Seichte Wasser

Hanns-Josef Ortheils Roman "Im Licht der Lagune"

Von Christina UjmaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Ujma

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hanns-Josef Ortheil hat sich mit Venedig für seinen Roman "Im Licht der Lagune" einen schwierigen Schauplatz gewählt. Es gibt wohl keine zweite Stadt, die so oft gemalt oder beschrieben wurde wie Venedig, so daß es schwer ist, zur Stadt noch einen halbwegs unverbrauchten Zugang zu finden. Das mag der Grund sein, weshalb die Stadt in den letzten Jahrzehnten von der sogenannten ernsten Literatur eher gemieden wurde. Dafür hat sich Venedig fest in den Genres etabliert, in denen es auf die Originalität weniger ankommt. Im Thriller oder im Detektivroman etwa sind die Venedig-Klischees der geheimnisvollen und labyrinthischen Stadt ganz praktisch; sentimentale Liebesromane leben dagegen gut von der romantischen Atmosphäre, die mit der Stadt assoziiert wird. Jene kommt auch Ortheil ganz recht. "Im Licht der Lagune" ist ein Liebesroman, der im historischen Gewand daherkommt. Eigentlich handelt es sich um eine Dreiecksgeschichte, an deren Anfang ein Wunder steht. 1786 findet Conte Paolo di Barbaro in einem entlegenen Teil der Lagune von Venedig den Körper eines schönen jungen Mannes im Schilf. Entgegen allen Anscheins ist der Jüngling nicht tot, sondern nur leicht geschädigt, er hat sein Gedächtnis verloren, lediglich an seinen Namen, Andrea, kann er sich erinnern. Seine Herkunft bleibt genauso mysteriös wie seine Persönlichkeit. Neben der Auferstehung von den (Schein-)Toten fällt Andrea durch seine Vertrautheit mit dem Meer und dessen Bewohnern aus dem Rahmen, zudem zeichnet er sich durch aussergewöhnliche Freundlichkeit und Bescheidenheit aus. Der Conte nimmt ihn schließlich in sein Haus auf und entwickelt eine als "väterlich" bezeichnete Liebe zu ihm.

Eine andere Art der Liebe empfindet der Conte für Caterina, die Tochter seines leicht vertrottelten, greisen Nachbarn, allerdings fällt es ihm schwer, seinen Gefühlen entsprechend zu handeln. Der Conte ist melancholisch und seines Standes müde, aber gleichzeitig auch sehr standesbewußt. Er symbolisiert die Situation der herrschenden Klasse Venedigs, die im Gerüst traditioneller Regeln und Riten befangen und wenig geeignet ist, den Stadtstaat in die Moderne zu führen. So zögert der Conte auch etwas, sich dem Vater Caterinas zu erklären. Caterinas Vater hat derweil entschieden, seine Tochter aus dynastischen Gründen mit Antonio, dem jüngeren Bruder des Contes zu verheiraten, der allerdings, wie sich später herausstellt, an Frauen nicht interessiert ist. Da damals in der venezianischen Oberschicht Heiraten rein geschäftliche Transaktionen waren und die Vermählung von Caterina und Antonio sehr profitabel ist, sieht sich der Conte gezwungen, der Verbindung zuzustimmen.

Der Conte verliert aber nicht nur seine Angebetete, sondern auch Andrea, der sich inzwischen zum hervorragenden Maler entwickelt hat, denn Caterina hat sich den schönen jungen Mann aus dem Nachbarpalazzo zum Cicisbeo erwählt. Der Cicisbeo, jene italienische Institution, deren Funktion darin bestand, verheirateten Damen als ständiger Begleiter zur Verfügung zu stehen, fasziniert Ortheil, der sie in großer Ausführlichkeit beschreibt. Die Aufgaben des Cicisbeo bewegen sich irgendwo zwischen Hausfreund, Page und Vize-Ehemann, wie Byron einmal anmerkte.

Der schöne junge Maler und die ebenso schöne Caterina, deren Gatte sich den ehelichen Pflichten durch permanente Abwesenheit entzieht, verlieben sich ineinander. Da das Ausmaß der Zuneigung zwischen Cicisbeo und Dame gegen das Gesetz verstößt, läßt der Conte den Nebenbuhler ins Gefängnis werfen. Hier kehrt sich dieser von der realistischen Malweise ab und malt nur noch das Licht und die Farben der Lagune, wobei er Turners Malweise antizipiert.

Der Conte intensiviert derweil den Kontakt zur Schwägerin Caterina, die er über den Verlust des Geliebten hinwegtröstet. Beide werden alt und glücklich miteinander, daran können auch der Untergang der venezianischen Republik und die nachfolgende französische und österreichische Besetzung nichts ändern. Am Ende triumphiert also nicht die Unschuld des merkwürdigen Heiligen Andrea, sondern die Hinterlist des Conte. Über Andrea erfahren die Leser dagegen nichts mehr, er wird mit der Nachricht, dass er sein Gedächtnis wiedergefunden habe, aus dem Roman entlassen.

Eines der Probleme des Romans, einem Kammerspiel von drei Personen, besteht darin, dass sie viel zu flach sind, um den Roman zu tragen. Dies gilt vor allem für Caterina, während Andrea eher durch mangelnde Plausibilität auffällt. Der Weg von der Unschuld aus der Lagune zum genialischen Maler ist kaum nachvollziehbar. Unfreiwillig komisch wird es, wenn er als edler Wilder durch naive Bemerkungen die Dekadenz der venezianischen Gesellschaft entlarvt. Einzig der melancholisch-intrigante Conte verfügt über einen gewissen Tiefgang, auch wenn er sich letztlich von Caterinas Amme auf die Sprünge helfen lassen muss, der einzigen Figur des Romans, die über eine gewisse Lebensklugheit verfügt.

Selbst Venedig bleibt eine papierene Schöpfung. Ortheil hat viel recherchiert und bringt eine Menge Bildungsgut unter, schafft es aber nicht, Geschichte lebendig werden zu lassen. Trotzdem, wer sich für dergleichen interessiert, für den ist "Im Licht der Lagune" eine kurzweilige Lektüre. Venedig ist eben als Sujet eben genauso robust wie der historische Roman als literarische Gattung, die immer zwischen den dunklen Tiefen der Historie und der Seichtigkeit der bloßen Unterhaltung navigiert. Ortheil hat deutlich Kurs auf Letzteres gesetzt. Genau das macht "Im Licht der Lagune" zur idealen Ferienlektüre, die am besten bei einer Tasse Cappuccino oder einem Glas Prosecco in einem venezianischen Straßencafe zu genießen ist.

Titelbild

Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune.
Luchterhand Literaturverlag, München 1999.
336 Seiten, 21,50 EUR.
ISBN-10: 3630869998

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