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Matthias N. Lorenz hat die erste Bibliographie zu Martin Walser vorgelegt

Von Stefan NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Martin Walser gehört zu den ganz Großen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Walsers Werke gelten als besonders anspruchsvoll, dennoch haben sie vergleichsweise hohe Auflagen. Die Rezeption in Literaturwissenschaft und -kritik weicht davon ab. Nach Walser-Bubis-Debatte, Friedenspreis-Rede und Antisemitismusstreit um "Tod eines Kritikers" drängt sich der Eindruck auf, dass es entweder still um Walser geworden ist oder dass er, eruptiv und mehr als jeder andere, durch negative Schlagzeilen von sich Reden macht.

Komplementär- und Gegenbeispiel zu Martin Walser ist Christa Wolf. Auch sie ist nach 1990 ins Schussfeld der Kritiker geraten, doch hat das der wissenschaftlichen Rezeption ihrer Werke nicht geschadet. Walsers Werk ist deutlich umfangreicher, doch ist zu Wolf ungleich mehr geforscht worden. Auch der 75. Geburtstag Walsers 2002 hat keine neuen Standardwerke hervorgebracht - mit Ausnahme einer nicht zuletzt deshalb uneingeschränkt zu begrüßenden Bibliographie. Matthias N. Lorenz hat zahlreiche Texte über Walser erfasst und mit einer feinmaschigen Gliederung bestens nutzbar gemacht.

Lorenz gliedert in "Allgemeines", "Themenblöcke", "Werke", "Menschen", "Friedenspreis-Rede und Walser-Bubis-Debatte" (für "Tod eines Kritikers" kam das Buch zu früh), jedem dieser Schlagworte folgen zahlreiche Unterkapitel. Auch wenn, wie Lorenz im Vorwort selbstkritisch bemerkt, durch die Gliederung bestimmte Interpretationslinien vorgegeben sind, so fällt es doch schwer, irgendwo kritisch einzuhaken und Verbesserungsvorschläge zu machen. "Allgemeines" beispielsweise ist in genau das unterteilt, was man erwartet: Darstellungen zu Autor und Werk (noch untergliedert in ausführlichere und weniger ausführliche Darstellungen), Aufsatzsammlungen, Lexikonartikel, Interviews, Bibliographien und Sammlungen. Hinter "Themenblöcke" verbergen sich autor- und werkbezogene Aspekte (Ehrungen etc.) sowie wichtige Stichworte im Walser-Diskurs (politisches Engagement, Ironie, Realismus, Heimat ...). "Werke" berücksichtigt auch die Hörspiele, Dramen, Aphorismensammlungen etc., "Menschen" gliedert sich in Einflüsse von Autoren oder Philosophen einerseits, wichtige Figuren in Walsers Werk andererseits. Zur Walser-Bubis-Debatte und zur Friedenspreis-Rede werden ausgewählte Artikel präsentiert, gegliedert nach den Zeitungen und Zeitschriften, in denen sie erschienen sind.

Wenn es denn überhaupt etwas zu monieren gibt, dann vielleicht die folgenden Kleinigkeiten:

1. Lorenz bibliographiert trotz alphabetischer Reihung nicht "Name, Vorname", das macht das Ganze ein klein wenig unübersichtlich.

2. In den meisten Abschnitten werden wissenschaftliche Forschungsbeiträge und Artikel gemischt; es wäre besser gewesen, beides zu trennen, also beispielsweise in jedem Gliederungspunkt mit der Forschung zu beginnen und dann die Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge zu nennen.

3. Die Bibliographie ist nicht ganz vollständig, wie stichpunktartige Proben ergeben haben. Zu dem Stück "Wir werden schon noch handeln" fehlt beispielsweise: "Sibylle Wirsing: Aufstand gegen das Theater. Martin Walser in Höllerers 'Dramatischer Werkstatt'. In: Der Tagesspiegel, 28. Januar 1968." Zu "Ein Kinderspiel" fehlen der namenlose Artikel "Walser: Zwang zur Politik. In: Der Spiegel, 25. Jg., Nr. 18 v. 26.4.1971" und der interessante Artikel von: "Jutta van Tilburg: Walsers 'Kinderspiel' als ansehnliche Aufführung. In: Ruhr-Nachrichten Nr. 48 v. 26.2.1990." Jeder Benutzer sollte sich also im klaren darüber sein, dass ihm Lorenz die Recherchearbeit erheblich erleichtert, aber nicht ganz abnimmt.

Die Schrift wirkt verlagstypisch dünn und nicht sehr angenehm zu lesen; Aisthesis sollte sich Möglichkeiten überlegen, den insgesamt nicht sehr qualitätvoll wirkenden Druck zu verbessern. Abgesehen davon: Ein extrem nützliches Buch, und was könnte man Besseres über eine Bibliographie sagen?

Titelbild

Matthias N. Lorenz: Martin Walser in Kritik und Forschung.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2002.
258 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-10: 3895283541

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