Ein ermordetes Gespenst

Was der Roman "Q" von Luther Blissett mit Identitätslosigkeit zu tun hat

Von Robert HabeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Robert Habeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Gespenst geht um in Europa. Ein Mann, kommunistisch wie Marx es sich erträumt hätte, schlägt sich im 16. Jahrhundert mit allem, was Macht, Geld und Glaubenshoheit beansprucht. Mal heißt er Brunnengert, mal Gustav Metzger, dann wieder Don Ludovico, seinen wahren Namen erfährt man nicht, weil Identitäten nie mehr bedeuten, als die Geschichten, die in ihrem Namen geschrieben werden. Dieser James Bond der frühen Neuzeit ist die Summe von vier kriegerischen Dekaden und er bleibt in dieser Geschichte anonym wie ein Spuk.

Das ist die faszinierende Grundidee dieses Romans: Hinter den bekannten geschichtlichen Ereignissen könnten ganz andere Kräfte gewirkt haben, als allgemein angenommen. Ständig mussten die Aufständischen in den Reformationskriegen ihre Identität wechseln. Warum also soll es nicht möglich sein, dass ein und derselbe Mann unter verschiedenen Namen an verschiedenen Ereignissen teilgenommen hat? Personalausweise gab es immerhin noch nicht, aber Polizeiwesen und Überwachungsstaat waren durchaus bereits vorhanden. In deren Dienst steht der Gegenspieler des Romanhelden, gespenstischer noch als dieser selbst, ein Dr. No. Das Einzige, was von ihm bekannt ist, ist das Kürzel "Q", mit dem er seine Kassiber unterschreibt und das als Anlehnung an das ungläubigste, ja, ketzerischste Buch der Bibel, das "Buch Quohelet", gewählt wurde.

Und noch ein drittes Gespenst gibt es, nämlich den Autor dieses Romans, Luther Blissett, der ausgerechnet den Vornamen des Mannes trägt, mit dem der Umsturz in die Moderne begann. Als "Q" 1999 in Italien erschien, existierte dort kein Einwohner, der Luther Blissett hieß. Vor Jahren gab es einmal einen afro-caribianischen Fußballer dieses Namens, der 1982 für den AC Mailand spielte, fünf Tore in 30 Spielen schoss und danach wieder verkauft wurde, weil er mit der italienischen, wenig lebensfrohen Art des Fußballspiels nicht zurecht kam und unter rassistischen Anfeindungen litt. Und im März 1997 wurden in London vier Schwarzfahrer erwischt, die allesamt den Namen Luther Blissett als ihren angaben. Im Jahre 1999 wurde der Name Luther Blissett dann inflationär. Eine Reihe von anarchistischen Internetessays war mit ihm unterzeichnet, eine Homepage wurde unter www.lutherblissett.net eingerichtet. Und dann erschien der Roman unter seinem Namen. Ein Roman, der von der Identitätslosigkeit von Menschen handelt, hat nur den Namen eines Autors, keinen Verfasser.

So vielfältig die Identität des Mannes aus der Lutherzeit, so anonym ist Luther Blissett. Beide vereint der Kampf gegen den catenaccio, jene wenig attraktive und hoch effiziente italienische Fußballkunst der Verteidigung, an der einmal der historische Luther Blissett zerbrochen ist. In der Religion sind die Abwehrstellungen ebenfalls fest gefügt, so wie auf allen Politikfeldern der Gegenwart. Und damit fangen eine ganze Reihe von Parallelen des historischen Romans zur Gegenwart an. In den WWW-Auftritten Luther Blissetts nimmt das Internet als neues Medium den Platz des Buchdrucks in der Reformation ein. Es birgt seiner Meinung nach die Chance, Massenkommunikation gegen die Monopole der Meinungsherrschaft zu benutzen. Zudem reitet der Text harte Attacken gegen das sich herausbildende Finanzwesen des Frühkapitalismus und das Buch erlaubt in seinem Impressario ausdrücklich "die Wiedergabe des Werkes und seine Verbreitung" ohne Beachtung des Copyrights. Die blutigen Schilderungen von Gefechten und Gräueltaten an Unschuldigen könnten vom Balkan bis Afghanistan den Tagesthemen entnommen sein, die Vermutung, dass Politik und Geheimdienste unter der Oberfläche der Nachrichten agieren, bestimmt das Lebensgefühl aller, die man verniedlichend "politikverdrossen" nennt. Und dass das Gemisch aus globalisierter Macht und Kapital nicht nur heilvoll ist, dürfte mehr Menschen bewusst sein, als es öffentliche Demonstrationen widerspiegeln. Die Umschreibung der Geschichte blendet die Gegenwart in historische Zusammenhänge.

Naheliegend war einer der ersten Gedanken von Lesern und Kritikern, dass Umberto Eco hinter dem Pseudonym Luther Blissett stehen könnte: Umfang und historisches Gewand des Buches sprechen dafür, die Gattungsmischung von Agententhriller und historischem Roman erinnert an den "Namen der Rose" und die trickreiche Ineinanderblendung von Gegenwart und Vergangenheit entspricht seinem Geschichtsbild. Aber Eco leugnet, mit dem Buch das Geringste zu tun zu haben.

Kurz nachdem Eco, über den immer gewitzelt wurde, dass er mindestens drei Personen sei, sich für nicht zuständig erklärt hatte, ließ Luther Blissett seine Maske fallen und offenbarte seine Identität, die eine vierfache ist. Der Roman wurde von einem Kollektiv aus vier jungen Männern geschrieben, die - wie Eco - alle aus Bologna kommen. Dass sich Bologna zu einer Art subversiv-kreativem Zentrum Italiens entwickelt hat, ist bereits seit einiger Zeit ersichtlich. Die Universität brachte ein quicklendiges und ideensprudelndes Umfeld mit einer ganzen Reihe ungewöhnlicher Bucherfolge auf verschiedenen wissenschaftlichen Sektoren hervor. Die Luther Blissetts verstehen sich als Literatur-Anarchisten, die mit ihrer Arbeit bewusst das Klischee des einsam in sich versunkenen, grübelnden Dichters konterkarieren wollen: Ideen sind kein Eigentum, Kreativität ist ein kollektiver Prozess, Genie gibt es nicht.

Literaturgeschichtlich ließe sich leicht einwenden, dass weder die Buchanlage noch das Projekt des kollektiven Schreibens einmalig sind. Aber das würde ihr listiger Text sofort zugeben, beschreibt er doch gerade, dass auch Gespenster Vorfahren hatten. Und dass ihr Roman sie gerade wegen ihrer Kapitalismusschelte berühmt und vermutlich reich gemacht hat, wird man auch nicht gegen die Verfasser wenden können. Das ganze Intrigenspiel, das sie beschreiben, läuft ja auf die ernüchternde Einsicht hinaus, dass gerade der Widerstand zum Machterhalt der Institutionen beiträgt. Der Klassenkampf kommt bereits ironisch gebrochen daher, hat nichts Angestaubtes und bewahrt sich so den Charme der Anarchie. Beispielsweise haben die jungen Wir-sind-keine-Schriftsteller-Schriftsteller nur ihre Namen preisgegeben, Luca Di Meo, Frederico Gugliemi, Fabrizio P. Bellati und Giovanni Cattabriga, nicht jedoch ihr Leben offenbart. Damit wird die scheinbare Lüftung eines Geheimnisses zur Enttäuschung und wiederum zur Bestätigung ihres Buches: Namen allein sagen gar nichts, man kann sie wechseln und austauschen, was zählt, ist allein die Nachricht, die sich mit dem Namen verbindet.

Geschichten werden zu Mythen, wenn ihre Helden den Tod überleben. Bei der engen Verschlingung von Roman und Autorenschaft nimmt es deshalb nicht wunder, wenn auch Luther Blissett noch im Jahr seines größten Erfolges virtuellen Selbstmord beging und seinen Namen als leere Hülse zurück ließ. Im Jahr 2000 haben die Autoren Luther Blissett für tot erklärt und nennen sich nun Wu-ming, was auf Mandarin-Chinesisch "namenlos" bedeutet. Aber Luther Blissett lebt. Souverän vom freigegebenen Copyright Gebrauch machend, wendet sich der Autor nun gegen seine Verfasser. Sein Name steht auf der Überlebendenliste des World-Trade-Center Attentats. Blissett hat sein Ende überstanden, ist zum Mythos geworden, als Gespenst ermordet und wieder auferstanden.

Titelbild

Luther Blissett: Q. Roman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann.
Piper Verlag, München 2002.
799 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 349204218X

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