Ohne Zähne schreiben

Ein Sammelband untersucht "Identität und Gedächtnis in der jüdischen Literatur nach 1945"

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1998 hat der Mainzer Literaturwissenschaftler Dieter Lamping den Versuch unternommen, die deutsch-jüdische Literatur des 20. Jahrhunderts zu kartieren ("Von Kafka bis Celan"). Sie ließe sich, so hieß es in der Einleitung, "als Literatur der deutsch-jüdischen Symbiose, als deutsche Literatur jüdischer Autoren oder schließlich als jüdische Literatur in deutscher Sprache beschreiben. Im ersten Fall erscheint sie als symbiotische Einheit, gleichermaßen deutsch und jüdisch. Im zweiten Fall stellt sie sich als Teil der deutschen, im dritten als Teil der jüdischen Literatur dar." Primär ging es Lamping um den jüdischen Diskurs in der deutschen Literatur des vergangenen Jahrhunderts, um eine Art Gespräch, das Juden untereinander auf Deutsch über ihre jüdischen Erfahrungen geführt haben. In diesem Diskurs verortete Lamping drei Schwerpunkte: die Krise der Assimilation, das Exil und den Holocaust.

Lampings Ansatz war nicht unergiebig. Da er den Versuch unternahm, den jüdischen Diskurs aus den Texten zu gewinnen, somit von innen heraus darzustellen, betrat er in seinen Analysen germanistisches Neuland. Er vernetzte seine Autoren an unerwarteten Knotenpunkten, indem er etwa Kafka in einem Koordinatensystem jüdischen Traditionsverlustes ansiedelte, die Diskussion zwischen Zionisten und Antizionisten im Exil als eine jüdische Welt jenseits des deutschen Bezuges verdeutlichte oder Celans "Todesfuge" als eine Kontrafaktur des biblischen "Hohenliedes" las. Berechtigte Kritik an Lampings Methode wurde dahingehend geäußert, dass er in seiner Konzentration auf den jüdischen Diskurs in der deutschen Literatur die Gegenseite ausblende - den deutschen Diskurs, in dem sich die von den Juden angestrebte Kultur selbst vernichtet, zumal das Scheitern der jüdischen Akkulturation ohne diesen Gegenpol, wie Jakob Hessing in seiner Besprechung des Bandes in der "F. A. Z." vom 20. März 1979 zu Recht hervorhob, unverständlich bleibe. Nach Hessing gewinnen die von Lamping herausgearbeiteten Leitmotive "erst aus der gleichzeitigen Selbstvernichtung der deutschen Kultur [...] ihre historische Dynamik".

Einige seiner Gedanken greift Dieter Lamping fünf Jahre später in der Einleitung des von ihm herausgegebenen Bandes "Identität und Gedächtnis in der jüdischen Literatur nach 1945", der die Ergebnisse eines Symposions anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Interdisziplinären Arbeitskreises Jüdische Studien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz dokumentiert, wieder auf und vertieft sie. Ausgangspunkt der verschiedenen Arbeiten in diesem Band ist nun das Jahr 1945, das auch in der jüdischen Literatur eine tiefe Zäsur markiert. Zu den Folgen der Shoah zählt nach Meinung der Beiträger nicht zuletzt die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung vieler Juden mit ihrer prekären Identität. In dieser Suche nach einer neu gefassten jüdischen Identität nach 1945 spielen vor allem Erinnerung und Gedächtnis eine wesentliche Rolle. Unter Rekurs auf eine von Peter Szondi geprägte Formel, nach der jüdische Literatur nach 1945 entweder 'Literatur über Auschwitz' oder 'Literatur aufgrund von Auschwitz' sei, definiert Lamping Holocaust-Literatur als "Toten-Gedenken und Gedächtnis in einem, und sie ist dies gerade als Dichtung, in ihrer sprachlichen Verfasstheit." Identität und Gedächtnis bedingen nicht nur einander. Die Erinnerung an die Katastrophe der Shoah bringt auch immer wieder die Bedeutung des Erinnerns und darüber hinaus der Tradition und des Bruchs mit ihr ins Bewusstsein. Obwohl die Suche nach einer neuen jüdischen Identität das große Thema der jüdischen Literatur in deutscher Sprache schon seit Kafka ist, ist sie es aber mit neuer Dringlichkeit nach der Vernichtung der europäischen Juden. Zu Recht unterstreicht Lamping, dass dabei alle Möglichkeiten jüdischer Identität reflektiert werden: "die religiöse wie die säkulare, die 'historische' wie die 'nationale', also die Bindung an einen Glauben oder die Zugehörigkeit zu einer Kultur, die Verbundenheit mit der Geschichte oder einem Volk, und nicht immer schließt das Bewußtsein, ein Jude oder eine Jüdin zu sein, dabei auch eine positive jüdische Identität ein - wenn nicht sogar Identitätslosigkeit zur Identität erhoben wird."

Im vorliegenden Tagungsband wird der Zusammenhang von Identität und Gedächtnis in der jüdischen Literatur nach 1945 vor allem anhand der deutsch-jüdischen, der amerikanisch-jüdischen, der englisch-jüdischen und der französisch-jüdischen Literatur erörtert. Ein so breit angelegtes Thema wie dieses fordert zwangsläufig auch eine Variation theoretischer und methodischer Perspektiven in der Herangehensweise an die unterschiedlichen Texte. Trotz der komparatistisch breiten Anlage, die den Beiträgern geeignet erschien, der Allgemeinheit des Problems gerecht zu werden, entstanden Lücken, die vermutlich nicht zu vermeiden waren, dennoch bedauerlich sind. So sucht man vergebens nach Analysen der mittlerweile doch sehr reichhaltigen jüdischen Gegenwartsliteratur deutscher Sprache (Honigmann, Biller, Dischereit, Menasse, Schindel u. a.), die ihr Entstehen in erster Linie dem brüchigen und fragilen Verhältnis der nachgeborenen Generationen zur nichtjüdischen Gegenwartsgesellschaft und zur jüdischen Vergangenheit, Religion, Kultur und Tradition zu verdanken hat. Die aus einem nicht unerheblichen Mangel an rezipierbaren Modellen und Formen jüdischen Lebens entstandene jüdische Literatur der Gegenwart hat einen ästhetischen Raum geschaffen, in dem die jungen AutorInnen Wege erproben, die über den Riss der Generationen und die Zäsur der Shoah zurückweisen in die Vergangenheit jüdischer Traditionen. Der jüdischen Gegenwartsliteratur eröffnet sich vor allem durch das Zitat, durch das Erproben der Erinnerung der Opfer, ein Weg in diese verschüttete und verschwiegene Vergangenheit, über dessen Grenzen sie sich Rechenschaft zu geben sucht. Gerade hier hätten sich die von den Beiträgern ins Zentrum gerückten Kategorien 'Identität' und 'Gedächtnis' bewähren können.

Dennoch fehlt es in diesem Sammelband nicht an gelungenen, zum Teil sogar glänzenden Beiträgen. So widmet sich der amerikanische Literaturwissenschaftler Alvin H. Rosenfeld Jitzchak Katzenelsons Epos "Dos lid vunem ojsgehargetn jidischn volk", das er als "a halting and almost broken one, the song of of a people doing its best to keep from passing out of history unremembered and unmourned" liest. Begreift Rosenfeld Katzenelsons Gedicht im Sinne von Dan Pagis als "Zeugnis", als authentische Erinnerung, so untersucht die niederländische Komparatistin Elrud Ibsch den "Holocaust im literarischen Experiment" im Kontext einer postmodernen "Rhetorisierung und Ästhetisierung der Geschichtsschreibung". Für sie ist Auschwitz Realität und Metapher zugleich: "Dieses 'double bind', die gleichzeitige Verpflichtung der dokumentierten Realität und der literarischen Suspendierung dieser Realität gegenüber, zeichnet Holocaust-Literatur aus und hat zur Folge, daß sie als Exemplum in der Diskussion über die epistemologischen und ethischen Voraussetzungen des hermeneutischen Verstehens eine hervorragende Rolle spielt." Die von Ibsch ins Spiel gebrachte Epistemologie und Poetologie des Experiments bietet Raum für die Artikulation des Unsagbaren, des Unbegreiflichen und der Suche nach einer Sprache. Ferner ist sie nach Ibsch imstande, "die Verantwortung zu tragen für die Ambivalenzen, die als Problem im Raum stehen bleiben und nicht aufgelöst werden." Schließlich übernimmt sie auch "die ethische und politische Motivation, den Stimmen Gehör zu verschaffen, die im offiziellen Diskurs in der Regel nicht gehört werden." In dem diffizilen Verhältnis von Faktischem und Fiktionalem in der Holocaust-Literatur habe das Experiment eine Chance, ohne dass jedoch die Frage nach den "Limits of Representation" (Saul Friedländer), nach den Grenzen des Experimentierens ausgeblendet werden könnten.

Von einigem Interesse sind ferner Rüdiger Zymners lesenswerte Überlegungen zu "[Elias] Canettis Beitrag zur jüdischen Literatur in deutscher Sprache", dessen Texte Zymner als "jüdische Literatur" beschreibt, "die ihre jüdische Identität aus einer kulturellen Prägung bezieht, sich aber in Auseinandersetzung mit dieser Erfahrung zu eigenständigen Konsequenzen bewegt, nämlich zu einer Konzeption des Schriftstellers, der erst in der Aufgabe aller Individualität, ja erst im Verstummen und Schweigen sich als wahrer Dichter erweist". Insofern beruhe die Verleihung des Literaturnobelpreises an Canetti eigentlich auf einem Missverständnis, weil sie sich natürlich auf das beziehe, was er geschrieben habe, nicht aber auf sein wesentlich bedeutsameres Schweigen. Freigelegt werden in diesem Zusammenhang eine der allerersten Eintragungen Canettis in dem Band "Die Provinz des Menschen", in denen er das "Atmen" als poetologische Metapher erwähnt. "Der Ursprung der Freiheit" liege im Atmen, so heißt es da etwas befremdlich. Doch nicht nur das gleichsam atmende Schreiben ist eines der Ideale Canettis, sondern darüber hinaus, wie Zymner herausarbeitet, formuliert Canetti die Aufforderung: "Ohne Zähne schreiben. Versuch's!". 'Atmendes' und 'zahnloses' Schreiben tendiere jedoch zum vollkommenen Verstummen. Es geht dabei nicht nur darum, "Sätze zu finden, so einfach, daß sie nie mehr die eigenen sind", oder "Die Erkennbarkeit verlieren, das Schwerste", wie Canetti hervorhebt, es geht sogar darum, die Sprache zu vergessen. An einer anderen, viel sagenden Stelle findet Canetti hierzu die paradoxe Formulierung "Lehrbuch des Sprachvergessens", an anderer Stelle notiert er: "Ein Jahr lang kein Adjektiv mehr gebraucht. Sein Stolz, seine Leistung." Solche und ähnliche Formulierungen, die die Tendenz zum Verstummen in den Texten Canettis anzeigen, deutet Zymner als Anspruch an den Dichter, durch das Schweigen des Individuums im Allgemeinen aufzugehen, der Canetti klagen lässt: "Ein Dichter bin ich nicht: ich kann nicht schweigen." Canettis Beitrag zur jüdischen Literatur in deutscher Sprache ist nach Zymner "ein Œuvre, das nicht allein den Kampf gegen die Anerkennung des Todes thematisiert, sondern bis hin zu Stil und Umfang repräsentiert [...], denn die Ausgestaltung und beharrliche Verfolgung dieses Kampfes finden in einem jüdischen Diskurs, der jüdische Geschichte und jüdische Kultur umgreift, über das gesamte Œuvre gespannt ihre wichtigsten Anstöße und Motive".

Weitere Fallstudien über deutschsprachige jüdische Autoren befassen sich mit Jean Améry (Andreas Solbach), Wolfgang Hildesheimer (Bernhard Spies) und Paul Celan (Vivian Liska), dessen Gedichte als Ausdruck einer konsequenten Selbstbefragung" verstanden werden, "die sich den Boden unter den Füßen versagt". Nach Liska ist Celans 'Entwurzelung' radikal; er "widerruft die Gültigkeit der biblischen Tradition, die Zugehörigkeit zum eigenen Volk und das Vertrauen in die überlieferte Sprache und geht dabei über die direkte Inversion hinaus: Celan verschreibt sich keiner negativen Theologie, vermeidet die gemeinschafts- und identitätsstiftende Positivierung des wandernden Juden und verbleibt, trotz aller Hermetik, in der Hoffnung einen Angesprochenen zu erreichen".

Der erste Beiträger des zweiten Teils, der Mainzer Amerikanist Alfred Hornung, zeichnet die Kafka-Rezeption von Philip Roth, Cynthia Ozick und Paul Auster nach und gelangt dabei zum dem Ergebnis, dass die Kafka-Rezeption eine "zentrale Rolle [...] bei der Überwindung postmoderner ästhetischer Textspiele in der amerikanischer Gegenwartsliteratur" spiele, wobei Roth "durch die Entdeckung der eigenen jüdischen Tradition in der Auseinandersetzung mit Kafka diese Hinwendung zu einer nicht hinterfragbaren historischen Realität eingeleitet" habe. Zumindest diskussionsbedürftig ist Hornungs Feststellung, Paul Austers Roman "In the Country of the Last Things" (1987) führe vor, wie die Ausweglosigkeit einer modernen kafkaesken Existenz überwunden werden könne. "Durch die bewußte Absage an das modernistische Schreibprogramm der Surrealisten [...] und durch die kompromißlose Rückkehr zu sinnvoller Sprache und Literatur, die sich auf außersprachliche Wirklichkeiten bezieht", könne dem Verfall des menschlichen Lebens begegnet werden. Gegenstände weiterer Untersuchungen englischsprachiger Literatur sind Cynthia Ozick (Renate von Bardeleben), Erica Jongs Roman "Inventing Memory" (Mark H. Gelber) sowie Harold Pinters umstrittenes Drama "Ashes to Ashes" (Beate Neumeier).

Hans Theo Siepe und Andreas Wittbrodt schließlich wenden sich in ihren Beiträgen der französisch-jüdischen Literatur zu. Siepe versteht Romain Garys Roman "Der Tanz des Dschingis Cohn" als "spielerisch-provokatives literarisches Experiment mit dem Erwecken des Nachdenkens über heutige Formen der Vermittlung von jüdischer Identität und Erinnerung an den Holocaust". Wittbrodt untersucht anhand des Romans "Die Absonderung" von Georges-Arthur Goldschmidt, "wie eine Form jüdischer Identität entsteht - jene Form moderner jüdischer Identität, wie sie sich im 20. Jahrhundert [...] aufgrund der Erfahrung von Stigmatisierung und Verfolgung ergeben hat" und wie sie typisch für deutsch-jüdische Exilanten ist. Die gleiche jüdische Identität als "aufgezwungene Zugehörigkeit zu einer Leidens- und Schicksalsgemeinschaft" arbeitet auch Waltraud Wende in ihrem Beitrag über Renata Yesners Autobiographie heraus, in der die "Konstruktionen des Erinnerns" für die Identitätsbildung eine wichtige Rolle spielen.

Abschließend ist zu bemerken, dass es den einzelnen Beiträgern überzeugend gelingt, die sich in den Texten entfaltenden Diskurse der Anverwandlung und kritischen Infragestellung von Elementen jüdischer Tradition, changierend zwischen krisenhaft durchlebten Identitätskonflikten und selbstbewussten Neuinterpretationen jüdischen Lebens und Denkens zur Darstellung zu bringen.

Titelbild

Dieter Lamping (Hg.): Identität und Gedächtnis in der jüdischen Literatur nach 1945.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2003.
229 Seiten, 30,70 EUR.
ISBN-10: 3503061649
ISBN-13: 9783503061648

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