Kein Mythos, ein Trauerspiel

Gerd Koenens "Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus"

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Um "Krieg und Frieden" schreiben zu können, seinen Roman über jenen Mann Napoleon, der ganz Europa in Atem gehalten hatte, brauchte Leo Tolstoj rund fünfzig Jahre Abstand zu den Ereignissen. Fast ebenso lange dauerte es, bis ein Buch erscheinen konnte, das die deutsche Terrorszene, die kaum einen der Zeitgenossen unberührt gelassen hat, bis in die Ursprünge zurückverfolgt und dabei zu einem sehr deutlichen Urteil gelangt. Wie man weiß, hat der 1944 in Marburg geborene Autor selbst eine lange Strecke den politischen Extremismus als Aktivist begleitet. Hier tritt also ein Vatermörder auf. Die ödipale Grundierung, die Wut über die eigene ideologische Verwirrung, zeichnet denn auch die polemische Schreibweise Koenens aus. Demgegenüber geben sich andere Autoren, wenn sie nicht wie Margrit Schiller oder Bommi Baumann als Beteiligte in mehr oder weniger sentimentalen Erinnerungen schwelgen, bis heute bewusst objektiv. So etwa Stefan Aust in seinem berühmten "Baader Meinhof Komplex", der, beginnend mit dem 2. Juni 1967 (dem Schah-Besuch) und endend am 19. Oktober 1977 (mit Mogadischu), als Protokoll eines Jahrzehnts angelegt ist, oder zuletzt Alois Prinz in seiner eher distanzierten Ulrike Meinhof Biographie.

Von den meisten Rezensenten wurde Koenens Buch begeistert begrüßt, aber wohl auch missverstanden als ein gruseliges Eintauchen in eine Gott sei Dank bewältigte Vergangenheit. Koenens Rückblick auf die bleierne Zeit ist nur bedingt eine historische Abrechnung, als vielmehr über lange Passagen eine kluge und einleuchtende Textanalyse, eine Reise durch die "Reise", durch jenen Roman nämlich, in dem Bernward Vesper mit seinem Vater, dem Nazi-Dichter Will Vesper abrechnet, kurz bevor er seinem Leben, das man auch als verpfuscht bezeichnen könnte, durch Drogen und Medikamente ein Ende setzte. Koenen hat eine grandiose Fleißarbeit geleistet, im Marbacher Literaturarchiv den Nachlass Vespers gesichtet und das Originalmanuskript der "Reise" mit der stark überarbeiteten, gekürzten und erst postum erschienen Buchausgabe verglichen und ist dabei auf bislang wenig beachtete Verbindungen gestoßen. Koenen hat "Urszenen des deutschen Terrorismus" versammelt. Um diese herum gruppiert er, wie Lebensringe, sein Textmaterial, Briefe, Bilder, Interviews und chronologischen Rückblicke.

Was man klassischerweise eine gelungene Ablösung vom Elternhaus nennt, ist Bernward Vesper wie vielen seiner Mitstreiter nicht gelungen, obwohl die Parolen genau dies verkündeten. Zu tief war der Sohn des Nazidichters bereits mit jungen Jahren in jenem braunen Sumpf um den Vesper-Besitz Triangel und das Grimm-Gut Lippoldsberg, nach Koenen "Ordensburgen der Unbelehrbaren" versunken, der hier minutiös trockengelegt bzw. dokumentiert wird. Noch während er bereits zusammen mit Gudrun Ensslin die ambitionierte Reihe "studio neue literatur" herausgibt, verhandelt Bernward Vesper mit dem deutschnationalen Dr. Bertl Petrei Verlag über die Herausgabe des väterlichen Œuvre. Einen Dr. Jekyll, Mr. Hyde-Charakter attestieren ihm die von Koenen befragten Weggefährten, eine Eigenheit, die sich bei allen Mitgliedern der zentralen RAF wiederfinden wird. Ein Grund für diese Fehlentwicklung liegt darin, dass die Elterngeneration jede echte Diskussion mit den Nachfolgenden verweigerte. Deshalb musste, wie jene glaubten, ein radikaler Schnitt erfolgen. Weil die Aufarbeitung der Vergangenheit versagt wurde, fehlte dieser gesamte Zeitraum als Orientierung für die Zukunft, was letztlich nur in die Irre führen konnte, so etwa in die Ästhetisierung der Destruktivität, die sich auch gegen das eigene Selbst richtete. Was Vesper, durchaus hellsichtig, über die "Generation, die Hitler bejahte", schrieb, galt indes ebenso für ihn: "Im Grunde war die Ambivalenz ihrer Verhaltensweise nichts anderes als das untrügliche Zeichen für die totale personale Leere, für die grenzenlose seelische Armut, die vollkommene Richtungslosigkeit, die erfreut und überbereit den Appell an die Entpersönlichung aufnahm." Im Trubel der Kränkungen und Emotionen blieb die Einsicht auf der Strecke, wie sehr man selbst in der antiliberalen, menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus verstrickt war. "Fast scheint es", stellt Koenen lakonisch fest, "als hätten sich einige, die sich am intensivsten mit der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus auseinander gesetzt und ständig darauf berufen hatten, am stärksten daran vergiftet." Für diese These liefert Koenen eindrucksvolle Belege. Dafür sprechen nicht nur die späteren Rechts-Karrieren von Klaus Rainer Röhl und Horst Mahler. Semantische Parallelen wurden einfach ignoriert, etwa die Selbsteinschätzung als "Bewegung" oder die Herabstufung des politischen Gegners zum Tier: "Polizisten sind Schweine, auf die geschossen werden kann", wie Ulrike Meinhof verlautbarte. Die Radikalisierung war nichts anderes als die bekannte chiliastische Weltsicht der Väter. Hitlers Kinder konnten nicht erwachsen werden. Koenen kommentiert das folgendermaßen: "Während Vesper glaubte, die Sprache Cleavers oder Carmichaels zu sprechen, da sprach >es< aus ihm eher in der von Kindesbeinen an vertrauten Sprache eines Joseph Goebbels."

Selbst im Privatleben ist den Akteuren die Emanzipation nicht gelungen. Koenen recherchiert die spießige Verlobungsfeier von Ensslin und Vesper (mit faksimilierter Verlobungsanzeige) und druckt die Briefe an den gemeinsamen Sohn Felix ab, die Vesper mit Hitlers Kosename "Wolf" unterschreibt (allerdings hier bezeichnenderweise als "Mini-Wolf") und worin er ein durchaus konventionelles Vater-Rollenbild vertritt: "Vielen Dank! Der Papa". Koenen erinnert an die Konsumgeilheit der Ensslin, die vor Gericht unbedingt in ihrer roten Lederjacke erscheinen wollte, vom Autofetischismus Baaders ganz zu schweigen, dem er schließlich auch seine Verhaftung verdankte.

Nein, hier gibt es keinen Mythos zu besichtigen, sondern ein bürgerliches Trauerspiel, an dessen Ende wieder einmal der Tod seinen großen Auftritt hat. Im Abstand von fast vierzig Jahren durchschauen wir die grotesken Verstrickungen, erkennen aber auch, warum der Irrweg nicht das Vorbild der meisten werden konnte. Der legitime Protest der 68er gegen die Verdrängung der Vergangenheit bildete immerhin die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Insofern hat Koenens Buch durchaus reinigende Wirkung.

Titelbild

Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
363 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3462033131

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