Hamlet als tragischer Hanswurst

Robert Gernhardt zeichnet Lichtenberg

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Titel des Buches lässt einen aufhorchen, hat man das nicht schon einmal gehört? In der Tat handelt es sich um einen der zahlreichen Aphorismen des Göttinger Physikers und Professors Georg Christoph Lichtenberg (1755-1799), des Autors ebenjener "Sudelsprüche".

Zahlreiche Künstler versuchten bereits mit mehr oder weniger großem Erfolg, diese Sprüche zu illustrieren und in Zeichnungen umzusetzen. 1999, zum 200. Todestag Lichtenbergs, wurden im Alten Rathaus zu Göttingen Arbeiten von Horst Janssen und Robert Gernhardt unter dem Titel "Sudelblätter - Die Lichtenberg-Zyklen" ausgestellt, auch im Magazin der "F.A.Z." erschienen Gernhardts Sudelblätter mit großem Erfolg. Nun empfiehlt er dem Leser mit den Worten "Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an", sich "Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen" ins Regal zu stellen.

Was macht also die Faszination Lichtenbergs aus: Lassen sich seine Aphorismen ob ihrer Kürze einfach nur gut und leicht zeichnen, ist der Sinn derart augenfällig? Gernhardts Meinung dazu ist ebenso prägnant wie richtig: "Nein". Vielmehr ist es die ihnen innewohnende Komik, die ihn fasziniert, sind es die Möglichkeiten, die sich bieten. Er versteht es, Lichtenberg nicht einfach profan nachzuzeichnen, er versucht, das Hintersinnige und das Versteckte hervorzukehren und kreiert dadurch einen ganz eigenen, ganz neuen Bildwitz. Gernhardt bedient sich hierbei auch bei Bewährtem und Tradiertem, so stellt er den "tragischen Hanswurst" in klassischer Hamlet-Pose dar, bei "Mutter unser, die du bist im Himmel" parodiert er die christliche Ikonographie. Aber auch moderne Vorbilder sind unschwer auszumachen, etwa das Titelblatt des Magazins "The New Yorker" des amerikanischen Zeichners Steinberg, das das zuweilen recht beschränkt anmutende Weltbild aus der Sicht eines amerikanischen Großstädters illustriert: nach der 9th und der 10th Avenue folgt jenseits des Hudson River schon der unwirtliche wilde Westen, Japan und Russland erscheinen als unendlich entfernte Fleckchen am Horizont. Gernhardts Variante "The Göttinger" zum Sudelspruch J856 lässt den Betrachter die oft angeführte Provinzialität Göttingens angesichts dieses Verweises relativieren. Viele der Sprüche werden nicht nur ,erweitert', ihr Gegenwartsbezug ist unverkennbar, die Zeichnung zu "Wir bilden uns oft etwas auf Leute ein, die sich unserer schämen würden" zeigt drei selbstgefällige Menschen vor der Weimarer Statue von Goethe und Schiller, die Zielscheibe am Gartentor (J614) hängt neben den Klingelschildern von Grass, Botho Strauß, Walter Jens und Alice Schwarzer. Gernhardt erschöpft sich nicht in Komik, die politische Gegenwart bleibt nicht außen vor, die Zeichnung zu "Man spricht viel von Aufklärung, und wünscht mehr Licht. Mein Gott, was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen" zeigt drei Deutsche mit verschlossenen Augen und Steinen in der Hand, der Hinweis auf den tobenden Mob in Rostock-Lichtenhagen und den hässlichen Deutschen im Nationaltrikot liegt klar auf der Hand.

So versteht es Robert Gernhardt mit seinem Buch, Lichtenberg auf eine etwas andere Art zu ehren, ganz uneigennützig geschieht das natürlich nicht: "Ich nutze und beute ihn aus. Ich zeichne zu Lichtenbergs Sprüchen und verkaufe das dem 'F. A. Z.-Magazin', bekomme das ganze Geld und er nichts." Das eine Paar Hosen sollte man getrost versetzen, der Band ist es allemal wert, unterhaltsam, kurzweilig, und mit einer neuen Frische wird uns der Altmeister Lichtenberg vom Altmeister Gernhardt präsentiert.

Titelbild

Robert Gernhardt: Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen. Lichtenberg-Illustrationen.
Diana Verlag, Zürich 2001.
223 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-10: 3453198174

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