Der Held, der Traum und der Tod

Wilhelm Richard Bergers Untersuchungen zum Traum in der Literatur

Von Bettina von JagowRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bettina von Jagow

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach Jurij Lotman wird der literarische Held erst zum Helden, indem er Grenzen - und das sind zumeist symbolisch strukturierte Räume - überschreitet. Eine solche Überschreitung und Wiedereingliederung der fiktiven Person im Roman lässt ihn zum Helden werden, indem er sich für eine gewisse Zeit jenseits bestimmter Normen bewegt. Norm und Normüberschreitung bilden auch das basale Muster des träumenden Helden: Der Traum, der an der Schwelle von Wachen und Schlafen angesiedelt ist, bietet in dieser Perspektive ein "funktionales Erzählelement erster Ordnung" - er besitzt "strukturbildende Funktion". Der Traum in der Literatur steht damit in einem syntagmatischen Beziehungsgefüge.

Wilhelm Richard Bergers Untersuchungen zum Traum in der Literatur gehen auf eine Reihe von Vorlesungen aus den Jahren von 1988 bis 1991 zurück, die in Namur und Bonn gehalten wurden. Sie sind von Norbert Lennartz, einem Schüler Bergers, mit einem resümierenden Nachwort posthum herausgegeben. Bergers Studien waren nicht vollendet, als er 1996 unerwartet und plötzlich verstarb. Es war eine Erweiterung in komparatistischer Sicht geplant, die neben Quevedo, Calderón und Shakespeare Baudelaire und die Surrealisten einschließen sollte. Eine solche komparatistisch angelegte, methodisch allerdings anders verfahrende Monographie hat 2002 Peter-André Alt mit seinem "Schlaf der Vernunft. Literatur und Traum in der Kulturgeschichte der Neuzeit" kenntnisreich und beeindruckend vorgelegt.

Das Interesse an Literatur und Traum im Kontext einer kulturwissenschaftlichen Erweiterung der Literaturwissenschaft - vor allem in anthropologischer Perspektive - ist nachhaltig. Der Traum bietet hierfür eine exemplarische ,Untersuchungsfläche', kann er als komplexes Phänomen des Alltags, poetisch reflektiert in der Literatur, vor allem in interdisziplinärer und kulturhistorischer Weise analysiert werden. Dieser methodischen Prämisse stimmt Berger zu und entspricht ihr zugleich, wenn er sich in der ersten von insgesamt vier Abteilungen der Monographie der "Traumtheorie" widmet.

Der Traum sei, so Berger im Anschluss an gängige Meinungen, ein universelles Phänomen, das sowohl invariante Strukturen als auch historisch-kulturelle Bindungen aufweise. Der Stoff, aus dem Träume organisiert sind, ergebe sich aus einer Trias von individuellem Traumerleben, konstanten Traumstrukturen und der charakteristischen Brechung durch ein konkretes Kulturmilieu. Insofern vereint das Phänomen des Traums Wissen aus der Psychologie, der Anthropologie und der Kulturgeschichte. Aus dieser Trias leitet Berger die drei Analysekategorien des literarischen Traumtextes ab: (1) die literarische Traumsituation, (2) die literarische Traumsequenz und (3) die literarische Traumeinkleidung (S. 13). Darunter versteht er (1) die Handlungskonstellation, in der sich der Held befindet, (2) den Inhalt des Traums, der immer in Verbindung mit der Traumsituation betrachtet werden muss, und (3) den Kompositionsrahmen, also zum Beispiel die sprachliche Form der Darstellung des Traumtextes. Berger spricht konsequent für seinen Untersuchungsgegenstand des Traums als Motiv in der Literatur von "Traumprotokollierung", die auf Abbildung ziele. Diese wiederum setze stilistische Mittel der Erzählbarkeit voraus. Hier wäre interessant zu wissen, worin genau ,Erzählbarkeit' von Träumen besteht. Bergers verhältnismäßig schematische Darbietung zur Analyse von Träumen in der Literatur gibt freilich eine ,Anleitung' zur strukturellen Lesbarkeit von Traumtexten, vernachlässigt durch Schematisierung möglicherweise aber individuelle, epochemachende und damit epistemisch als neu zu betrachtende poetische Umformungen in ihrer genuin ästhetischen Repräsentation durch und in Literatur. Diese, das Verhältnis von Literatur und Traum entscheidend weiterführende Überlegung, die durch ein interdisziplinäres Vorgehen diskutiert werden kann, bleibt auch in Bergers Ausführungen zu physiologischen und psychoanalytischen Grundlagen des Traums aus. Gerade hier hätte diese Diskussion fruchtbar geführt werden können, auch auf der Basis bereits geleisteter Forschung zur Erzählbarkeit von Träumen, wie dies zum Beispiel Brigitte Boothe wegweisend untersucht hat ("Der Patient als Erzähler in der Psychotherapie", 1994). Möglicherweise wäre diese ,Lücke' bei einer Ausarbeitung der Vorlesungen auch geschlossen worden.

In der zweiten, knapp gehaltenen Abteilung "Träume der Antike" schafft Berger einen Überblick über antike Traumbücher des Orients, Träume des antiken Griechenlands und Träume im Alten Testament. Nach einer Skizzierung der ägyptischen und akkadisch-babylonischen Quellen wird vor allem auf die einzige und vollständig erhaltene Quelle der "Oneirokritika" des Artemidor eingegangen und auf die Funktion von Träumen in den beiden, die abendländische Literatur- und Kulturgeschichte prägenden Texten der "Ilias" und "Odyssee". Abschließend und ausführlicher wird das Alte Testament betrachtet, vor allem die Apokalyptik und die Joseph-Erzählung der Genesis. Hier schlägt Berger bereits einen Bogen zur Rezeption bei Thomas Mann und bringt damit eines seiner Spezialgebiete ein: Im Jahr 1968 dissertierte Wilhelm Richard Berger bei Horst Rüdiger in Bonn mit seiner Schrift "Die mythologischen Motive in Thomas Manns Roman 'Joseph und seine Brüder'".

Mit der dritten Abteilung "Romantische und realistische Träume" unternimmt Berger einen großen Sprung von der Antike in die Zeit um und nach 1800 - und hier fehlen eben jene Partien, die nachgearbeitet hätten werden sollen, und die durch den überraschenden Tod des Autors auf den Riss zwischen Leben und Tod verweisen, den der Traum in der Literatur als Schwelle symbolisch zu bearbeiten und überwinden sucht. Es fehlen die Ausführungen zur Renaissance, zur Frühen Neuzeit und zur Aufklärung, die das langsame Erwachen der Erzählbarkeit von Träumen in der Literatur durch ein autonomes Ich allererst ermöglichen. Berger untersucht für die Zeit nach 1800 in textnahen Analysen die Träume aus Jean Pauls "Flegeljahren" und dem "Siebenkäs", aus Novalis "Heinrich von Ofterdingen", aus E.T.A. Hoffmanns "Der Magnetiseur" und aus Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" (hier die zweite Fassung von 1879/80). In diesen Lektüren greift Bergers Trias zur Analyse von Traumtexten paradigmatisch. Sie bieten eine aufschlussreiche und zugleich tiefreichende Erörterung der exemplarischen Träume in der Literatur zwischen 1800 und 1900.

In der vierten und abschließenden Abteilung "Moderne Träume" greift Berger auf sein einführendes Theoriekapitel zurück und untersucht Hugo von Hofmannsthals "Andreas oder die Vereinigten" im Kontext der freudianischen Traumtheorie. Freud bildet auch die Folie für die eingehende Interpretation des Traums von Gustav von Aschenbach aus Thomas Manns "Der Tod in Venedig", wohingegen der Thomas Mann-Spezialist Berger Hans Castorps Schneetraum aus dem "Zauberberg" als philosophischen Traum analysiert. Mit Thomas Mann und seiner Erzählweise kann Berger zeigen, wie sich im Paradigma des Traumtextes Traum und Literatur nach 1900 vermischen: indem im literarischen Text das Phänomen Traum zu einem artifiziellen Kunsterlebnis avanciert. Jene Vernetzung wird allererst auf der Basis der Schriften Sigmund Freuds denkbar und möglich, denn spätestens mit der "Traumdeutung", datiert auf 1900, erweist sich Freud nicht nur als Psychologe und Begründer der modernen Psychoanalyse, sondern auch als Kulturtheoretiker - und als Kenner der literarischen Analysetechnik. Darauf verweist sein Aufsatz "Das Unheimliche" (1919), der eine die Moderne zeichnende Interpretation von E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" vor Augen rückt. Bergers Analyse von Arno Schmidts Roman "Aus dem Leben eines Fauns" von 1953 stellt gegen jene symbolisch und philosophisch motivierten Lektüren den modernen Alltagstraum. Abschließend geht Berger literar- und kulturhistorisch betrachtet wieder ein wenig zurück, wenn er Walter Benjamins berühmten Goethe-Traum aus "Die Einbahnstraße" von 1932 erörtert und den Traum als Denkbild im Sinne Benjamins auf die bisherigen Analysen zwischen Romantik und Psychoanalyse rückführt. Mit Benjamins Goethe-Traum wird es Berger möglich zu zeigen, was im theoretischen Teil diskursiv ausbleibt: die Erzählbarkeit von Repräsentationen und damit die Generierung eines eigenen Wissens von Literatur, das über den Traum in der Literatur je autorenspezifisch, zum Beispiel in Form von Brechungen, Verdichtungen und Verschiebungen, kulturell gebunden über Transformationen realhistorischer Substrate diskutiert wird.

Wilhelm Richard Bergers Untersuchungen zum Traum in der Literatur bieten einen fundierten Einstieg in das Verhältnis von Literatur und Traum und berücksichtigen literaturanalytische Möglichkeiten bei der Lesbarkeit von Traumtexten. Die in der Zeit von der Romantik bis zur Klassischen Moderne schwerpunktmäßig angelegten Interpretationen exemplarischer literarischer Texte zeigen in ihrer philologisch orientierten Erörterung nicht nur die Bedeutsamkeit des Untersuchungsgegenstands für eine kulturwissenschaftlich erweiterte Literaturwissenschaft, sondern eröffnen auch Anschlussmöglichkeiten, sowohl in interdisziplinär theoretischer als auch in literarhistorisch in das 20. Jahrhundert weiterführender Weise.

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Wilhelm Richard Berger: Der träumende Held.
Herausgegeben von Norbert Lennartz.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000.
200 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 352520809X

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