Mitten im Leben von Staatsmacht umgeben

Alles hat ein Ende, nur Thomas Brussigs Sonnenallee hat drei

Von Tobias Rüther

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die Alliierten 1945 in Potsdam ihre Berliner Sektorengrenzen verlegten, wandelte Stalin eine poetische Laune an. Wegen ihres malerischen Namens weigerte er sich partout, den Amerikanern die Neuköllner Sonnenallee zu lassen. Sie stritten heftig. Zwischen zwei Zigarrenzügen sprach Churchill schließlich dem Genossen ein Stück der Sonnenallee zu. Fortan besaß die Allee drei Enden. Das obere, westliche Ende mündete in den Hermannplatz. Das mittlere Ende war ein Grenzübergang an der südöstlichen Spitze des Bezirks Neukölln. Jenseits der Mauer verlief die Sonnenallee noch ein kleines Stück weiter und zweigte nach sechzig Metern ab in den Baumschulenweg. Wer an diesem Streifen lebte, verwünschte wohl Stalins Starrsinn, Trumans Einlenken und Churchills Großzügigkeit.

Micha Kuppisch stellt sich vor, es habe sich in Potsdam ungefähr so verhalten. Er ist der jugendliche Held aus Thomas Brussigs "Am kürzeren Ende der Sonnenallee". Micha ist ein Held wider alle Umstände. Denn er ist siebzehn Jahre alt und verliebt, und obendrein an jenem Stückchen Straße zur Welt gekommen, das Stalin Truman abtrotzte. Es ist eine reglementierte, observierte und kontrollierte Welt, in der Micha und seine Freunde leben: die DDR der siebziger Jahre. Der ABV patrouilliert sie und die Grenzposten spähen von ihren Türmen herüber, wenn Wuschel, Brille, Mario und Micha sich auf dem Spielplatz treffen, um verbotene Musik zu spielen, mitgeschnitten im West-Funk bei SFBeat. Die Schuldirektorin ahndet jedes Abweichlertum und straft es mit "Diskussionsbeiträgen". Wenn etwa im Schulfoyer eine Parole verkündet, die Partei sei nunmehr die Vorhaut und nicht länger die Vorhut der Arbeiterklasse, dann muß der Übeltäter büßen und sozialistische Selbstkritik üben. Ein anderes Mal erzielt Mario "im Sportunterrricht beim Handgranatenweitwurf nur vier Meter. Das war pazifistisch gemeint, aber Mario mußte fünfzig Liegestütze, davon zehn mit Klatschen machen, damit er mehr Körner bekommt." Anecken gilt als ehrenwert.

Freunde wie Mario nennt Micha sein "Potential". "Was er damit meinte, wußte er selbst nicht genau, aber er fühlte, daß es was zu bedeuten hatte, wenn alle aus der gleichen Q3a-Etage kamen, sich jeden Tag trafen, in den gleichen Klamotten zeigten, dieselbe Musik hörten, dieselbe Sehnsucht spürten und sich mit jedem Tag deutlicher erstarken fühlten - um, wenn sie endlich erwachsen sind, alles, alles anders zu machen. Micha hielt es sogar für ein hoffnungsvolles Zeichen, daß alle dasselbe Mädchen liebten." Sie heißt Miriam. Tritt sie auf die Sonnenallee, stockt der Grenzverkehr und jedem männlichen Wachposten und Westbesuch der Atem. Miriam knutscht leider nur Westler. Micha ist unglücklich. Schmachten und Zaudern ist ihm eine Weile eins. Dann nimmt er all seinen Mut zusammen. Und wie im klassischen Bildungsroman reift der Held und eignet sich seine Welt an, indem er das Herz einer Frau gewinnt. Zunächst jedoch mißlingt alles: Als Micha auf der Schuldisco wagt, Miriam aufzufordern, spielt der DJ eine tschechische Schnulze. Als Miriam ihm hinter dem Vorhang der Schulaula zeigen will, wie Westler küssen, wird sie im höchsten Augenblick - schon spürt er ihre Lippen nahe und ist umnebelt von Blumenduft - zum Diskussionsbeitrag auf die Bühne gerufen. Und als Miriam schließlich anruft und Micha auf ihr Zimmer bittet, verhaftet ihn der ABV, weil er ohne Papiere das Haus verließ. Eine Nacht verbringt er in der Zelle. Sein Fernbleiben trägt Miriam ihm vier Wochen lang nach.

Endlich verabreden sich die beiden zum Kino, man gibt "In achtzig Tagen um die Welt". Als Miriam und Micha das Theater verlassen, rollen Panzer auf der Karl-Marx-Allee. Die NVA probt die Parade zum 7. Oktober. Miriam aber, die sich von der Geschichte Phileas Foggs und süßem Fernweh hatte davontragen lassen, trifft der Anblick wie ein Schlag. Sie verkriecht sich zuhaus, liegt reglos in den Kissen, dämmert tagelang. "Als Micha bei Miriam am Bett saß, wurde ihm ganz anders. Er kannte die Geschichten von Leuten, die in diesem Land kaputtgehn, und er hatte nur einen Wunsch: Daß er Miriam retten wird." Nur wie? Micha beginnt ein retrospektives Tagebuch zu verfassen, um Miriam daraus vorzulesen, wie zum Beweis, daß sie nicht allein sei mit dem Elend. Eine Nacht und sieben Tintenpatronen später sind mehrere Bände vollbracht. Der allererste Eintrag lautet: "Liebes Tagebuch! Heute war ein wichtiger Tag, denn wir haben heute das ß gelernt. Jetzt lohnt es sich, mit dem Tagebuch anzufangen, weil ich jetzt endlich ein ganz wichtiges Wort schreiben kann, das ich bis jetzt immer nur denken konnte: SCHEISSE!" Da erwacht Miriam lächelnd wie im Märchen, beugt sich zum Helden und lehrt ihn, wie Westler küssen.

Thomas Brussigs neues Werk ist ein Episodenroman. Wie Perlen an einer Kette reiht der Autor kleine Grotesken, Komödien und Melodramen aneinander. "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" geht aus einem Drehbuch hervor, das Brussig gemeinsam mit Leander Haußmann verfaßt hat. Haußmanns Film ist laut, fahrig und sehr komisch. Brussig hat für seine Romanfassung den Ton gedämpft, ohne dabei an Witz einzubüßen. Er hat zudem das atemlose Lamento seines Erfolgsroman "Helden wie wir" abgelegt, es eingetauscht gegen bedächtige, leise Melancholie. "Mensch, was haben wir die Luft bewegt", schreibt Micha ins erfundene Tagebuch. "Es wäre ewig so weitergegangen. Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert. Wir waren alle so klug, so belesen, so interessiert, aber unterm Strich war´s idiotisch. Wir stürmten in die Zukunft, aber wir waren sowas von gestern. Mein Gott, waren wir komisch, und wir haben es nicht einmal gemerkt." Brussig ist unversöhnt mit dem untergegangenen Land, dessen verlorener Zeit er nachspürt. Sein Buch ist dort besonders eindringlich, wo die Figuren dem Regime in seiner verästelten, ausgreifenden Herrschaft begegnen. Mitten im Leben sind sie von der Staatsmacht umgeben, auch wenn Micha und sein Potential diese Macht veralbern, unterlaufen und zurückdrängen, ihre Schwächen und Absurditäten freilegen. Eine kommode Diktatur ist ihre DDR keineswegs.

Wer wirklich bewahren wolle, was geschehen sei, heißt es zuletzt, der dürfe sich nicht der verklärenden Kraft von Erinnerungen hingeben. Die traurige Moral des kleinen, feinen Romans lautet demnach: "Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen."

Titelbild

Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Roman.
Verlag Volk & Welt, Berlin 1999.
144 Seiten, 14,30 EUR.
ISBN-10: 3353011684

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