Fasziniert von Goethe

Adolf Muschg äußert sich über den Weimarer Dichterfürsten

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Offensichtlich ist Goethe seit Jahren ein treuer Weggefährte Adolf Muschgs. Davon zeugen jedenfalls zahlreiche Aufsätze und Vorträge (die hier abgedruckten entstanden zwischen 1991 und 2003), in denen der Schweizer Schriftsteller, feinsinnig und klug, unterirdischen Verbindungslinien zwischen Leben, Werk und Gedankenwelt Goethes nachgegangen ist, wobei er wahre Schätze an Erkenntnissen und Einsichten ans Tageslicht gehoben hat. Wer allerdings mit Goethes Leben und Werk nicht so vertraut ist, dem dürfte es mitunter schwer fallen, die subtilen Andeutungen und Querverbindungen mit all ihren gedanklichen und sprachlichen Wendungen nachzuvollziehen, weil eben auch manches in der Schwebe bleibt. Auffallend ist ferner, dass sich Muschgs Goethe-Verständnis im Laufe der Zeit gewandelt hat, je nach persönlichem Erkenntnisstand und eigener Befindlichkeit, die wiederum von der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Groß- und Kleinwetterlage mit bestimmt werden.

So veröffentlichte Muschg vor knapp zwanzig Jahren ein Buch über "Goethe als Emigrant" mit dem Untertitel "Auf der Suche nach dem Grünen bei einem alten Dichter". Inzwischen ist das Spektrum breiter und vielfältiger geworden, aber immer noch glaubt Muschg, dass "Goethe zu lesen" ein wunderbarer Prozess sei. Zumindest finde sich bei ihm "kein Satz, der nicht das Gefühl von Gegenwart stärken könnte." In seinem Aufsatz "Goethe light" erklärt uns der Goethe-Verehrer, dass der Weimarer Dichterfürst vieles vorweggenommen habe, wie etwa die Gaia-Theorie der modernen Lebenswissenschaft. Im Newton'schen Spektrum dagegen steckte für Goethe nicht nur der Teufel, sondern auch der Tod - "Entleibung, Entsinnlichung eines Phänomens." Goethe nahm sich aus der Natur stets das, was zu seiner persönlichen Bildung beitrug. Muschg hält sich in diesem Zusammenhang an ein Zeugnis eines alten Mannes, das naturwissenschaftlich wie literarisch aus dem Rahmen fällt: die Fabrikation einer Künstlichen Intelligenz in "Faust II". Muschg beschließt den Beitrag "Goethe light" mit dem Resümee: "Alle Dinge sind leicht, schwer ist nur die Kunst, dahin zu gelangen, wo sie es werden."

In einem anderen Beitrag - es handelt sich dabei um einen Vortrag, den Muschg im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde Bern im Februar 2002 gehalten hat - fragt er: "War Goethe ein Antisemit?" und zitiert entsprechende Stellen aus seinem Werk und klopft sie sorgfältig ab, wie etwa den Satz aus den "Wanderjahren": "Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt." Immerhin sei er selbst, bekennt Adolf Muschg, nicht nur ein Freund und Liebhaber Goethes, sondern auch ein Zeitgenosse des Holocaust, vor dem es keine Gnade der späten Geburt gibt. Es könne nicht darum gehen, für Goethe einen Klassiker-Bonus zu beanspruchen, um einen angeblich zeitverhafteten Goethe, dem wir auch ein Stück Antisemitismus "nachsehen," auszuspielen gegen einen vermeintlich zeitlosen Goethe, "den wir um so lieber ,retten' als er unsere Bequemlichkeit mitzuretten verspricht. Zugleich weist Muschg darauf hin, dass Weimar und Buchenwald, Kultur und Barbarei, nahe beieinander liegen. Mit der Beantwortung der Frage, ob Goethe ein Antisemit gewesen sei, macht es sich Muschg nicht gerade leicht. Erkennt er doch deutlich, dass in Goethes Briefen, Tagebüchern und Gesprächen immer wieder Äußerungen auftauchen, "die man ohne Umschweife antisemitisch nennen muss." Aber es gibt auch die "Judenpredigt", die Goethe sogar in der von ihm erlernten hebräischen Sprache abgefasst hat. Diese sei ein "Kabinettstück von Bauchrednerei", in dem sich der junge Goethe spielerisch mit der jüdischen Heilserwartung identifiziert habe.

Dem Kreuz selbst sei Goethe hingegen, meint Muschg, wie dem Glockengeläut, mit unverschleierter lebenslanger Abneigung, begegnet. Doch nimmt Muschg im Zentrum von Goethes Identität auch lebenslänglich Spuren und Spiegelungen alttestamentlicher und jüdischer Elemente wahr und betrachtet Goethes "Lebens-Arbeit am Judentum mit kritischer Dankbarkeit und Gewinn als Reise durch die Wüste."

In Goethes Lebensträumen haben, laut Muschg, der "Josephstraum", der "Traum von Moses", der "Jesustraum" nicht unerhebliche Rollen gespielt und neben den biblischen Lebensträumen auch die griechisch-antiken sowie der Traum von einer vollkommen erotischen Beziehung, zu dem der Dichter durch Charlotte von Stein inspiriert worden sei. Goethes eigentlicher Lebenstraum indes war der gelebte, immer unvorhergesehene Augenblick. "Denn", so schreibt Goethe zu Winckelmanns Gedächtnis, "wozu dient alle der Aufwand von Sonne und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?" Und Muschg fügt hinzu: "Wenn das kein Lebenstraum ist."

Um die Teufelswette geht es in einem anderen Beitrag, also um die Wette zwischen Faust und Mephisto, bei der Faust nicht davor zurückschreckte, seine Seele dem Teufel zu verpfänden, und deren Kern die entscheidende Klausel enthielt:

"Werd' ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"

Was Muschg vor allem durch Goethe erfährt, ist Lebensrettung durch die Kunst. Sie allein könne dafür sorgen, meint der Schweizer Autor, dass sich Spielende als Menschen erkennen und Menschen als "Spielgeschwister".

In Goethes Werk gibt es zentrale Stellen, die in viele Richtungen führen, zum Beispiel in den ökologischen Diskurs, aber auch in die romantische Naturphilosophie, zu Novalis und Schelling, und, nach Muschgs Dafürhalten, zur Dichtung der Moderne. Gerade in Goethes lyrischem Spätwerk sehen wir die Saat der "absoluten" Poesie zwar nicht aufgehen, aber keimen.

In einem Vortrag, den Muschg in Ilmenau am Vorabend von Goethes 250. Geburtstag gehalten hat, ergeht er sich in Mutmaßungen über Goethes Verstummen während einer Rede am 24. Februar 1784 anlässlich der Wiederbelebung des Bergbaus zu Ilmenau. Der neue Schacht zu Ilmenau stand für einen Durchbruch in mehr als einem Sinn. Es galt, das Bergwerk aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und in die Produktivität zu überführen. Diese sollte zugleich die mittelalterlichen Verhältnisse des Herzogtums, Armut, Ausbeutung und Subsistenzwirtschaft beenden und dafür sorgen, dass es nicht nur Gnaden zu verteilen, sondern auch Wohlstand zu schöpfen gab. Goethe hatte seine Rede wohlvorbereitet, doch plötzlich verstummte er. Volle zwanzig Minuten soll er geschwiegen haben. Dabei "hing" er durchaus nicht durch. Von Verlegenheit keine Spur. Stumm, aber fest blickte er, nach den Zeugnissen, von einem zum andern. Sein gründlicher Psychoanalytiker Eissler hat sich für Goethes Schweigen eine grandiose Deutung einfallen lassen, berichtet Muschg. "Was Goethe überwältigt habe, sei nichts Geringeres gewesen als die plötzliche Vision des "Faust"-Schlusses, die Lösung des Knotens mit der Teufelswette, die Vorwegnahme von Fausts letztem Augenblick: ,Auf freiem Grund mit freiem Volke [zu] stehn.'" Muschg nutzt diesen Vorfall für eigene Gedankenspielereien, über Goethes Misstrauen gegenüber der Revolution im Rousseau'schen Sinne kommt er auf Umwegen auf Goethes Harzreise zu sprechen, auf den "Brocken", dem Platz der Walpurgisnacht, auf Goethes, nach seiner Reise verfassten Hymnus "Über den Granit", und glaubt am Ende, dass Goethes Schweigen während seiner Rede nicht ohne tiefere Bedeutung gewesen sei, um dann endlich am Schluss festzustellen, dass Ilmenau der Ort war und bleibt, "wo Goethe die Kunst mit einer konkreten Technik und diese mit der reellen Erwartung verband, sie würde Menschen, eine ihm anvertraute Gesellschaft freier machen."

Man ist beim Lesen der recht unterschiedlichen und durchweg anregenden Aufsätze immer wieder erstaunt, wie und wo Adolf Muschg Bezüge entdeckt und herstellt, auf die literaturwissenschaftlich nicht geschulte Leser schwerlich gekommen wären.

Kundig, weit ausholend, manchmal kurz bei Nietzsche, Kafka, Thomas Mann, Schiller oder Freud verweilend, steuert der Schweizer Autor in nicht einsträngigen und unabgeschlossenen Argumentationen mannigfaltige Überlegungen über Goethe bei, über sein Forscherleben, sein sogenanntes Alterswerk, das, so gesteht Muschg, an ihm mit eigenem zunehmendem Alter sein Wunder zu wirken beginnt, über Goethes Abstinenz von allem Politischen in den letzten Lebensjahren, über seine Bereitschaft zur Metamorphose, über Goethes "Farbenlehre" und dessen anschaulich-poetisches Gegenstück, den "Westlich-östlichen Divan". Gerade die Poetik des letzteren Werkes habe es Goethe ermöglicht, behauptet Muschg, sich gegen das Koordinatensystem des Christentums zu stellen und das gekreuzigte Menschenbild von seiner heilsgeschichtlichen Einmaligkeit zu befreien.

Titelbild

Adolf Muschg: Der Schein trügt nicht. Über Goethe.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
100 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3458172017

Weitere Informationen zum Buch





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN