Nach-Stimmen und Nach-Bilder

James E. Young und junge Intellektuelle der dritten Generation widmen sich der Shoah in zeitgenössischen Debatten, in Kunst und Architektur

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den achtziger Jahren, vor dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung, setzten zwei neue Entwicklungen ein, die die Form des Shoah-Diskurses maßgeblich beeinflusst haben. Sie spielten sich außerhalb der Literatur ab. Das eine war das Wiederauftauchen jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland; das andere war die Akzentverlagerung des Shoah-Diskurses von der Literatur auf die sichtbarste aller Künste, die Architektur. Speziell ging es um die Errichtung von Museen, Monumenten und Gedenkstätten, die sich mit der Vernichtung der europäischen Juden beschäftigen.

Die heute in Deutschland lebenden Juden haben sich aus den verschiedensten Gründen für ihren Wohnsitz entschieden und sind von unterschiedlichster Herkunft. Mitte der neunziger Jahre wurde die Anzahl der in Deutschland lebenden Juden auf etwa 100.000 geschätzt - zur Zeit der nationalsozialistischen Machtusurpation waren es etwa fünfmal so viel. Sander Gilman, der sich wie kein zweiter mit dem Auftreten einer neuen, selbstbewussten jüdischen Kultur in Deutschland beschäftigt hat, vermittelt eine Vorstellung von dieser Vielfalt und ihrer Auswirkung auf das kulturelle Leben: "Es sind Juden osteuropäischer, deutscher und sephardischer Herkunft, Juden amerikanischer Herkunft, die nur ein oder zwei Generationen von ihren europäischen Wurzeln trennen, ethnische Juden oder religiöse Juden, Juden, die entdeckt haben, daß ein Elternteil jüdisch war, und wo nicht dessen religiöses Erbe, so dessen kulturelle Tradition für sich reklamieren, Juden, die englisch sprechen und deutsch schreiben oder deutsch sprechen und englisch schreiben, Juden, die in nichtjüdische deutsche Familien, und Juden, die in jüdische deutsche Familien geheiratet haben, Sabras, die als Kinder oder Erwachsene nach Deutschland gekommen sind und sich als Israelis und/oder als Juden in Deutschland verstehen. Doch alle diese Gruppen sind in der kulturellen Szene vertreten" ("Jews in Today's German Culture", Bloomington 1995). Nicht eigens von Gilman erwähnt wird in dieser Aufstellung der seit einigen Jahren zu beobachtende, relativ starke Zustrom von russischen Juden, die großenteils areligiös und nicht nur in der deutschen Gesellschaft, sondern auch in den jüdischen Gemeinden Deutschlands immer noch Fremde sind. Doch nicht nur mit dieser von außen veranlassten Verschiedenheit muss jeder Jude fertig werden, der sich entschlossen hat, in Deutschland zu leben; er muss außerdem einen tiefen inneren Zwiespalt über seine Entscheidung und seine persönliche und Gruppenidentität austragen und darüber hinaus auch die Missbilligung vieler Juden außerhalb Deutschlands, zumal eines sehr großen Teils der jüdischen Gemeinde in den USA, in Kauf nehmen.

Gleichwohl sind jüdisches Leben und jüdisches Denken im Nachkriegsdeutschland zu wesentlichen intellektuellen Konstanten geworden, so dass die seit den letzten anderthalb Jahren auftretenden jungen deutsch-jüdischen Schriftsteller und Intellektuellen schon als "dritte Generation" angesehen werden können. Nach Sander Gilman und Jack Zipes, die eingehend den bedeutenden Beitrag von Juden zum kulturellen Leben in Deutschland nach dem Nationalsozialismus untersucht haben, bestand die "erste Generation" aus Wissenschaftlern und Intellektuellen, die sich bereits in der Weimarer Republik einen Namen gemacht hatten und auch im Nachkriegsdeutschland nachhaltigen Einfluss ausübten, wie beispielsweise Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Ernst Bloch oder Hans Mayer. Die "zweite Generation" umfasst Schriftsteller und Intellektuelle, die in ihrer Jugend die Shoah überlebten und nach dem Nationalsozialismus ihren Erfahrungen Ausdruck gaben. In diese zweite Generation gehören zum Beispiel Jurek Becker, Jakov Lind, Wolfgang Hildesheimer, Edgar Hilsenrath, der Dramatiker Peter Weiss, der Philologe und Tagebuchschreiber Victor Klemperer, der Essayist Jean Améry, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sowie die Lyriker Paul Celan, Nelly Sachs und Rose Ausländer. Die "dritte Generation" hatte ihr Debüt vor allem in den achtziger Jahren und umfasst unter anderem die Schriftsteller Barbara Honigmann, Esther Dischereit, Rafael Seligmann, Maxim Biller, Katja Behrens, den Essayisten Chaim Noll und den Journalisten Henryk Broder. Dieser dritten Generation obliegt der heikle Balanceakt, als Juden in Deutschland zu leben, um ihre Selbstdefinition zu ringen und nach einer jüdischen Identität im Land der Täter zu suchen. Sie verwerfen die Stereotypen der herrschenden Kultur mit ihren Verschweigungen; sie definieren ihre eigenen Problemstellungen, Ambivalenzen und Kämpfe; sie bestimmen, wie sie wahrgenommen werden wollen und sie protestieren energisch, wenn sie sich gekränkt oder beleidigt fühlen. Das ist in der Tat ein wichtiger Neuanfang: Wo frühere Generationen deutscher Juden für eine umfassende Akkulturation votierten, geschah es immer nach den kulturellen Spielregeln der herrschenden Kultur, niemals nach ihren eigenen. Im Anschluss an den von den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari geprägten Begriff der "kleinen Literatur" stellt Zipes fest: "Die Juden selbst haben in Deutschland eine wo nicht fruchtbare, so doch anziehende 'kleine' Kultur entwickelt, die es ihnen erlaubt, sich in einem ganz anderen Licht zu sehen, als die Deutschen sie sehen." Zipes beobachtet trotz einiger Vorbehalte hoffnungsvoll "das Wiedererstehen einer jüdischen Kultur in Deutschland als 'kleiner' Kultur, die sich in den letzten fünfzehn Jahren die Beachtung der Deutschen errungen hat und deren Ansichten vom Judentum und sich selbst verändert und vielleicht den Grund zu einer andersartigen Beziehung gelegt hat: nicht beherrscht von Schuldgefühlen und natürlich gegen jenen Antisemitismus und Fremdenhass gerichtet, den eine kleine Minderheit von Deutschen noch heute zur Schau trägt" ("The Contemporary German Fascination for Things Jewish: Toward a Jewish Minor Culture", in: Sander L. Gilman/Karen Remmler (Hg.): "Reemerging Jewish Culture in Germany: Life and Literature since 1989", New York 1994).

"Positionen der dritten Generation zur Bedeutung des Holocaust" versammelt ein jüngst erschienener von Jens Fabian Pyper herausgegebener Band mit Beiträgen junger Intellektueller zur Auseinandersetzung mit der Shoah. In dem von Meike Herrmann verfassten Vorwort heißt es programmatisch: "Wir sind die letzte Generation, die mit den Zeitzeugen des Holocaust und des Nationalsozialismus direkt sprechen kann. Als ein zentraler Punkt unserer Auseinandersetzung zeichnet sich an dieser Schwelle die Frage ab, ob und wie wir uns von den Debatten und Entwürfen der Eltern und Großeltern abgrenzen, deren Rolle in der Verständigung über den Holocaust wir allmählich übernehmen werden. Zu kollektiven eigenen Ausdrucksformen haben wir noch nicht gefunden. Auch in unserer Sprache bleiben wir vom Diskurs der zweiten Generation geprägt. Geboren zwischen 1967 und 1977 [...] betrachten wir uns nicht nur wegen äußerer Festlegungsversuche als dritte Generation. Tatsächlich teilen wir, in Ost- und Westdeutschland, Italien oder den USA aufgewachsen, die Erfahrung eines Zeitgeistes und einer Reihe von Ereignissen der Zeitgeschichte. Debatten und kulturelle Produkte werden zu Eckpfeilern einer Erfahrungsgemeinschaft: Schindlers Liste oder die Auseinandersetzung um das Berliner Mahnmal lassen sich in diesem Sinne als generationsbildend verstehen."

Die Reihe der Beiträge wird eröffnet von Jens Fabian Pyper, der die Rezeption der Shoah in der Bundesrepublik beschreibt und - aus einer dezidiert kritischen Position der dritten Generation - der Frage nachgeht, welche Themen die Erinnerung in Zukunft sinnvoll behandeln kann. Charlotte Misselwitz beleuchtet im Anschluss daran die besondere Situation der Juden in der DDR; parallel dazu stellt Nina Leonhardt die Ergebnisse einer qualitativen Studie vor, in der sie sich auf der Basis von Drei-Generationen-Interviews vergleichend mit dem Wandel der Erinnerung an Nationalsozialismus und Shoah in Ost- und Westdeutschland befasst. Den ersten Teil abschließend, greift Fabian Rüger in seinem ausdrücklich polemisch gehaltenen Artikel die vorherrschenden Positionen in der Debatte um nationale Identität in Deutschland an. Die sich daran anschließenden Beiträge widmen sich der jüdisch-israelischen Perspektive: Meike Herrmann stellt die Erinnerung an die Shoah in die Tradition der jüdischen Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur und betont die wachsende Rolle auch literarischer Erzählungen für die Zukunft der Erinnerung. Basierend auf dem politologischen Modell der "staatsbürgerlichen Religion", untersucht Johannes Valentin Schwarz die sakralisierten Formen des öffentlichen Gedenkens in Israel und Deutschland im Rahmen eines religionswissenschaftlichen Deutungsmusters. Die folgenden Beiträge setzen sich dann mit den wohl prominentesten Fallbeispielen des Shoah-Diskurses im vergangenen Jahrzehnt auseinander: Fabian Goppelsröder entwickelt die Vorstellung einer "produktiven Erinnerung" in diskurstheoretischer Abgrenzung zur Friedenspreisrede Martin Walsers. Peter Rigney interpretiert die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die er, da das Mahnmal selbst noch nicht fertig gestellt ist, als Gedächtnisort sui generis interpretiert. Den Abschluss des Bandes bilden zwei introspektive Beiträge: Auf der Basis einer gedächtnispsychologischen Betrachtung erkundet Gesine Grossmann zwei unterschiedliche Umgangsweisen mit der Shoah in der dritten Generation. Caterina Klusemann schließlich interpretiert den deutsch-jüdischen Konflikt im Kontext ihrer biographischen Stationen. In ihrem Plädoyer für einen allgemein menschlichen, nicht gruppenspezifischen Umgang mit der Shoah reflektiert sie die Grenzen der Bedeutungszuweisung. Insgesamt gesehen handelt es sich bei diesem Sammelband um einen wesentlichen Beitrag zu den Ansichten und Positionen der dritten Generation nach der Shoah. Er gewinnt vor allem auch deshalb an Wichtigkeit, da in der bisherigen Forschungsdiskussion ausschließlich (ausgezeichnete) englischsprachige Beiträge den Diskurs über dieses Thema bestimmen; profunde Stimmen junger deutscher Intellektueller werden den zukünftigen Debatten sicherlich nicht abträglich sein.

Ein relativ neuer Schauplatz der anhaltenden Shoah-Debatten ist die Architektur. Der öffentliche Diskurs über Denkmäler und Gedenkstätten hat besonders in den letzten zwanzig Jahren verstärkte Beachtung gefunden. Über einhundert Museen und sonstige Gedenkeinrichtungen sind entstanden, und viele weitere sind geplant, so dass James E. Young schon von einer "explosionsartig anwachsenden Zahl von Holocaust-Denkmälern" sprechen kann und davor warnt, dass man sich der Verpflichtung des Erinnerns entzieht, sobald man dem Erinnern Gedenkstätten zuweist, die im Lauf der Zeit Teil der Landschaft und der Vergangenheit werden, anstatt die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten. In Deutschland wird die Errichtung von Gedenkstätten und Denkmälern von Kontroversen orchestriert, da ja selten eine Nation vor dem Problem gestanden hat, ihren eigenen Verbrechen Denkmäler zu setzen. Der Streit dreht sich bekanntlich darum, an wen erinnert werden und wer sich erinnern soll; gestritten wird um das Material und die ästhetische Gestalt solcher Gedenkstätten und darüber, welches Publikum angesprochen werden soll. Zugespitzt wurden diese Ambivalenzen durch Wandlungen des deutschen Selbstverständnisses und der Vorstellungen darüber, welche historischen Kenntnisse die Gedenkstätten vermitteln sollen. Eine Antwort auf diese Fragen war die Subversion der alten, etablierten Denkmalsformen. Diese "Gegen-Denkmäler" können sich als Negativ oder Umkehrung vorhandener Denkmäler präsentieren; sie können interaktiv, im Fluss begriffen oder so konzipiert sein, dass sie sich mit der Zeit selbst auflösen. Wenn Young an die "problematischen und versteckten Motive für das Erinnern in Deutschland" denkt, sieht er sie eindrucksvoll dargestellt durch das "abwesende Monument", eine Art von "Gegen-Monument". Ein wichtiger Aspekt solcher Gegen-Denkmäler ist für Young ihre Fähigkeit, Debatten zu provozieren, denn Debatten wirken dem Vergessen entgegen. Er kommt zu dem radikalen Schluss, dass Debatten über Gedenkstätten die Rolle von Gedenkstätten selbst übernehmen können und dass sie in all ihren verworrenen und befangenen Unzulänglichkeiten Erinnerungsarbeit leisten.

Diese Annahme unterstreicht Young in seiner jüngsten Publikation, in der er sich einmal mehr mit den "Nach-Bilder[n] des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur" beschäftigt. Leitende Frage ist, wie sich eine nach der Shoah aufgewachsene Generation von Künstlerinnen und Künstlern an Geschehnisse erinnern soll, die sie nicht selbst erfahren hat. Diese Generation von Kulturschaffenden (Künstler, Schriftsteller, Architekten und Komponisten) ist auf ihre Weise unausweichlich durch die Shoah geprägt, doch sie arbeitet nach Young nicht mit der Repräsentation von Ereignissen, die ihrer Erfahrung vorausliegen, sondern thematisiert "ihre eigene, notwendigerweise hypervermittelte Erfahrung der Erinnerung. Diese Künstlerinnen und Künstler sehen sich nicht mehr in der Lage, den Holocaust unabhängig von der Art und Weise in Erinnerung zu rufen, wie er an sie weitergegeben wurde." Diese Generation betrachte Geschichte als einen Vorgang der Aufzeichnung, der aus den Ereignissen und der Weitergabe dieser Ereignisse an die nächste Generation bestehe.

In den ersten drei Kapiteln stehen die amerikanischen Künstler Art Spiegelman, David Levinthal und Shimon Attie im Zentrum der Betrachtung, denen es nach Young weniger um die Shoah selbst, als um die Art und Weise gehe, wie sie von ihr erfahren haben und wie sie sie geprägt habe. "Wenn also der 'Comix'-Künstler Art Spiegelman den Holocaust erinnert, dann denkt er zwangsläufig an die bedrohlichen Geschichten vom Überleben seines Vaters und an die Umstände, unter denen er sie zu hören bekam. In seiner 'Comixtur' aus Bildern und Erzählen gelingt es ihm, beide Geschichten zu erzählen, sie zu einer einzigen, zweisträngigen Geschichte zusammenzubinden." Auf ähnliche Weise hat Shimon Attie in Europa Archivaufnahmen aus der Vergangenheit zurück auf die amnestischen historischen Schauplätze projiziert, um diese mit seiner "Erinnerung" an das, was dort geschehen ist, wiederzubeleben. Die Projektion von Fotografien jüdischer Bewohner des Berliner Scheunenviertels aus den zwanziger und dreißiger Jahren zurück auf ihre Ursprungsorte stellt für Attie eine Auseinandersetzung mit dem gespenstischen Fehlen jüdischer Menschen in derselben Situation heute dar, was Young im dritten Kapitel näher untersucht.

Eines der eindrucksvollsten Ergebnisse, das aus diesen Aporien hervorgegangen ist, war die Entstehung der bereits in früheren Publikationen von Young thematisierten "Gegen-Monumente" (countermonuments), von "mutigen, geradezu schmerzhaft selbstreflexiven Erinnerungsräumen, die die Prämissen ihrer selbst radikal in Frage stellen". Nachkriegskünstler, die in der Tradition der Concept- und Landart und der zuweilen selbstzerstörerischen Aktionskunst stehen, untersuchen nun zugleich die Notwendigkeit des Erinnerns und seine Unmöglichkeit. Die zweite Hälfte der Untersuchung befasst sich daher mit Versuchen, mittels einer Art von "Gegen-Kunst" den Versuchungen und Gewissheiten des monumentalisierten Gedenkens zu widerstehen, mit Versuchen also, die zugleich die traditionellen erlöserischen Ausgangsbedingungen künstlerischer Produktion in Zweifel ziehen. In diesem Kontext diskutiert Young die frühen "Mahnmalsprojekte" von Jochen Gerz, sein "EXIT/Dachau-Projekt" von 1971 und seine verschwindenden bzw. unsichtbaren Mahnmale in Hamburg-Harburg, ferner die Negativ-Monumente und Installationen von Horst Hoheisel in Kassel und Weimar und seinen Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal: die Sprengung des Brandenburger Tores. Anhand der Installationen von Micha Ullman und Rachel Whiteread beschäftigt der Verfasser sich dann mit der Frage, wie hier mit dem Thema des Buchs und des negativen Raums umgegangen wird, um die Leere zu repräsentieren, die das Verschwinden des "Volks des Buches" zurückgelassen hat. Ähnlich wie Shimon Attie haben deutsche Künstler versucht, Orte mit Elementen ihrer Geschichte zu beleben, womit sie zugleich thematisieren, dass solche Orte immer auch ihre Vergesslichkeit und ihre eigenen Gedächtnislücken dokumentieren. Young verdeutlicht, dass sich die unterschiedlichen Medien an diesem Punkt berühren: Sowohl in der Literatur als auch in der Architektur macht es die Shoah als radikale Diskontinuität und Zivilisationsbruch unmöglich, sich auf traditionelle, nach Ganzheit und Geschlossenheit strebende Kunstformen zu stützen. Stattdessen überwiegt das Bruchstückhafte, die Umkehrung, das Absente. In der Literatur ist Verschwiegenes und Bruchstückhaftes stets doppelt befrachtet, indem es nach einer Sprache trachtet, die das Entsetzen und die Trauer ausdrückt, dabei jedoch mit sich selbst beschäftigt ist und unbewusste blinde Flecken verrät, die den Zugang zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit versperren. In der Architektur sind die zerbrochenen Formen, die Absenzen, die Inversionen eindeutige Versuche, Vernichtung und Verlust darzustellen, während die Uneindeutigkeiten und Unschlüssigkeiten in den Debatten zutage treten. In dieser Atmosphäre hat der jüdische Architekt Daniel Libeskind, dem sich Young im folgenden Kapitel zuwendet, eine einzigartige Leistung vollbracht. Sein Entwurf für das Jüdische Museum in Berlin veranschaulicht das Wiedererstehen jüdischen Lebens, das selbst die Stimme erhebt und für seine Positionen und Belange eintritt. Libeskind bedient sich der Kunstmittel von gebrochenen Linien (der zerbrochene Davidstern), von Absenzen und leeren Räumen, um den außerordentlichen Eindruck des Fehlens jüdischen Lebens in Berlin zu erzielen und gleichzeitig dessen frühere, gemeinsame Anwesenheit auszudrücken.

Die Leere als klaffende Abwesenheit und unauslöschliche Gedenkstätte ist eine einzigartige Leistung und steht in Gegensatz zu dem, was Y. Michael Bodeman "eine Kultur, eine Industrie, ja eine Epidemie des Gedenkens im heutigen Deutschland" nennt. Daran knüpft Young an, wenn er drei miteinander verbundene Voraussetzungen benennt, die ihm für eine Erinnerungskunst im Zeichen der Shoah angemessen erscheinen: "erstens, daß eine Erinnerungsarbeit nach Auschwitz nur antierlöserisch sein kann und darf; zweitens, daß eine Generation, die nach Auschwitz geboren wurde, ethisch und historisch verpflichtet ist, die Erfahrung des Erinnerungsprozesses selbst zum Thema zu machen; drittens schließlich, daß die mit der Vernichtung der europäischen Juden zurückgebliebene Leerstelle zunächst eine Reflexion der genauen Umstände der Vernichtung selbst verlangt." Erinnerungsarbeit besteht nach Young somit in dem unendlich schwierigen Versuch, zu wissen, zu imaginieren und Erfahrungen Sinn abzugewinnen, die man nicht selbst gemacht hat, was er nochmals in dem letzten, sehr persönlich gehaltenen, Kapitel über "Deutschlands Mahnmalproblem - und meines" verdeutlicht. Seine Ergebnisse resümierend, erkennt Young die größte Herausforderung sowohl für die Kunst wie auch für eine Geschichtsschreibung nach der Shoah in einem antierlöserischen Zeitbewusstsein: "Es kann nur um eine Geschichtserzählung und eine Erinnerung gehen, die nicht nur auf die Bedingungen ihrer eigenen Entstehung verweisen, sondern auch auf die Orte, die wirklichen und die imaginierten, an denen sie uns unausweichlich einholen."

Titelbild

James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur.
Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2001.
291 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-10: 3930908700

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Jens F. Pyper (Hg.): Uns hat keiner gefragt. Positionen der dritten Generation zur Bedeutung des Holocaust.
Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 2002.
291 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3825702472

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