Am Meridian der Einsamkeit

Harry Rowohlt gibt ein "Großes Lesebuch" mit ausgewählten Feuilletons Alfred Polgars heraus

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Diese Feuilletons", irrlichterte einmal Hermann Hesse über Alfred Polgar, "sind und bleiben eben Plauderei, die den Autor und den Leser letzten Endes zu nichts verpflichtet. Es fehlt [...] an Bekenntnis, an einem wirklichen, ernsthaften Glauben." Die Mär vom "charmanten Plauderer", voller "Esprit" und "Feingefühl", derzeit kann man sie wieder hören. Nicht, dass sie ganz falsch wäre. Aber verharmlosend ist sie - und irreführend.

Denn sie geht Polgar, diesem Meister des Understatements, der stets über die "Minus-Abenteuer" und "kleinen Zwischenfälle" schrieb und die "kleine Form" für zeitgemäßer als "geschriebene Wolkenkratzer" hielt, auf den Leim. Aus Franz Bleis "Großem Bestiarium" kann man erfahren, dass das "Polgar Viennensis", diese seltsame Maus, aus "winzigen Vornehmheiten und Bösheiten, unvermeidlichem Zeitungspapier, Lyrismen und Lozelachs und mit schönen roten Blutkörperchen eines besseren Lebens [...] aparte Gedankennester [baut], die man wegen ihrer seltsamen Zusammensetzung aus Fragilität und Dauer Filigranitkunstwerke nennt."

Davon können sich heutige Leser, nachdem Polgars "kritische Erzählungen" lange vergriffen waren, endlich wieder überzeugen. "Das große Lesebuch" nennt Harry Rowohlt seine Auswahl mit über hundert Feuilletons, Kurzgeschichten, Betrachtungen, Satiren und Glossen dieses facettenreichen Werkes; kommenden Herbst soll eine zweite mit Polgars besten Theaterkritiken folgen. Damit führt der Herausgeber eine Familientradition fort, war es doch der Verleger Ernst Rowohlt, der Polgar in den 20er Jahren mit diversen Ausgaben gesammelter Feuilletons und Kritiken groß herausbrachte.

Um die Jahrhundertwende wurde Polgar, 1873 "unterm wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit" geboren, im Café Central Teil des illustren Kreises um Peter Altenberg. Die Kaffeehausszene prägt auch die meisten seiner frühen Skizzen, ehe Polgar, in den Jahren nach 1914 Zeuge von Kakaniens gespenstischem Untergang und der Umkehrung aller Ordnungen, zu sich selbst fand. Nach dem Krieg wurde er zum liebevoll-ironischen Minnesänger der "kleinen Leute", der Dienstmänner und Putzfrauen, der Arbeits- und Obdachlosen: "Ohne sie stürzte die Welt in Nacht und Kälte. Ich will lieber die Büste meines Briefträgers auf den Schreibtisch stellen als die des großen Napoleon."

Seine wie beiläufig servierten Kalauer und giftigen Pointen destruieren den Kitsch und die Phrasendrescherei seiner Zeit, glossieren die Scheinheiligkeit von Justiz und Presse, die Doppelmoral des feinen Bürgertums, den Militarismus: "Ein Major mit Spazierstock stochert leutselig durch den Park. Er winkt den beiden Soldaten auf der Bank schon von weitem zu, sitzenzubleiben. Da sie miteinander nur ein Bein haben, machen sie von der Erlaubnis Gebrauch." Oft entzündet sich der bittere Witz Polgars, der selbst nur für wenige Jahre einigermaßen wohlhabend leben konnte, am Hunger der Bevölkerung nach dem Krieg. "Kürzlich wurde einer der Schwäne, ein Greis von neunzig, nachts ermordet und aufgefressen. Er soll gesungen haben, in seiner Sterbestunde. Aber ich glaube, es war der abendbrotselige Mörder, der gesungen hat."

Das Beispiel zeigt, wie karnevalistisch Polgars Welt ist, wie subversiv und zugleich subtil seine Ironie. Sie schärft die Hellhörigkeit auch in unserer Zeit, in der das Mediengedröhn für ertaubende Ohren sorgt. Polgar vertauscht oder verflechtet disparate Sprachregister, demaskiert durch Montage und Paradoxien, lässt Tiere menschlich, Dinge und Gegenstände, sogar abstrakte Begriffe lebendig erscheinen - und die Menschen dafür als ohnmächtige Objekte. Bei Polgar ist es der "Rassehund", der den "O-beinigen Offiziersdiener an der Leine" führt. Beharrlich schaut er, stets auf eine sympathisch unprätentiöse Weise, "den Spielern in die gezinkten Karten", der Komödie des Lebens hinter die Kulissen. Der Besuch eines Jazzkonzerts wird ihm zum Anlass, die Synkope, die Betonung unbetonter Taktteile, zum "Symbol einer aus dem Takt geratenen Welt" zu erklären. Sie charakterisiert zugleich sein Schreiben.

Begrüßenswert also, dass Harry Rowohlt den Schwerpunkt seiner Auswahl auf den mittleren, den besten Polgar legt, den Chronisten des Nachkriegs-Wiens und der zwanziger und dreißiger Jahre. Freilich, keine Auswahl ist vollkommen; nicht nur die "Theorie des Café Central" hätte man gern wieder gelesen, sondern auch so klassische Texte wie "Nur erschossen" oder "In der Telefonzelle". Als Textgrundlage diente Rowohlt die längst vergriffene Werkausgabe, die Marcel Reich-Ranicki und Ulrich Weinzierl Mitte der achtziger Jahre besorgten. Weitere bibliografische Nachweise, ob ein Text zuerst im Wiener "Tag", der "Schaubühne" oder dem "Berliner Tageblatt" erschien, fehlen dagegen.

Leider auch Verständnishilfen für heutige Leser. Leben doch nicht wenige Pointen Polgars von Anspielungen auf aktuelle Begebenheiten. Da heißt es vom Einbrecher Breitwieser: "Vor den ewigen Richter kommt er nach alphabetischer Ordnung hinter Berchtold. Da wird sein Sündenpäckchen wohl federleicht wiegen." Wer weiß heute noch, dass Graf Berchthold 1914 das österreichische Ultimatum an Serbien unterzeichnete?

Überhaupt hätte eine Skizze der historischen und biografischen Hintergründe von Polgars Schreiben diesem Lesebuch gut getan, besser jedenfalls als die selbst selbstverliebte Erklärung, warum der Herausgeber zur Herausgabe legitimiert sei. Und warum dagegen Reich-Ranicki, von dem Harry Rowohlt gern sehen würde, wie Polgar ihm "den Stecker" rausgezogen hätte, nicht. Wie viel auch immer das Kritiker-Sündenpäckchen Reich-Ranickis wiegen mag, sein Engagement für Polgar dürfte es nicht erschweren.

Titelbild

Alfred Polgar: Das grosse Lesebuch.
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Harry Rowohlt.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2003.
427 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-10: 3036951164

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