Dichten für die ohne Stimme

Über den Lyriker Theodor Kramer

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kürzer und zugleich treffender hat ihn wohl niemand gewürdigt: "Seine Naturgedichte berühren sich mit den schönsten von Peter Huchel, seine Frontgedichte aus Wolhynien haben uns zu Anfang der dreißiger Jahre den Schützengrabenkrieg mit seinem Elend und Morast erschütternd nahegebracht, seine Liebesgedichte sind von hautnaher Sinnenfreude, seine Emigrationsgedichte zerreißen uns das Herz."

Hilde Spiel, die so ihren ehemaligen Freund und Gefährten im Exil charakterisierte, nannte ihn einen "der größten deutschen Lyriker". Ähnlich enthusiastisch pries ihn 1959 Carl Zuckmayer als den "stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl". Solches Lob wird selten einem Lebenden zuteil. Theodor Kramer, dem es galt, war bereits 1958 im Alter von einundsechzig Jahren in Wien gestorben - verarmt, vereinsamt und nur noch wenigen Lesern bekannt.

Die sieben schmalen Gedichtbändchen, die er zu Lebzeiten veröffentlichte, lassen wenig ahnen von seiner wirklichen Produktivität. Seit seinem vierzehnten Lebensjahr dichtete der Österreicher mit wahrer Besessenheit. Er selbst verglich seinen Zwang, immer neue Verse zu schreiben, mit der Sucht nach Schnaps, Morphium oder Kokain. In seinem Nachlass befinden sich an die zehntausend Gedichte.

Einen "Volksdichter" hat man ihn wiederholt genannt. Mit seinen leicht lesbaren und eingängigen Versen hatte er in der Tat das Zeug dazu. Als Theodor Kramer 1929 seinen ersten Gedichtband, "Die Gaunerzinke", veröffentlichte, war er mit einem Male ein anerkannter Lyriker. Seine Gedichte konnte man von nun an fast jede Woche in den Feuilletons der deutschsprachigen Zeitungen lesen, sie wurden vom Rundfunk gesendet, von Rezensenten gelobt und mit Preisen geehrt.

"Gedruckt werde ich viel", konstatierte er 1930, und ein Jahr später: "Ich lebe jetzt von meiner Feder." Die Zeit seiner Publizität blieb freilich auf wenige Jahre begrenzt. 1933 verschlossen sich dem sozialdemokratischen Parteimitglied und Sohn eines jüdischen Landarztes die gleichgeschalteten Zeitungen, Zeitschriften und Verlage in Deutschland. Trotz zunehmender Schwierigkeiten schob er die Flucht ins Exil hinaus, solange es nur möglich war. "Andre, die das Land so sehr nicht liebten, / warn von Anfang an gewillt zu gehn; / ihnen - manche sind schon fort ist besser, / ich doch müßte mit dem Messer /meine Wurzeln aus der Erde drehn."

Der Einmarsch Hitlers in Österreich brachte ihm das Berufsverbot und den Verlust der Wohnung. Kramer erlitt einen Nervenzusammenbruch und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Die Gedichte aus dieser Zeit sprechen immer wieder von Angst: "von der Angst, die den Menschen befällt, / wenn es ihm nicht erlaubt ist, sein Tagwerk zu tun, / und er gar nichts mehr gilt auf der Welt"; der Angst, deportiert zu werden, und der kaum weniger großen Furcht vor der Emigration.

"Wer läutet draußen an der Tür?" heißt eines dieser Gedichte. Zu Beginn aller fünf Strophen stellt es eben diese Frage. Die Antworten klingen zunächst noch beruhigend. Am Ende freilich steht die Schreckensphantasie von der Verhaftung und Verschleppung. Sie ist nicht grell ausgemalt, sondern überspielt und gedämpft von einem leisen, doch um so wirksameren Ton der Traurigkeit: "Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein / und wein nicht: sie sind da."

Lieber nicht mehr leben als solches erleben müssen: "Ich bin froh, daß du schon tot bist, Vater, / daß du starbst, bevor die Horde kam." Als 1943 diese Verse erschienen, konnte Kramer noch nicht wissen, dass seine Mutter in eben diesem Jahr im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Er selbst entkam den Nationalsozialisten buchstäblich im letzten Moment. Dank der Vermittlung Thomas Manns gelang ihm im Juli 1939 die Ausreise nach England.

Die Exilgedichte sind von Erfahrungen der Isolation, der Heimatlosigkeit und des Alterns in der Fremde geprägt, gelegentlich sprechen sie auch von Hass und Rache. Um so erstaunlicher nimmt sich da jenes "Requiem für einen Faschisten" aus, das diesen am Ende einen "Bruder" nennt. Über einen von denen, die dem Autor und seinesgleichen mit soviel Unmenschlichkeit begegnet sind, spricht Kramer hier mit einer menschlichen Anteilnahme, die verblüfft und beschämt. Erstaunt gibt sich der Dichter selbst: "Erschrocken fühl' ich heut mich dir verwandt." Der Faschist und das lyrische Ich, sie hatten das gleiche Unbehagen an der Kultur und die gleichen Sehnsüchte. Den einen freilich führten sie auf den falschen Weg, ließen ihn mitmarschieren "auf dem Marsch ins Nichts". Doch statt ihm Schuld zuzuweisen, bekennt das Ich gegenüber dem Toten seine eigene: denn "unser keiner hatte die Geduld, / in deiner Sprache dir den Wegzusagen: / dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld".

Obwohl Kramer 1933 zunehmend auch über das eigene Elend dichtete, weil es allzu bedrängend wurde, sprach er weiterhin bevorzugt "für die, die ohne Stimme sind". Und das in einer Form des Mitleids, die nicht herablassend war, sondern solidarische Achtung und Bewunderung bezeugte. Den Randexistenzen der Gesellschaft galt die Liebe des Lyrikers immer in besonderem Maße. Schon die Titel weisen darauf hin: "Auf eine erfrorene Säuferin", "Der böhmische Knecht", "Die Kohlenschipper", "Vorstadthure" oder "Friedhof der Namenlosen". Die Kriegsgedichte von 1931, "Wir lagen in Wolhynien im Morast" (hier war Kramer während des Ersten Weltkriegs schwer verwundet worden), richten ihre Anteilnahme denn auch nicht auf die sogenannten Helden und das außerordentliche Erlebnis, sondern auf das alltägliche Leiden in den Schützengräben; sie zeigen sich nicht fasziniert von den Stahlgewittern der Materialschlachten, sondern artikulieren die Sehnsucht nach Ruhe und Trost in der Natur.

Der Vorliebe für das Natürliche, für das einfache Leben auf dem Lande, für die kleinen Leute, die von der erfolgs- und fortschrittsgläubigen Zivilisation beiseite gedrängt wurden, entsprechen die betont einfachen Formen, mit denen der Dichter am liebsten arbeitete. Sie bekunden nicht schon durch ihr poetisches Raffinement Abstand von jenen, über die sie sprechen. Das dem Alltag nahe Vokabular ist oft derb. Da hat einer den Leuten aufs Maul geschaut. Hier findet man keine kühnen Metaphern oder gewagte Experimente. Hier dominiert eine bewusst volksnahe Diktion. Das Versmaß tönt oft mit der Regelmäßigkeit einer Drehorgel auf dem Jahrmarkt daher, und die Reime scheinen nur dazu da, dass sich die Gedichte leicht einprägen und weitersagen lassen können. Viele erzählen Geschichten nach Balladenart, besonders aus dem Nachlass lesen wir etliche Trinksprüche und Kneipenlieder.

Man muss diesen Lyriker allerdings vor jenen Bewunderern in Schutz nehmen, die ihn, wie etwa Ernst Lissauer seinerzeit, als heimat- und traditionsverbundenen Mitstreiter gegen die Moderne vereinnahmen wollten. Georg Trakl, Ernst Blass oder Bertolt Brecht haben deutliche Spuren in sein Werk eingeprägt. Doch sind diese Gedichte auch schon deshalb nicht geeignet, antimoderne Ressentiments zu nähren, weil sie dafür zu verrucht, frivol und sinnenfreudig sind, zu sehr ihre Sympathie mit dem Asozialen zeigen, zu aufrührerische Impulse in sich tragen.

Alfred Rosenberg, der NS-Propagandist, hatte richtig gelesen, als er das Titelgedicht der "Gaunerzinke" dem revolutionären Geist vom November 1918 verwandt sah. Traurigkeit und Verzweiflung sind nur die eine Seite von Kramers Lyrik, die andere ein unbändiger Freiheitsdrang und eine exzessive Lust am Leben. Und das fügt sich nicht so leicht in überkommene Ordnungsvorstellungen, sondern untergräbt sie mit rebellischer Energie.

Anmerkung: Im Frühjahr 2004 erschien im Zsolnay Verlag der dritte Band der "Gesammelten Gedichte" in einer Neuauflage. Die Werkausgabe ist damit wieder komplett lieferbar.

Titelbild

Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte. Band 1.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 1989.
624 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3552048669

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte. Band 2.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 1998.
624 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3552048677

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte. Band 3.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004.
816 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3552048758

Weitere Informationen zum Buch





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