Der größte Lump in diesem Land, das ist und bleibt der Denunziant

Herbert Dohmen und Nina Scholz präsentieren Fallbeispiele aus der Zeit des Nationalsozialismus

Von Kristina Heinz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"In der besonders jetzt herrlich schönen, schattigen Baumallee des Währinger Gürtels wimmelt es von Juden, so dass die vielen dort von der Währingerstraße bis hinunter zur [...] Döblinger Hauptstraße aufgestellten Bänke von ihnen vollständig besetzt sind u. man es vor dem bekannten Gestank kaum aushält! Müssen wir in der Umgebung Wohnenden uns das im Gegensatz zu den anderen Verfügungen (Gasthäuser, Kaffeehäuser, Parkanlagen, Theater, Bäder etc.) gefallen lassen?!

Wir bitten um eheste Säuberung.

Heil Hitler!

Gerechtigkeit."

Das ist eine von vielen anonymen Anzeigen im Nationalsozialismus, die "im Namen der Gerechtigkeit" das Leben anderer zerstört haben. Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz, Mitherausgeberin der Publikation "Eine zerstörte Kultur: Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien", und der Historiker und Psychotherapeut Herbert Dohmen werten in ihrem Buch "Denunziert" Gerichtsakten des Wiener Sondergerichts, Akten der österreichischen Nachkriegsjustiz und Zuschriften der Bevölkerung an den Reichskommissar Josef Bürkel aus. Dabei richten sie ihr Augenmerk auf das Phänomen der Denunziation im Nationalsozialismus. Dohmen und Scholz, Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für historische Sozialwissenschaft in Wien, schildern eindrucksvoll anhand von Fallbeispielen, welches Ausmaß die Denunziation in Österreich nach dem Anschluss an Deutschland 1938 annimmt. Das Buch ist eines der Ersten, das sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Der Leser wird konfrontiert mit der Welt der Volksgenossen und Volksfeinde, der V-Leute und Gestapohelfer, mit "Rechtsgemeinschaften" und "Rassenkategorien".

Im April 1943 melden zwei Schüler ihrem HJ Bannführer Rudolf Wondrazek, dass ihr Mitschüler Franz Cikanek in der Schule "Feindesmeldungen" sowie abfällige Äußerungen über die NSDAP verbreite und mit seiner Familie "Fremdsender" höre. Der Vater von Franz wird vom Sondergericht Wien wegen "Abhörens und Verbreitung von feindlichen Rundfunksendungen" zum Tode verurteilt und gehenkt. Die Mutter muss fünf Jahre ins Zuchthaus und der sechzehnjährige Franz ein Jahr ins Jugendgefängnis. Ein anderes erschütterndes Lebensschicksal erleiden die sieben Kinder von Rosa Schwarz. Diese zeigt zuerst ihren jüdischen Mann Michael Schwarz wegen antinazistischer Aktivitäten und später ihre beiden ältesten Kinder bei der Gestapo an. Die fünf jüngeren Kinder werden von ihr in ein Heim der Israelitischen Kulturgemeinde gebracht. Michael Schwarz wird nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die sieben Kinder kommen in das KZ Theresienstadt und überleben.

Der "Volkssport" Denunziation wird im Arbeitsumfeld, an öffentlichen Plätzen wie Gast- oder Kaffeehäusern, Schulen, in der Kirche, im Bekanntenkreis, ja sogar in der Familie gewissenhaft gepflegt. Das heuchlerische Verhalten der Menschen findet seine Legitimation in Gesetzen wie dem "Heimtückegesetz" von 1934, das eine Flut von Anzeigen wegen "heimtückischer" Angriffe auf Staat und Parteiform auslöst und die freie Meinungsäußerung abschafft. Zu den Straftatbeständen zählen Führerbeleidigung, Rassenschande, Defätismus sowie Wehrkraftzersetzung und das Abhören von Feindsendern. Einer der mächtigsten Vollstrecker und Handlanger im Staate Hitlers wird der Denunziant!

Die Autoren liefern erschreckende Einblicke in das politische, soziale und kulturelle Gefüge des Nationalsozialismus. Sie beschreiben, wie die politische Situation und Rechtslage zu Macht- und Rachegelüsten, Wichtigtuerei, Missgunst, Sozialneid und "Ordnungsliebe" führen. Das Buch erinnert uns an eine Zeit, in der die Grausamkeit der Menschen gesetzlich verankert war.

Titelbild

Herbert Dohmen / Nina Scholz: Denunziert. Jeder tut mit - Jeder denkt nach - Jeder meldet.
Czernin Verlag, Wien 2003.
271 Seiten, 27,00 EUR.
ISBN-10: 3707601552

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