Dem Autor über die Schulter sehen

Neue Schriften von und zu Arno Schmidt

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als erste Suhrkamp-Veröffentlichung nach dem Konkurs des bisherigen Verlagspartners der Arno-Schmidt-Stiftung (Haffmans) haben zwei Fragmente aus der frühen Schaffensphase Arno Schmidts bereits ein beachtliches Pressecho erhalten: "Brüssel" und "Die Feuerstellung".

Glaubt man Schmidts in der Edition als Faksimile und in diplomatischer Umschrift sorgfältig wiedergegebenen Notizen, ist diese achtbare Resonanz nicht übertrieben: "Sehr wichtig! Entwurf von ca. ´47" schrieb er auf das Titelblatt des Entwurfes zu "Brüssel". Der Text versucht eine autobiographisch grundierte Skizze der britischen Kriegsgefangenschaft in Belgien.

Irgendein Rezensent nannte Schmidt neulich den größten "Kotzbrocken" der Nachkriegsliteratur. Seine Figuren begründen ihr misanthropisches Verhalten ja auch durchaus trocken: "Was 'Menschn' anbelangt, so ist Meine Neubegier seit ei'm Dezennium gestillt", sagt etwa Daniel Pagenstecher in "Zettel's Traum"

In den sechziger Jahren, als solche für das Verständnis von "Brüssel" nicht unwesentliche Passagen entstanden, meinte das auf den Autor selbst bezogen sicherlich auch: Seit Ende des Krieges und der ominösen britischen Kriegsgefangenschaft in Brüssel, die am 20. August 1945 endete. Ständig mit Menschen zusammengepfercht zu sein, mit denen er nichts zu schaffen haben wollte, das hatte Schmidt spätestens nach den turbulenten Nachkriegsjahren mit ihren "Umsiedlungen" durch die westdeutsche Provinz offenbar endgültig satt.

Auch die fiktionalisierten "Brüssel"-Erinnerungen klagen daher weniger über die Kriegsgefangenschaft selbst, wie es bei anderen Vertretern jener Täter-Generation durchaus üblich war, als vor allem über die Dummheit der soldatischen Mitgefangenen, unter deren deutschen Tugenden der Erzähler auf engstem Raum zu leiden hat: "Schule der Mannheit? - Ein Saustall ist's." Schmidt über die Lagerinsassen: "man sah deutlich, daß ihnen die 12 Jahre 'Heil' und Fahnenschwurrauschen unauslöschlich im Blute lagen. - Befehlen und Gehorchen muß man leider zuweilen in dieser Welt; aber wer Gefallen daran findet, sollte sofort erschossen werden, denn er ist unheilbar vergiftet!"

Es ist, als sähe man in die Werkstatt eines grantelnden Tüftlers: In kondensiertester Form führt der Text vor, wie der frühe Schmidt nach 1945 gearbeitet hat. Wortstreichungen, Erinnerungsbrocken und grob skizzierte Grundideen verdichten sich zu einem Konzentrat dessen, was erst in späteren Werken zur erzählerischen Virtuosität gesteigert werden sollte. Hier die bloßgestellte Idiotie derjenigen, denen Gewalt zu "Kultur" wurde - "Ich würde auf einer [...] Boxveranstaltung jedem der Buben, die sich für Geld gegenseitig in die Fresse hauen, 100 Rutenhiebe auf den Hintern geben lassen ..." - dort die bekannten Wege des Entkommens für den Einzelnen: "nachts spann ich meine Dauerphantasien, einen endlosen Liebes=Roman mit Schiffbruch, einsamen Inseln, Not - alles schwermütige düstere Lieblingsthemen."

Das zweite Fragment "Die Feuerstellung" (1955) bereitet auf nur vier Seiten eine typische Schmidt-Dystopie vor und schleudert den Leser mitten in ein atomares Fegefeuer an der Saar. Diese kurzen Passagen samt den abgedruckten Planungsnotizen und Handlungsskizzen Schmidts mögen manchem Kenner einen Stoßseufzer des Bedauerns darüber entlocken, daß der Autor das Projekt abbrach: "die 'Deutsche Kriegsgräberfürsorge' war erst bei den Opfern des 2. Weltkriegs: anstatt längst Platz für den 3. vorzubereiten!!"

Der Herausgeberin Susanne Fischer und dem Setzer Friedrich Forssmannn ist mit der vorbildlich gestalteten und mittlerweile auch preisgekrönten Ausgabe dieser Texte ein würdiger Einstand gelungen: Jetzt ist Arno Schmidt also Suhrkamp-Autor.

Vom Früh- zum Spätwerk: Der Hannoveraner Literaturwissenschaftler Jochen Hengst hat sich in seiner Studie Schmidts Alterswerk "Schule der Atheisten" (1972) vorgenommen, genauer: den ersten Abschnitt dieser wohl zu den gelungensten Texten deutscher Nachkriegsliteratur zu zählenden "Novellen=Comödie in 6 Aufzügen".

Die begrüßenswerte Idee einer solchen detaillierten Interpretation scheitert bei Hengst jedoch schon im Ansatz: Einerseits bringt er in ermüdender Geschwätzigkeit zu vieles zur Sprache, was die Forschung schon wiederholt behandelt hat, und anderseits werden von ihm über vage Andeutungen hinaus kaum neue Spuren verfolgt. Hengst rechtfertigt diesen Mangel in dem ihm eigenen Seminarstil: "Angeregt von den Fallstricken der Schrift geht es dem vorliegenden Unternehmen also nicht so sehr um eine deutende Interpretation, sondern um eine die Differenzen amplifizierende Beschreibung, die einzig durch ihre archäologische Beziehung zur Schrift daran gehindert wird, in höhere Stadien der Schmidt-Paranoia abzudriften."

Mit derartig hochtönendem Gefasel legt Hengst schon auf den ersten Seiten seiner Studie alle seine Schwächen offen: Er betreibt diejenige assoziative literaturwissenschaftliche Selbstgefälligkeit, die außer arrogant formuliertem Belesenheitsgestus nichts als heiße Luft produziert. Der bewusst plauderhafte Ton der Studie gebiert Stilblüte auf Stilblüte. Hengsts entnervender "Wortwitz" geht buchstäblich in die Hose: So nimmt der überkandidelte Exeget eine im Text vorkommende defäkierende Eule prompt zum Anlaß, sich ausgerechnet an Marcel Reich-Ranicky erinnert zu fühlen. Kühn vermutet Hengst, Schmidt hätte mit dem Eulenbild ein "Porträt jenes Kritikers" intendiert und auf eine Rezension des Literaturpapstes reagiert.

Das alles kann im Grunde nur als Warnung dienen: Meist droht, wenn Literaturwissenschaftler einen "Schriftraum abschreiten" wollen, anstatt zu interpretieren, so ein gipfelstürmender Unsinn, wie dort, wo Hengst aufgrund bloßer klanglicher Ähnlichkeiten eines in der "Schule der Atheisten" vorkommenden Wirtinnennamens vermutet, der Autor habe damit auf die Plattenbauarchitektur zu Hoyerswerda anspielen wollen. Typisch für Forscher wie Hengst ist es, an solchen Stellen selbst zu vermuten, ihre Ideen seien "vielleicht doch etwas weit hergeholt", um den Leser anschließend dennoch weiter in bemerkenswerter Ausdauer mit ganzen Fudern höheren Blödsinns zu behelligen.

Von einem ganz anderen Kaliber ist da der verdiente Schmidtforscher (und kurioserweise auch: Jochen Hengst-Herausgeber) Rudi Schweikert. Er untersucht in einer Zusammenstellung alter und neuer eigener Studien den Einfluss von Nachschlagewerken auf das Schaffen Arno Schmidts und Karl Mays. Schmidt, der als bekennender Enzyklopädie-Kompilator verkündete, man könne "nicht genug davor gewarnt werden, die Wirkungen mehrbändiger Nachschlagewerke zu unterschätzen", hatte in Karl May einen gewitzten wie dreisten Vorgänger, der nicht nur Kitsch, scheinheiligen katholischen Missionsgeist und chauvinistisches Kolonialpathos produzierte, sondern als raffinierter Lexikon-Plagiator auch "zur Gilde der Guten gehört", wie Schweikert betont.

Schweikert stellt einschlägige Artikel aus der berühmten "Pierer"-Enzyklopädie spaltenweise Textpassagen Mays gegenüber, um konkret aufzuzeigen, was da so alles geklaut und hemdsärmelig zu "Literatur" verwurstet wurde. Das mag trocken klingen, liest sich aber als spannende und witzige Spurensuche. Karl May entpuppt sich als literarischer Puzzlespieler, der fleißig nachschlug, um das Lexikonwissen des 19. Jahrhunderts für seine kuriosen Abenteuertexte dienstbar zu machen und so zu tun, als sei er von beängstigender Weltbewandertheit. Oft schrieb er aber auch einfach lustlos ab, wobei ihm peinliche Fehler unterliefen, die Schweikert genüßlich enttarnt.

May brüstete sich damit, etwa vierzig Sprachen schreiben und sprechen zu können, darunter auch "malayisch, Namaqua. Lappländisch will ich nicht mitzählen." In der Regel "belegte" der Autor solche polyglotten Protzereien damit, daß er seinen Figuren einige übersetzte Zeilen aus dem "Vaterunser", die er im "Pierer" unter dem jeweiligen Landesartikel fand, in den Mund legte. Ein anderer Trick, von Schmidt in "Zettel's Traum" als "running gag" bis zum Überdruss kopiert, ist die Übernahme der in den jeweiligen Sprachartikeln gelieferten Zahlenübersetzungen von eins bis zehn. Sämtliche abenteuerlichen Schauplätze, die May nie gesehen hatte, puzzlete er auf diese Weise dreist aus Lexikonartikeln zusammen: Flora, Fauna, Geographie und Geschichte - alles wortwörtlich aus dem "Pierer" abgepinnt.

Auch Schmidt lobte das "trauliche Embonpoint der Nachschlagewerke" und die "SpezialWonnen des Nachschlagens". Er behauptete einmal, er habe den gesamten "Pierer" von 1845 lesen und memorieren müssen, um sein Gehirn in die Falten der Zeit Edgar Allan Poes legen zu können ("Vorläufiges zu Zettels Traum"). Tatsächlich arbeitete Schmidt also ähnlich wie May, und die von ihm immer wieder gerne vorgetragene Behauptung, er verfüge über ein "gußeisernes Gedächtnis", ist nach der Kenntnisnahme von Schweikerts Ergebnissen wohl eher so zu verstehen, daß er nicht unbedingt ein "wanndlndes Lecksiekonn", sondern vielmehr ein gewitzter und systematischer Enzyklopädie-Nutzer war, der ungezählte Details sammelte und diese "Informations-Patchworks" zu Literatur montierte. Diese Grundvoraussetzung sollten Interpreten beherzigen: Schweikerts Studie blickt den behandelten Schriftstellern bei der Arbeit über die Schulter. So kann Literaturwissenschaft zu Ergenbissen führen: Man schlage erst nach und interpretiere dann!

Titelbild

Arno Schmidt: Brüssel / Die Feuerstellung.
Herausgegeben von Susanne Fischer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
72 Seiten, 50,00 EUR.
ISBN-10: 3518802011

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Rudi Schweikert: Das gewandelte Lexikon. Zu Karl Mays und Arno Schmidts produktivem Umgang mit Nachschlagewerken. Aus dem poetischen Mischkrug, Band 2.
Bangert und Metzler Verlag, Wiesenbach 2002.
272 Seiten, 33,00 EUR.
ISBN-10: 3924147507

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Jochen Hengst: Den ersten Schriftraum von Arno Schmidts Die Schule der Atheisten abschreiten. Wort-Werk bleich wie eine laiche. Schriftenreihe der Arno Schmidt-Leser, Band 5.
Herausgegeben im Auftrag der Gesellschaft von Rudi Schweikert.
Bangert und Metzler Verlag, Wiesenbach 2002.
119 Seiten, 16,50 EUR.
ISBN-10: 3924147493

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