Die Lust, nein zu sagen

Martin Walsers Band "Meßmers Reisen"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Hoffentlich sterbe ich weg, bevor ich mir sage, was ich von mir denke", hieß es 1985 in "Meßmers Gedanken". Wie viele seiner anderen literarischen Figuren hat Martin Walser nun auch seinen Meßmer nach langer Auszeit künstlerisch wieder belebt. Doch Meßmer ist (nicht nur phonetisch) anders als all die Halms, Zürns, Dorns, Finks und Gerns. Schon die Zweisilbigkeit des Namens deutet auf die duale Seele dieser Figur hin. Hinter Meßmer verbirgt sich (mindestens der halbe) Autor Martin Walser selbst - mal in Monologen, mal in Zwiesprache wie mit seinem eineiigen Zwilling ("Mich verbergen in mir, die Sprache wechseln.").

Nach den beiden zuletzt wenig überzeugenden Romanen "Der Lebenslauf der Liebe" (2001) und dem heftig diskutierten "Tod eines Kritikers" (2002) betreten wir nun mit der Meßmer-Figur ein völlig anderes literarisches Terrain. Statt mit einer linear erzählten "Geschichte" haben wir es nun mit einer Sammlung von Notaten, Aphorismen, Kurzprosa und einem halbwegs in sich geschlossenen erzählerischen Mittelteil zu tun.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Wiederbegegnung mit Meßmer ist anstrengend, aber die Herausforderung lohnt sich. Die Erforschung seiner Gedankenwelt ("Die Lust, nein zu sagen") eignet sich nicht zur schnellen Lektüre, oft sind es einzelne Sätze, die sich in den Weg stellen, über die man stolpert und die ein Wiederlesen zwingend erfordern.

"Ich will den Ton hervorbringen, der durch mein Leben entsteht", schrieb Walser vor 18 Jahren im ähnlich gearteten Vorgängerwerk, und an dieser Intention hat sich nichts geändert. Der 76-jährige Autor begibt sich tief ins eigene Innere, meditiert über Gott und die Welt, schonungslos offen, nicht narzisstisch, sondern durchaus selbstkritisch.

Wie nicht anders zu erwarten, spielt bei Walser auch die Erotik eine große Rolle. Zwar gehören diese Passagen nicht unbedingt zu den Glanzlichtern des Buches, doch die Auseinandersetzung gelingt hier viel differenzierter als dem klischierten Ehepaar Gern im Roman "Der Lebenslauf der Liebe." Sogar von kleinbürgerlicher Verklemmtheit im Umgang mit der eigenen Sexualität ist die Rede. Eine Prise Altersmelancholie klingt nicht nur in diesen Sequenzen an: "Wenn dir nichts weh tut, gibt es dich nicht", bemerkt der mit dem Autor gealterte Meßmer.

Trotz des leicht elegischen Grundtenors und der stets impliziten Frage, ob alle eingeschlagenen Lebenswege richtig waren, begegnen wir aber auch messerscharfen Beobachtungen, die mit aphoristischer Brillanz formuliert sind. Wenn es um Macht und Ohnmacht geht, läuft Walser zur absoluten Höchstform auf ("Die Lüge ist die Macht der Ohnmächtigen."). Anders als bei Brechts Keuner-Geschichten (damit wurde das 1985 erschienene Vorgängerwerk häufig verglichen) geht es Walser nicht um latente pädagogische Botschaften. Nicht der erhobene, moralisierende Zeigefinder, sondern die subjektiven Erkenntnisse führten hier die Feder.

Das sind bisweilen "harmlose" Beobachtungen alltäglicher Mechanismen, deren soziologische Tragweite sich erst durch die knappe, keinen Widerspruch erlaubende Formulierung erschließt: "Leute, die Macht haben, können sie schon dadurch ausüben, daß sie einen, über den sie Macht haben, warten lassen."

Auch der Humor kommt in diesem Band nicht zu kurz. Als sich Meßmer (auf Helmut Halms "Brandungs"-Spuren wandelnd) im Mittelteil des Buches an einer kalifornischen Universität aufhält, wird er von Kollegen mit geradezu peinlicher Dozenten-Lyrik konfrontiert. Walsers Parodie, in der sich Nasenring auf Schmetterling reimt, ist herrlich amüsant.

Liest man etwas intensiver zwischen den Zeilen, können sich in der Fantasie skurrile Bilder einstellen. "Es liegt an den Büchern meiner Kindheit, daß ich mir meine Feinde leichter zu Pferd vorstellen kann als zu Fuß oder im Auto." Ein Frankfurter Großkritiker im Sattel hoch zu Ross - als eine Art wutschnaubender Schimmelreiter? Gut möglich!

Martin Walser hat sich offenkundig für seinen zweiten Meßmer-Band viel Zeit gelassen, denn der zeitgeschichtliche Kontext weist ans Ende der 80er Jahre. Die Mauer stand noch, die Zugfahrt durch die DDR präsentierte die "Liebenswürdigkeit des Nichterneuerten", Reagan ließ Tripolis bombardieren, ein Mobiltelefon wog noch drei Kilo, und die Arbeitslosenquote lag bei fünf Prozent.

Jedes Buch sei schlecht und müsse das Gegenteil beweisen, lässt der Autor die Meßmer-Figur ein zugespitztes Kritiker-Axiom paraphrasieren. Der Beweis liegt vor, und viele "Indizien" sprechen dafür, dass es Martin Walsers bestes Buch der letzten zehn Jahre ist. "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen", heißt es im "Wilhelm Meister". Bei Meßmer bedeutet "Reisen" gleichzeitig auch Besinnung, eine Wanderung zum eigenen Ich. Ein Buch voller Lebensweisheiten und philosophischer Sentenzen - geistreich, pointiert und sprachlich ausgefeilt. Ein großes Alterswerk!

Titelbild

Martin Walser: Meßmers Reisen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
192 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3518414631

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