Conditio humana endlich enträtselt

Der neueste naturalistische Rundumschlag von Steven Pinkers linker Hirnhemisphäre

Von Willem WarneckeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Willem Warnecke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Er hat schon recht: Auch die hehren Wissenschaften werden stark durch un- oder vorwissenschaftliche Meinungen bzw. Überzeugungen geprägt, welche Trends und Moden bewirken. Als "gute" Wissenschaft kann meist nur diejenige gelten, die auch orthodox ist und nicht all das "nun doch schon längst hinreichend Bekannte und Verifizierte" wieder in Frage stellt. Auch der - lange vernachlässigten - Rolle des Forschers in seiner und für seine Forschung wird zudem insofern große Beachtung geschenkt, als dass in den Feuilletons leicht sein Gegenstand und die von ihm vermuteten Ergebnisse moralisiert werden: "Was für ein Mensch muss das sein, der diese Theorien aufstellt?" Die Kritik an solchem Vorgehen ist eins der Hauptanliegen von Steven Pinkers jetzt auch in Deutsch vorliegendem Buch "Das unbeschriebene Blatt".

Insbesondere die Forscher, die sich mit der "menschlichen Natur" befassen, also der Beschaffenheit des Menschen vor und unabhängig von aller Kultur, sieht Pinker - auch selbst zu dieser Gruppierung der "modernen Wissenschaftler" gehörig - durch Vertreter oppositioneller religiöser oder politischer Ansichten regelrecht terrorisiert. Er erwähnt einige Studien, die sich mit brisanten Themen beschäftigten, wie den Fragen, ob und inwieweit Intelligenz vererbbar oder Vergewaltigung Bestandteil des männlichen Bioprogrammes ist. Veröffentlichungen, die in diesen und ähnlichen Bereichen Zusammenhänge finden, also behaupten, es gäbe so etwas wie eine menschliche Natur, sieht Pinker mit der offensiven Ablehnung ihrer Gegner konfrontiert, die sachlicher Argumentation nicht zugänglich ist. Als diese Gegner identifiziert er "die Verfechter der Theorie vom unbeschriebenen Blatt", d. h. jene, die überzeugt sind, das Wesen eines Menschen sei nicht von Geburt an festgelegt, sondern würde maßgeblich durch seine Kultur bestimmt. Dabei wird der Eindruck erweckt, es sei geradezu charakteristisch für diese Leute, dass sie zur Verteidigung des eigenen Standpunktes nicht vor Hetzkampagnen, persönlichen Angriffen und Verleumdung zurückschrecken.

Das ist aus Pinkers Sicht allerdings insofern verständlich, als dass diese Theorie gar nicht (mehr) vernünftig vertreten werden kann. Denn die moderne Wissenschaft habe zweifelsfrei erwiesen, dass der Mensch keinen freien Willen besitzt, dass sein Urteilsvermögen alles andere als zuverlässig ist und dass das soziale Umfeld keinen nennenswerten erzieherischen Einfluss auf ihn ausüben kann. "Moderne Wissenschaft" steht dabei für vier "Brücken zwischen Kultur und Biologie", nämlich Verhaltensgenetik, Evolutionspsychologie, sowie Kognitions- und Neurowissenschaft. Das Verständnis für den menschlichen Geist, seine Emotionen, Wünsche, Überzeugungen etc., kurz: eine gute, begründbare Anthropologie, erwächst ihm zufolge nicht aus der Philosophie. Deren "Anthropologen von eigenen Gnaden" ("armchair anthropologists") produzierten zumeist schöne, falsche Theorien. Die richtigen hingegen würden in den Wissenschaften gefunden, die (endlich) "Geist" durch "Gehirnaktivität" ersetzen. Diese Herangehensweise führt bei Pinker dann zu Formulierungen wie "fragt man danach den Patienten (oder genauer, seine linke Hemisphäre)".

Auch die Urteilsfähigkeit hängt für ihn ausschließlich von der Physis des Gehirns ab: Die Unzurechnungsfähigkeit eines US-Richters, der "nicht einsehen wollte, dass mit seinem Urteilsvermögen irgend etwas nicht in Ordnung sein konnte", sei in rein biologischen Termini erklärbar, nämlich durch schlaganfallbedingte Gewebeschäden im Hirn.

Der sich hier bietenden Gelegenheit, das Schimpfwort "reduktionistisch" in den Ring zu werfen, begegnet Pinker, indem er "schlechten" von "gutem" Reduktionismus unterscheidet: Ersterer etwa bestände in dem Versuch, den Umstand, dass "ein quadratischer Pflock nicht durch ein rundes Loch passt, [ausschließlich] mit Hilfe von Molekülen und Atomen erklären" zu wollen - ein aussichtsloses Unterfangen, da man auch den Begriff "Starrheit" sowie etwas Geometrie benötigt. Guter Reduktionismus hingegen bestehe nicht darin, "dass man ein Wissensgebiet durch ein anderes ersetzt, sondern dass man sie miteinander verbindet oder vereinigt", indem die Ergebnisse einer Wissenschaft in einer anderen als Hilfsmittel eingesetzt werden.

Mit seiner Behauptung allerdings, sein eigener Ansatz gehöre zur zweiten Unterkategorie, sorgt Pinker für Verwirrung, sind doch die einzigen Wissensgebiete, denen er in der Anthropologie noch Raum zubilligt, die naturwissenschaftlichen, insbesondere jene vier oben erwähnten "Brücken". Für philosophische Disziplinen, auch die Erkenntnistheorie, sieht er doch offenbar keinen Bedarf, obwohl er Begriffe wie "Erkenntnis", "Wahrheit", "Wissen" nicht mit empirischen Mitteln allein erläutern kann. Auch, ob das bei "Gewebeschäden" möglich ist, ist zumindest nicht so unstrittig, wie er es darstellt, denn allein die Feststellung, dass das Gewebe abgetötet wurde, rechtfertigt diese Rede nicht: Obwohl Haare ebenfalls tote Zellen sind, spricht man nicht von einer kontinuierlich auftretenden Schädigung. Trotzdem verwendet er all diese Begriffe - selbstverständlich - nicht nur ständig, sondern ist auch sicherlich der Ansicht, sein Buch vermittele Erkenntnisse, Wahrheiten und Wissen.

Nun soll nicht behauptet werden, die Gene und das Gehirn hätten keinen Einfluss auf das Urteilsvermögen. Aber vielleicht hätte sich Pinker vor seiner Darlegung, warum die Naturwissenschaft zeigt, dass kein Verlass auf das menschliche Urteilsvermögen ist, daran erinnern sollen, dass auch er nur ein Mensch ist, und somit ja auch für ihn selbst gelten müsste: "Unheimlich sind diese Ergebnisse, da wir keinen Grund zu der Annahme haben, dass der Unsinnsgenerator in der linken Hemisphäre des Patienten einen Deut anders funktioniert als in unserer" und "jeder kann der ehrlichen Meinung sein, die Logik und Beweise seien auf seiner Seite", obwohl er "objektiv gesehen" doch nur "geblendet [ist] von Selbsttäuschung". Würde jede Selbsttäuschung des Gehirns durch ein Geräusch - "Spoink" - begleitet, "wäre das Leben eine Kakophonie von Spoinks". Indem Pinker rational begründet, dass unsere Ratio unzuverlässig ist, verhält er sich wie ein Autofahrer, der nach dem Aufschließen seines Wagens sinniert, ob er überhaupt einen Schlüssel hatte.

Einen Ansatz zu einem möglichen Ausweg aus diesem Dilemma hat er allerdings schon selbst genannt - ohne es zu merken: Er könnte es mit der Anthropologie doch ähnlich halten, wie mit dem quadratischen Pflock und dem runden Loch. Nur, dass es hier eben nicht ohne Philosophie geht. Will er dann weiterhin Verknüpfungen zwischen Gehirn und Geist finden - was sicherlich möglich ist -, sollte er nur sehr vorsichtig von jenem auf diesen schließen, denn wie er schon sagt: "Vielleicht sind Gehirne nichtlineare dynamische Systeme, die unvorhersagbaren chaotischen Bedingungen unterworfen sind." Mit anderen Worten: Man kann dem menschlichen Geist und seinen Entscheidungen nicht mit reinen biologischen Kausalerklärungen beikommen. Pinker, der das trotzdem versucht, indem er "Geist" und "freien Willen" verbannt, gerät dadurch so sehr in Bedrängnis, dass er nicht umhin kommt, in seinen eleganten naturwissenschaftlichen Theorien ausdrücklich die Existenz "vorwissenschaftlicher Erklärungsbegriffe" wie "Schicksal" oder sogar "Seele" zu postulieren: "Um das Verhalten eines Menschen vollkommen vorherzusagen, brauchten wir einen Röntgenapparat für die Seele." Was hat er also gewonnen? Zumal er den größten Teil des Buches darauf verwenden muss, Probleme "auszubügeln", die lediglich aufgrund der naturalistischen Betrachtungsweise des Menschen entstehen - wobei er sich mehrmals in die von ihm selbst erwähnten "naturalistischen Fehlschlüsse" verwickelt.

Auch ansonsten ist seine Argumentation nicht einwandfrei: So behandelt er Ergebnisse von umstrittenen Studien (etwa zum "Aggressivitätsgen": genetisch bedingte Defekte in der Produktion von Monoaminoxidase A) als bewiesene Tatsachen oder interpretiert Texte, insbesondere die philosophischen, bisweilen auf eine ganz eigene Art. Einerseits spricht er sich für das moralische Prinzip der Gleichheit aus, nach dem "Individuen nicht nach den durchschnittlichen Eigenschaften ihrer Gruppe beurteilt oder eingeschränkt werden dürfen", andererseits hält er die Kastration von Vergewaltigern aufgrund des zu erwartenden Erfolges für eine zumindest diskutable Maßnahme. Das Ausmaß dieses Erfolges gibt er ebenfalls inkorrekt an, da die Reduzierung der Rückfallquote von 46 auf 3 Prozent (wovon eine Studie spricht) nicht den Rückgang der Vergewaltigungen "um einen Faktor von fünfzehn" impliziert. Kommentieren kann das der Autor selbst, und zwar mit einem Zitat, dessen Doppeldeutigkeit ihm scheinbar entgangen ist: "Hier handelt es sich um ein Beispiel für ein Syndrom, das uns noch mehrfach in diesem Buch begegnen wird: wissenschaftliche Ergebnisse, die propagandistisch bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen werden".

Insgesamt ist "Das unbeschriebene Blatt" ein sehr amerikanisches Buch, ein -durchaus flüssig zu lesender - Beitrag zu einer populärwissenschaftlich geführten Diskussion, die in (Kontinental-)Europa nicht von den von Pinker skizzierten, sondern von weit moderateren Standpunkten aus geführt wird - deren Vertreter zumindest der "ehrlichen Meinung" sind, sie argumentierten sachlicher und ihre Positionen seien schlicht besser.

Die Qualität der Übersetzung lässt im übrigen zu wünschen übrig, da der Text an einigen Stellen unverständlich oder sogar verfälscht wird. So ist der korrekte physikalische Terminus eben "Starrheit", nicht "Steifheit" und "proposition" ("Aussageninhalt") kann nicht mit "Aussage" übersetzt werden. Denn während Pinker von der Fähigkeit spricht, Sachverhalte darzustellen ("entertain propositions"), die man selbst nicht unbedingt für real hält - "John glaubt, es gibt den Weihnachtsmann [ich selbst aber nicht]" -, ist "die Fähigkeit, Aussagen zu machen, ohne unbedingt an sie zu glauben" eher etwas wie "lügen". Außerdem sollte das Buch "Lifelines" (von Steven Rose) nicht zu "Darwins gefährliche Erben" (von Daniel Dennett) werden.

Titelbild

Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Hainer Kober.
Berlin Verlag, Berlin 2003.
713 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-10: 3827005094

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