Führer der Emigration

Martina Hoffschule analysiert Thomas Manns Rundfunkreden "Deutsche Hörer!" im Werkkontext

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1938 emigrierte Thomas Mann, nachdem ihm eine Gastprofessur in Princeton angetragen wurde, in die Vereinigten Staaten und setzte dort in einer Vielzahl von Schriften und Reden seinen Kampf gegen Hitler und den Nationalsozialismus fort. Die breiteste Wirkung erzielten die von der BBC von 1940 bis 1945 monatlich gesendeten und insgesamt 58mal nach Deutschland übermittelten Radiobotschaften "Deutsche Hörer!", deren erklärtes Ziel es war, die deutschen Hörer zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aufzurufen. Die Radioreden stellen zweifelsohne die entschiedensten und kompromisslosesten Äußerungen Thomas Manns zu Fragen des Zeitgeschehens dar.

Die vorliegende Arbeit Martina Hoffschultes bietet eine eingehende Analyse der Reden unter Berücksichtigung gleich mehrerer zeitgeschichtlicher Kontexte: Exilsituation, Thomas Manns Faschismuseinschätzung, seine Gegenüberstellung Hitlers als "Feind der Menschheit" und Roosevelts als "Politiker des Guten", nationalsozialistischer Missbrauch der Sprache, Manns Rhetorik, die in den Rundfunkansprachen thematisierte Schuldfrage, das Thema des deutschen Widerstands und schließlich Thomas Manns Idee eines neu zu konzipierenden Europa. Ziel der Untersuchung ist eine grundsätzliche Darstellung der Korrelation von Thomas Manns öffentlichen politischen Äußerungen mit seinen kulturellen Einstellungen, privaten Stellungnahmen und seinen literarischen Texten, hier besonders den epischen Kurzformen "Das Gesetz" und "Mario und der Zauberer", aber auch mit Blick auf die "Joseph"-Tetralogie und den "Doktor Faustus". Durchaus neuartig ist die methodische Situierung: eine Verbindung von solider Quellenkritik anhand des Materials aus dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich und des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt am Main mit einer mentalitäts- und diskursgeschichtlichen Einbettung. Nach einer akribischen Betrachtung der unmittelbaren Kontexte der jeweiligen Reden, der Exilsituation, der Abhängigkeit von der Rundfunkbehörde - handelt es sich bei den Ansprachen doch immerhin um eine Auftragsarbeit für die BBC - geht es der Verfasserin primär um Thomas Manns Faschismuseinschätzung.

Thomas Mann verwendet den Begriff "Faschismus" für eine internationale Erscheinung im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre; den deutschen Nationalsozialismus betrachtet er als eine Spielart dieses internationalen Faschismus. Obwohl Thomas Mann selbst 1920/21 Wendungen wie "nationaler Sozialismus" und "deutscher Kommunismus" wörtlich oder umschrieben verwendet, steht bereits 1921 seine Feindschaft gegen den "Hakenkreuz-Unfug" fest, wie er in seinem Essay "Zur jüdischen Frage" hervorhebt. Viel früher als andere nimmt er ihn als gefährliches Phänomen wahr. Es ist möglicherweise die peinliche Verwandtschaft mit seinen eigenen Syntheseideen aus den "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), was ihn so aufmerksam macht und zu einer so frühen Distanzierung treibt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik wird der Nationalsozialismus in der "Rede vor Arbeitern in Wien" (1932) als "Naturrevolution gegen das Geistige" bezeichnet. In seinem geistigen Kern ist er "ein irrationalistischer, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Denkens stellender Rückschlag, der die allein lebensspendenden Kräfte des Unbewußten, Dynamischen, Dunkelschöpferischen auf den Schild hob" und den Geist als lebensmörderisch verpönte, wie es in der "Deutsche[n] Ansprache" von 1930 heißt. Da Thomas Mann solchen Ideen ja selbst gewisse Sympathien entgegengebracht hatte, musste er zwischen Irrationalismus und Faschismus noch einen subtilen Unterschied konstatieren. Er nimmt dafür den Begriff der Perversion oder der Verhunzung zu Hilfe, der bereits früh begegnet und in den Rundfunkansprachen seine Wiederaufnahme findet. In "Bruder Hitler" 1939 heißt es bereits: "Und wirklich, unserer Zeit gelang es, so vieles zu verhunzen: Das Nationale, den Sozialismus - den Mythos, die Lebensphilosophie, das Irrationale, den Glauben, die Jugend, die Revolution und was nicht noch alles." Der Faschismus hat das Legitime des unpolitischen Irrationalismus der romantischen Geistestradition, deren Parteigänger Mann selbst war, durch die undialektische Handgreiflichkeit missbraucht und pervertiert, mit der er irrationale Werte wie Schicksal, Leben, Volksgemeinschaft, Mythos u. a. mit Hilfe von ihrerseits notwendig rationalen und diktatorischen Akten zu restituieren trachtete.

Neben einer ästhetisch-nationalpsychologischen Faschismustheorie mit der zentralen Formel "romantische Barbarei" finden sich vereinzelt Elemente auch aus anderen Theoriegebäuden. So treten in den Rundfunkansprachen relativ häufig Argumente aus der marxistischen Faschismustheorie auf. "Schicksal und Aufgabe" (1944) sieht im Faschismus die Form, die der Kapitalismus in der Krise annimmt, und verlangt konsequent die Abschaffung des die Welt bedrohenden Bündnisses von Junkertum, Generalität und Schwerindustrie. Den dadurch sich ergebenden Widersprüchen stellt sich Thomas Mann allerdings nicht. Zu keiner Zeit wird eindeutig festgelegt, ob der Faschismus nun ein Produkt der Dekadenz, des deutschen Wesens oder des Kapitalismus ist. Für jede These kann man in den Essays und den Rundfunkbeiträgen dieser Zeit Belege finden. Ein drittes, dort nur selten begegnendes Argument aus der Totalitarismustheorie kommt hinzu, die im totalen Herrschaftsanspruch das entscheidende Merkmal faschistischer Systeme erkennt. Der Nationalsozialismus wäre demnach in Anlehnung an Hermann Rauschning ("Die Revolution des Nihilismus", 1938) als "eine Revolution der leeren Gewalt", "des geistigen Nichts", ein "absoluter, von Moral und Vernunft völlig freier und ihnen fremder Dynamismus" zu werten (so in den Essays "Vom kommenden Sieg der Demokratie", 1938, und "Das Problem der Freiheit", 1939). Ein gewisser Dilettantismus des politischen Theoretikers Thomas Mann ist also nicht zu übersehen.

Es ist Martina Hoffschulte zuzustimmen, wenn sie ausführt, erst im Exil sei Thomas Mann zu dem geworden, als was er heute allgemein gilt: zum unentwegten Kämpfer gegen Hitler. Ob man ihn allerdings, worauf die Untersuchung dann zielstrebig zuläuft, zum "Führer der Emigration" machen sollte, ist doch mehr als zweifelhaft. Es ist im Gegenteil bezeichnend für Thomas Mann, dass er eine Teilnahme an den vielen ohnmächtigen Grüppchen und Gründungen der Emigranten in aller Regel ablehnte. Vom Zwang der Umstände in die Opposition getrieben, wollte er auch diese möglichst als Repräsentant einer Macht betreiben. Seine Verbindungen zu Präsident Roosevelt und zu literaturpolitischen Entscheidungsträgern in den USA sind daher besser als die zu den Emigrantenorganisationen. Typisch ist sein Verhalten, als Paul Tillich mit Bertolt Brecht und anderen das "Free Germany Commitee" gründete und um seine Mitarbeit warb. Er erkundigte sich zuerst, ob das Vorhaben die Billigung der amerikanischen Regierung habe. Als diese fehlte, zog er sich zurück, womit er gegen einen gewissen Emigrantenpatriotismus Stellung bezog, der Deutschland nicht für Hitlers Sünden büßen lassen wollte. Ist Bertolt Brechts Journaleintrag vom 2. August 1943 zutreffend, dann hat Mann zu Lion Feuchtwanger gesagt, "er könne es nicht unbillig finden, wenn 'die alliierten deutschland zehn oder zwanzig jahre lang züchtigen'". Brecht schildert im "Arbeitsjournal" Manns Grausamkeit in noch stärkeren Farben: Mann, "die hände im schoß, zurückgelehnt, sagte: 'ja, eine halbe million muß getötet werden in deutschland'". Brechts empörter Kommentar: Es klang "ganz und gar bestialisch, der stehkragen sprach." Brechts Urteil war eine Reaktion auf seine Debatte mit Thomas Mann, ob "Deutschtum" und "Nazitum" gleichgesetzt werden könnten.

In der Hoffnung, Thomas Manns Einwände gegen den Ehrenvorsitz der Flüchtlingskoalition doch noch zu entkräften, eröffnete Brecht kurz darauf den einzigen Briefwechsel, der je zwischen ihnen stattfand. In einem höflichen Brief vom 1. Dezember 1943 beteuert er, wie sehr es ihm am Herzen liege, die deutschen Hitler-Gegner im Exil zu einigen, "war es doch besonders die Zwietracht der großen Arbeiterparteien der Republik, die eine Hauptschuld an der Machtergreifung Hitlers trug. Da ich weiß, wie viel Sie zu einer Einigung beitragen können, glaube ich mich verpflichtet, Sie von dem schmerzlichsten Erstaunen zu unterrichten, das Ihr so betonter Zweifel an einem starken Gegensatz zwischen dem Hitlerregime und seinem Gefolge und den demokratischen Kräften in Deutschland allen erregt hat, die ich nach der Zusammenkunft gesprochen habe. Die Vertreter der früheren Arbeiterpartei und, deutlich aus einem tief religiösen Gefühl, Paul Tillich fühlen es weder als ihr Recht noch ihre Pflicht, sich dem deutschen Volk gegenüber an einen Richtertisch zu setzen, ihr Platz scheint ihnen auf der Bank der Verteidigung." Thomas Mann gibt in seiner postwendenden Antwort gewissermaßen eine Quintessenz seiner essayistischen Arbeiten und der Rundfunkansprachen im amerikanischen Exil, wenn er betont, einerseits "sei der Mensch und sei ein Volk verantwortlich für das, was er ist und tut", aber andererseits "habe ich [...] all die Argumente gegen die Gleichstellung von Deutsch und Nazistisch angeführt". "Alle Hoffnung", so fährt er fort, "beruhe auf einer echten und reinigenden deutschen Revolution, die von den Siegern nicht etwa zu verhindern, sondern zu begünstigen und zu fördern sei." Den Zeitpunkt für die Gründung eines Komitees für ein Freies Deutschland hielt er für falsch gewählt. Man würde Misstrauen in Amerika und ganz besonders in den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern Europas säen, denn "Schreckliches kann und wird wahrscheinlich noch geschehen, das wiederum das ganze Entsetzen der Welt vor diesem Volk hervorrufen wird".

Kurz nachdem Brecht Thomas Manns Brief erhalten hatte (Jahreswechsel 1943/44), schrieb er eines seiner allerbittersten Gedichte. Diese versifizierte Schmährede trägt den barocken Titel: "Als der Nobelpreisträger Thomas Mann den Amerikanern und den Engländern das Recht zusprach, das deutsche Volk für die Verbrechen des Hitlerregimes zehn Jahre lang zu züchtigen". Die folgenden zwei (der insgesamt acht) Strophen sind symptomatisch für die (zumindest aus marxistischen Kreisen kommende) Abrechnung mit Thomas Mann: "Die Hände im dürren Schoß/ Verlangt der Geflüchtete den Tod einer halben/ Million Menschen./ Für ihre Opfer verlangt er/ Zehn Jahre Bestrafung. Die Dulder/ Sollen gezüchtigt werden./ Der Preisträger hat den Kreuzträger aufgefordert/ Seine bewaffneten Peiniger mit bloßen Händen/ anzufallen./ Die Presse brachte keine Antwort. Jetzt/ Fordert der Beleidigte die Züchtigung/ Des Gekreuzigten."

Sieht man von der nach meinem Dafürhalten evidenten Fehleinschätzung Thomas Manns ab, der keineswegs als "Führer der Emigration" fungierte und auch gar nicht als solcher fungieren wollte, schließt die verdienstvolle Arbeit Martina Hoffschultes mit der Analyse und Kontextualisierung der Rundfunkansprachen "Deutsche Hörer!" jedoch ein lange Zeit beklagenswertes Desiderat der Forschung.

Titelbild

Martina Hoffschulte: "Deutsche Hörer". Thomas Manns Rundfunkreden (1940 bis 1945) im Werkkontext.
Telos Verlag Dr. Roland Seim M.A., Münster 2003.
469 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-10: 3933060117

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