Mensch ohne Autor

Georg Pichlers mißglückte Handke-Biografie

Von Stephan Kleiner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nun ist sie also da, die "erste umfassende Biografie" Peter Handkes, geschrieben von seinem Kollegen Georg Pichler, der den "wundersamen Werdegang" eines der größten deutschsprachigen Literaten nachgestellt hat.

Pichler, der nach eigenen Angaben die Begegnung mit dem Handkeschen Schaffen als eine Art Erweckungserlebnis und Initialzündung für das eigene Schreiben erlebte, hat sich auf den noch nicht eingetretenen Pfad begeben. Er geht allein, vor sich nur die Spuren des einstigen "Popstars der Literatur", sie weisen ihm den Weg. Dort oben ist es still, dunkel und einsam; alles, was noch bleibt, sind die Echos der Stimmen derer, die IHN einst wandeln sahen.

Zum Glück hat der Meister seinen Weg mit Landmarken gesäumt, genaustens scheint die Route abgesteckt. Alles, was es braucht ist nur, diese Punkte abzuwandern, kurz die Graffiti notiert ("Ich war hier, P. H", steht da, in den Fels gemeißelt) und fertig ist die erste große Landkarte des original Handke-Wanderpfads.

So hätte es sein können, denn Peter Handke ist zugleich ein öffentlicher wie auch sehr privater Autor, einer, der sich zwar gern in die Bücher, darüber hinaus aber nur ungern in die Karten schauen lässt.

Somit funktioniert diese Biografie auch nicht gerade als ein Augenöffner oder als Fundgrube für geheimes, preziöses Handke-Wissen; sie ist vor allem eins: eine Zitatesammlung. 505 Fußnoten auf 190 Seiten, das ist eine beachtliche Quote, die hauptsächlich die Kompilationsarbeit Pichlers anerkennen macht: also zwei plus für Fleiß.

Was aber von all dem Aufwand bleibt, ist ein nicht abzuschüttelnder Eindruck eines großen Zitate-Patchworks, eine logistische Leistung, aber nicht viel mehr. Da wurde viel gelesen, aber kaum synthesisiert: Mit der Gewissenhaftigkeit eines Buchhalters und der akribischen Ordnung eines Bibliothekars die in diesem Fall sicher nicht kleine Stoffsammlung bändigen - auch das ist Wissenschaft. Nur bleibt das Ergebnis möglicherweise ein Konglomerat von Textstellen ohne Text, ein bestenfalls eklektizistischer, schlimmstenfalls wirr zerfaserter Flickenteppich; Splitter, die hier oft wirken wie von einer automatischen Erzählerstimme moderiert..., etwas fleisch- und seelenlos also, quasi Konfektionsware, wo das Thema doch ein Autor ist, der vom Beginn seiner Karriere an immer versucht hat, dem Leben den feinsten Zwirn anzuschneidern.

Andererseits steht einer Biografie ein zurückhaltender Ton ja eigentlich gut zu Gesichte, und immerhin wird dieser ja auch durchgehalten, immer mehr paraphrasierend als kommentierend: Durch ausführliches bis exzessives Zitieren weiß sich der Autor letztlich auf der sicheren Seite, was hier steht, ist verbrieft, und das Buch als Ganzes bleibt so dann auch merkwürdig kohärent flickenhaft. Es entsteht eine ruhige, gelassene, fast schon kalmierende Sachlichkeit, das Buch scheint sehr aufgeräumt, aber eben auch so glatt wie der Umschlag ausschaut. Dabei ist das ganze Büchlein von einem freundlichen, irgendwie kleinen, bescheidenen Gestus, gutartig und angenehm.

Jedoch ist es mit der Zurückhaltung immer so eine Sache: Man weiß nie, was zurückgehalten wird. Im vorliegenden Fall hätte man sich an manchen Stellen mehr gewünscht, mehr Persönlichkeit vielleicht, mehr Plastisches, mehr Leben, das Bio zur Graphie. Pichlers Prosa ist oft doch zu glanzlos geraten, von gelegentlichen Ausrutschern Richtung Belanglosigkeit oder Pathos abgesehen, ein zwar nicht langer, doch allzu ruhiger Fluß, der die vielen Zitate zusammenklammert. Georg Pichler hat so das merkwürdige Problem, daß sein Buch nicht von ihm erzählt wird, er ordnet sich (bewusst?) den Stimmen unter, die er beschworen hat: Sie erzählen die Geschichte, der eigentliche Autor ist nur die zweite Instanz, zurückgenommen, im Hintergrund. Kann, wie gesagt, auch manchmal angenehm sein, wirkt aber auf Dauer nur wie Schwäche. Mit Peter Handkes Innovationsdiktat geht das nicht gut zusammen, doch wurde hier eben die Form klar dem Thema untergeordnet.

Okay.

Dargestellt wird Handke als einer, der, gefragt oder ungefragt, stets verkündete, die Sprache müsse, immer aus Neue, neu gesucht werden, der die Ambition hatte, das Glück zu beschreiben und diesem Ziel als einer der wenigen mitunter recht nah gekommen ist. In seinem Werk verschränken sich das Mythologische, Mystische und das Wirkliche, Weltliche, er sucht die Transzendenz im Inneren, ein Autor, der in jungen Jahren bereits zu nicht unbeträchtlichem Ruhm gelangte (nicht zuletzt durch den hier noch einmal ganz hübsch geschilderten "Princeton incident"), und sich davon erst mal erholen musste - aber nicht wollte.

"Die Beschreibung des Glücks" ist die Darstellung eines Mannes, der das Glück hatte, gut (wahlweise: brillant, genial ...) zu sein, eines Mannes mit grandiosen Eigenschaften - und Fähigkeiten. Aus seiner Bewunderung für den Anderen macht Pichler, vor allem in der Schilderung Handkes literarischer Anfänge, keinen Hehl, er bekennt sich zum Vorbild, entwirft gar eine Art, so scheint es, Larger-than-life-Figur, eine Ikone des wahren Strebens nach Höherem und in jedem Fall singuläre Erscheinung. So ist die Geschichte (wie das Leben, das sie erzählt) arm an gleichberechtigten Nebenfiguren, sie bleiben Stimmengewirr, das um den strahlenden Kern kreist, die Ausnahmeerscheinung, die Lichtgestalt, perfekte Inkarnation des Dichters auf Erden, Prototyp des Schriftstellers, reiner, freier, aufsteigender Geist. Dennoch nehmen die Lobpreisungen nicht überhand, das Buch ist gekennzeichnet durch eine angenehm relaxte Reisegeschwindigkeit, nicht aufgeregt, eher zu entspannt.

Natürlich wird auch kokettiert mit dem Los des Dichters, der schreiben muss, um nicht zu zerbrechen, der irgendwann den "Sprachverlust" erlebt, nur um dann zu den Worten zurückzufinden, der auch Borderliner ist, so gehört sich das, der sich auch ein bisschen gefällt in der Rolle des Vertriebenen, Gejagten, der sich stets in der Opposition begreifen muss und begriffen ist. Der Eine, der nicht die Anderen ist.

Dass ein solches Leben, in Zeilen, Spalten, Seiten übersetzt und dergestalt in die Zweidimensionalität gezerrt an Lebendigkeit einbüßt, das ist nicht immer zu vermeiden. In diesem speziellen Fall ist da zunächst der Verdacht: So viel mehr ist da gar nicht dran. Die Einsamkeit, das Schreiben, das Lesen, einsam, schreiben, lesen, schreiben: Der Schrecken wächst im Wiedererkennen.

Ein Leben mit Büchern, durch Bücher.

Und so soll der Zitierwahnsinn, der das Buch ist, legitimiert werden: Die Bücher sind dies Leben, das hier erzählt werden soll. Im Leben sind sie erstanden, sind mehr als Zeugen, sind das, was bleibt, der Beweis, das Ding an sich: Armes, reiches Leben in Büchern. Das Buch, das aus den Büchern wurde, zu denen dieses Leben geronn, ist nur die Kurzfassung. Peter Handkes Biografie ist längst geschrieben, sie ist lang und sie steht in seinen Büchern. Die vorgelegte Kurzfassung erinnert etwas an die Instantausgaben von Klassikern, wie sie z. B. "Reader´s Digest" verbreitet: für jene, die nicht Zeit oder Muße haben, sich das "Real thing" einzuverleiben, als Substitut sicherlich akzeptabel, als Schnupperkurs quasi. Gelegentlich werden die Echos, die das Leben im Schreiben hervorrief, schön eingefangen, die "echten" Freunde und Feinde ihren Pendants im Oeuvre gegenübergestellt, das macht dann Spaß. So sind das auch die Momente, in denen das Projekt doch so etwas wie ein Eigenleben entwickelt. Dann wieder wünscht man sich mehr Präzision, letzte Unschärfen und Missverständnisse wurden nicht immer vollständig beseitigt, der Text als Ganzes ist nicht so konzis und präzise, wie er sein könnte, kleinere Sprünge lassen hin- und herblättern, ein paar Ungereimtheiten tauchen auf, so etwa auf Seite 22, wenn vom "berlinerischem Hochdeutsch" des Vaters die Rede ist, vom "Deutsch ohne den geringsten Dialektanklang", das sich auf ihn, den Sohn übertrug, weshalb er im dialektgeprägten Kärnten des öfteren anecken sollte. Dann, seltsam, nur vier Seiten weiter, zitiert aus "Das Gewicht der Welt", Folgendes: "das Gefurze des Vaters vor allen Leuten, seine Mischung aus Berliner und Kärntner Dialekt". Ja, was soll nun gelten?

Pichlers leichtfertiger Biographismus und seine eifrig angewandte Sampling-Technik mögen ihren Grund und Ursprung also in der Natur der Sache haben. Gefährlich an dieser Herangehensweise ist nur der Umstand, dass die Erzählungen und Romane oft als einzige Quelle herhalten müssen. Sicher haben sie autobiografische Elemente, doch ist es nur Handke selber, der da Zeugnis ablegt; ein nur bedingt zuverlässiger Erzähler. Und: Es ist eben nur das da, was da ist - was Handke nicht offenbart, das wird auch hier kaum auftauchen. Was Pichler weiß, ist Bücherwissen. Doch was zu diesen Büchern geführt hat, wenn Leben und Schaffen nicht auf Linie gebracht werden können, bleibt offen.

Pichler scheint in letzter Instanz unentschlossen, ob er sich mit dem Bücherleben zufrieden geben, oder doch den Stein umdrehen und mal darunter schauen soll. Und doch paradieren all die verschiedenen Handkes noch einmal an uns vorbei: der Kärntner, der Musterschüler, Internatszögling, Eigenbrödler, der Worteerfinder, der Theaterrevolutionär, Avantgardist, der Übersetzer, Ausnahmedichter, Pilzesammler, leidenschaftliche Kinogänger, obsessive Leser, der Bilderstürmer, Heißsporn, polarisierende Polemiker, der Spalter, Rock'n'Roller, Anwalt verkannter Literaten, der Innovator, der Serbenfresserfresser, der aber auch die einmal angeworfene Rechtfertigungsmaschine immer weiter befeuern, sich erklären muss.

Ein erster Schritt also, ein Handke für Einsteiger, erste Station des Kennenlernens, Handke light sozusagen (dazu passt auch das Umschlagdesign mit den Nutrasweet-Streifen - "Time-Life Books" lässt grüßen), langsames Herantasten, ohne dem Empfindsamen zu nahe zu treten: Handke bleibt ein Untouchable, der zwar öffentlich, doch privat lebt, oder nur öffentlich und nur privat. In dieses Paradoxon ist, wenn nicht Peter Handke, so doch seine Biografie, rettungslos verstrickt. Was dieses Buch auch irgendwie traurig macht.

Titelbild

Georg Pichler: Die Beschreibung des Glücks. Peter Handke Eine Biografie.
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2002.
207 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3800038838

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