Die Rückkehr des Ökonomischen

Michael Heinrich bringt das Marx'sche Erbe (fast) auf den Punkt

Von Christoph Henning

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Marx-Bücher waren einst ein Sinnbild für intellektuelle Entgleisungen. Entstanden meist knapp unterhalb des akademischen Milieus, litten sie oft unter den Profilneurosen von Autoren, die dem Establishment eigentlich abgesagt hatten. Wettgemacht wurde dies durch einen linken Überbietungsgestus. Radikal-Sein hieß in der "theoretischen Praxis", immer noch eins draufzusetzen. So kam es gerade durch die "neue Marxlektüre" der neuen Linken zu ominösesten Thesen und zu einer immer weiteren Entfernung von der akademisch klingenden Ökonomie. Dieser neulinke Kultus der Unverständlichkeit hielt sich noch bis in die Postmoderne. Ironischerweise hat wohl auch dies dazu beigetragen, dass Marx nach 1989 unverhältnismäßig schnell vergessen wurde. Marx wurde zwar in der Pisa-Studie nicht abgefragt, aber fraglich ist sehr wohl, ob die heutigen jungen Globalisierungskritiker noch den Unterschied zwischen Mehrwert und Profit kennen.

In einem Mix aus Buch und Internet stemmt sich nun die Berliner Reihe theorie.org dieser - teilweise selbstverschuldeten - linken Traditionsvergessenheit entgegen. Und das mit Konzept. Es geht auf knappem Raum einzig um eine Darstellung des "verlorenen" Wissens, sei es um die Grundlagen des Feminismus, des Internationalismus oder eben des Marxismus. Die Reihe zwingt ihren Autoren neben der Kürze vor allem Enthaltsamkeit auf. Die gewohnten Grabenkämpfe um Deutungsmacht innerhalb der zerstrittenen Linken sollen draußen bleiben. Dieses Rezept geht auf. In dem Band zur "Kritik der politischen Ökonomie" gelingt es Michael Heinrich tatsächlich, die wesentlichen Kategorien und Zusammenhänge der Marx'schen politischen Ökonomie auf knappstem Raum zu erläutern und Missverständnisse der Marx'schen Theorie abzuweisen. Ohne Auslassungen ist er dabei derart sparsam, dass er sogar noch einige Exkurse - etwa über den Antisemitismus oder den Staat - anbringen kann.

Das ist um so erstaunlicher, als Michael Heinrichs bisheriges Hauptwerk, die von Auflage zu Auflage anschwellende "Wissenschaft vom Wert" (zuletzt 1999), von dieser Tugend nur wenig erkennen ließ. Es verlor über der Einarbeitung allzu vieler Details den roten Faden. Er bestand am ehesten in einer Projektion Heinrich'scher Unentschiedenheit auf eine Marx'sche "Ambivalenz". Dieses neue Buch jedoch hat das Potenzial, zur Textgrundlage der allfälligen Einübungskurse in ein kritisches ökonomisches Denken zu werden; vielleicht gerade weil Heinrich seine eigenen Thesen nicht in den Vordergrund stellt. Es bleibt diesbezüglich bei Andeutungen und gelegentlichen Seitenhieben auf Konkurrenten aus dem Umfeld des "Arguments" oder der Gruppe "Krisis". (Heinrich selbst ist Autor bei der "Prokla".)

Das Wohltuendste an diesem Buch ist die Kompromisslosigkeit gegenüber der anerkannten Theorie, sowohl der der akademischen Welt als auch der der Linken. Es geht eben um Marx, der nach wie vor der Hauptreferenzautor für kritisches ökonomisches Denken ist, um nichts anderes. Das Buch wagt es daher, fernab aller Theoriemoden zunächst den Kapitalismus zu definieren: er sei eine Klassengesellschaft, in der nicht mehr Bedarfsdeckung, sondern Kapitalverwertung der Zweck der Produktion sei. Damit ist klar, dass sich Marx von den handelsüblichen soziologischen und ökonomischen Theorien grundlegend unterscheidet. Und dies sogar mehr, als Heinrich selbst eingesteht.

Die Nachzeichnung des Marx'schen Denkens orientiert sich eng am Aufbau des "Kapitals". Beginnend mit einer etwas lang geratenen Passage zur "Wertform", geht es über die Erläuterung der Kategorien "Mehrwert" und "Profit" bis hin zur Analyse der Ausbeutung, des Kreditsystems und den Krisentheorien. Zu den darstellungstechnischen Perlen gehören die gerafften Zusammenfassungen, die nichts zu wünschen übrig lassen.

Die wenigen Nachteile hingegen treten dort auf, wo es nicht um Marx, sondern um Heinrich geht - wo also statt Darstellung Deutung geboten wird. Dies läuft dem Konzept der Reihe eigentlich zuwider und dürfte echte Neueinsteiger eher verwirren. Diese erwarten schließlich eine Einführung in die Marx'sche Theorie, nicht in Heinrichs "monetäre Werttheorie" als einer von vielen Interpretationen derselben. Störend wirkt dieser Verstoß insbesondere deshalb, weil Heinrichs Interpretation Marx inhaltlich eher entgegensteht, und zwar im Doppelsinne. Zum einen unterstellt er seinem Werk unnötigerweise einen "Bruch", da Marx seine Ablösungen von der klassischen Wirtschaftstheorie nicht streng genug durchgeführt habe. Zum anderen bricht Heinrich in zentralen Punkten selbst mit Marx, etwa bei der Transformation von Werten in Preisen oder dem tendenziellen Fall der Profitrate. Obzwar Heinrich das nicht für essentiell hält, droht gerade diese "Korrektur" auf einen ähnlich reduzierten, eher moralisch argumentierenden Marxismus hinauszulaufen, wie ihn Heinrich sonst kritisiert. Der eigentliche Bruch ist nicht der Marxens mit der ökonomischen Klassik, mit der er in der Tat einiges gemeinsam hatte (und haben wollte), sondern der der apologetischen Neoklassik mit Marx. Dieser jedoch geht bei Heinrich eher unter.

Michael Heinrich unterscheidet sich von anderen jüngeren Marx-Exegeten dadurch, dass er Marx' ökonomische Theorie, die so oft für obsolet erklärt wird, erstmals wieder in den Vordergrund stellt. Das hebt ihn merklich von der "neuen Marxlektüre" der 1970er Jahre ab, auf die er sich - im Grunde fälschlich - beruft. Aber seine umfassende ökonomische Bildung verzerrt zugleich sein Bild auf Marx, da er unwillkürlich einige Voraussetzungen der schulüblichen Wirtschaftstheorie übernimmt (etwa das "Okishio"-Theorem). Da Marx in anderen Paradigmen denkt, verträgt sich das schlicht nicht. Bei Heinrich äußerst sich dies in seiner Ablehnung zentraler Marx'scher Punkte. Heinrichs Kritik der (herkömmlichen) Politischen Ökonomie geht also nicht weit genug. An manchen Stellen weicht sie der ökonomischen Argumentation eher aus und flüchtet ins "Begriffliche". Noch mehr Marx, noch weniger Heinrich hätte das Buch folglich noch besser machen können. Aber eine solche Askese kann man von keinem Autoren verlangen, und so sind diese Stellen ein willkommener Anlass, die Diskussion über Marx wieder aufzunehmen.

Was man vermissen könnte, wären Verweise auf alternative Formen des Engagements, die es sehr wohl gibt - um nur an die "Konsumentensouveränität" zu erinnern, die sich in Europa bislang erfolgreich gegen die Einschleusung von GM-food wehrt. Für den Puristen Heinrich fängt Opposition nicht unterhalb der Revolution an - eine reichlich aussichtslose Position, zumal sie den Marx'schen Standpunkt nicht voll wiedergibt, der auch kleinste Schritte stets begrüßt hat. Dem Büchlein sei dennoch eine volle Empfehlung ausgesprochen, da es sein Ziel - das Schließen von Bildungslücken - uneingeschränkt erreicht.

Titelbild

Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung.
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2004.
234 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3896575880

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