Ein Zwillingsgelübde bis über alle Grenzen

Dirk Kurbjuweits Novelle "Zweier ohne"

Von Kristina Habermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Einen Zwilling zu haben, konnte einen von vielem befreien. Ein Zwilling, so verstand Ludwig, ist einer, der einen nie erschüttert, weil das, was er tut und sagt und trägt, immer auch das Eigene ist." Dieses Gefühl kennt jeder. Man braucht jemanden, mit dem man seine Ängste, Freuden und Sorgen teilen kann. Früher waren es die Eltern, die Großeltern und die Geschwister, auf die sich ein Kind berufen konnte, doch Dirk Kurbjuweits Novelle spielt in den neunziger Jahren, so dass die Eltern alles andere als Bezugspersonen für die Jungen sind. Sie wirken wechselweise peinlich oder bemitleidenswert.

Die Geschichte über die Freundschaft beginnt demnach genau zum richtigen Zeitpunkt, denn es heißt: "In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund."

Die Geschichte beginnt also gewöhnlich, Ludwig kommt neu in die Klasse von Johann, die beiden freunden sich an und werden Kumpel, die alles miteinander teilen. Solch ein Freundschaftsmodell ist uns vertraut, doch hier verläuft die Beziehung überraschend und erschüttert den Leser durch ein tragisches Ende.

Über das Tal, in dem die beiden Freunde wohnen, spannt sich eine mächtige Autobahnbrücke, von der sich Selbstmörder in den Tod stürzen. Meist landen sie im Garten von Ludwigs Familie. Ein entführtes Mädchen wird schließlich im Wartungsraum der Brücke gefunden, und es heißt, dass ein Bauarbeiter in den frisch gegossenen Zement gefallen und nun in einen Pfeiler einbetoniert sei. Johann und Ludwig verarbeiten all diese Schreckensnachrichten gemeinsam, und durch Ludwig lernt Johann die Angst vor dem Tod besiegen. So ist er beeindruckt, als Ludwig einem toten Mädchen behutsam die Augenlider schließt, einer Selbstmörderin, die, wie so viele vor ihr, mit einem lauten Aufprall im Garten gelandet ist. So, wie sich die Freundschaft der beiden Jungen mehr und mehr vertieft, so erklimmen sie Stück um Stück die Brücke. Gemeinsam bauen sie die Brücke ihrer Freundschaft.

Alles erleben sie zu zweit. So rudern sie im Zweier ohne Steuermann und gewinnen sogar gegen ein echtes Zwillingspaar; sie übernachten bei einander, tauschen ihre Gedanken aus, basteln an einem schicken Motorrad herum und schlafen beide kurz hintereinander mit dem gleichen Mädchen. Sie werden zu Zwillingen, bis Johann sich in Vera, Ludwigs jüngere Schwester, verliebt. Eines Nachts sieht er sie in der Werkstatt von Ludwigs Vater sitzen. Schon einmal haben sie sich hier getroffen und sich in die Arme genommen. Jetzt streicheln beide den nach Öl stinkenden Kater. Ihre Hände berühren sich. Ihre erste gemeinsame Nacht verbringen sie in der Werkstatt auf einer alten Decke, die sonst das Motorrad bedeckt. Zum ersten Mal teilt Johann sein Erlebnis und seine Gedanken, die um Vera kreisen, Ludwig nicht mit. Auch von den weiteren Treffen, bei denen Johann und Vera im Garten unter der Brücke miteinander schlafen, verrät Johann nichts.

Von diesem Zeitpunkt an ändert sich Ludwigs Verhalten. Er wirkt auf Johann immer mehr in sich gekehrt, achtet nicht mehr darauf, für das Rudern sein Gewicht zu halten, sondern schlingt plötzlich Unmengen in sich hinein. Doch das ist für Johann kein Problem. Als Ausgleich nimmt er weniger Nahrung zu sich, so dass sie bei ihrem Wettkampf im Zweier zugelassen werden. Den Sieg trägt aber dieses Mal das echte Zwillingspaar davon.

Eines Tages besucht Johann wieder einmal Ludwig, der gerade seinem Motorrad den letzten Schönheitsschliff gibt. Der frischgebackene Führerscheinabsolvent lädt Johann zu einer kleinen Spritzfahrt ein. Durch diese Fahrt will er das Zwillingsgelübde bis über alle Grenzen bewahrt wissen. Er plant einen Motorradunfall, der jedoch nur ihm das Leben nimmt.

"Zweier ohne" ist mit der leichten, häufig aus dem Alltag stammenden Sprache und der Thematik einer Jugendfreundschaft eine Geschichte sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche. Kurbjuweit gewährt tiefen Einblick in die Psyche der beiden Protagonisten. Er charakterisiert die Zeit des Erwachsenwerdens in ihrer schwierigsten Phase. Beide, Johann und Ludwig, sehnen sich nach einem Gegenüber, dem sie vertrauen können, eine Utopie: Vera ("Wahrheit") tritt als eine weitere Vertraute in Johanns Welt, und nur schwer begreift er, dass sich die Beziehung zwischen ihm und Ludwig immer im Ungleichgewicht befand. So hat am Ende Ludwig die dominante Position eingenommen und stellt die Freundschaft auf erschreckende Weise auf die Probe.

Dirk Kurbjuweit fabrizierte mit seiner Novelle ein kleines Meisterwerk, welches zeigt, wie weit eine Freundschaft gehen darf.


Titelbild

Dirk Kurbjuweit: Zweier ohne. Novelle.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
144 Seiten, 6,90 EUR.
ISBN-10: 3462032453

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