Totenschein für das Eszett?

Eine Vermisstenanzeige

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller und Nele Winkler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beginnen wir mit einem Hörtest. Stellen Sie sich bitte das scharfe Zischen eines Wasserkessels vor, kurz vor dem Pfeifen. Nun das vom selben Zischlaut begleitete Züngeln einer Klapperschlange, bevor das warnende Rasseln der Schwanzspitze ertönt. Jetzt bitte eine entnervte Mutter, die ihr Kind, das eben an der Supermarktkasse laut zu quengeln beginnt, mit einem scharfen "Psssst" zur Ruhe ermahnt. Sie haben es? Ja? - Dann wissen Sie auch, wie ungemein vielfältig die phonetischen Einsatzmöglichkeiten des Buchstaben Eszett ("ß") sind.

Auch typografisch ist das Eszett überaus attraktiv. Seine beiden angeschnittenen Kugeln erinnern an einen Schneemann, der hinter einer Hausecke hervorlugt. Oder, kippt man es nach links in die Horizontale, an ein Paar üppiger Frauenbrüste. Dem Leser zeigt das Eszett stets seine Schokoladenseite, nämlich das Profil. In dieser Haltung wirkt es fast wie ein großes "B" - wäre da nicht das hängende Schwänzchen, das es als Kleinbuchstaben ausweist. Trotz dieser freundlichen Assoziationen ist das Eszett kein einfacher Kandidat unter den Buchstaben, sondern erweist sich immer wieder als widerborstig und renitent. Architekten und Ingenieure zum Beispiel, in deren Bauplänen und Zeichnungen es einen festen Bestandteil hat (z. B. beim Wort "Maßstab"), beklagen, dass es sich der Großschreibung beharrlich entzieht. Da trotzdem kein Weg am Eszett vorbeiführt, weicht man in den Büros auf Hilfskonstruktionen aus und schreibt "SZ" (also "MASZSTAB").

Ist dem Eszett vielleicht deshalb kein Platz im Alphabet vergönnt? Ist dies der Grund, weshalb dieser Buchstabe neuerdings auf so beredte Weise aus der Welt geschafft und vielerorts durch seinen unheimlichen Doppelgänger - das "ss" - ersetzt wird? Denn seit einiger Zeit ist auf Plakaten, Schildern und in Broschüren eine Tendenz zu beobachten, die Besorgnis erregt: das Verschwinden des Eszett. In der Tat hat der Buchstabe inzwischen den unkontrollierten Rückzug angetreten, seine ökologische Nische verkleinert sich von Tag zu Tag. Im typografischen survival of the fittest besitzt das Doppel-s einfach einen ungeheuren Selektionsvorteil: Die Autokorrektur des Textverarbeitungsprogramms Microsoft Word lässt bei entsprechender Einstellung alle 'scharfen' S-Laute von der Bildschirmfläche verschwinden. Aber das ist beileibe noch nicht der Hauptursache für die vorzeitige Grablegung des Eszett, an der paradoxerweise selbst die "Eszet"-Schnitten der Firma Stollwerck ihren unrühmlichen Anteil haben.

Die vornehmlich als Brotbelag gedachten Schokoladentäfelchen sind ein frühes Beispiel für die Missachtung des Eszett. Sie amputieren dem ausgeschriebenen Buchstaben nämlich ein "t", ohne dass dies mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Produktnamens notwendig ist (Abkürzung von "Staengel & Ziller", vgl. http://www.enslinweb.de/ut-portal/eszet.htm). Die Firma Stollwerck, welche die Schnitten heute herstellt, bewirbt ihr Produkt kurioserweise mit dem Satz: "Genuss schreibt man mit Eszet" (vgl. http://www.stollwerck.de/markenwelt/index_markenwelt.php?kat=../ markenwelt/eszet).

Die Verflüchtigung dieses Buchstabens hat etwas zu tun mit der auf breiter Front missverstandenen Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Dieser Aspekt entbehrt nicht einer gewissen Theatralik, weshalb wir dem Leser eine Freikarte für die laufende Vorstellung spendieren. Die zweite Ursache ist ein Mechanismus, der für die Entstehung von Alltagsirrtümern verantwortlich ist: Ein kollektiver Lemming-Effekt hat ebenso wie eine intrapsychische "Übergeneralisierung" daran mitgewirkt, dass aus dem Eszett ein blutarmer Buchstaben-Zombie geworden ist, etwas, das nicht leben und nicht sterben darf. Darin offenbart sich in letzter Konsequenz ein Tatbestand "Angewandten Nichtwissens". Doch alles der Reihe nach.

1. Sprachwissenschaftliches Vorspiel

Im Foyer eines Theaters sammelt und versammelt man sich. Und man sammelt Informationen über die bevorstehende Aufführung, den Regisseur und die Schauspieler, indem man in freudiger Erwartung das Programmheft studiert. In unserem Fall ist der Hauptdarsteller schon bekannt wie ein bunter Hund. Aber der Schein trügt, die Entstehungsgeschichte des Eszett ist in Wirklichkeit wenig geläufig. Deswegen müssen wir wohl oder übel noch etwas dazulernen, bevor wir nach dem Ertönen des Gongs in einem der bequemen Plüschsessel Platz nehmen dürfen.

Das Eszett ist eine typisch deutsche Eigenheit, es existiert in keiner anderen Sprache. Die Schweizer schreiben seit dem Verschwinden der deutschen Schreibschrift aus den Schweizer Schulstuben 1934 ein Doppel-s. Der Grund: Mit der Einführung von lochbandgesteuerten Bleisetzmaschinen wurde die Texterfassung in den Zeitungsbetrieben immer mehr von Leuten ausgeführt, die keine Schriftsetzer waren und die die Eszett-Regeln nicht kannten. Dies führte zu unzähligen Korrekturen und zu für die Zeitungsproduktion teilweise problematischen Verzögerungen. Die "Neue Zürcher Zeitung" entschied am 4. November 1974 als letzte der schweizerischen Tageszeitungen, kein Eszett mehr zu verwenden. "Einige Schwarzkünstler", kommentiert die Zeitung am 15. Mai 2000 lakonisch, "weinten diesem Zeichen wohl noch ein paar symbolische Tränen nach, von der Leserschaft wurde dieser 'Verlust' aber kaum bedauert."

Der Sprachwissenschaftler Peter Gallmann hingegen legt unter Berufung auf Eisenbergs sogenannte "Silbengelenktheorie" eine andere Erklärung der schweizerischen Eszett-Feindschaft vor: Das Eszett bildet in den schweizerdeutschen Dialekten, also in der gesprochenen Sprache, ein Gelenk zwischen zwei Silben. Da es also im Grunde genommen zwei und nicht einer Silbe eines Wortes angehört, wird es in "ss" umgewandelt und auf diese Weise gleichmäßig auf beide Silben verteilt.

Woher kommt das Eszett, wie ist es entstanden? Holen wir Auskunft bei einem ausgewiesenen Experten, bei dem an der Universität Heidelberg lehrenden Wissenschaftler Dr. Wolfgang Scheuermann. Scheuermann unterhält im Internet eine Website zum Eszett (vgl. http://www.rzuser.uni-heidelberg.de /~ma8/eszet.html) und beschreibt die Entstehung des Buchstabens wie folgt.

In der deutschen Schrift gab es zwei s-Formen: Inmitten von Wörtern stand das Lang-s, am Ende einer semantischen Einheit das Rund-s. Wenn Lang-s und Rund-s zusammenkommen, entsteht ein merkwürdiges Gebilde, das die Ähnlichkeit mit dem "ß" nicht mehr verleugnen kann:

Da diese so genannte "Ligatur" sehr häufig ist, wurde ihr schließlich ein eigenes, nicht mehr auftrennbares Schriftzeichen gewidmet. Das Eszett war entstanden:

Daneben existiert die unter anderem vom renommierten "Deutschen Wörterbuch" der Gebrüder Grimm vertretene Auffassung, das Eszett leite sich - wie diese Bezeichnung es ja auch nahe legt - aus der Zusammenziehung eines "s" mit einem "z" her. In Ermangelung eines geeigneten Sonderzeichens zitieren wir das geschwänzte "z" als "¬":

"4) verwirrung ist in das verhältnis des in- und auslautenden s durch den eingriff eines alten hochdeutschen z-lautes gekommen, und zwar jener stufe desselben, die im in- und auslaute infolge der zweiten lautverschiebung an stelle eines alten einfachen t entstanden und von einer dem s ähnlichen, scharfen aussprache war (vgl. auch die ausführungen th. 3, 1126). diesen laut bezeichnete die alte schrift schwankend und vielfach ungenau, oft nicht anders als die anders ausgesprochene stufe des z im anlaute und in- und auslautend, wenn sie an stelle eines tt getreten; oft hob sie ihn von der letzteren stufe des z wenigstens im in- und auslaute dadurch ab, dasz sie diese durch tz bezeichnete (heizen, hiez gegen sitz, witze, antlutze); den scharfen s-ähnlichen laut strebte man durch verdoppelung des z namentlich im inlaute nach kurzem vocale anzudeuten (wa¬¬er, verme¬¬en, wi¬¬en, beslo¬¬en); der heutige in fachschriften durchgeführte zeichenunterschied zwischen z = tz und ¬ für den s-ähnlichen laut rührt erst von J. GRIMM her. im ahd. hatte die übersetzung Isidors die verschiedene aussprache zu bezeichnen gestrebt, indem sie ¬ durch zs und zss, z auszer im anlaute durch tz gab. an diese bezeichnung knüpft das 14. jh. wieder an, wenn es die schreibung sz für ¬ aufbringt (als eines z, das wie s ausgesprochen werden soll), eine schreibung, die sich erhalten hat und woraus die spätere und heutige ligatur in der sog. deutschen schreib- und druckschrift mit dem namen es - zet entstanden ist."

Es ist ohne weiteres möglich, das Eszett auch in der hier benannten Weise zu bilden - dies tut aber letztlich nichts zur Sache, denn auch diese Konstruktion (die vielleicht schreibtechnisch leichter ist) hätte keine andere Bedeutung als eben die eines verdoppelten "s".

Der Scheintod des Eszett wurde durch die Rechtschreibreform ausgelöst, in die er als das quantitativ bedeutendste Element eingeht. Der "Duden" verfügt nämlich, dass man "ss" anstatt "ß" für den stimmlosen s-Laut nach einem kurzen Vokal schreibt. Nach einem langen Vokal oder einem Doppellaut und vorausgesetzt, dass im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt, sollte das Eszett weiterhin sein bescheidenes Bleiberecht behalten. Man schreibt also zum Beispiel "Fluss", aber "Fleiß".

In Wirklichkeit ist die vorgebliche Reform Schnee vom vorvergangenen Jahrhundert. Oder, wie der erklärte Reformgegner Scheuermann schreibt: "Die Neuregelung ist neu ... aus der Mottenkiste geholt worden." In Wirklichkeit, so behauptet Wolfgang Mentrup vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, datiert ihre Erfindung auf das Jahr 1829. Man nennt sie auch die Heysesche S-Schreibung; es ist jedoch nicht geklärt, ob sie Johann Christian August Heyse (der 1829 starb) oder seinem Sohn Karl Wilhelm Ludwig Heyse zuzuschreiben ist.

Jedenfalls fand die Idee schon seinerzeit wenig Freunde. Auch Karl Heyses Sohn Paul, der erste "richtige" deutsche Literatur-Nobelpreisträger, verwandte sie offenkundig nicht. Immerhin wurde sie 50 Jahre nach ihrer Erfindung doch einmal offiziell eingeführt - von 1879 an galt sie in Österreich. Es sind aber keinerlei Klagen bekannt geworden, nachdem sie 1902 - zugunsten der Regelung der 2. Orthografischen Konferenz - wieder aufgegeben wurde. Ist nicht schon das historische Scheitern der Heyseschen S-Regelung ein Hinweis darauf, dass man dem Eszett nicht ungestraft zu Leibe rückt?

Der häufig gerühmte Vorteil, die Neuregelung befolge das "Stammprinzip" (z. B. "Kuss" wegen "küssen"), ist ja ohnehin nicht zutreffend: "Fluss"/"fließen", "Schloss"/"schließen" sind Gegenbeispiele, die sich beliebig vermehren lassen. Dafür können es Ausländer manchmal leichter haben, von der Schreibweise auf die Aussprache zurück zu schließen. Die Neuregelung führt nach der Ansicht von Harald Marx, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld, erwiesenermaßen zu mehr Fehlern in Schüleraufsätzen, Zeitschriften und Tageszeitungen (vgl. http://www.rechtschreibreform.com /Seiten2/Wissenschaft/011MarxBielefeld.html).

Während als erwünschter Effekt der Rechtschreibreform avisiert war, die Dehnung und Dopplung von Konsonanten mittels unterschiedlicher Verschriftungen ("ss", "ß") eines Phonems (/s/) zu visualisieren und damit die korrekte Lesung von Lang- und Kurzvokal auch auf Wortebene zu steuern, bestätigen sich eher die unerwünschten Reformwirkungen: Bei den von der Reform betroffenen s-Laut-Wörtern produzieren Kinder aller Klassenstufen signifikant mehr Fehler.

Neu sind Ausrutscher wie "Ärgerniss" oder "Verständniss". Bei Wörtern wie "Schussserie" oder "Kongresssaal" bringt die Neuregelung ein Dreifach-s hervor, das die Lesbarkeit erheblich verschlechtert. In der Tat: Mit dem Eszett wird zugleich auch ein hervorragendes Gliederungszeichen im Wort aufgegeben. Auf der anderen Seite wird eine Hauptfehlerquelle in Schüleraufsätzen, nämlich die Unterscheidung von "daß" und "das" von der Reform überhaupt nicht tangiert.

Jedenfalls wird die Verwendung des Eszett durch die Reform der deutschen Rechtschreibung erheblich eingeschränkt. In manchen Fällen wird es zugelassen, um in andern nonchalant durch seinen modernen Doppelgänger - das "ss" - ersetzt zu werden. Das ist aber längst noch nicht alles.

Mittlerweile ist der untote Buchstabe in der Praxis nämlich endgültig eingesegnet und zu Grabe getragen worden, und die sterblichen Überreste allenfalls in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und einer Handvoll anderer Printerzeugnisse zu bestaunen. (Vgl. die Auflistung unter http://www.gutes-deutsch.de/Kaufempfehlungen.htm.) Der Grund dafür ist, dass die "Duden"-Regelung in einer Art vorauseilendem Gehorsam gründlich missverstanden wurde. Schon nach kurzer Zeit ging nämlich das Gerücht, dass das Eszett durch das doppelte "s" ersetzt und damit generell abgeschafft sei. Der zweite Teil der Regelung wurde also überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Er fiel kurzerhand unter den Tisch. Bemerkenswerterweise nicht nur unter den von Schülern und Studenten, sondern vor auch unter den von Redakteuren und Werbetreibenden, also Leuten, die eigentlich professionell mit Sprache umgehen.

Wenn es schon so schlecht um das Eszett bestellt ist, dann wollen wir die Theatralik dieses Abgangs wenigstens nicht beschönigen. Rückzugsgefechte oder gar renitente Gegenwehr stehen von diesem Buchstaben nicht zu befürchten. Und trotzdem ist, was sich da vor aller Augen und doch in aller Heimlichkeit abspielt, ein bühnenreifes Spektakel. Darum ist jetzt ein entspanntes Zurücklehnen angesagt. Verfolgen Sie, wie sich der Vorhang nach dem Verlöschen der Lichter und unter dem Raunen des Publikums langsam öffnet ...

2. Vorhang auf: Trauerspiel in dreiunddreißig Aufzügen

Die Beispiele für die betriebsame Auslöschung des Eszett sind Legion und für jeden greifbar, der einmal mit offenen Augen die Zeitung aufschlägt, die Fußgängerzone durchschreitet oder die Werbung auf Plakaten und Autos betrachtet. Der gnadenlose Verdrängungswettbewerb, den das Doppel-s gegen das Eszett austrägt, hat selbst in auflagenstarke Broschüren und in die Großwerbung Einzug gehalten. Hier ist er ebenso zu besichtigen wie in der Korrespondenz kleiner und mittelständischer Unternehmen oder in privaten Schriftstücken.

Auf der Plastikflasche des Haarshampoos "Herbal Essences" notiert der Hersteller Clairol (Procter & Gamble): "Herbal Essences 2-in-1 ist Shampoo und Spülung in einem. Seine eigens entwickelte, klare Formel mit natürlichen Kräuteressenzen, pflanzlichen Wirkstoffen und reinem Bergquellwasser reinigt und pflegt genau im dem richtigen, auf Ihren Haartyp abgestimmten Mass."

Auf der Eintrittskarte des Cineplex-Kinos in Goslar lesen wir die Ankündigung: "Grosses Kino, grosse Gefühle". Auch die Steigerungsformen lassen es sich angelegen sein, dem Eszett gründlich den Garaus zu machen: Als "der grösste Markenmöbel-Anbieter in Deutschland" begrüßt Flamme in Frankfurt am Main seine Kunden beim Einbiegen auf den Parkplatz. Mit dem Wagen vor dem ehemaligen Fabrikgebäude angekommen, liest man es noch einmal auf einer feuerroten und gleich mehrere Meter hohen Plane: Mit seinen "vier riesigen Verkaufsetagen" ist Flamme Möbel unbestreitbar "der Grösste".

Sie sehen, schon, in Sachen Eszett bekommen Sie hier einiges zu schlucken. Darauf ein "Franziskaner Weissbier"! Denn auch die Traditionsbrauerei hat die Schriftzüge auf Flaschen, Gläsern und Sonnenschirmen eilfertig aktualisiert und uns damit ein weiteres hochprozentiges Beispiel geliefert.

Auch andere Spezialitäten haben einschlägige Eszett-Irrtümer im Gefolge. So bewirbt die Supermarkt-Kette Minimal als Dauer-Tief-Preis eine 300-Gramm-Packung "Unsere beste Grüne Sosse". Demselben Irrtum ist das Frankfurter Theaterensemble "TheaterGrüneSosse" aufgesessen, bei dessen Namensgebung vermutlich die komplementäre Eszett-freie Internet-Domain (vgl. http://www.gruenesosse.de) eine Rolle gespielt hat.

In der Tat wird das Kesseltreiben gegen das Eszett in jüngerer Zeit vor allem durch das Internet forciert. Denn das Eszett verweigert eigensinnig jede Kompatibilität mit dem Netz und den es durchforstenden Browsern. Nach dem Abseihen der Buchstabensuppe bleibt demzufolge nur das doppelte "s" in den Maschen hängen, so dass selbst gestandene Städte wie Groß-Umstadt zu bemitleidenswerten Doppel-s-Domains (vgl. http://www.gross-umstadt.de) mutieren.

Eine Rolle spielen sicher auch die mangelhaften Qualitätsstandards und die Nachlässigkeit der Web-Redaktionen. So findet sich auf den Seiten des Marburger Forums (vgl. http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2003-04/Altmeyer_Kaminer.htm) ein Beitrag der Philosophin Claudia Altmeyer, in dem von "grosse[n] Denker[n]" "anmassende[m] Selbstmitleid" und "Äusserlichkeiten" die Rede ist. Unfreiwillig komisch: "Potemkin grüsst" mit einem feinen Lächeln herüber.

In der Arztpraxis schlagen wir ein Magazin auf und bleiben auf einer Seite mit Printwerbung hängen. Auf einem Foto ist ein frisch vermähltes Paar zu sehen, dessen weiblicher Teil dem Betrachter ostentativ die frisch polierten Beißwerkzeuge zeigt. Der Slogan klingt vielversprechend: "Hochzeit in Weiss".

Apropos Weiß. Aus einer Grundschule in Mönchengladbach-Rheydt berichtet eine Lehrerin von einem Viertklässler namens Marcel Weiß, der seinen Namen nach der Rechtschreibreform auf Geheiß seiner Mutter fortan in "Marcel Weiss" abwandelte. Hatte die Mutter eine Unterschrift zu leisten, unterschrieb sie mit "Weiss". Damit nicht genug. Auch der Namensstempel, mit dem die Schulbücher des Jungen bedruckt wurden, vermeldete die Reform des Familiennamens.

Der Elektronik-Discounter Media Markt ("Ich bin doch nicht blöd") will in einer Zeitungsreklame Einzelstücke, Restposten und Auslaufmodelle an den Mann bringen. Leider entlarvt die Headline den vorgeblichen Sachverstand als unmissverständliche Fehlanzeige: "Wir schmeissen raus."

Längst hat der Eszett-Fehler sich selbst des Untergrunds bemächtigt: In der Frankfurter U-Bahn-Station Höhenstraße finden sich an der Wand gegenüber dem Bahnsteig vier Stationsbenennungen. Drei Mal ist der Name korrekt geschrieben, nur die zweite Standortbestimmung von links benennt eine "Höhenstrasse". Und an der U-Bahn-Station Messe weist uns ein Informationsschild auf die "Strassenbahnlinie" hin.

Sie sind mit Ihrer Geduld am Ende und möchten sich am liebsten schwarz auf weiß über diese Heimsuchungen beschweren? Dann unterzeichnen Sie die Protestnote doch mit "Ich verbleibe mit freundlichen Grüssen" - so wie es das Frankfurter Gartenbau-Unternehmen Hartmann in einem Kostenvoranschlag tut.

In Fällen wie dem letztgenannten - es handelt sich um private Anwender oder Kleinstunternehmen - hat vermutlich die Word-Autokorrektur zugeschlagen und das Eszett nonchalant durch das Doppel-s ersetzt. Dabei wurde die heimliche Eliminierung vom Schreibenden entweder nicht bemerkt oder Schulter zuckend akzeptiert. Microsoft hat bekanntlich immer Recht.

Ein dankbares Beispiel für den herrschenden Exzett-Exorzismus ist der Bereich Fußpflege. Die Produkte des Marktführers Scholl (SSL Healthcare) tragen so anregende Bezeichnungen wie "Fuss-Balsam", "Fusspilz-Schutz-Spray" und "Travel socks gegen geschwollene Füsse". Auch die Firma efasit betätigt sich in Sachen Eszett als Engelmacher und bietet seiner fußmüden Kundschaft ein "Vital-Fussbad", ein "Fuss- und Körperpuder" sowie ein "Fuss-Deospray" an. Die Firmen Crena footcare (für Credo Solingen), Titania, Hidrofugal (Beiersdorf) und Akileïne, "weltweiter Partner der Fuss-Spezialisten", halten es nicht anders.

Was bleibt, ist der ernüchternde Befund, dass sich Unternehmen, die ausschließlich im Bereich Fußpflege tätig sind, so geschlossen für eine eigene Interpretation der Eszett-Regelung einsetzen.

Ein echtes Highlight sind die Einsatzfahrzeuge der "Frankfurter Fussweg-Reinigung". Nicht nur, weil diese einen promovierten Akademiker (Dr. Feiler & Co. oHG) auf ihren Pkw umherfahren. Sondern, weil sie neben dem grassierenden "Fuss"-Malheur gleich auch noch so exklusive Leistungen wie "Strassenreinigung" und "Verkehrsmassnahmen" bewerben.

Mit einem Sonderprospekt zum Schulanfang beteiligt sich die Großmarktkette real an der Zwangsausweisung des Eszett. Denn der ABC-Schütze soll dank der nützlichen Dinge aus der real-Produktpalette wie Füller und Bastelschere gute Noten mit nach Hause bringen. Merkwürdig allerdings, dass real den Wunschtraum von der Erreichung des Klassenziels ausgerechnet in einer Headline anpreist, die das genaue Gegenteil verheißt: "Bloss nicht kleben bleiben."

Jack Wolfskin, die bekannte Marke für Outdoor-Artikel, führt in ihrer Firmenbezeichnung offiziell die Angaben "Ausrüstung für Draussen GmbH & Co. KG aA".

Über einem Ladenlokal - einem Salon für medizinische Fußpflege und Massage - prangt ein beleuchtetes Schild mit der Aufschrift "Schönsein von Innen und Aussen!". Nur ein paar Gehminuten entfernt gibt es eine Geflügel-Fleischerei. Passend zur Saison kommt hier nicht nur eingelegtes Hähnchenfilet auf den Grill, nein, die Zähne graben sich auch in saftige "Spiesse".

Das Frankfurter Stadtmagazin "FRITZ" will seine männlichen Leser in der Juli-Ausgabe 2003 auf seinen Schmuddelseiten - denen mit den unverhüllten nackten Tatsachen - mit einer ganz und gar unplatonischen Verlockung ködern. Über einer einschlägigen Hotline-Telefonnummer ist zu lesen: "Junge Frauen (18+) suchen junge Männer für eine heisse Nacht zu zweit."

Das Adjektiv "süss" ("Ich bin wirklich ein süsser Typ (30/1,89 groß), dunkelblond, gut gebaut und suche dich ...") taucht übrigens nicht nur als schönfärberische Selbstcharakterisierung in Kontaktanzeigen auf. Mitunter wird es auch einem Gegenüber zugeschrieben. Im Aufgang einer U-Bahn-Station fällt unser Blick auf eine an die Wand gesprühte Liebeserklärung: "FÜR MEINE SÜSSE PRINZESSIN".

Dabei ist das letzte Beispiel eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Genauso wie das auf den Plakaten der 2003 bundesweit angelaufenen Kampagne für den Likör Ramazotti. "FLIESSEND ITALIENISCH" lautet der einschlägige Slogan, der für unser Trauerspiel leider ganz und gar unbrauchbar ist. Bei der durchgängigen Verwendung von Großbuchstaben (Majuskeln), so lautet nämlich eine Vorschrift der amtlichen Regelung, kommt das Doppel-s zum Einsatz - unabhängig davon, welche Art von Vokal vorangeht. Der Grund für diesen Sonderfall ist typografischer Natur. Wie erwähnt existiert das Eszett nur als Kleinbuchstabe und lässt sich deshalb nicht in die Majuskelreihe integrieren.

Dafür, und um uns wieder den wahren Eszett-Verächtern zuzuwenden, wird in einer Kleinanzeige ("Frankfurter Rundschau" vom 5. Juli 2003) eine tüchtige Verkäuferin für einen "Süsswaren /Getränkeshop" gesucht. Und was soll man erst - so steht es auf der rosafarbenen Markise und dem geschäftseigenen Aufkleber geschrieben - über die Ladenkette namens "Susi Süsses Kaufhaus" vermelden?

Angesichts dieser Litanei der Fehlgriffe, der schleichenden Verdrängung und des blindwütigen Ausmerzen-Wollens möchte man glatt umziehen. Aber wohin? Jedenfalls nicht nach "Giessen", denn dieses Beispiel aus einem Werbeanschreiben des immerhin mit vier Sternen ausgezeichneten Best-Western-Hotels Steinsgarten beweist eindrucksvoll, dass selbst Städtenamen nicht vor einer behänden 'Aktualisierung' gefeit sind. In der Tat erlebt sich die Gießener Bevölkerung heute in Plakaten, Schildern und sonstigen Printerzeugnissen zweigeteilt.

Die in edles Silber gewandete Broschüre "Unternehmensgrundsätze" des in über 80 Ländern der Welt vertretenen Lebensmittelkonzerns Nestlé, eines echten Global Players, besticht durch konsequente Falschanwendung der Eszett-Regeln. Da werden "Massnahmen" zur Eindämmung der Kinderarbeit ergriffen und "ausserdem" die Bestimmungen irgendeiner Charta berücksichtigt. Und natürlich wird die Einhaltung der Unternehmensgrundsätze "regelmässig" von internen Auditoren überprüft.

Sicherlich entschärft die Schweizer Herkunft des Nestlé-Konzerns solche Auswüchse, das aber ändert genauso wenig an der Fehlerhaftigkeit der deutschen Broschüre wie der Fall der deutschlandweit vertriebenen Nestlé-Schokolade "Die Weisse".

Seit einiger Zeit hat die Deutsche Bahn AG in den Bahnhöfen sogenannte SOS/Info-Säulen aufgestellt, die allerdings meistens außer Betrieb sind. Oder, wie es im Display zu lesen ist, "Ausser Betrieb". Der Frankfurter Hauptbahnhof, wo die digitale Eszett-Panne ebenfalls zu anzutreffen ist, legt noch einmal nach und stellt den Reisenden in der Nähe des Nordausgangs "Schliessfächer" zur Verfügung.

"Viel Spass beim Shoppen." - Das aktuelle Magazin 2003 von T.H. Kleen/Otto Boenicke, eines großen Anbieters von Tabak und Werbegeschenken, befleißigt sich fast durchgängig der Falschschreibung in Sachen Eszett. Wir greifen willkürlich einige Beispiele heraus, bei denen die Korrekturfunktion des mitlaufenden Rechtschreibprogramms die Seite Format füllend in ein freundliches Rot taucht:

"Ein spritziges Vergnügen für heisse Tage"

"Nützliches für Drinnen und Draussen"

"Massstabsgetreue Spritzguss-Motorräder"

"Innen- und Funkaussenthermometer"

"Maximaler Spass - minimaler Preis"

"'Jumper' heisst der witzige Keyring, ..."

"Verschleissfreie Pumptechnik"

"Sie suchen ein aussergewöhnliches Geschenk?"

So ist uns am Ende unseres Trauerspiels ganz frostig zumute geworden. Ungefähr so, wie mit einem Löffel Langnese Cremissimo-Eis im Mund. Sie möchten gerne erfahren, warum? Natürlich, weil die 850ml-Packung lauter "Geniesser-Früchte" enthält.

3. Epilog: Theorie der Alltagsirrtümer und "Angewandtes Nichtwissen"

Jetzt haben Sie es fast geschafft, der dramatische Teil der Aufführung ist bewältigt. Was nun folgt, sind Zusammenschau, These und Synthese. Oder, wer weiß das schon so genau, Flötentöne und Abgesänge.

Die vorschnelle Einsegnung des Eszett dokumentiert ein zwanghaftes Aktualisierungsbedürfnis. Kaum war die neue deutsche Rechtschreibung amtlich, da wurde in Echtzeit umgestellt. Vor allem dort, wo es gar nichts umzustellen gab. Das gehetzte Richtigmachenwollen, ohne dass die Journalisten, Redakteure, Werbetexter und Entscheider wirklich wüssten, wie man richtig schreibt, hat seinen Preis. Nämlich, dass die Übererfüllung der Regel mit genau dieser Regel bricht und Widersinnigkeiten am laufenden Band produziert - orthografisch invalide Broschüren, Flyer, Hinweisschilder, Plakate und Schilder soweit das Auge reicht.

Das ist die Rache des lebendig begrabenen Eszett.

Schlimmer noch als für den Gesichtssinn ist das rhizomatisch wuchernde "ss" für das Gehör. Denn es verwandelt, spricht man das Wort tatsächlich aus, den langen Vokal in einen kurzen. "Spass" beiseite: Man muss sich die ganzen "Massnahmen", "Füsse" und "Grüsse" nur einmal auf der Zunge zergehen lassen, um zu erkennen, dass sich die Fraktion der Eszett-Ausradierer schon phonetisch in einer Sackgasse befindet, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Bleibt die Frage nach den Gründen. Woher stammt das blinde Vertrauen, mit dem das Eszett nonchalant durch das Doppel-s ersetzt wird? Liegt die Ursache in eigenen Lektüreerfahrungen (Doppel-s nach kurzem Vokal), die kurzschlüssig auf alle anderen Fälle der Eszett-Verwendung übertragen wurde? Geht von diesen, nicht als solchen identifizierten Fehlern eine Lenkwirkung aus, d. h. sind diese Zentren für die epidemische Ausbreitung der Unstimmigkeiten verantwortlich? Jedenfalls scheint bei der chronischen Verletzung der das Eszett betreffenden Rechtschreibregeln ein Nachahmungseffekt im Spiel zu sein.

Bevor wir diese Spur weiter verfolgen, schlagen wir Walter Krämers und Götz Trenklers "Lexikon populärer Irrtümer" auf. Die Autoren verfolgen das Ansinnen, einen Großteil unseres vermeintlich gut gesicherten Alltagswissens als Folklore zu entlarven. So erfahren wir zum Beispiel, dass Leonardo da Vincis weltberühmte "Mona Lisa" in Wirklichkeit gar nicht die Mona Lisa abbildet, Spinat eigentlich kaum Eisen enthält, Mäuse überhaupt nicht besonders gerne Käse fressen und dass weder Kaugummi noch Ketchup aus den USA stammen. In ihrem "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" weisen Udo Pollmer und Susanne Warmuth ähnliche Fehlurteile für den Bereich der Ernährung nach, z. B. für den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Lebenserwartung.

Von unseren Irrtümern lebt inzwischen eine ganze Lexikon-Industrie. Neben den genannten Lexika sind bei den Verlagen Eichborn und Piper noch zahlreiche weitere Titel erschienen, darunter das "Lexikon der populären Sprachirrtümer" (2003), das "Lexikon der Öko-Irrtümer" (2002) oder das "Lexikon der Psycho-Irrtümer" (2002).

Im Zeitalter von Dietrich Schwanitz, Günther Jauch und literarischer Kanondiskussion kommt es offenbar nicht nur auf Bildung und gut gesicherte Wissensbestände an. Man beschäftigt sich genauso - gut aufklärerisch - mit der Kehrseite, den blinden Flecken des Wissens. Auf Schritt und Tritt, so wird uns suggeriert, lauern Irrtümer und Halbwahrheiten. Wer sich unbesehen auf Überlieferungen verlässt, wird gleichfalls von Fehlurteilen heimgesucht. Deswegen muss man den Dingen wieder auf den Grund gehen. So, als ob man einen beschlagenen Spiegel von einem frevelhaften Hauch reinigen müsste und die Wahrheit auf diese Weise wieder zum Vorschein käme.

Wie konnten sich unsere alltäglichen Irrtümer so lange am Leben halten? Die Antworten sind Krämer und Trenkler zufolge so vielfältig wie die vorgestellten Beispiele selbst:

"Einige (Irrtümer) überleben, weil sie nützlich sind - zum Durchsetzen oder Kaschieren von Interessen - oder weil es bequem ist, oder weil der Pfarrer oder die Gewerkschaft es so sagt, oder weil man seine Ruhe haben will. Andere, wie die bekannte Großstadtsage von der Ratte in der Pizza, dienen dem unbewussten Ausleben von Ängsten und Aggressionen, die sich in solchen Mythen ungestraft entladen dürfen, wieder andere, wie das Märchen von der grundsätzlichen Gefährlichkeit des Alkohols, werden von wohlmeinenden Paternalisten vor allem zum Schutze des dummen Volkes ausgebreitet, das ja bekanntlich die Wahrheit nicht verträgt, und wieder andere sind glatte Lügen oder simple Denkfehler, die nur noch nicht entschleiert worden sind."

Besonders schwer sind Alltagsirrtümer zu demaskieren, wenn sie auf einer Verwechselung von Korrelation und Kausalität beruhen. Man nennt zwei Variablen korreliert, wenn hohe Werte der einen typischerweise mit hohen Werten der anderen auftreten und umgekehrt. Eine solche Korrelation muss aber nicht bedeuten, dass die eine Variable die Ursache der anderen ist. Oft entsteht eine Korrelation zweier Variablen durch eine unbekannte Hintergrundvariable, die auf beide wirkt.

Ein Beispiel: die um fünf bis zu fünfzehn Jahre höhere Lebenserwartung von verheirateten Männern. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, Ehemänner würden älter als ihre unverheirateten Geschlechtsgenossen, weil sie verheiratet sind, muss man korrigierend feststellen, dass die Ehe nicht die Ursache, sondern die (Neben-)Wirkung eines langen Lebens ist. Als Hintergrundvariable lässt sich eine Persönlichkeitsstruktur aufweisen: Der Tendenz nach finden sich unter den Verheirateten eher Personen, die ein geregeltes Leben schätzen und auf ihre Gesundheit achten. Kriminelle und Menschen, die hohe Risiken eingehen, halten sich stärker als andere dem Eheleben fern.

Eine entsprechende Sorgfalt müssen wir auch bei der Auflösung des Eszett-Irrtums walten lassen. Denn dass die Eszett-Regelung vielfach missverstanden oder fehlinterpretiert wurde, ist für sich genommen noch kein Tatbestand eines Alltagsirrtums - sondern möglicherweise nur des einfachen Nichtwissens, der mangelnden Kenntnis, vielleicht der Dummheit. Nichtsdestotrotz deutet das gehäufte Auftreten dieses Irrtums auf eine gemeinsame, möglicherweise komplexe Ursache hin. Wir sind also auf der Suche nach dem Ursprung für ein kollektives Missverständnis.

Wie sich Irrtümer verbreiten und zu normativen Verhaltensvorgaben werden, erleben wir täglich, z. B. im Straßenverkehr. Etwa beim "Reißverschluss"-Verfahren: Wenn sich eine zweispurige Straße zu einer einspurigen verengt, ist es am vernünftigsten, auf der linken Spur bis an das Spurende heranzufahren und sich erst dort (und nicht etwa früher) in die Kolonne auf der rechten Spur einzufädeln. Der Vorteil besteht darin, dass der Raum auf der linken Spur effizient ausgenutzt wird und die Gefahr eines Rückstaus sinkt. Trotzdem wird das Reißverschluss-Verfahren hierzulande häufiger als in anderen Ländern völlig falsch praktiziert, nämlich durch Einfädeln weit vor der Spurverengung. Warum ist das so?

Die Verkehrsteilnehmer fädeln sich früher ein, weil viele dies tun und 'Früheinfädeln' als das vorausschauendere und kompetentere Verkehrsverhalten gilt. Manche Autofahrer verhalten sich so, um nicht den Rest der Spur für vermeintliche Überholmanöver zu missbrauchen und als rücksichtslose Drängler oder Verkehrsrowdies verunglimpft zu werden. Hinzu tritt die Erfahrung, als 'Späteinfädler' nicht oder zumindest nicht in absehbarer Zeit auf die rechte Spur gelassen zu werden. Der anfängliche Zeitgewinn wird also wenig später durch überlanges Warten zunichte gemacht. Vermutlich haben wir es hier mit einem Zusammenspiel von rationaler Fehleinschätzung und einem internalisierten sozialen Rechtfertigungsdruck zu tun.

Am plausibelsten ist der beobachtete Nachahmungs- oder Lemming-Effekt durch den Einsatz des so genannten "Angewandten Nichtwissens" zu erklären: Obwohl das 'Späteinfädeln' das offenkundig vernünftigste Verhalten ist, haben sich die 'Früheinfädler' an irgendeinem Punkt ihrer Verkehrssozialisation entschlossen, dem Beispiel der anderen zu folgen und nicht weiter in eigene Denkanstrengungen bezüglich ihres Tuns zu investieren. Mit den genannten, nicht selten chaotischen Folgen.

"Angewandtes Nichtwissen" beruht nach Ansicht der Mitarbeiter des "Institute for Applied Ignorance e. V." mit Sitz an der Universität Siegen (vgl. http://www.uni-siegen.de/~ifan/) auf einer einfachen Rentabiliätsabschätzung: "Angewandtes Nichtwissen ist das Handeln und Entscheiden auf der Grundlage nicht objektivierbarer, aber dennoch nicht beliebiger Begriffe und Vorstellungen. [...] Im Unterschied zum nicht angewandten Wissen verzichten wir bewusst und rational auf prinzipiell erlangbares Wissen, und zwar aus einer rationalen Abwägung zwischen dem Nutzen zusätzlichen Wissens und den mit seiner Gewinnung verbundenen Kosten." (Michael Gail)

An dem Punkt, an dem der Aufwand zur Erlangung vollständigeren Wissens größer wird als sein tatsächlicher Nutzen, verzichten wir also auf weiteren Erkenntniszuwachs. Ab hier wäre ein Weiterfragen und -forschen schlichtweg unvernünftig. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn Sie einen bestimmten Fernseher kaufen möchten, dann vergleichen Sie vielleicht die Preise, die zwei, drei oder vier Fachhändler für dieses Gerät veranschlagen, aber niemals die Preise aller Händler im gesamten Bundesgebiet. Irgendwann weiß man einfach genug. Als pragmatisches Erkenntnismittel besitzt Angewandtes Nichtwissen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für unser Tun.

Dieser Argumentation soll hier keineswegs widersprochen werden. Aber wir möchten sie um einen wichtigen Punkt ergänzen: Angewandtes Nichtwissen, so lautet unsere These, ist nicht eine per se zu Unrecht vernachlässigte Insel im rauhen Meer des Wissens, seine schändlich unterschätzte Näherungsform. Mitunter hebelt gerade das Angewandte Nichtwissen wirkliches Wissen aus und unterminiert es - in Form einer Halbwahrheit oder eines in der Praxis 'erfolgreich' durchgesetzten Fehlers. Es existiert mit anderen Worten eine Form eines irrtümlich Angewandten Nichtwissens. Einer seiner Verbreitungswege ist die Nachahmung bei gleichzeitigem Verzicht auf kritische Prüfung.

Für die Doppel-s-Verfechter ist das Eszett mit der neuen amtlichen Rechtschreibung endgültig verschwunden. So wurde es ihnen von Freunden und Bekannten kolportiert. Auch aus ihrer eigenen Leseerfahrung kennen sie ausschließlich die Eszett-freie Schreibweise. Unter den ihnen geläufigen Beispielen finden sich einige regelkonforme Anwendungsfälle, aber, wie unser Trauerspiel gezeigt hat, auch zahlreiche Unregelmäßigkeiten. Die Eszett-Verächter hingegen nehmen ihre Beobachtungen als ein geschlossenes Ganzes wahr. Da sie die diesbezügliche Regel zumindest nicht vollständig kennen, differenzieren sie auch nicht zwischen der Schreibweise nach kurzen und der nach langen Vokalen. Stoßen sie in einem Text tatsächlich einmal auf ein Eszett, so belächeln sie es als antiquiert und regelwidrig.

Die Nachahmungsthese lässt sich durch ein schlagendes Beispiel erhärten. Im Produktsortiment von Maggi und Erasco findet sich ein Heißgetränk, dessen Verpackungstexte sich einer fast identischen Wortwahl bedienen. In diesem Fall hat der Erasco-Texter vom Maggi-Texter abgeschrieben - oder umgekehrt -, und bei dieser freundlichen Übernahme auch den Eszett-Fehler reproduziert. Dabei widersprechen die zwei unterschiedlichen Schreibweisen im Erasco-Text ("heiss" und "heiß") unserer These keineswegs, sondern deuten im Gegenteil auf eine mangelnde Sensibilität im Umgang mit dem Eszett hin.

Tütenaufschrift Maggi: "Heisser Becher"

"Der schnelle, feine Genuss für zwischendurch - im Nu zubereitet, überall wo es heisses Wasser gibt."

Tütenaufschrift Erasco: "Heisse Tasse"

"Zwischendurch mal was Gutes genießen. Im Büro, zu Hause oder überall wo's heißes Wasser gibt. Schmeckt echt lecker und ist im Nu zubereitet."

Mit der Nachahmung als handlungsbestimmendem Faktor für das irrtümlich Angewandte Nichtwissen interferiert eine zweite, nämlich intrapsychische Ursache. Die Schuldidaktik kennt den Begriff der "Übergeneralisierung" zur Beschreibung einer beliebten Fehlerquelle, z. B. beim Erlernen der Rechtschreibung. Übergeneralisierung besagt, dass eine einmal erkannte Regel im Übereifer auch dort Anwendung findet, wo sie eigentlich nicht zutrifft. Übertragen auf das Eszett-Problem: Viele verwenden seit der Rechtschreibreform unterschiedslos nur noch die Schreibung "ss" und haben das Eszett völlig aus ihrem Sprachgebrauch verdrängt, obwohl dieser Buchstabe in der deutschen Sprache ja nach wie vor einen klar definierten Verwendungsbereich hat.

Wir fassen zusammen. Im Kontext der Eszett-Problematik beruht das fälschlicherweise Angewandte Nichtwissen auf einem allzu leichtfertigen Verzicht, sich verbürgtes Wissen zu verschaffen. Die Wahrnehmung, dass das Eszett in einer begrenzten Anzahl von Fällen durch das doppelte "s" ersetzt wurde, scheint zusammen mit der übergeneralisierten "Duden"-Regelung selbst für professionelle Textproduzenten völlig hinreichend, um daraus operationelles Wissen zu generieren. Wie sonst wäre zu erklären, dass selbst hoch bezahlte Kreativ-Direktoren darauf verzichten, sich durch das Nachschlagen im Wörterbuch rückzuversichern? Es ist schon paradox, dass man von enormem logistischem und wirtschaftlichem Aufwand begleitete Werbekampagnen anrollen lässt, aber die drei, vier Schritte in Richtung Bücherregal scheut.

Der Leidtragende ist das Eszett, das schon durch die Rechtschreibreform zum Kellerkind unter den Buchstaben abgestempelt wurde und als Schatten seiner selbst ein bemitleidenswertes Dasein fristet. Derart geschwächt, droht es nunmehr völlig zu verschwinden. Ob sich Reanimationsversuche wie der vorliegende als Tropf gegen das verrinnende Leben oder eher als Tropfen auf den heißen Stein herausstellen werden, bleibt abzuwarten. Der Vorhang für das erste Gastspiel jedenfalls ist gefallen, der Zuschauerstrom drängt durch die weit geöffneten Türen ins Freie. Weitere Vorstellungen werden folgen, wobei der Regisseur Besetzung und Handlung von Aufführung zu Aufführung leicht variieren wird. Ob dem Eszett nun ein schneller Buchstaben-Tod vergönnt sein wird? Ob es weiterhin in mattem Siechtum dahinvegetiert? Oder ob es gar irgendwann unter den standing ovations des Publikums eine glänzende, von Pauken und Trompeten begleitete Wiederauferstehung feiert? Ausgang ungewiss.

Titelbild

Walter Krämer / Götz Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer. 500 kapitale Missverständnisse, Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zeppelin.
Piper Verlag, München 2002.
411 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-10: 3492224466

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Titelbild

Udo Pollmer / Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Alkohol bis Zucker.
Piper Verlag, München 2003.
432 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-10: 3492240232

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ungewußt. Die Zeitschrift für Angewandtes Nichtwissen. Heft 10 Winter 2002/2003.
Institut für Angewandtes Nichtwissen e.V., Siegen 2003.
78 Seiten, 2,50 EUR.
ISSN: 0946106x

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Leserbriefe

Marco Gisse: Lieber Herr Müller, liebe Frau Winkler, auch hier in Gießen (das von den beschriebenen Grablegungsversuchen mitunter besonders schwer getroffen ist) verweigert man sich noch hier und da der von Ihnen beschriebenen Tendenz. Ich ...

Otto Stolz: Lieber Herr Müller, entgegen Ihrer Darstelling unter "Sprachwissenschaftliches Vorspiel" war der stimmlose S-Laut schon vor der Rechtschreibreform nach langen Vokalen als "ß", nach kurzen als "ss" zu ...

Erika Ciesla: Eines verstehe ich nicht. Sie beklagen das allmähliche Verschwinden der sz-Ligatur, schreiben selbst aber die Konjunktion „daß“ beharrlich mit „ss“, tragen also ebenfalls mit dazu bei, daß das ...

Brekle Herbert E.: Zur schriftmorphologischen Entwicklung der Ligatur ß vgl. Gutenberg-Jahrbuch 2001, S. 67-76. Zum Gebrauch von langem und runden s siehe Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 6 (1996) S.95-112. ...

Daniel Keller: Liebe Leser Lieber Herr Müller Ich bin auf diesen Artikel gestossen, da ich als Schweizer endlich einmal heraus finden wollte, was es mit diesem seltsamen ss-Buchstaben auf sich hat. Der Buchstabe fehlt leider auf meiner ...





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