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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2003 » Deutschsprachige Literatur
 
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Es muß in Sanftheit enden

Zoran Drvenkars atemberaubender Psychothriller "Du bist zu schnell"

Von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die zeitgenössische deutschsprachige Literatur ist um eine Stimme reicher. Um eine aufregende Stimme, die viel verspricht und Hoffnung macht. Dabei ist Zoran Drvenkar gar kein Neuer in der Szene, doch an seiner Person zeigt sich einmal mehr, wie selten Literatur für Jugendliche wahrgenommen wird. Oder Literatur für Leser zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur, wenn man sich mit solchen Abgrenzungen überhaupt beschäftigen möchte. Denn der 1967 in Kroatien geborene und seit 1970 in Deutschland lebende Autor ist seit vielen Jahren und seit vielen Publikationen eine feste Größe in der Jugendliteratur.

Als der Verlag Klett-Cotta im Frühjahr einen Band mit Erzählungen deutscher Einwanderer veröffentlichte, konnte man erstmals auf Zoran Drvenkar aufmerksam werden. Nun haben Autor und Verlag zügig nachgelegt und den Roman "Du bist zu schnell" veröffentlicht.

Es beginnt mit einer an David Lynch-Filme erinnernden Szene: Marek erzählt von einer nächtlichen Autofahrt nach Berlin, auf dem Rücksitz die schlafende Val. Marek und Val sind ein Paar. Val nimmt starke Medikamente, von denen Marek anfangs nicht wusste, wofür sie sind, und Val verwies auf Kopf- und Regelschmerzen. Val hat diese nicht in Apotheken erhältlichen Pillen von einem Arzt bekommen, mit dem sie einen Handel vereinbart hat: Er verschreibt ihr das Zeug und sie berichtet von ihren Erfahrungen. Val war schon zweimal in einer psychiatrischen Anstalt aufgrund einer Psychose, doch das erfährt Marek erst viel später.

Aufgewachsen ist sie in Oldenburg, wo sie nach dem Abitur nicht viel gemacht hat. Drogen, Parties, Rumhängen, bis sie das erste Mal die Schnellen gesehen hat. Seitdem hat sie Angst vor ihnen, vor Menschen, die sich schneller bewegen als andere, die sie selbst jedoch nur manchmal sehen kann. Asta, ein guter Freund, in dessen Plattenladen sie manchmal jobbt, hilft ihr mit Zeit, Zuneigung und Geld. Er merkt, dass sie an einer gefährlichen Grenze balanciert. Da sie mit ihren Eltern, außer monatlichen Zahlungen, keinen Kontakt hat, in ihren Problemphasen jedoch nicht alleine sein kann, wohnt sie vorübergehend bei Jenni. Doch dann wird Asta plötzlich ermordet aufgefunden, er soll Einbrecher in seinem Laden überrascht haben. Val zieht nach Kassel, wo sie einen Studienplatz und eine kleine Wohnung gefunden hat, ohne ihre Freunde zu informieren. In dieser Zeit lernen sie und Marek sich kennen. Dann kommt, nach Jahren, Jenni überraschend zu Besuch. Die beiden Freundinnen unternehmen viel gemeinsam, reden auch ausführlich über Vals Psychose. Val kann Jenni von der Existenz der Schnellen überzeugen und sie suchen, anfangs per Brainstorming, später via Internet. Und werden fündig. Kurze Zeit darauf ist Jenni tot, am Badezimmerspiegel steht, mit ihrem Blut geschrieben, "Wo bist du gewesen?!" In diese Situation platzt Marek hinein, packt die völlig fertige Val und fährt mit ihr in Richtung Berlin, zu Vals Mutter.

Im Verlauf dieses atemlos erzählten, hochgradig verwirrenden und manchmal fast nicht mehr zum Aushalten spannenden Buch gibt es noch diverse Fahrten und Botschaften. Eine wichtige Figur wird Theo, Jennis Freund in Oldenburg, den sie besuchen, um ihm die grausige Mitteilung vom Tod Jennis zu machen. Er hilft ihnen in seiner Verzweiflung und seiner Wut bei der Jagd nach den Schnellen, die immer wieder unvermittelt auftauchen und brutale Spuren hinterlassen.

Zoran Drvenkar hat den Lesern mit "Du bist zu schnell" einen Thriller der Extraklasse hingeworfen, einen Roman, der die selbstbewusste und professionelle Arbeit dieses Schriftstellers beeindruckend demonstriert. Denn die Themen Krankheit, Medikation, Wahrnehmungsstörungen, multiple Persönlichkeit sind dünnes Eis, damit muss man sich auskennen, das duldet keine oberflächlichen Informationen, deren Dürftigkeit nur allzu schnell erkennbar würde.

Drvenkar ist ein Kind seiner Zeit. In einem Interview bestätigte er, dass er sehr filmisch schreibt, und tatsächlich werden die einzelnen Kapitel aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten dieses Romans erzählt, was wie unterschiedliche Kameraeinstellungen wirkt. Und er transportiert populäre Kultur über seine Handlung: Theo betreibt ein Kino, Asta einen Plattenladen. Im Buch selbst und in Drvenkars Danksagung am Ende des Buches gibt es eine Fülle von Verweisen auf Film, Musik und Literatur. "Du bist zu schnell" kann man ansatzweise vergleichen mit Ken Keseys "Einer flog übers Kuckucksnest" oder Robert Lowrys "Lebendig begraben", doch Zoran Drvenkar fokussiert sein Buch weit weniger auf das Thema Krankheit und Anstalt und hat somit viel Raum für die Charaktere, den Perspektivenwechsel und die Thrillerhandlung.

Titelbild

Zoran Drvenkar: Du bist zu schnell.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
288 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-10: 3608936238

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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2003 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:28
Erschienen am:01.10.2003
Lesungen: 10475
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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