulines Stück für Stück heraus. Wohltuend dezent - im Vergleich zu ihren früheren Romanen - setzt sie hier die Sprache der Gosse ein, das Lärmige und Obszöne ist einer etwas unaufgeregteren, zurückhaltenderen Art gewichen. Mit "Pauline und Claudine"hat Virginie Despentes die ihr oft und gerne angetragenen Vorschusslorbeeren redlich verdient, ihr radikaler und filmischer Stil findet hier einen ersten Höhepunkt.

Titelbild

Virginie Despentes: Die Unberührte.
Übersetzt aus dem Französischen von Jochen Schwarzer und Kerstin Krolak.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001.
251 Seiten, 7,90 EUR.
ISBN-10: 3499229110

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Virginie Despentes: Pauline und Claudine.
Übersetzt aus dem Französchen von Michael Kleeberg.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001.
256 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3499226472

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