Von Medien und Menschen

Über neue Einführungen in Medientheorie und -kunde von Rainer Leschke, Margot Berghaus, Friedrich Kittler und Dietrich Kerlen

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

I.

Im Anfang, das weiß man, war Platon. Nicht nur im Anfang der Philosophie, sondern auch der Medientheorie und -wissenschaft. Begann diese doch mit der im "Phaidros" formulierten Kritik an dem damals neuen Medium der Schrift. Die Schrift, wird dort von Platon behauptet, ist gegenüber dem Medium der (mündlichen) Sprache und Kommunikation minderwertig, da sie sich nachteilig auf das Erinnerungsvermögen auswirkt. Die neue Erfindung "wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden." Damit leistete sich der Philosoph den wohl folgenreichsten performativen Selbstwiderspruch in der Geschichte. Wer erinnerte sich heute noch seiner Schriftkritik, hätte er sie nicht niedergeschrieben?

II.

Dass diese Schriftkritik heute bekannter denn je ist, hat allerdings noch andere Gründe. Denn in der Gegenwart berufen sich Medienwissenschaftler gern auf diesen Text als Geburtsurkunde ihrer Disziplin. Neue Wissenschaften und Disziplinen stehen unter einem besonderen Profilierungszwang. Wo eine eigene Tradition, die für die nötige Reputation und Legitimation sorgt, noch fehlt, wird sie einfach erfunden, pardon: "konstruiert". Sigmund Freud beispielsweise berief sich Ende des 19. Jahrhunderts auf "Dichter" wie Goethe und Schiller als Vorläufer seiner Psychoanalyse. Denn so skeptisch das Bürgertum Freuds neue skandalöse Theorien beäugte, so sehr hatte es die Literatur auratisiert und mit Dignität ausgestattet. Indem sich Freud auf Goethe berief, wollte er seinen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Denn wer konnte seine Thesen noch als Unsinn abtun, wenn schon die Weimarer Klassiker von der Macht des Unbewussten und der Sexualität gesprochen hatten?

Folgt man dem Siegener Medienwissenschaftler Rainer Leschke, der 2001 eine eindrucksvolle "Einführung in die Medienethik" vorgelegt hat [Rezensiert in literaturkritik.de 11/2002], so lassen sich solche Strategien der "Rückergänzung", wie er es nennt, auch im Bereich der noch jungen Medientheorie beobachten. "Um im Konzert der Wissenschaften in einer auch nur halbwegs reputierlichen Position mitspielen zu dürfen, müssen Traditionslinien entdeckt werden, die die Medienwissenschaft enger mit der Wissenschaftsgeschichte verzahnen: Es wird [...] mit nachträglichen Rückergänzungen operiert, die das aufkommende Wissenssystem mit der nötigen Tradition und damit eben auch mit Gewicht versorgen." Für dieses Gewicht sorgt seit langem Platon mit seinem "Phaidros"-Dialog.

Andererseits lässt sich in Platons Schriftkritik durchaus eine exemplarische Form früher, vor-wissenschaftlicher Reflexion über Medien erkennen, wie Leschke in seiner "Einführung in die Medientheorie" zeigt. Der Singular im Titel - "Theorie", nicht "Theorien" - sollte allerdings beachtet werden. Wer nämlich, vielleicht nach einem ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis, eine Einführung in die einzelnen Medientheorien - von Benjamin bis Adorno, von McLuhan bis Luhmann - erwartet, sei gewarnt. Alle die mit diesen Namen verknüpften Theorien werden zwar behandelt und auch mit gelungenen Grafiken, die ihre Argumentationsstruktur verbildlichen, vorgestellt. Jedoch sind diese Theorien für Leschke selbst Untersuchungsobjekte. Er begibt sich "auf eine Metaebene, man beobachtet Medienwissenschaften und ihre Konzepte und macht damit keine eigenständigen Aussagen über den Gegenstand der Medienwissenschaften, sondern nur darüber, inwieweit der Gegenstand durch ein medienwissenschaftliches Konzept konstituiert wird."

Leschke geht es primär darum, zu zeigen, wie Medientheorien "funktionieren", wie sie konstruiert sind, von welchen latenten Intentionen und Motiven sie angetrieben werden, was ihre jeweilige Konzeption für die ihres Gegenstandes bedeutet, und welche Phasen medienwissenschaftlicher Modellbildung sich rekonstruieren lassen. Deshalb müssen in Leschkes Studie "die Ordnungsstrategien des Faches und die Muster seiner Modellbildung selbst zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung werden [...]. Insofern ist auch ein wenig in jene theoretische Trickkiste einzuweihen, mit der Theorien nun einmal operieren. Denn diese Techniken verstehen es durchaus, nach außen vergleichsweise viel Eindruck zu machen, selbst wenn ihre Konstruktionsmuster keineswegs unter allen Umständen bestehen können."

Für Einsteiger, etwa Studienanfänger, die sich erstmals mit diesen Theorien beschäftigen wollen, ist Leschkes Werk daher, auch aufgrund seiner abstrakt-verspielten Wissenschaftsprosa, nur bedingt geeignet. Wem die einschlägigen Theoreme aber schon halbwegs geläufig sind, wird diese Arbeit mit großem Gewinn lesen, leitet sie doch zu einem kritisch-reflektierten Umgang mit "großen Namen" und ihren Theoriearchitekturen an, die sich allzuoft als viel bescheidenere Gebäude, mitunter auch nur lumpige Schuppen, entpuppen, als sie einem weismachen wollen. Die Einsichten, die dabei zu gewinnen sind, beschränken sich jedoch nicht allein auf die Medienwissenschaft. So intelligent ist das Funktionieren von Wissenschaft (oft genug auch nur: "Wissenschaft") selten aufgezeigt worden, und vieles von dem, was Leschke am Beispiel der Geschichte der Medientheorien herausarbeitet, ließe sich mutatis mutandis auch auf die Entwicklung und Evolution anderer Disziplinen transferieren. Eine Studie also, die mehr mit Kuhns Epoche machender Schrift "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" gemein hat als mit den zahllosen Einführungen in die Medientheorien auf dem Büchermarkt.

III.

Überzeugend präsentiert Leschke ein komplexes Phasenmodell medienwissenschaftlicher Theoriebildung. Darin stellt Platons Schriftkritik ein Beispiel für die erste, frühe Phase dar, die "primäre Intermedialität". Taucht ein neues Medium auf, besteht die erste Reaktion von Beobachtern darin, es mit bereits bekannten Medien zu vergleichen (bei Platon: Schrift - Sprache), wobei die unterschiedlichen Qualitäten der miteinander verglichenen Medien differenziell bestimmt werden. Keineswegs handelt es sich dabei um vollständige Theorien, vielmehr um fragmentarische Beobachtungen und (vor-wissenschaftliche) essayistische Reflexionen. Leschkes Untersuchung solcher Beispiele primärer Intermedialität - am Beispiel von Film, Radio und Computer - zeigen, wie sehr diese Versuche von der Irritation bestimmt werden, die das jeweils neue Medium in seiner Anfangszeit auslöst. Der Versuch, das Unbekannte, etwa (nach 1900) den Film, auf Bekanntes - typischerweise die Literatur oder Kunst - zurückzuführen, ist jedoch, wie Leschke aufzeigt, für die jeweiligen Pioniere alles andere als frei von latenten, Erkenntnis leitenden Interessen. Ganz im Gegenteil geht es ihnen bei ihrem Versuch, die spezifischen Leistungen und sozialen Folgen des neuen Mediums zu eruieren, darum, sein Irritationspotenzial zu entschärfen. So wurde z. B. um 1910 gezeigt, warum der Film prinzipiell niemals kunstfähig sein konnte und daher auch keine Bedrohung für Künstler oder Literaten darstellte, so massenwirksam das neue Medium auch sein mochte. "Primäre Intermedialität" funktioniert, wie schon das Beispiel Platon zeigt, häufig, wenn auch nicht immer, nach dem Muster: "Das neue Medium ist prinzipiell defizitär gegenüber dem alten, und das ist gut so." Kein Grund zur Beunruhigung also. Bestenfalls werden ihm dienende Funktionen und Distributionsleistungen zuerkannt (der Film als zusätzlicher Vertriebskanal für Literatur), aber keinesfalls eigenständige Qualitäten. Es geht diesen ersten Reflexionen darum, so Leschke, "die gröbsten Auffälligkeiten eines neuen Mediums in den Griff zu bekommen, und es geht um Macht, zumindest um die Definitionsmacht über das neue Medium." Wobei typischerweise nicht jedes neue Medium solche Irritationen auslöst: Das Telefon oder die CD-Rom haben nur relativ wenige Reflexionen provoziert; wohl deshalb, weil sie keine bereits etablierten, lobbygeschützten Medien oder Künste zu verdrängen drohten.

Auf die Pioniere der "primären Intermedialität" folgen in Leschkes Phasenmodell die "Einzelmedienontologien". Sie sind Versuche, meist im Rückgriff auf Paradigmen verwandter Wissenschaftsdisziplinen wie Ästhetik, Psychologie oder Literaturwissenschaft, die in der ersten Phase erarbeiteten Merkmalskomplexe eines neuen Mediums zu einer vollständigen Theorie zu integrieren. Die Intention ist dabei häufig, anders als in der vorangegangenen Phase, das neue Medium aufzuwerten. Am Beispiel des Films: Auf die ersten essayistischen "Entschärfungen" folgten in den 1920er Jahren die großen, von Optimismus und Enthusiasmus angetriebenen Entwürfe etwa von Béla Balázs oder Rudolf Arnheim. Bei ihnen geht es nicht mehr um einen Vergleich des neuen mit dem alten Medium, sondern jetzt wird ausschließlich das neue Medium fokussiert - was implizit, so Leschke, seine bereits erfolgte soziale Anerkennung voraussetzt. Betont wird jetzt seine ästhetische und mediale Eigenständigkeit; seine adäquaten Inhalte sollen bestimmt, die reale Medienproduktion und das (unterstellte) Medienpotenzial aufeinander abgestimmt werden. Einzelmedienontologien neigen rasch dazu, vom deskriptiven in den normativen Bereich zu wechseln. Balázs beispielsweise behauptete, aufgrund der Tatsache, dass Filme keine Sprache wiedergeben können, würden durch die bewegten, stummen Bilder Körper und Gesicht des Menschen, seine mimische und gestische Ausdruckskraft zu einer neuen "Sichtbarkeit" gelangen - was während der Hochphase des Expressionismus durchaus normativ gemeint war. Symptomatischerweise wurde diese Eigenschaft des Films - und damit auch Balázs schöne Theorie - bald schon historisch.

Was solche Einzelmedienontologien jedoch nicht sehen können, ist das sich im Lauf des 20. Jahrhunderts nach und nach entfaltende Mediensystem. Jene Effekte, die Medien generell auf Psyche, Kultur oder Politik haben (bzw. die ihnen von den entsprechenden Theoretikern unterstellt werden), welchem historischen Funktionswandel sie unterliegen, das bleibt einer Einzelmedienontologie zwangsläufig verschlossen. Nötig ist dazu ein Blick "von außen". Und um ihn einnehmen zu können, bedarf es anderer Wissenschaftsdisziplinen, etwa Theorien aus der Psychologie, Ästhetik oder Soziologie. In der Tat haben sich diese Disziplinen immer wieder auch mit den Medien beschäftigt, man denke nur an die Entwürfe Walter Benjamins, Theodor W. Adornos, Umberto Ecos, Jürgen Habermas' oder Niklas Luhmanns. Sie alle haben innerhalb ihrer soziologischen oder systemtheoretischen Theoriegebäude ein mehr oder weniger großes Zimmer ausschließlich für "die" Medien bzw. das "System der Medien" usw., eingerichtet, freilich stets nach den jeweiligen theoretischen Vorgaben. So attraktiv Leschke ganz offensichtlich gerade diesen medientheoretischen Typ aufgrund ihrer vergleichsweise ergiebigeren Resultate findet, eine gewichtige Schwäche haben generelle Medientheorien für ihn doch: Analysiert werden nämlich stets nur bestimmte, von der jeweiligen Bezugsdisziplin determinierte Fragestellungen, die auf die gemeinsamen Strukturen und Effekte von Medien reflektieren, aber auf die Besonderheiten und Eigenqualitäten eines einzelnen Mediums kaum Rücksichten nehmen.

Deshalb, so Leschke, haben "generelle Medientheorien" wie die Adornos oder Luhmanns nur eine begrenzte Aussagekraft, da sie nur bestimmte Aspekte thematisieren, aber nicht mit dem Ziel einer vollständigen Erklärung antreten. Für diese mehr oder minder universal konzipierten Theoriegebäude sind die Medien letztlich wenig mehr als ein Demonstrationsobjekt; es handelt sich um Applikationen, die letztlich auch die Richtigkeit der blickleitenden Theorie bestätigen (sollen).

IV.

Einen ähnlichen Einwand könnte man jedoch, auf einer anderen Ebene, auch gegenüber Leschkes Darstellung erheben. Was für die generellen Medientheorien die einzelnen Medien, sind für ihn ja die einzelnen Theorien, nämlich Objekte, die er nach seinen Vorgaben auf gemeinsame Strukturen hin untersucht, aber nicht in ihrer eigenständigen Qualität. Das macht er zwar weitgehend überzeugend, doch führt sein Vorgehen zwangsläufig dazu, dass man im Einzelfall des öfteren Einspruch erheben möchte, weil er seine Objekte, um ihre Begrenztheiten aufzuzeigen, entsprechend selektiv darstellt. Das ließe sich für Béla Bálazs Filmtheorie genauso aufzeigen wie für die Medientheorie Niklas Luhmanns. Überraschend vernichtend fällt Leschkes Urteil gerade über letztere aus: Sie sei - mit Blick auf Luhmanns "Die Realität der Massenmedien" (1996) - wenig mehr als "eine Sammlung zufälliger Beobachtungen", voll von "Ratlosigkeiten, Vermutungen und Wiederholungen eines privaten Beobachters jenseits aller theoretischen Strenge und Stringenz", eine "Art privater Aphorismensammlung".

Wie weit jedoch diese Aphorismen tragen, wenn man sie ernst nimmt, zeigt eine vorzügliche, vergnüglich zu lesende Einführung in Luhmanns Theorie, die von der Mannheimer Medienwissenschaftlerin Margot Berghaus für Studienanfänger ihres Faches verfasst wurde. Sie sollte man aber auch jedem im Mediensystem praktisch Tätigen in die Hand drücken. Der etwas abschreckende Titel - "Luhmann leicht gemacht" - ist Programm. Berghaus macht es, anders als der Fremdwortfetischist Leschke, dem Leser tatsächlich leicht - aber eben nicht zu leicht. So wird sie mit ihren meist selbst gezeichneten Illustrationen zwar bestimmt keinen Kunstpreis gewinnen, aber vielleicht den für die gelungenste Verbildlichung hochabstrakter Theoreme. Daher sieht man auch gern darüber hinweg, dass ihre Zeichnungen mitunter, wie die Autorin eingesteht, "theoretisch schief" sind, da sie, ähnlich wie Verben, suggerieren, "jemand", ein Mensch, würde kommunizieren - wohingegen Luhmann bekanntlich darauf besteht, dass nur die Kommunikation kommuniziert. Dafür funktionieren diese Bildchen nach Art von Bilderwitzen oder Karikaturen und erzeugen im Lachen oft ein schlagartiges Verstehen. Berghaus zeichnet beispielsweise eine Hexe auf dem brennenden Scheiterhaufen, die verzweifelt "Ich bin keine Hexe!" schreit, woraufhin ihr ein Priester gelassen antwortet: "Du lügst!" Womit eine von Luhmanns provozierendsten Thesen - "Aufrichtigkeit ist nicht kommunikabel" - ebenso simpel wie präzise veranschaulicht ist.

Berghaus' medienwissenschaftliche Einführung in die Systemtheorie muss zwangsläufig mit dem Anfang beginnen, also mit "Unterscheidungen", "Beobachtungen", "Operationen". Dafür lässt sie später Funktionssysteme wie Kunst, Politik oder Wirtschaft beiseite und stellt ausschließlich Luhmanns Medientheorie vor, wie sie vor allem in "Die Realität der Massenmedien" und "Die Gesellschaft der Gesellschaft" entwickelt wird: von Sinn, Sprache und Schrift über die Bedeutung des Buchdrucks und der elektronischen Medien bis hin zu den drei Bereichen der Massenmedien: Nachrichten, Werbung und Unterhaltung. Dass in Luhmanns Beobachtungen über die Massenmedien, so knapp sie innerhalb seines Gesamtwerks auch ausgefallen sein mögen, viel mehr steckt als nur "Ratlosigkeiten und Vermutungen", wird dabei schnell deutlich. Faszinierend etwa das Theorem, dass erst die Differenz zu einem folgenden Medium ein historisch früheres als solches wahrnehmbar macht. So gesehen würden Medien erst "rückwirkend" konstituiert - nonverbale Kommunikation beispielsweise ist erst mit der "Erfindung" sprachlicher Kommunikation als solche erkennbar, vorher war es allenfalls nonverbales "Verhalten".

Faszinierend auch Luhmanns Thesen über die Funktion von Talkshows und Reality-TV à la "Big Brother": Man bekommt glaubwürdige Realitäten vorgeführt, wird aber keinen Konsenszumutungen ausgesetzt, was sich sehr lustvoll rezipieren lässt und Freiheitsgewinne erfahrbar macht. All die Freaks bei "Franklin", "Britt" oder "Oliver Geissen" können behaupten, was sie wollen: Niemand erwartet vom Zuschauer, dass er diesen Behauptungen zustimmt. Vielmehr steht es ihm, so Luhmann, "frei, zuzustimmen oder abzulehnen. Ihm wird kognitive und motivationale Freiheit angeboten - und dies [anders als in Kunst und Literatur; OP] ohne Realitätsverlust! Der Gegensatz von Freiheit und Zwang ist aufgehoben."

Was im Kleinen den Erfolg solcher Talk-Shows begründet, gilt ähnlich im Großen für das System der Massenmedien: Seine Funktion für die Gesellschaft ist, dass es ein "soziales Gedächtnis" offeriert, einen permanent erneuerten Themenvorrat, auf den man sich für Kommunikationen stützen kann, eine gemeinsam unterstellte Realität. Massenmedien erzeugen "Bekanntsein", ein kollektives Hintergrundwissen, das insofern auch verbindlich ist - wer sich nicht ins soziale Aus stellen will, sollte wissen, dass Lady Diana vor ein paar Jahren gestorben ist -, welche Meinung man aber dazu vertritt, ob man zustimmt oder ablehnt, bleibt im Großen und Ganzen freigestellt (ob man ihren Tod für einen tragischen Unfall hält oder für ein von der Queen in Auftrag gegebenes Attentat). Man könnte auch sagen: Durch die Entstehung der Massenmedien ist eine neue Beziehung zur Realität entstanden. In den Worten von Margot Berghaus: "Einerseits bleibt zwar der Glaube an die Realität erhalten, aber andererseits glaubt man jetzt nicht mehr, dass alle Menschen und Kulturen die Realität gleich erfahren. Die Auffassung ist, dass jeder gleichsam ein Recht auf seine eigene Realität hat. Luhmann bringt das auf die Formel: Die Realität ist 'nicht mehr konsenspflichtig'" - eine für die Entstehung der modernen, pluralistischen Gesellschaft eminent wichtige Entwicklung.

V.

Da generelle Medientheorien wie die Luhmanns oder Habermas' eine komplexe Theorie im Hintergrund haben, die dann nur noch aufs Mediensystem appliziert zu werden braucht, legen diese meist ein beachtliches Reflexionsniveau vor, vergleicht man sie mit den Versuchen der nächsten Stufe medienwissenschaftlicher Theoriebildung. "Komplexität [...] hat die Eigenschaft, zumeist so anstrengend wie sperrig und zugleich wenig elegant zu sein, was sich unter den Konditionen des Mediensystems als manifester Nachteil herausstellt", konzediert Leschke, der es wissen muss. "Generelle Medientheorien sind nämlich erheblich schwerer zu kommunizieren und auch zu verstehen [dass es auch anders geht, s.o.; OP] als die auf sie folgenden und nicht zuletzt auf eben diese Sperrigkeit mit eminenter Wendig- und Biegsamkeit reagierenden postmodernen Medienontologien."

Ihnen, den Postmodernen, von Marshall McLuhan über Baudrillard, Virilio, Flusser bis zu Friedrich Kittler, gehört Leschkes Sympathie offenkundig nicht. Generelle Medienontologien, die versuchen, nicht nur das Mediensystem aus sich selbst heraus zu erklären, sondern von ihm aus meist noch alles andere (die Kultur, die Geschichte, die Subjektwerdung usw.), belegen, dass die Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anfangen, sich selbst (zu) wichtig zu nehmen. Das sich entfaltende Mediensystem wird oder erscheint so bedeutsam, dass das, was bislang nur als "Vermittler" oder "Kanal" angesehen wurde, als das eigentliche Subjekt der Geschichte erscheint; alles andere ist dann nur sein Effekt. Nicht das menschliche Subjekt hat sich im Lauf seiner Geschichte Medien geschaffen, um irgendwelche Inhalte, Gedanken, Ideen auszutauschen, sondern erst dadurch, dass Medien wie Sprache, Schrift oder der Buchdruck entstanden, konnte überhaupt so etwas wie das Subjekt bzw. die Vorstellung oder individuelle Erfahrung davon entstehen. Jochen Hörisch beispielsweise (den Leschke nicht behandelt) hat in seiner Mediengeschichte "Der Sinn und die Sinne" Fichtes Philosophie eines subjektiven Idealismus ("Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eignes Sein") als metaphorischen Effekt des Erfolgs eines sich zuvor etablierenden Berufsstandes beschrieben: der "Buchdrucker bzw. Setzer" - womit Hörisch zumindest Schmunzelerfolge sicher sein dürften.

Die Neigung genereller Medienontologien, sich unkontrolliert auszudehnen von der Ontologie eines gesellschaftlichen Teilsystems zu einer Universalontologie, liegt nach Leschke primär am Gegenstand der Medien selbst. Der Versuch, das Mediensystem aus sich selbst heraus zu erklären, gerät deshalb außer Kontrolle, weil Medien nun mal alles Mögliche vermitteln und transportieren. "Medien werden auf diesem Wege quasi zwangsläufig zum universalen Fixpunkt eines jeden Problems [...]. Nicht die allgemeine Überzeugungskraft des Erklärungsmodells, sondern die penetrante Allgegenwart von Medienprodukten ist es also, die Medienontologien in den Stand setzt, sich zum universalen Erklärungsmodell aufzuschwingen."

Charakteristischerweise wird bei Theorien diesen Typs, gerade im Gegensatz zu den "generellen Medientheorien" vom Schlage Luhmanns, die, so Leschke, "rhetorische Qualität entscheidender als die argumentative. Insofern nehmen die generellen Medienontologien die Herausforderung von und die Auseinandersetzung mit universellen Theoriemodellen gar nicht erst auf, sondern sie umgehen oder meiden diese einfach. Sie substituieren Kausalitäten durch rhetorisch evozierte Konnexe und logische Konsistenz durch bildhafte Deutlichkeit." Dabei spielt nicht zuletzt der Gegensatz von Wesen und Erscheinung eine dominante Rolle.

VI.

Zum Beispiel bei Friedrich Kittler, dessen Hauptthese lautet, Medien seien letztlich zweckentfremdetes Kriegsgerät - als ob damit, gesetzt die These wäre richtig, alles geklärt wäre. Auch Kittler glaubt, dass alle Vorstellungen vom Menschen, von Seele und Bewusstsein, auf Metaphern oder Modelle von technischen Medien zurückzuführen sind: "Medien werden eben darum zu privilegierten Modellen, nach denen unser sogenanntes Selbstverständnis sich bildet, weil es ihr erklärter Zweck ist, dieses Selbstverständnis zu täuschen und zu hintergehen." Dennoch sind in Kittlers Welt nicht die Medien das wahre, allmächtige Subjekt, vielmehr sind sie selbst auch nur ein Effekt einer dahinterliegenden, weit schrecklicheren Macht. Denn so harmlos uns die Oberfläche der Medienwelt, die bunte Unterhaltungsindustrie, auch erscheinen mag, ihren Ursprung haben alle Medien, von der Laterna Magica bis zum Computer, in kriegerischen Intentionen und Funktionen. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, Mediengeschichte eine Sammlung von faszinierenden Enthüllungsstorys über Erfinder, Militärs und Medientechniker. Für Kittler ist es eine "Tatsache, daß Unterhaltungsmedien wie die Laterna magica nicht zu Unterhaltungszwecken entwickelt wurden, sondern Neben- oder Abfallprodukte einer militärischen Grundlagenforschung waren. Spin off, würde man im Zeitalter von Interkontinentalraketen und Teflonpfannen sagen."

Einen leicht zugänglichen Überblick über Kittlers provozieren wollende Thesen bieten seine im Merve Verlag unter dem Titel "Optische Medien" erschienenen "Berliner Vorlesungen 1999". Unter eklektizistischer Berufung auf ausgewählte Thesen McLuhans, Ongs, Lacans oder Shannon/Weavers erzählt Kittler von der Entwicklung der "Camera obscura" und der Linearperspektive in der Renaissance und ihre Rolle im Festungsbau und von der Verwendung der Laterna magica als Geheimwaffe der Jesuiten in ihrem Kampf gegen die schriftgläubigen Anhänger Luthers, die psychedelische, die Sinne aller Gläubigen und Ungläubigen überwältigende Visionen erzeugte. Von der Literatur der Romantik, die um 1800, lange vor Erfindung des Films, den Wunsch nach "laufenden Bildern" stillte und durch ihre neue Eigenschaft der "optischen Halluzinierbarkeit" die Camera obscura beerbte. Von der Erfindung der Fotografie und ihre Folgen für das polizeiliche Identifizierungswesen und von der Kombination von Fotografie und des vom Colt her bekannten Prinzips einer Schussserie in der Zeit, aus der der Film entstand. Von der Unterhaltung der Soldaten mit Propagandafilmen an der Front, von Fernsehern, Videorecordern und Computern und ihre militärischen Verwendungsmöglichkeiten oder Ursprünge. (Dass die späteren Kapitel immer kürzer ausfallen, dürfte nicht am Krieg, sondern am nahenden Semesterende gelegen haben.)

So anregend, spannend und unterhaltsam die Lektüre dieser Enthüllungsgeschichten jeweils auch ist, so verblüffend mitunter die Zusammenhänge sind, die Kittler aufzuzeigen vermag - von der wissenschaftlichen Plausibilität dieser Medientheorie als Ganzes vermögen sie kaum zu überzeugen. Nicht nur, dass es mit den behaupteten militärischen Ursprüngen jedweder Medientechnologie nicht allzu weit her ist: Wo kein erfinderischer Militär zu finden ist, begnügt sich Kittler stillschweigend mit den späteren militärischen oder polizeilichen Anwendungen einer Medientechnologie, wie im Fall der Fotografie als Mittel zur Verbrechensbekämpfung. Dass sich Medientechnologie immer auch zur Unterdrückung, Ermordung oder Überwachung von Menschen ge- bzw. missbrauchen lässt, ist freilich keine allzu überraschende Erkenntnis.

Aber auch Kittlers berühmt-berüchtigte Provokationen der Geisteswissenschaften verpuffen schnell. So droht er seinen Studenten und Lesern in den "Theoretischen Vorannahmen" seiner Vorlesungen die "Verwandlung von Geisteswissenschaftlern in Ingenieure" an: "Ich schreibe also die Technikgeschichte groß und schließe Kommentare zu Patentschriften nicht aus, schon um ein gewisses Know how zu vermitteln." Ein Physik- oder Ingenieursstudium muss freilich dennoch niemand absolvieren, um Kittler zu verstehen. Genüsslich darf daher Leschke sticheln: "Kittler haben es die Deckelhauben angetan, denn sie verhüllen das Wesen, um das es ihm zu tun ist. Sie bieten die Gelegenheit, sich als Fachmann zu erweisen, der sicherlich kein Geisteswissenschaftler ist. Nur enthüllen, seit sich unter diesen Verkleidungen oder Hauben nur mehr Prozessoren und Mikrochips tummeln, selbst diese Chassis wenig, die Innereien sind in der Regel nur zu ersetzen, und selbst dem Fachmann ist ein Eingriff außer bloßer Substitution nicht möglich. Das Wesen enthüllt sich offenbar nicht so leicht, wenigstens wird es nicht sichtbar, und Kittlers steter Verweis auf die Zahlen, die Entbergung versprächen, ist der Verweis vielleicht auf einen Lösungsweg, nicht aber auf die Lösung. Die Lösung selbst wird also nie geliefert; außer der Prinzipaussage, dass sie sich auf jeden Fall außerhalb der Reichweite der Geisteswissenschaften, also der Adressaten befindet [...] Das Ensemble von Enthüllung, Wesen und Verkündigung, und exakt das ist es, was Kittlers Medientheorie betreibt, ist von seiner Struktur her alles andere als technisch: Es ist geisteswissenschaftlich in einem rigiden Sinn, sind doch die Geisteswissenschaften durchaus damit vertraut, mit Irrationalismen, also Unverständlichkeiten unterschiedlichsten Typs umzugehen, solange sie nur als Geschichten daher kommen. [...] Der enthüllende Klartext, den Kittler allenthalben liefert, liefert natürlich keine Lösungen, keine Formeln und erst recht keine Schaltpläne, sondern die Moral von der Geschicht und damit ein den Geisteswissenschaften durchaus vertrautes Schema. [...]Kittler [liefert] immer noch Texte und keine Programme oder gar Techniken."

VII.

Das ernüchternde Resümee von Leschkes Tour de Force durch die Medientheorien lautet: Medienwissenschaft ist bislang weitgehend heteronom bestimmt. Für entsprechende Evolutionsschübe sorgen die Entwicklung der Medien oder die Paradigmenwechsel anderer Wissenschaften, nicht aber ein autonomer wissenschaftsinterner Fortschritt. Überzeugende Eigenentwicklungen kann Leschke bislang nicht ausfindig machen.

Deshalb sei zum Abschluss auf die kleine, aber feine "Medienkunde" des Leipziger Kommunikationswissenschaftlers Dietrich Kerlen hingewiesen, auch weil sie nicht recht in das Phasenmodells Leschke passen will und nach all der abstrakten Metatheorie erfrischend bodenständig und konkret wirkt. Wohltuend profund, gerade wenn man zuvor noch martialische Enthüllungsstorys lesen musste, zeichnet Kerlen die Entwicklung jener Medien nach, die dem Rezipienten stehende Bilder und Texte offerieren, bewegte Bild-Text-Angebote und auditive Angebote. Kerlens nüchtern-pragmatischer Medienvergleich ist qualitätsbezogen: Er entwirft eine Systematik, die auf einem Set von Funktionen von Medien bzw. Medieneigenschaften basiert. Viele dieser Eigenschaften oder Funktionen lassen sich, so Kerlen, schon lange vor Gutenberg ausfindig machen, z. B. Gestalten, Fixieren, Ordnen, Speichern, Strukturieren, Verwalten. Andere, wie Urteilsaufbau, Performation oder Meditation, kamen erst im Lauf der Mediengeschichte hinzu.

Diese Eigenschaften weisen bereits darauf hin, dass es Kerlen weniger um die Technik von Medien und mehr um ihren "Nutzen und Nachteil für das Leben" geht. Kerlens Einführung ist vom Medien nutzenden Individuum, vom Empfängerhorizont her konzipiert. "Medienkunde bedeutet, der Medien kundig zu sein." Es geht darum, wozu die Menschen jeweils Medien verwendeten, und da zeigt sich: viele Eigenschaften und Funktionen sind uralt, und jene mediale Explosion, wie sie vor allem das 20. Jahrhundert kennzeichnete, brachte gar nicht so viel Neues, wie gemeinhin angenommen wird.

So brachten Telefon und Handy mit der sich vervielfältigenden und beschleunigenden "casual communication" für Kerlen das "Geschwätz der Gasse und des Marktes einer mittelalterlichen Stadt auf eine 'höhere' Ebene [...] ('höher' lediglich im technischen Sinne), im 'globalen Dorf'." Erstaunlich dagegen ist, wie sehr gerade die Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesem massenhaft gebrauchten Individualmedium Resultat eines Gewöhnungsprozesses ist. Das feine Bürgertum nach 1900 "ließ" nämlich telefonieren (ähnlich wie der mittelalterliche Adel lesen und schreiben ließ), aus Gründen der Distinktion. Immerhin drohte mit dem neuen Medium die Gefahr, dass ohne Rücksicht auf Statusunterschiede in die Privatsphäre eingebrochen werden konnte. Wie das Automobil wollte das Bürgertum auch das Telefon nicht selbst bedienen. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Einführung bemerkten Beobachter, dass viele Benutzer, sobald sie einen Hörer in der Hand hielten, so verschüchtert waren, dass sie nur hastig das Gespräch zu einem Ende bringen wollten und dabei die Hälfte des Gesprächsinhalts vor lauter Aufregung wieder vergaßen.

Problematisch, so Kerlen, ist der heute so selbstverständlich gewordene Umgang mit der Fernkommunikation dennoch. Denn gegen den generellen Trend der Medien, die Individualisierung und Subjektivität zu fördern, können sie dort, wo sie ihre Eigengesetzlichkeit entfalten, auch eine Abwertung des Individuellen bewirken, im Fall des Telefons etwa durch die Zerfaserung der Privatsphäre: "Distinguierte Umgangsformen im Nahbereich und brieflicher Kontakt im Fernbereich setzen Selbstwertgefühl und Achtung vor dem Gegenüber voraus bzw. pflegen sie - während die 'casual communication' zu jeder beliebigen Zeit die Gefahr in sich bergen kann, oberflächliche Nähe zu befördern." Es gehört zu den Stärken von Kerlens "Medienkunde", dass ihr quasi phänomenologischer Zugang den Leser fortwährend stimuliert, die beschriebenen Eigenschaften und Funktionen mit den eigenen Medienerfahrungen abzugleichen.

Titelbild

Dietrich Kerlen: Einführung in die Medienkunde.
Reclam Verlag, Leipzig 2002.
339 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-10: 3150176379

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Titelbild

Margot Berghaus: Luhmann leicht gemacht.
UTB für Wissenschaft, Stuttgart 2002.
283 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3825223604

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Titelbild

Friedrich A. Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesungen 1999.
Merve Verlag, Berlin 2002.
331 Seiten, 16,70 EUR.
ISBN-10: 3883961833

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Titelbild

Rainer Leschke: Einführung in die Medientheorie.
UTB für Wissenschaft, Stuttgart 2003.
339 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3825223868

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