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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2003 » Fremdsprachige Literatur
 
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Temperamentvoller Themenmix

Mario Vargas Llosas Essaysammlung "Die Sprache der Leidenschaft"

Von Dörte Hartung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie soll man eine Rezension über eine politisch-literarisch journalistische Aufsatzsammlung beginnen? Vielleicht zuerst von der schillernden, anschaulichen Sprache des Bandes von Mario Vargas Llosa schreiben, oder doch zunächst von der vielfältigen Themenauswahl, die dem Leser darin begegnet, berichten?

Denn der peruanische Schriftsteller verarbeitet in seinem neuesten Werk, das aus Aufsätzen, Essays und Artikeln, die zwischen 1992 und 2000 in der Madrider Zeitung "El País" veröffentlicht wurden, politische, künstlerische, gesellschaftliche aber auch ganz persönliche Ereignisse, die ihn beschäftigten. Angefangen mit den Problemen der Hilfe in der Dritten Welt über die unwirkliche Faszination des Karnevals in Rio bis hin zu den Ausführungen des postmodernen Philosophen Jean Baudrillard - kaum ein Thema bleibt unberührt.

Und gerade diese Abwechslung, dieses schnelle Umschalten, fast schon "Zappen" wie bei einer Fernbedienung, macht den Reiz des Buches aus. Lacht man eben noch über eine Pointe am Ende eines Essays, so ist man nur wenige Seiten später gefangen im traurigen Mittelpunkt eines Aufsatzes über Ausländerhass. Beeindruckend ist, wie man als Leser für die Themen, die Vargas Llosa beschäftigen, sensibilisiert wird.

Leidenschaft spricht aus ihm, wenn er über die Schließung des Reading Roms in der British Library in London schreibt, in der er so viele glückliche Stunden verbrachte. Bewunderung wird bei dem Schriftsteller deutlich, wenn er über die demütigende und grausame Haftzeit Nelson Mandelas und dessen ungebrochenen Mut zum Weitermachen berichtet. Verehrung zeigt sich bei Vargas Llosa, wenn er Aufsätze seines Kollegen Hans Magnus Enzensberger rezensiert. Und der Leser ist mittendrin, kann den Argumentationslinien ohne Probleme folgen.

Mario Vargas Llosas Sprache ist in den 46 kurzen Texten klar und pointiert, vor allem ist sie jedoch anschaulich, so etwa wenn er über die französische Kultur schreibt, sie sei "ein gut sortierter und bunt gemischter Markt, auf dem es Obst und Gemüse für jeden Geschmack gibt: für den revolutionären, den reaktionären, den agnostischen, den katholischen, den liberalen, den konservativen, den anarchischen und den faschistischen." Feinsinnige Ironie zieht sich ebenfalls durch die Texte. So beschäftigt sich der Schriftsteller in "Die Stunde der Scharlatane" mit der Theorie Baudrillards, die sich mit dem Realitätsbegriff auseinandersetzt ("Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden"). Resigniert berichtet Vargas Llosa dabei von einem weiteren Vortrag Baudrillards und schließt seinen Essay folgendermaßen: "Nach dem Ende seines Vortrages ging ich nicht zu ihm, um ihn zu begrüßen und an unsere weit zurückliegende Jugend zu erinnern, als uns die Ideen und Bücher begeisterten und er noch glaubte, dass wir existieren."

Kontrastiv zu den persönlichen und von Gefühlen geprägten Texten, gesellen sich scheinbar nüchterne Betrachtungen von vor allem religiös-gesellschaftlichen Themen, wie die Auseinandersetzung zwischen Juden und Palästinensern in Israel. Der Schriftsteller beobachtet dabei israelische Soldaten. "Sie tragen Helme mit Visieren und kugelsichere Westen, Granatenbündel und Gewehre. Einer ist wegen der Hitze oder der Nervenanspannung gerade zusammengebrochen und er hockt mit hochrotem Gesicht auf der Erde und übergibt sich." Spätestens hier wird deutlich, dass die von Vargas Llosa im Vorwort angestrebte, Leidenschaftslosigkeit, deren Existenz jedoch auch von ihm selbst angezweifelt wurde, in diesen Aufsätzen nicht vorhanden ist.

Mit den Werken "Der Geschichtenerzähler" und "Tod in den Anden" wurde der Friedenspreisträger von 1996 bekannt. Neben seiner Tätigkeit als Autor, widmete sich der 67-Jährige seit seiner Jugend dem Journalismus, und dass in beiden Gebieten hervorragende Arbeiten entstanden sind, beweist diese abwechslungsreiche und realitätsnahe Textsammlung.

Titelbild

Mario Vargas Llosa: Die Sprache der Leidenschaft.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
308 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3518413619

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:16
Erschienen am:01.08.2003
Lesungen: 3054
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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