Verkauf einer Haltung

Benjamin von Stuckrad-Barres "Remix"

Von Alexander MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Remix" bietet eine Sammlung Glossen, Kurzgeschichten und Reportagen des 24-jährigen Autors Benjamin von Stuckrad-Barre aus den Jahren 1996 - 99. Der Verlag spricht von Themen wie "Alltag, Rausch, Pop, Liebe & das Gegenteil, Produkte und Personen, Welt", derer sich Stuckrad-Barre annehme. Und weil es um Musik geht bei "Remix", darf eine Anmerkung zu "Sound! Rhythmus! Refrains!" der Texte mit vielen Ausrufungszeichen nicht fehlen. Was verbirgt sich nun wirklich hinter dem so angesagt-nichtssagend betitelten "Remix"? Nicht viel: zweitverwertete Kurzprosa.

Der Autor schreibt teils kolportagehaft von den alltäglichen Absurditäten, die Deutschland, insbesondere sein Kulturbetrieb, aufzubieten hat. Rasch werden lächerliche Details im Geschwafel der Presse gefunden und zu einer kurzen Geschichte zusammengefügt, fertig ist ein so respektlos-kritischer Text. Da wird die Autorin der Sex-Bildchen-Unterschriften der "BILD"-Zeitung ironisch zur Dichterin gekürt, ein "Fachpressenvokabular" über Musiker erstellt, das selbstverständlich alle Klischees entlarvt, oder Überflüssiges über das überflüssige Fußballspiel "Focus vs. Spiegel" verlautbart. Stuckrad-Barre sucht sich zu leichte Ziele. Er macht sich lustig über den Teil des Kulturbetriebspersonals, den sowieso schon niemand mehr ernst nimmt: Bei der Vorstellung von Herbert Grönemeyers letzter CD wird die Band als "leicht biedere Lederhosenband" bezeichnet, was Grönemeyer selbst "unverschämt, dreist - und leider gut" findet. Der Kulturbetrieb schlägt also mit absolutem Einverständnis zurück. Was da unverschämt daherkommt, ist eben alles andere als das.

Ein peinlicher Auftritt bei Ilona Christen wird wiedergutgemacht, der Gagschreiberalltag bei Harald Schmidt gefeiert oder die Wahrheit über Salman Rushdies Verständnis von Pop-Musik verkündet. Nebenbei offenbart sich die Herkunft der Schreiberhaltung: Franz Dobler wird zitiert, Rainald Goetz für seine glaubhafte Nachstellung von "Clubklo-Dialogen" gelobt - das kann der "richtig gut" -, oder im Nachruf auf Jörg Fauser das Pathos der anderen Nachrufer beklagt. Daraus ergibt sich eine Haltung, die zwischen desillusioniert-zynisch und widerwillig-romantisch oszilliert, die aber vor allem den neuen Jungen Wilden zu definieren scheint, der Stuckrad-Barre vermutlich gar nicht sein will.

In die Falle, die der Autor in einer fiktiven Konzertrezension über die "Rolling Stones" treffsicher beschreibt, die ständige Wiederholung von abgegriffenem Vokabular nämlich, tappt er schließlich selbst. Gelingt es ihm teilweise, Sprachfloskeln bloßzustellen und Klischees zu hintergehen - das ist selbst schon ein stehender Begriff der Literaturkritik -, wird seine Schreibhaltung letztendlich selbst zur Phrase. Und zum reinen Verkauf dieser Haltung, die sich auf alles anwenden läßt, was einem im Leben begegnet, ob es der Literaturkanon der "Zeit" ist oder das Trendbewußtsein bei "H&M". Vielleicht ist es auch nur die Ansammlung so vieler kurzer Texte, die diese Vermutungen nahelegt. In diversen Zeitschriften veröffentlicht, mögen sie ihre Wirkung und die ersehnte Kurzweil nicht verfehlt haben, versammelt in einem Band von über 300 Seiten erzeugen sie meistens eins: Langeweile.

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Benjamin von Stuckrad-Barre: Remix 1.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999.
333 Seiten, 9,70 EUR.
ISBN-10: 3462028545

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