Beute werden

Elfenbein, Waffenschieberei und organisiertes Verbrechen in Meja Mwangis Kenia-Reportage

Von Melissa Wesselhoft

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gesellschaftskritische Filme sind unangenehm. Jedenfalls für die, die sich im Dargestellten wiederfinden. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die Verfilmung von Mwangis Roman "Die Wilderer", der bereits 1979 in Kenia herauskam, verboten wurde. Zu nahe lag da die Verbindung hoher Regierungsbeamter mit dem globalen Verbrechen: Elfenbeinjagd, Waffenschmuggel, Mafia.

Meja Mwangi hat es auf 222 bestürzenden Seiten geschafft, einen Einblick in die längst (gern) vergessene Welt kenianischer Wildhüter und deren Arbeit zu geben, die von nicht wenigen als störend empfunden wird. Zu Beginn der Lektüre scheint es, als würden zwei Geschichten nebeneinanderher erzählt: Auf der einen Seite erfährt man von dem schwerreichen Geschäftsmann und Gutsbesitzer von Orange Estate Al Hafi, der der italienischen Mafiafamilie Deloris seine Dienste erweist: Elfenbeinschmuggel und Drogen. Auf der anderen Seite, wie in einer Art Überblende, hört man von den Rangern Johnny Kimathi und Frank Burkell, die die kenianische Savanne vor Wilderern zu schützen suchen.

Nach und nach scheinen sich die einzelnen Episoden zu einem Ganzen zu fügen, nachdem die Ranger entdeckt haben, dass die Wildererbanden neben Messern auch mit modernsten Waffen ausgerüstet sind und nebenbei auch Jagd auf Menschen machen. Steckt womöglich ein Teil der Regierung dahinter? Wieviel Geld ist im Spiel?

Mwangi hat mit "Die Wilderer" zwei Topoi der Spannungsliteratur verknüpft, die farbenreicher und beeindruckender gar nicht hätten vollzogen werden können: hier das italoamerikanische Mafiamilieu, da die Arbeit von Wildhütern in den Weiten der kenianischen Savanne. Gekonnt überspitzt setzt er die Mafiosifiguren in Szene, nicht ohne ein Schmunzeln beim Leser hervorzurufen. Die realistischen und detailierten Naturschilderungen geben ohne große Mühe ein Bild des Handlungsortes ab. Der Leser fühlt sich bei Beschreibungen wie "Schweigend saßen sie da und sahen zu, wie der Tag anbrach, gefangen von jenem magischen Augenblick der Savanne, wenn die Finsternis zu Licht verschmilzt" oder "Die Sonne war untergegangen, wie eine überreife Orange vom Baum einfach aus dem azurblauen Himmel gefallen, und Dunkelheit kroch langsam durch die erschöpfte Stadt" als Teil des Szenarios. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass Mwangi nicht nur zahlreiche Schriftstellerpreise bekam, sondern auch als Regieassistent bei Sidney Pollacks Film "Out of Africa" fungierte.

Würde man Mwangi nicht als afrikanischen Schriftsteller identifizieren, so könnte man meinen, er sei ein Verwandter von Agatha Christie, so untypisch genial scheint die Erzählstruktur alter Schule für seinen Thriller. Er wirkt wie ein guter Krimi mit exakt geführter Spannungskurve.

"Die Wilderer" hat an Aktualität nichts verloren, deswegen ist es zugleich ein beunruhigendes Buch. Die Sinne des Leser sollen geschärft werden für das Leben in einem Land, in dem das organisierte Verbrechen herrscht, und das ohne Umschweife klar macht: Wer nicht mit der Waffe umgehen kann, der wird hier Beute.

Titelbild

Meja Mwangi: Die Wilderer.
Hrsg. von Thomas Wörtche.
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Friedrich.
Unionsverlag, Zürich 2001.
224 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3293202187

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