Ich bin der Schuldige, ich bin der Mann

Hans Fallada in einer Biographie von Jenny Williams

Von Helge Schmid

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kurz nach dem Krieg, Hans Fallada alias Rudolf Ditzen war wieder einmal am Ende - "zuerst zusammengebrochen, dann Missbrauch von Schlaftabletten, dann [...] das alte Lied", der Alkohol -, erklärte sich der Schriftsteller bereit, in einer Vorlesung vor Medizinstudenten von seiner Suchtgeschichte zu erzählen, und er tat dies mit solcher Intensität, dass er bei seinem fachkundigen Publikum einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Diesen Eindruck hinterlässt er nach wie vor auch bei seinen Lesern, denn wer einmal zu Fallada gefunden hat, der wird süchtig, der muss alles lesen, was er in die Hände bekommen kann. Und geht dem Fallada-Süchtigen einmal der Lese-Stoff aus, so wird er sich auf die Literatur werfen, die zu Fallada entstanden ist, darunter mittlerweile vier Biographien von Jürgen Manthey (1963, erw. 1973), Alfred Geßler (1972; 1976), Werner Liersch (1981, erw. 1993) und Cecilia von Studnitz, ferner diverse Jahrbücher und Materialienbände, eine kommentierte Bibliographie und andere Sekundärliteratur mehr.

Die vorliegende Lebensbeschreibung steht unter einem Motto Oskar Wildes: "Denn wer mehr Leben als eins gelebt, / Mehr Tode als einen starb." Es ist dies eine Anspielung auf das bewegte, partiell wüste, von Krisen geschüttelte Leben eines Autors, der dem Postulat einer "mittleren Lebensführung" so wenig gerecht werden konnte wie beispielsweise Ulla, seine zweite Frau, eine Morphinistin, von der er sich vorübergehend trennte:

"Ich bin der Schuldige, ich bin der Mann, ich hätte sie führen und ihr helfen müssen, statt töricht ihren Wünschen nachzugeben. [...] Sie ist ein so gutes Kind, wirklich von Herzen gut, und sie liebt mich sehr, dass ich mich oft ihr gegenüber sehr schuldig fühle."

So gilt Jenny Williams' Darstellung nicht nur dem Autor, dem Liebhaber und Ehemann, dem Familienmenschen und Sommerfrischler, dem Gutsverwalter und Landwirt, sondern auch dem Alkoholiker und Drogenkonsumenten, dem Haltlosen und Verzweifelten, dem Kleinkriminellen und Feigling, dem politischen Opportunisten und zeitweiligen "Freiwild" der Kritik. Letztere machte den Autor - oft überzogen moralisierend - für seine Figuren, seine Anti-Helden, haftbar und bemerkte nicht, dass dieser feinnervige Herr seine "Verachtung für bürgerliche Scheinheiligkeit" bloß zur Schau stellte, echte Autoritäten aber akzeptierte, für notleidende Kollegen (wie beispielsweise Joachim Ringelnatz) couragiert einstand und Verantwortung übernahm. All dies wird von der englischen Autorin Jenny Williams kompetent dargestellt und von Hans-Christian Oeser vorzüglich ins Deutsche gebracht.

Williams zeigt auch mit der nötigen Klarheit, dass Falladas oft monierter Opportunismus durchaus janusköpfig war, spielte der Autor doch geradezu mit den Klischees, die der Reichspropagandist Joseph Goebbels oder der erste Kulturbonze der DDR, Johannes R. Becher, ihm abnötigten beziehungsweise nahelegten. Denn Fallada verschrieb sich dem utopischen Proletariatskult sozialistischer respektive nationalsozialistischer Provenienz nur, um schreiben zu können und publizieren zu dürfen, und wenn ihm etwas glückte, war er selig, mochte ihm auch der Stoff oder die Tendenz nicht liegen, wie bei jenem ersten "richtige[n] Fallada", der ihm nach "Wolf unter Wölfen" gelungen war, dem Roman "Jeder stirbt für sich allein" (1946).

Das besondere Augenmerk der vorliegenden Lebensgeschichte gilt denn auch der Werkgeschichte, wobei Williams zu Recht darauf besteht, dass alles, was unter dem Pseudonym "Hans Fallada" publiziert wurde, strikt als "Fiktion" zu lesen ist, einschließlich der "vorgeblich autobiographischen Werke". Die Verfasserin ergeht sich denn auch nicht in illegitimen "Nachstellungen", sondern versucht, Leben und Werk so zu kontextualisieren, dass kurzschlüssige Folgerungen vermieden werden. Breiten Raum nimmt dabei die Erörterung des jeweiligen Zeithorizonts innerhalb der Werkgeschichte ein, sprich die welt- und deutschlandpolitische Hintergrundmusik, ferner Falladas Verhältnis zu seinen Verlegern (allen voran Ernst Rowohlt), zu Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, zu Vertretern der Filmindustrie, die seine bildkräftigen Welten bald für sich entdeckt hatten. Unterbelichtet bleibt lediglich Fallada als Kritiker, wohl auch deshalb, weil dieser Aspekt seines Œuvres in der Fallada-Forschung noch nicht wirklich erschlossen und aufgearbeitet worden ist. Positiv hervorzuheben ist, dass der Verlag dem Buch ein Personen- und ein Werkregister beigegeben hat, und dass ein Bildteil wichtige Persönlichkeiten und Stationen in Falladas Leben dokumentiert.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sollte noch Jörg Fausers hinreißende Liebeserklärung lesen. Sie heißt schlicht "Fallada", erschien 1981 als "Recherche über ein deutsches Leben" im Herrenmagazin "lui" und ist derzeit in der auch sonst wunderbaren Porträtsammlung "Lese-Stoff" greifbar.

Titelbild

Jenny Williams: Mehr Leben als eins. Hans Fallada-Biographie.
Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.
Aufbau Verlag, Berlin 2002.
391 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-10: 3351025327

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Jörg Fauser: Lese-Stoff. Von Joseph Roth bis Eric Ambler. Mit einem Vorwort von Friedrich Ani.
Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 2003.
232 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-10: 3801503666

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Jenny Williams: Mehr Leben als eins. Hans Fallada-Biographie.
Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004.
391 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-10: 3746611822

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