Starke Triebe einer vernünftigen Menschenliebe

Zum erstmals edierten Briefwechsel zwischen Gottsched und Lichtwer

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Reine Lust" habe er bei der Lektüre der "Vier Bücher äsopischer Fabeln, in gebundener Schreibart" empfunden, bekannte der Leipziger Literaturpapst Johann Christoph Gottsched in einer Rezension von 1751. Diese Fabeln könne man "zu den schönsten zu zählen", "die unser Deutschland aufzuweisen hat", besonders weil sie sittliches Vergnügen und moralischen Nutzen in einer schlichten Form, ohne "viel Umschweife" und ohne "weitläuftige Sittenlehren" vereinen würden. Wer diese Fabeln verfasst habe, wisse er bedauerlicher Weise nicht. Gerüchteweise habe er gehört, es sei ein in Wittenberg lebender Doctor gewesen.

Nun, der Autor lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Wittenberg, sondern als Referendar der Landesregierung in Halberstadt. Er hieß Magnus Gottfried Lichtwer, war 1713 im sächsischen Wurzen geboren worden, hatte in Leipzig Jura und in Wittenberg Philosophie studiert und dort auch zwei Jahre lang Wolff'sche Philosophie gelehrt. In diesen zwei Jahren waren auch jene Fabeln entstanden, die Gottsched drei Jahre nach Erscheinen so enthusiastisch rezensierte.

Gottscheds Renommé hatte in den 1740er Jahren in der Literatur-Fehde mit den Schweizern gelitten und er selbst wurde zunehmend zur Zielscheibe des Spotts der jüngeren, empfindsamen oder geniehaften Konzepten huldigenden Dichtergeneration, die er selbst des "Schwulstes" und des "Unsinns" bezichtigte. Umso mehr musste es ihn begeistern, dass die "Äsopischen Fabeln" genau seiner rationalistischen Dichtungslehre entsprach, die er 1730 in dem "Versuch einer Critischen Dichtkunst" (4. Aufl. 1751) entfaltet hatte: "Man setze sich einen untadelichen moralischen Satz vor, den man durch die Fabel erläutern, oder auf eine sinnliche Art begreiflich machen will"; "man kleide die erwählte Sittenlehre in eine Begebenheit von Pflanzen, Bäumen oder Thieren ein, daß ihre Wahrheit aus dem Erfolge der Begebenheiten selbst erhellet". Auch "menschliche Erzählungen seien erlaubt, wenn man die "Lehre allgemein" halte; dann müsse eine "solche Fabel oder Erzählung" auf jeden Fall "kurz seyn" und solle sich sprachlich die "edle Einfalt" der antiken Dichter zum Vorbild nehmen und weder zu sehr künsteln noch in "die pöbelhafte Sprache" verfallen.

Alles das schienen ihm Lichtwers Fabeln mustergültig zu bieten, was auch nicht weiter verwundert, weil Lichtwer "Dero vortrefliche Critische Dichtkunst" sich "bey Verfertigung" seiner "schlechten Verse" zur "Richt Schnur" hatte "dienen laßen", wie er in jenem ersten Brief an Gottsched schrieb, mit dem er sich für die Rezension bedankte und als Verfasser offenbarte.

Der folgende Briefwechsel zwischen den beiden ist nun, so weit er erhalten ist, vollständig publiziert worden. Lichtwers Briefe sind in der vorliegenden Ausgabe erstmals gedruckt worden (elf aus dem Nachlass Karl Morgensterns in der UB von Tartu; sieben aus Gottscheds Nachlass in der UB Leipzig), Gottscheds Briefe (nur sieben; weitere neun waren zu erschließen) wurden, da die Originale verloren sind, nach einer Lichtwer-Biographie von 1784 ediert, insgesamt also 34 Nummern. Es müssen ursprünglich allerdings noch einige mehr gewesen sein. Die Briefe sind umsichtig kommentiert und werden durch Rezensionen aus der Feder Gottscheds und Mendelssohns sowie durch alle darin erwähnten Fabeln und Gedichte ergänzt. Leider fehlt die im Nachwort anzitierte Rezension, die Mendelssohn Lichtwers "Recht der Vernunft" widmete.

Gottsched ermunterte Lichtwer in seinen Briefen zu weiterer dichterischer Tätigkeit. Zunächst konnte er ihn auch zur Produktion einiger neuer Lieder bewegen. Eine zweite Auflage "mit einem Anhange von Oden und Liedern" ist denn auch 1758 erschienen. Gottsched hatte auch diese Ausgabe sehr günstig rezensiert. Ganz anders Moses Mendelssohn, der zwar auch einige Fabeln vollkommen fand, viele aber mittelmäßig oder sogar sehr schlecht, weil sich in ihnen "eine unangenehme Länge, eine gemeine Moral, und ein niedrig-poßirliches Wesen finde", worin sich die Gottschedische Schule verrate, so dass der Dichter "allen Lesern von Geschmack verächtlich" werde.

Über ein so "unfreundliches Urteil" gräme er sich nicht, schrieb Lichtwer an Gottsched, da er hoffe, durch den "Beyfall der Vernünftigen Deutschen", d. h. also Gottscheds und seiner "Parteygänger", einen "sicheren Paßeport für die Nachwelt" zu erhalten. Doch musste er noch erleben - Lichtwer starb 1783 -, dass der Beifall Gottscheds nichts gegen das "hämische Urteil" vermochte, das die Berliner Aufklärer (Sulzer, Nicolai, Mendelssohn, Lessing) über seine Produkte sprachen; zumal seine Dichtkunst verglichen mit der von "Klopstock und deßen unsinnigen Nachahmern", die Lichtwer und Gottsched verachteten, doch im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich alt aussah. Wenn auch Lichtwer, der Gottsched 1753 auch persönlich kennen gelernt hatte, diesen nicht unkritisch sah, war er doch verdammt, mit der Schule seines Gönners unterzugehen.

In den nun edierten Überbleibseln des Briefwechsels drehte sich das literarische Gespräch allerdings hauptsächlich um ein Lehrgedicht in der Art von Vergils "Georgica" oder Lukrez' "De natura", an dem Lichtwer in den 1750er Jahren schrieb, geplant unter dem Titel "Rechte der Menschheit", letztlich aber auf Gottscheds Vorschlag 1758 unter dem Titel "Das Recht der Vernunft, in fünf Büchern" erschienen. Es sollte eine poetische Umsetzung der Philosophie Christian Wolffs sein, den Lichtwer und Gottsched gleichermaßen verehrten. "Ich suche aber dabey nie zu vergeßen, daß ich ein Gedicht und kein Kompendium schreiben will".

Gottsched hatte gegen zwischenzeitliche Zweifel des Autors durchgesetzt, dass das Werk mit einer Widmung an den preußischen König Friedrich II. erschien, der gerade den von ihm begonnenen Siebenjährigen Krieg führte. Angesichts der pazifistischen Gesinnung, die das Lehrgedicht atmet, ist das kein uninteressantes Faktum. Lichtwer schrieb:

"Die Unversöhnlichkeit wohnt nur in niedern Geistern / Und eines Weisen wird sich Rachgier nie bemeistern, / Dem süßen Frieden Hold, flieht er unnützen Krieg / Und wählt Vergleich und Loos für einen blutgen Sieg"; und: "Gott schuf euch, Menschen! nicht, einander hier zu quälen. / Fried ist der Völker Heil, sein Segen füllt das Haus / Beseligt das Land, und schmückt die Felder aus. / Wo edler Friede herrscht, da mehren sich die Heerde, / Da sieht man Künste blühn, und Hertzen frölich werden, / Nicht die Natur, O nein! die Hölle schuf den Krieg"; und: "Hier sieht man Schmertz und Tod, zum Umsturz gantzer Schaaren / Mit Flammen und Gebrüll aus ehrnen Rachen fahren, / Dort öfnet krachend sich die ausgehölte Gruft / Durchbricht den dicken Fels, wirft Häuser in die Luft / Es raucht der Horizont, bestreut mit Blut und Steinen / Mit halbgerösteten, zerschmetterten Gebeinen / Welch Unheil gleicht dem Krieg? welch Elend ist so schwer? / Verwüstung geht vor ihm, und tödtlich Schrecken her".

Mit einem Auszug aus seinem Lehrgedicht, den "Frieden und Krieg" betreffend, aus dem ich knapp die Hälfte zitiere, hatte Lichtwer bei Gottsched genau einen Monat vor Beginn des vom preußischen König vom Zaun gebrochenen Präventivkriegs um Vermittlung seines Manuskripts an einen Verleger geworben. Und Gottsched vermittelte das Lehrgedicht an einen der berühmtesten und besten Verleger seiner Zeit, nämlich Breitkopf in Leipzig, und setzte eine extrem luxuriöse, geradezu fürstliche Ausstattung des Bands durch. Mehrfach betonte Gottsched in seinen Briefen, dass es bei einem solchen Gedicht auch darum gehe, bei aller Verehrung einem König "die reinsten Quellen aller bürgerlichen Gesetze" wieder vor Augen zu führen; angesichts Lichtwers selbst eingestandener "Feigheit" beharrte Gottsched darauf: "Mich dünkt, dem Urheber des Codicis Friedericiani dürfte man wohl etwas von den Quellen aller Gesetze vorsagen, ohne ihn verdrüßlich zu machen" (dies ein halbes Jahr nach Beginn des Kriegs).

Es gehört zum Anspruch Gottscheds und seiner Schule, durch Literatur die Weltläufte zu beeinflussen. "Die gemeine Wohlfahrt" zu "befördern" war nach Gottsched seit Homers Zeiten mit einer der wichtigsten "Endzwecke" der Poesie. Und im Absolutismus dient man der allgemeinen Wohlfahrt am besten, indem man den Fürsten veredelt. Die "stärksten Triebe einer vernünftigen Menschenliebe" sah Gottsched aus Lichtwers "Recht der Vernunft" hervorleuchten und hielt das Gedicht daher einem König, der "seines Gleichen nicht" habe, wie Lichtwer behauptete, für angemessen.

Mit dieser Haltung hatte die jüngere Generation der Aufklärer gebrochen. Staatszweck war ihr nicht mehr das bonum commune. Sie formierten eine Opposition der Tugend außerhalb der fürstenstaatlichen Ordnung. Als Staatszweck sah man jetzt eher den Schutz der Rechte und der Würde des Einzelnen. Außerdem mache sich der "zum Gespötte, der einen Tyrannen durch Beredsamkeit zu gewinnen gedenkt", lehrte schon eine von Mendelssohn 1756 übersetzte Fabel des Rabbi Berachja Hanakdan, die Lessing einmal zitierte; eben der Lessing, der 1759 in einem Brief Preußen als "das sklavischste Land von Europa" bezeichnete und in Friedrich II. eher einen Despoten als einen von Gott "Gesalbten" sah, wie es Lichtwer tat. Der sehnte sich zwar nach Frieden - verständlich angesichts der eindrücklichen Beschreibungen der Kriegsnot, welche die Briefe enthalten -, seiner Verehrung für den obersten Kriegsherrn tat das jedoch keinerlei Abbruch.

Lichtwers "Recht der Vernunft" wurde weder vom preußischen König noch in der literarischen Öffentlichkeit gut aufgenommen. Friedrich II. dankte für die Widmung mit einem nichtssagenden Formbrief; Mendelssohn verriss das Werk in einer Rezension als trocken, langweilig und seicht; er gab dem Verfasser den Rat, "auf die Verbesserung dieses Lehrgedichts keine Zeit zu wenden. Das Ganze wird doch niemals mehr, als sehr mittelmäßig werden."

Dieser Misserfolg und eine zunehmende Überlastung durch Dienstgeschäfte sowie der Ärger über eine unrechtmäßige Bearbeitung seiner Fabeln durch Ramler ließen Lichtwer sich von der Dichtkunst zurückziehen. Er sei so überhäuft mit "Acten, Urthel, Commissionen, Verordnungen, Berichten nach Hofe, Beratschlagungen im Capitel, Terminen, und Termins Bescheiden", dass er "manchmal gantze Wochen" kaum eine Stunde Erholung habe, geschweige denn ans Dichten denken könnte, schreibt er einmal an Gottsched. Nach 1763 hat er nichts mehr publiziert und lebte zurückgezogen.

Lichtwer sei "hart und schroff, wie seine Moral", meinte der ihn durchaus schätzende Klamer Schmidt einmal. Das merkt man auch den Briefen an. Ihre Lektüre ist kein Genuss. "Lichtwers Briefe sind weit davon entfernt, wohlkomponierte stilistische Meisterstücke zu sein", schreibt der Herausgeber im Nachwort: "Wenn man sich diesen Briefen allerdings nicht aus kulinarischen Motiven nähert, sondern um etwas über das literarische Leben zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu erfahren, wird man bald feststellen, daß es sich um aufschlußreiche Zeitdokumente handelt, die ins Zentrum literarischer Debatten jener Umbruchszeit führen." Das ist sicher richtig; allerdings sollte man sich im 18. Jahrhundert bereits auskennen, um diesen Briefwechsel schätzen zu können.

P. s. In einem Postscriptum klagte Lichtwer über ein sehr klein gedrucktes Buch, es sei "Augen Pulver", das er wegen seiner Augenkrankheit kaum lesen könne. Über die Ausgabe seiner Briefe hätte er wahrscheinlich auch gesagt, sie sei "Augen Pulver". Denn zumindest das dem Rezensenten vorliegende Exemplar ist von erbärmlicher Druckqualität; die Buchstaben sind weder scharf noch schwarz, gleichsam als sei die Druckvorlage über einen schlechten Kopierer gezogen worden.

Kein Bild

Magnus Gottfried Lichtwer / Johann Christoph Gottsched: Briefwechsel, Fabeln, Rezensionen.
Herausgegeben von Walter Hettche.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2002.
190 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3895283932

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Dr. Walter Hettche: Sehr geehrte Damen und Herren, über Arnd Beises Rezension des Briefwechsels Lichtwer-Gottsched habe ich mich sehr gefreut. Die Freude wäre indessen noch größer gewesen, wenn darin auch der Herausgeber der ...





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