Vagant und Rädelsführer

Adolf Endlers Rezepturen

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Einen Dummerjahn kleinzukriegen, verfahre man dergestalt: Es gilt ihm ganz einfach die Hucke vollzulügen; nichts Schlimmeres, Leute! Im Nu fällt das Mensch uns zur Beute!" Wer so sein Dichterhandwerk versteht, versteht die Poesie anders: Sie ist nicht mehr Botschafterin des Schönen, Stimme edler Absichten und hehrer Ziele, Offenbarung erlesener Gedanken und Wahrheiten, Sehertum und formale Vollendung. Sie ist, im Gegenteil, Lüge, ästhetischer Betrug, Menschenfischerei, Beutezug. Der Dichter als Jäger und Sammler, seiner Beute intellektuell überlegen, aber ohne genialen Glorienschein - diese Vorstellung paßt perfekt zum bild, das sich die Moderne vom Dichter als Outcast gemacht hat. Villon, Charles Bukowski, Peter Hille - der Dichter als Vagant oder als Rädelsführer, als einer jedenfalls, der weiß, daß die einfachsten Mittel oft die besten sind. Gewaltexzesse ("die Hucke vollhauen") lehnt er ab, um "das Mensch" zur wahren Lüge zu bekehren. Adolf Endlers Gedichte stecken den kurzen Weg ab von der Verfremdung der Wahrheit, die die "Dichtung" nach alter Vorstellung immer schon bedeutete, bis zu Platons Vorwurf, daß die Dichter lügten und aus der Polis zu verdammen seien. Da setzt Endler gleich "Was Gereimtes" drauf, "betitelt 'Kleines Leckmichmal-Gedicht'".

Als überzeugter Kommunist zog der gebürtige Düsseldorfer 1955 aus der engherzigen Adenauerrepublik in den vermeintlich besseren Teil Deutschlands. 1966 gab er, zusammen mit Karl Mickel, einen Band "Gedichte der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945" heraus, unter dem Titel: "In diesem besseren Land". Seine Lage wandelte sich zum schlechteren spätestens dann, als Endler 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurde, was einem Schreib- und Publikationsverbot gleichkam. 1990 wurde er dann wieder Bundesbürger. Sein Werk lag verstreut in zehn Verlagen vor (die zahlreichen Nachdichtungen und Übersetzungen nicht gerechnet), Gedichte und Reportagen, Theaterstücke und MiniDramen, Nebbich und Prosa.

Jetzt also ein best of im Enzensbergerschen Großformat, über 200 Seiten stark, ein sinnliches Ereignis: Man sieht richtig, wie das Sandkorn (im gleichnamigen Gedicht) durch die Verse rieselt. Was an diesem Band sogleich auffällt, ist die Formenvielfalt. Sie ist geradezu augenfällig inszeniert. Der hassende Zweizeiler ("Rosa und Beige kommen wieder in Mode? / Wie ich Euch hasse mit Hirn und mit Hode!") neben dem liebenden "Abenteuerbuch" ("Grün, wie ich dich liebe, Grün"), das kurze Gedicht neben dem langen ("Das Lied vom Fleiß" in hundert Zeilen), die einfache Liedform, gereimt oder ungereimt, die Ballade, das Haiku, Prosagedicht und "Memoire", "Verse der Entsagung" neben "Versen echter Dankbarkeit", ein Fragment aus einer szenischen Dichtung ("Soldaten / Kinder / Lied") neben einem "Romananfang" in drei Strophen und zwölf Versen.

Endlers Direktheit, seine Schnoddrigkeit, sein kauziger Witz, seine Sinnlichkeit ergeben einen ganz eigenen black pudding. Wo sonst kann man vom Blut der Läuse als Färbemittel lesen? "Dein rotes Haar erglänzt wie viele Tropfen Blut", heißt es in dem Gedicht "Läusesuchen" (1970). "Ich, der Henker" zupft Läuse aus den Haaren "wie Rosinen aus dem Kuchen". Eigentlich auf das Leben seines Opfers aus, ist ihm das Blut der Läuse Blut genug: "Du wirst begnadigt."

Endlers Gedichte haben viele Väter: Spurenelemente von Benn und Brecht, Celan und Rilke, Johannes Bobrowski und Günter Eich, Volker Braun, Karl Mickel und Peter Rühmkorf, Breton und Whitman, Lorca und Majakowski haben sich erhalten. Überhaupt die Internationale! Wenn man bedenkt, wie fremd Gottfried Benn das Englische noch war (schauderhaft sein "Nevermore", gereimt auf "Terpsichore") - da ist Adolf Endler erfreulich gewitzt, da reimt sich "Oscar Wilde" auf "beeilt" und "loves" auf "Kaffs" ("Die düstere Legende vom Karl Mickel"). Der Band ist schön "endleresk" überschrieben, genauso wie die vier Kapitel: "Dies Sirren" heißt das erste, "Akte Endler" im schönsten Gauck-Deutsch das zweite, "Immer wieder was Neues" das dritte, "Trotzes halber" das vierte und letzte. Die Einteilung signalisiert, daß es an "Brüchen" in Endlers Œuvre nicht mangelt. Hilfreich daher die Anmerkungen, die - wo es Endler erforderlich schien - kurz etwas zum Hintergrund des Textes sagen, sowie das Nachwort, wo der Dichter von seinen Bekenntnissen und Irrtümern, seinen Abwegen und Vorbildern Zeugnis ablegt.

Titelbild

Adolf Endler: Der Pudding der Apokalypse.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
216 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3518410563

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