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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2003 » Deutschsprachige Literatur
 
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Wilfried Steiner über den "Weg nach Xanadu"

Von Susanne BlümleinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susanne Blümlein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von einem Romantikthriller, einem Kriminal- und Liebesroman ist auf der U4 die Rede. Von einer Sorte Text also, die man nicht gerade im ehrwürdigen Insel Verlag erwarten würde. Und - wie zur Beruhigung - ist dem verlagseigenen Klappentext noch ein Wort des Dichters Robert Menasse nachgestellt, der Wilfried Steiners Roman eine "magische Dichtung" nennt, "weil sie von der Magie der Dichtung zu erzählen weiß." Das klingt schon besser. Zumindest klingt es "literarischer".

Die Ausgangskonstellation ist schnell erläutert: Alexander Markowitsch ist Professer für Anglistik in Wien. Zu ihm kommt der Student Martin, um ihn als Doktorvater für seine Promotion über den englischen Dichter Samuel Taylor Coleridge (1772-1834) zu gewinnen. Ausschlaggebend für die Zustimmung des Professors ist allerdings nicht Martins wissenschaftliches Konzept, sondern dessen Freundin Anna, die es mühelos vermag, den Gelehrten in einen sabbernden, stammelnden Idioten zu verwandeln.

Anna wird letztlich zur treibenden Kraft von Markowitschs eigener Beschäftigung mit Coleridge, die so intensiv wird, dass er sogar anfängt, von Coleridges Arbeitszimmer zu träumen; bis er sich schließlich aufmacht, um besagtes Arbeitszimmer aus seinen Träumen im realen England des 21. Jahrhunderts zu finden. Was er am Ende allerdings entdeckt, geht weit über seine Träume hinaus und in den bereits erwähnten Bereich des Magischen hinein.

Zum Ende des Buches ist doch alles so gekommen, wie es der Klappentext versprochen hat: Ein Romantikthriller - im kalten England wird nicht mit Schockeffekten und düsteren Nebeln als Kulisse gespart; ein Liebesroman - um die Gunst der holden Frau zu erringen, würde Markowitsch alles tun, sogar eine Reise in die Vergangenheit machen; ein Kriminalroman - zusammen mit dem Professor begibt sich der Leser auf die Suche nach Spuren eines schon lange Toten.

Und diese kriminalistische Reise bildet den Hintergrund für das Hauptthema des Buches: Das literarische Schaffen Coleridges und die dazu gehörigen Fragen der anglistischen Literaturwissenschaft. Über mehrere Seiten erstrecken sich die Abhandlungen des Erzählers Markowitsch über verschiedene Werke von Samuel Taylor Coleridge. Neben genauen Interpretationen und literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zu dessen größten Werken, wie etwa "The Rime of the Ancient Mariner" ("Die Ballade vom alten Seemann"), konzentriert er sich zunehmend auf eine Frage: Warum beschränkt sich Coleridges produktivste Phase auf ein einziges Jahr, nämlich auf die Zeit von Oktober 1797 bis September 1798, in dem er Werke von höchster literarischer Qualität verfertigt? Die Lösung, die Wilfried Steiner seinen Protagonisten finden lässt, ist gleichzeitig die Lösung der Frage, warum Anna so sehr daran interessiert ist, dass sich Professor Markowitsch auf die Spuren des toten Dichters macht.

Bis der Leser zu des Rätsels Lösung gelangt, ist er Steiners Protagonist auf einer spannenden literaturwissenschaftlichen Reise gefolgt, die mit Schließen des Buches das Prädikat "lesenswert" erhält.

Titelbild

Wilfried Steiner: Der Weg nach Xanadu. Roman.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
287 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3458171495

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:32
Erschienen am:01.10.2003
Lesungen: 5097
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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