Die Gestaltung eines antideterministischen Menschenbildes

Zu Enno Lohmeyers Studie "Marie von Ebner-Eschenbach als Sozialreformerin"

Von Jürgen EgyptienRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Egyptien

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Erkenntnisinteresse der Dissertation von Enno Lohmeyer richtet sich auf den künstlerischen Niederschlag, den Ebner-Eschenbachs soziales Engagement gefunden habe, wobei darunter wohl weniger ihr praktisches Handeln als ihre Sensibilität für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen ist. Dieser Fragestellung entsprechend wendet Lohmeyer eine sozialgeschichtliche Methode an, die biographische Aspekte einbezieht. In drei thematisch orientierten Kapiteln untersucht Lohmeyer die Darstellung des Geschlechterverhältnisses, des Adels und der Bauern, Landarbeiter und Dienstboten.

Er rekonstruiert zunächst das zeitgenössische bürgerliche Verständnis von der Rolle der Geschlechter, wobei er sich vor allem an die Ausführungen von Horkheimer/Adorno und an Ulrike Döckers Studie "Die Ordnung der bürgerlichen Welt" anschließt. Demnach werde die Frau vorwiegend als Naturwesen begriffen und entweder als ordnungsgefährdendes Chaos oder als versittlichendes Reinheitsideal gedeutet. Der Mann werde demgegenüber als Vernunftwesen verstanden, von dem man Trieb- und Gefühlskontrolle verlangt. Nach dieser Rekonstruktion widmet sich Lohmeyer den beiden größeren Erzählungen "Wieder die Alte" und "Lotti, die Uhrmacherin", in denen weibliche und männliche Figuren anzutreffen sind, die den genannten Rollenmodellen entsprechen. Aber in beiden Texten operiere Ebner-Eschenbach auch mit dem von Arnold Bretfeld und Hermann von Halwig verkörperten Typus des narzisstischen Ästheten, um an diesen gefühlsgeleiteten Männerfiguren den Geschlechtermythos ad absurdum zu führen. Ihnen gegenüber stehen die vernunftgeleiteten Protagonistinnen Claire Dubois und Lotti Feßler, die sich in ihren Berufen bewähren und zeigen, dass die gesellschaftliche Benachteiligung der Frauen nicht mit einer geschlechtsbedingten Defizienz zu begründen ist. Besonders Lotti Feßler versteht Lohmeyer als eine Modellfigur für "ein neues Frauenbild, dessen harmonische Ausstrahlung durch das Verschmelzen von rationalen und emotionalen Elementen zustande kommt." Zu Recht betont Lohmeyer, dass es Ebner-Eschenbach nicht um Emanzipation im modernen Sinne, sondern "um größere Gerechtigkeit im Rahmen des alten Systems" gehe.

Diese reformerische Perspektive trifft auch auf die gesellschaftliche Funktion des Adels und der Unterschichten zu. Das zweite Kapitel beschäftigt sich vor allem mit den Erzählungen "Komtesse Paula", "Komtesse Muschi" und "Nach dem Tode", in denen die Frage nach der Tauglichkeit der adligen Erziehungsprinzipien und der Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung aufgeworfen werde, die sich besonders nach der Revolution von 1848 stellte. Ebner-Eschenbach zeige hier überzeugend, dass die traditionelle Erziehung adliger Töchter und Söhne den gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr gerecht werde. In den einander korrespondierenden Komtesse-Erzählungen werden die Paradigmen der dünkelhaften Beschränktheit auf Interessensgebiete wie Reiten, Jagd oder Sport mit denen des praxisorientierten Erwerbs von Allgemeinwissen konfrontiert. Nur letzterer eröffne dem Adel eine geschichtliche Perspektive, nur in der nutzbringenden Integration in die Gesamtgesellschaft könne "die Zukunft der eigenen Klasse" liegen.

Im dritten Kapitel werden die Romane "Das Gemeindekind" und "Božena" sowie die Erzählung "Die Unverstandene auf dem Dorfe" untersucht, deren Protagonisten Lohmeyer als "Modell sozialer Entwicklungschancen" versteht. Hier gehe es Ebner-Eschenbach vor allem darum, dem deterministischen Denken der Milieutheorie und Vererbungslehre ein Menschenbild gegenüberzustellen, das den individuellen Anlagen Priorität einräume. Nicht, als ob sich idealistischen Subjektivitätskonzepten gemäß der Einzelne unerachtet der sozialen Existenzbedingungen entfalten und verwirklichen könne, im Gegenteil bedarf er immer der Hilfe einer arrivierten Vertrauensperson. Aber die eigene menschliche Substanz, das Vorhandensein "von wahrer Moralität und Charakterfestigkeit", ist doch das in letzter Instanz über die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg und seelischer Zufriedenheit Entscheidende.

Ersichtlich speist sich diese Anthropologie aus christlichem Gedankengut, und Lohmeyer schlägt denn auch in seinem Schlusskapitel völlig zu Recht den Bogen zu Schopenhauers Mitleidsethik, um zu zeigen, dass Ebner-Eschenbach Mitleid als ein klassenübergreifendes soziales Bindemittel einsetzte. Dabei versuche Ebner-Eschenbach ganz im Sinne von Schopenhauers Verständnis von Mitleid dieses von allen egoistischen Motiven freizuhalten beziehungsweise die Fragwürdigkeit eines eigennützig motivierten mitleidigen Handelns zu problematisieren. Es wäre in diesem Kontext wohl angebracht gewesen, auf die Nähe von Ebner-Eschenbachs Mitleidskonzept zu demjenigen Lessingscher Provenienz unter rezeptionsästhetischer Perspektive hinzuweisen. Schließlich rühren aus der aufklärerisch-klassischen Literatur auch die Basiswerte des Ebner-Eschenbachschen Menschenbildes her.

Das ist im Wesentlichen der Gedankengang von Lohmeyers Dissertation, die man schon im Blick auf die von ihm selbst knapp skizzierte Forschungslage nur als fundierten Beitrag begrüßen kann. Über die hier nachgezeichneten großen Linien hinaus wartet sie auch mit einer Menge an weiterführenden Textbefunden auf. Das betrifft, um wenigstens ein paar Beispiele zu nennen, etwa die Beobachtung, dass sowohl Josepha Lakomy aus "Die Unverstandene auf dem Dorfe" als auch Barbara Holub aus "Das Gemeindekind" aus religiösen Gründen die Torturen durch ihre trunksüchtigen Männer ertragen, um dem kirchlichen Ehesakrament nicht zuwiderzuhandeln, obgleich dem Dogma vom Gehorsam gegenüber dem Ernährer durch dessen wirtschaftlichen und moralischen Ruin in der Realität jede Grundlage entzogen ist. In Anknüpfung an Karlheinz Rossbacher wird weiterhin das Thema von der engen Verflechtung von sozialem Aufstieg und Persönlichkeitsbildung mit der Entwicklung von Sprachkompetenz an der Gestalt Pavel Holubs behandelt, das sich freilich noch weiter verfolgen und präzisieren ließe. Schließlich sei die plausible Detailkommentierung von Vinskas wenig glückender Heirat mit Peter im "Gemeindekind" erwähnt, zu der Lohmeyer bemerkt, dass ihre Gunsterschleichung durch das Geschenk gestohlener Stiefel sie als ,richtige Braut' disqualifiziere und als ein ,gescheitertes Aschenbrödel' erscheinen lasse.

Allerdings, und damit komme ich zu einigen kritischen Einwendungen, unterlaufen Lohmeyer vor allem in seinen Ausführungen zu "Lotti, die Uhrmacherin" auch etliche Fehldeutungen. Die Figur der Agathe von Hallwig geht keineswegs in dem Klischee der Frau als Naturwesen auf, befindet sie sich doch in seelenärztlicher Behandlung wegen ihrer Nervosität. Hier kündigt sich - 1889 - bereits die Hysterikerin an. Andererseits geht es zuweit, Lotti Feßler aufgrund ihres handwerklichen Geschicks im Umgang mit Uhrwerken gleich die Beherrschung der ,unerbittlichen Logik der Mathematik' und die Fähigkeit zum ,scharfen Zergliedern der Begriffe' zuzuschreiben. Damit wird manuelle und intellektuelle Kompetenz unzulässig identifiziert. Im Zusammenhang mit der Kommentierung von "Lotti, die Uhrmacherin" ist schließlich ein prinzipieller methodischer Einwand zu erheben. An Lohmeyers abwertender Bemerkung über die Ausführlichkeit und Genauigkeit, mit der Lotti Feßlers Uhrensammlung beschrieben wird und die auf "den heutigen Leser etwas antiquiert" wirke, lässt sich nämlich die Begrenztheit (s)einer sozialgeschichtlichen Methode ablesen. Ihrer Perspektive entgeht die selbstreferentielle ästhetische Dimension von Ebner-Eschenbachs Text. Keineswegs nämlich sind Lottis Beruf und die detaillierten Angaben über ihre Uhrensammlung arbiträr. In ihnen verbirgt sich Marie von Ebner-Eschenbachs programmatischer Entwurf einer gewissermaßen ,feinmechanischen Ästhetik', die in ihrer zentralen Struktur auf der Kombination von äußerer Formschönheit und innerer Präzision aufbaut. In diesem Sinne handelt es sich bei der Uhrmacherin Lotti auch um ein Selbstporträt Marie von Ebner-Eschenbachs als Künstlerin.

Unbeschadet dieser Kritik stellt Lohmeyers solide Arbeit einen Fortschritt in der Ebner-Eschenbach-Forschung dar, und es wäre wünschenswert, wenn sie dazu beitrüge, dieser sehr unterschätzten, sehr modernen Autorin mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Titelbild

Enno Lohmeyer: Marie von Ebner-Eschenbach als Sozialreformerin.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2002.
178 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-10: 3897411040

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