Die Metamorphose vom Nichtsein zum Sein

Ein Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott

Von Evangelia Karamountzou

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Originalität ist eine Erfindung der Neuzeit; die Poesie aber lebt von der ewigen Wiederkehr gleicher Themen, die sie immer wieder aktualisieren." Mit diesen Worten hebt Raoul Schrott, der wesentlich dazu beigetragen hat, die Diskussion über Poesie neu zu entfachen und zu beleben, die Aktualität der Poesie hervor. In einer vorbildlichen Kombination aus Buch und CD stellen zwei Lyriker und Lyrikexperten Mutmassungen über die Poesie an: Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott. Anlaß bzw. Ausgangspunkt ist die Anthologie von Raoul Schrott "Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren", die Hans Magnus Enzensberger 1997 in der Anderen Bibliothek herausgegeben hat. Zwei Stunden lang sprechen die beiden Autoren über die Grundfragen der Poesie und tragen Gedichte aus Schrotts Anthologie vor. Die beiden Rundfunkredakteure Hubert Winkels und Denis Scheck (Deutschlandfunk) moderieren das Gespräch und kommentieren die gelesenen Stücke. Die erste, mit Namen greifbare Dichterin der Welt überhaupt, ist Enheduanna, die im 24. Jahrhundert vor Christus im östlichen Zweistromland der Sumerer Gedichte verfaßte. Außer Enheduanna sind noch früheste Texte von Sappho (7./6. Jh. v. Chr.), von Gaius Vallerius Catullus (6. Jh. v. Chr.), aus den "Mo'allaqat" (6./7. Jh. n. Chr.) und von Guihelm IX. (11./12. Jh. n. Chr.) zu lesen und zu hören.

Schon zu Beginn des Gesprächs erklärt Raoul Schrott, wie ihn die Faszination vom Klang der Sprache zur Poesie geführt habe. Seine intensive Beschäftigung mit bei uns kaum bekannten Sprachen löste eine Reihe von Übertragungen aus, die nach Hans Magnus Enzensbergers Überzeugung durch den mündlichen Vortrag "an Unmittelbarkeit gewinnen". Der poeta doctus Enzensberger charakterisiert die Poesie als minoritäre Sache, als etwas Seltenes für die Wenigen. Nach den heftig geführten Debatten um sein legendäres "Museum der modernen Poesie" in den sechziger Jahren sei man inzwischen "zu einer gewissen Normalität" zurückgekehrt. Enzensberger sieht in der Dichtung eine produktive Kraft am Werk: die poiesis, die Kraft der Hervorbringung. Um einen Zugang zur Tradition zu finden, müsse jeder Dichter, jedes Gedicht "die Tradition [...] wiederherstellen und neu rekonstruieren".

Enzensbergers "Museum der modernen Poesie" hat auch die Arbeit von Raoul Schrott beeinflußt: Um die Legitimation, die Formen und Funktionen von Lyrik heute zu verstehen, mußte er sich einen Zugang zu ihren Ursprüngen verschaffen. Seine Frage "Wer waren die ersten greifbaren Dichter in den jeweiligen kulturtragenden Nationen zu den jeweils bestimmenden Epochen?" vermittelte ihm Erkenntnisse, was denn eigentlich Lyrik sei. Schrotts zehnjährige Recherche ergab die "Erfindung der Poesie", die erst durch die Übersetzung leben könne, eine "passionierte Art des Lesens". Seine Übersetzungen und Nachdichtungen "bezeugen das ehrliche Interesse für das Andere, das Fremde". Hans Magnus Enzensberger vertritt im Gespräch mit Schrott die These, daß die Übersetzung die eigene Sprache bereichere; dementsprechend übt er Kritik an jüngeren Autoren, "die keine fremden Sprachen lernen" können oder wollen. Er versteht die Übersetzungsarbeit als eine der schärfsten Formen der Kritik, und er glaubt, daß sowohl das Schreiben als auch das Übersetzen Formen von Egoismus seien.

Es ist bemerkenswert, daß der erste feststellbare Dichter eine Frau gewesen ist. Die Thematik der meisten sehr frühen Zeugnisse von Dichtung überrascht weniger. Raoul Schrott betont, daß Lyrik immer in einem sakralen, religiösen und kultischen Bereich ihren Ursprung habe. Jede (alte) Dichtkunst sei gleichzeitig Kult, Festbelustigung, weise Belehrung, Überredung, Bezauberung und Prophetie. Der Dichter sei der "Begeisterte und Besessene", ein von Gott Erfüllter, ein Seher. Dazu Boccaccio in seiner "Genealogia Deorum": "Dichtung entspringt aus der Tiefe Gottes und wird nur sehr wenigen Geistern als Gabe geschenkt, was auch der Grund ist, warum die Dichter immer sehr selten waren." Die Frauen waren die Priesterinnen, die das Wort Gottes metrisch überlieferten. Obwohl die Anrufung der Götter mit der Zeit weggefallen ist, ist der sprachliche Gestus der Gedichte gleich geblieben.

Hans Magnus Enzensberger will in den Gedichten von Enheduanna und Sappho, bezogen auf das lyrische Ich und seine Dimensionen, Modernität und Aktualität erkennen. Raoul Schrott vertritt die Auffassung, daß die Aktualisierungsverfahren besonderer Ausdrucksweisen zu den Euphemismen von Übersetzern gehören. Um den poetischen Effekt zu erzielen, sieht es der Übersetzer als seine Aufgabe an, nicht nur den Inhalt des Gedichtes zu übertragen, sondern auch die sprachliche Form und die Vielzahl der rhetorischen Kunstgriffe nachzudichten, die es verwendet.

Ein weiteres Thema, das vor allem die moderne Lyrik bestimmt, ist die Sexualität, die zuerst in den Spott- und Hohngedichten von Catull auftritt. Catulls Gedichte richten sich nicht an bestimmte Personen und wollen sich - im Gegensatz zu den Texten staatstragender Dichter wie Horaz und Vergil - nicht in die politische Sphäre einmischen. Enzensberger merkt an, daß die Herrscher von Augustus bis Stalin von jeher die politische Lyrik funktionalisiert und ausgenutzt hätten.

Die orientalische Dichtung wird durch die "Mo'allaqat" vertreten, die ersten Zeugnissen arabischer Dichtung. Sie sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt. Enzensberger erklärt, daß vor allem formale Gründe hierfür verantwortlich seien, da das Deutsche für poetische Zwecke eine umständliche Sprache sei. Der einzige Fall einer geglückten "Implantation" einer orientalischen Poesiesprache ins Deutsche sei Goethes "West-östlicher Diwan". Raoul Schrott fügt hinzu, daß die arabische Poesie als erste den Reim verwendet habe und daß wir ihr auch die früheste Konzeption der höfischen Liebe verdanken würden. Eine Imitation des arabischen Musters probierte auch Herzog Guihelm (1071-1127), der erste Troubadour und zugleich der erste Dichter in einer modernen europäischen Sprache, dem Okzitanischen, das als Ausgangspunkt des Französischen gilt. Das Gedicht "Ein Lied will ich machen, rein aus nichts" zählt zur Lyrik der experimentellen Moderne, da Guihelm im Gedicht Botschaften über den Zahlenwert der einzelnen Buchstaben versteckt hat. Am Ende des Gesprächs steht wiederum ein Gedicht von Enheduanna - der Zyklus über die Poesie ist damit vollendet.

In der Plauderei über Dichtkunst werden Themen wie Nachdichtung und Übertragung, Modernität und Tradition eingehend behandelt. Geichwohl konnten Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott viele Aspekte und viele Zeugnisse der Poesie nicht einmal streifen. Die "Rg-Veda" etwa, die erste altindische Gedichtsammlung aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus, oder das altägyptische "Totenbuch" (16. Jh. v. Chr.) sind unberücksichtigt geblieben. Darüber hinaus äußern sich die beiden Poeten nicht über die Quelle oder Ursache des Dichtens oder über das Verhältnis der Poesie zur empeiria und den technai.

Zwei CDs laden den Leser zum Hören ein, ein wunderbar gestaltetes Buch bringt den Dialog in gedruckter Form und erhöht das Hör- und Lesevergnügen. Bei einigen Gedichten, in den Originalsprachen vorgetragen, kann sich der Hörer mit dem Klang "vergessener" Sprachen vertraut machen. Zudem werden ausführliche und hilfreiche Handreichungen über die Identität der ersten Dichter, ihre Umwelt und Dichtung bereitgestellt. Ein Essay Raoul Schrotts mit dem Titel "Wie ein Pferd zum Kamel wird. Einige Gemeinplätze, die Tradierung von Gedichten betreffend", ergänzt die Ausgabe. Ein weiteres Mal nimmt Schrott hier, auf zahlreiche Beispiele sich stützend, Stellung zum Verhältnis von Poesie und Übersetzung, dadurch das Gespräch mit Enzensberger erneut durcharbeitend.

Titelbild

Hans Magnus Enzensberger / Raoul Schrott: Mutmaßungen über die Poesie.
Eichborn Verlag, Berlin 1999.
56 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3821851090

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