Poet im neuen Gewand

Rio Reisers Autobiographie "König von Deutschland" neu aufgelegt

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einen selten unglücklichen Titel trägt das Werk schon. "König von Deutschland", das war zwar Rio Reisers größter Hit - er selbst kokettierte gerne mit dieser Rolle -, er trug aber auch nicht unwesentlich dazu bei, dass er die ihm gebührende Anerkennung nie erhielt. Reiser wurde von vielen angefeindet und missachtet. Die früheren Anhänger, die ihn zu "Ton Steine Scherben"-Zeiten als Revoluzzer feierten, beschimpften ihn nach der Auflösung der Band und seinem Vertrag mit Columbia als Verräter, andere sahen in ihm den nicht ernst zu nehmenden Schlagerfuzzi.

Auch nach seinem Tod gab es wenig Erhellendes, die Nachrichten zeigten ihn als "romantischen Politclown", in der Tageszeitung warf man ihm vor, er wäre ein "träumerischer Einzelgänger" unter "ökonomischem Druck" gewesen. Dass Reiser sich verkauft hatte, sich verkaufen musste, ist kaum zu leugnen, da einer den gigantischen Schuldenberg, den die "Scherben" hinterlassen hatten, abtragen musste.

Seine Autobiographie, die er zusammen mit seinem Co-Autor Hannes Eyber verfasste, endet auch konsequenter Weise mit dem Beginn seiner Solokarriere. "Erinnerungen an Ton Steine Scherben und mehr", so der Untertitel, ist dennoch kein wehmütiger Rückblick auf alte Zeiten. Reiser scheut sich nicht, auch auf die durchaus vorhandenen Konflikte und Reibereien innerhalb der "Scherben"-Familie hinzuweisen. Auch war die Band keineswegs immer die radikale Anarcho-Gruppe mit Sympathien für allerlei Arten von Staatsfeinden, als die sie die "von denen auf der anderen Seite" gerne gesehen wurde. Schon immer machte die Band auch genau die Sachen, für die Reiser selbst später oft gerügt wurde. Man denke nur an sein Stück "Komm, schlaf bei mir" von der 1972er Platte "Keine Macht für Niemand", das auch "damals schon richtig romantisch" war (so Rio in einem Interview für den WDR kurz vor seinem Tod). Auch Spannungen innerhalb der Familie Möbius oder Reisers Coming-out und der Umgang mit seiner Homosexualität bleiben nicht unerwähnt. Das todernste Register ist zum Glück seine Sache nicht, die schnoddrige Art zu erzählen ist auf jeden Fall ein Reiz des Buches. Bedauerlicherweise blieben einige Bissigkeiten auf der Strecke, der Verlag glättete das Manuskript in absentia Rio Reisers, ein Sakrileg, das aber der Qualität dieser Autobiographie kaum Abbruch tut.

Das 1994 zuerst bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch gibt es nun in einer wunderschönen Neuauflage bei Möbius Rekords in Berlin. Das von Julika Matthess neu gestaltete Cover mit Fotos aus dem Familienarchiv macht das Werk nun auch zu einem wahrem Dekorationsobjekt: der abgegriffen wirkenden Umschlag erinnert an die von Rio sehr geschätzten Bände des Karl-May-Verlags. Ein Versäumnis ist, dass die Daten, ebenso wie der Text, unverändert übernommen wurden.

Titelbild

Rio Reiser: König von Deutschland. Erinnerungen an Ton, Steine, Scherben und mehr.
Möbius Rekords, Berlin 2001.
306 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3000077332

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