Bedrohtes Bildungsgut

Die deutsche Sprache in Korea

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Weltweit befindet sich die deutsche Sprache zur Zeit in der Defensive, aus vielen Gründen: die globale Machtstellung der USA, deren ökonomische Überlegenheit mit kultureller Ausstrahlungskraft einhergeht; die sprachlich nivellierende Wirkung des Internet; die Eigenschaft des Englischen, nach geringer Lernanstrengung bereits einfache Kommunikation zu ermöglichen - wobei der Weg dahin, komplexe Gedanken angemessen auszudrücken, freilich nicht kürzer ist als beim Erlernen anderer Sprachen und darum die Umstellung immer größerer Wissenschaftsbereiche aufs Englische gerade in den Kulturwissenschaften die Gefahr sprachlicher Primitivierung in sich birgt. Man glaubt es schon irgendwie ausdrücken zu können - und kann es dann doch nicht. Nicht zuletzt ist die unachtsame bis feindselige Haltung vieler Deutscher zur eigenen Sprache ein Negativfaktor. So sinnvoll die Übernahme englischer Termini im Bereich gesellschaftlicher und besonders technischer Neuentwicklungen ist - aufdringliche und oft zudem falsche Anglizismen dienen häufig nur der protzigen Behauptung, modern zu sein, und vermitteln darüber hinaus ausländischen Interessenten den Eindruck, die Deutschen selbst hätten kein Interesse mehr an ihrer Sprache. Warum also mühevoll lernen?

In Süd-Korea spielen alle diese Faktoren auf landesspezifische Weise eine Rolle. So treffen koreanische Studierende der Germanistik bei ihren Deutschland-Aufenthalten häufig auf Ureinwohner, die stolz ihr Englisch - oder was sie dafür halten - vorzuweisen suchen. Deutsche Unternehmen suchen bislang für ihre südkoreanischen Niederlassungen vor allem Bewerber mit Englisch-Kenntnissen, sogar wenn dann im Firmenalltag sich das Deutsche doch als nützlich erweist. Immer noch berüchtigt ist unter koreanischen Germanisten die lapidare Bemerkung eines durchreisenden deutschen Managers vor einigen Jahren, Deutschlernen könne man sich sparen. Daraus resultiert eine Krise des Deutschen.

In dem vorliegenden Sammelband skizzieren die zahlreichen, überwiegend koreanischen Beiträger und Beiträgerinnen diese Krise bezogen auf einzelne Wissenschaften und Wissenschaftsgruppen, auf die Stellung des Deutschen in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, auf den Einfluss der deutschen Sprache auf den koreanischen Wortschatz und auf den Status oder genauer Statusverlust des Deutschen in der schulischen und universitären Bildung. Ein Abschnitt zu Lösungsansätzen schließt den Band ab.

Dabei waren die Germanisten in Korea bislang verwöhnt, aus einigen vernünftigen und aus einigen weniger vernünftigen Gründen. Zu Letzteren gehörte das Universitätssystem mit seinem ausgeprägten ranking, um diesen der Sache angemessenen Anglizismus zu gebrauchen. Fast durchgehend zählten die im Studium erworbenen Kenntnisse für den Berufseinstieg weniger als der Status der besuchten Universität. Ein deshalb gerne akzeptiertes Zuweisungssystem an die einzelnen Fächer sicherte einer über Bedarf aufgeblähten Germanistik daher eine ausreichende Zahl an Studierenden. Zudem war das angesichts der geographischen Nähe und ökonomischen Verflechtung überaus nützliche Japanische aufgrund der brutalen japanischen Kolonialherrschaft bis vor kurzem im Bildungssystem unterrepräsentiert. Eine größere Freiheit bei der Oberschul- und Studienfachwahl und eine von der Vergangenheit nicht mehr belastete Sprachpolitik beseitigte unangemessene Schonräume, die das Deutsche über lange Jahre genoss.

Die bedrängte Stellung, die sich daraus ergibt, teilt das Deutsche mit allen europäischen Zweitfremdsprachen - sogar mit dem kulturpolitisch in Seoul stärker repräsentierten Französischen, wobei französische Unternehmen eine muttersprachenfreundlichere Einstellungspolitik betreiben, von der zu lernen wäre. Das erlaubt den Übergang zu den vernünftigen Gründen für eine fortgesetzte Repräsentanz des Deutschen. Zum einen fiele bei einer Alleinherrschaft des Englischen der unmittelbare Zugang zu einem Großteil der Erfahrungen weg, die im Europa im Übergang zur Moderne formuliert wurden; richtig weist etwa Kang Chang-Uh darauf hin, dass die so genannte Globalisierung tatsächlich eine Amerikanisierung ist. In manchen Sozialwissenschaften ist diese Einengung schon weit fortgeschritten, und auch deutsche Philosophen glauben häufig, es dem nachtun zu müssen. In der Philosophie an koreanischen Universitäten hat das Deutsche immer noch, wenn auch gefährdet, einen gewissen Status; ähnlich steht es für Theologie und Musikwissenschaft. Schlechter dagegen sieht es in den Rechtswissenschaften aus, obwohl die koreanische Rechtssystematik der deutschen ähnelt; als Überbleibsel der japanischen Besatzung, denn Japan hatte sich in seiner Modernisierungsphase im späten 19. Jahrhundert an Preußen orientiert. Hier bedroht eine neue Staatsexamensordnung von 2003, die allein Englisch fordert, die historisch und sachlich angemessene bisherige Bedeutung des Deutschen.

Der Sammelband bietet umfassende Informationen zur Entwicklung der Sprachen im koreanischen Bildungssystem insgesamt und in einzelnen Fächern, zum kümmerlichen Status des Deutschen in der Ökonomie und zu deutschen Einflüssen auf das Koreanische. Dabei wird etwas zu großzügig verfahren, wenn Entsprechungen chemischer Bezeichnungen wie "Aldehyd" oder "Methan" zu deutschen Lehnwörtern erklärt werden. Einbezogen ist auch der ebenfalls schwindende Stellenwert des Deutschen an Schulen und ein kurzer Blick nach Nordkorea: Dort verdrängte das Englische ganz pragmatisch, dem aktuellen Klischee vom unbeweglichen Stalinismus entgegen, bereits seit 1975, im Jahr des nordvietnamesischen Sieges über die USA, Russisch als erste Fremdsprache.

Was tun? Der Schlussteil bringt neben einer immer noch beeindruckenden Auflistung von Vereinigungen, die sich in Korea für Germanistik und deutsche Sprache einsetzen, zwei Lösungsperspektiven. Zu Recht fordert Ha Su-Guen von den koreanischen Germanisten, sich den Bedürfnissen der "echten Lerner" zuzuwenden, d. h. nicht allein denen der Germanisten, deren Berufsaussichten immer schlechter werden, sondern den Bedürfnissen jener Interessenten aus anderen Fächern, die zu einem konkreten Zweck und deshalb häufig engagierter Deutsch lernen. Mit der Fixierung auf traditionelle sprach- und literarturwissenschaftliche Philologie allein ist dieser Zielgruppe nicht entgegenzukommen.

Doch irritiert in Has Beitrag eine hemmungslose Verwendung von Marktvokabular. So stellt er sich hinter eine "bedarfsorientierte Schulpolitik", die die Fächer nicht mehr von der "Anbieterseite" her festlege - den Fächerkanon, der entstände, machte man mit solch nachfrageorientierter Schulpolitik einmal ernst, sollte man sich besser nicht ausmalen. Von den Germanisten verlangt er, den "Bedürfnissen des Marktes" gerecht zu werden. Das nun aber ist in jeder Hinsicht kurzsichtig. Erstens und grundsätzlich, weil Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften mehr sein sollten als die Vermittlung praktisch brauchbarer Fertigkeiten. Es geht auch um die Auseinandersetzung über Werte, ohne die die Wirtschaft zum Selbstzweck wird und die Menschheit auf das Niveau eines Ameisenhaufens regrediert. Um dies zu leisten, müssen Wissenschaften einer Eigenlogik folgen, die nicht dadurch ersetzt werden kann, dass man der je aktuellen Nachfrage hinterherhechelt. Taktisch, zweitens, verkäme Deutschunterricht damit zur Vermittlung einer Sprache, die allein als Sprache in Ostasien nur bedingt nützlich ist. Um das taktische Argument in einer auch für Marktfetischisten nachvollziehbaren Sprache zu formulieren: Deutsch zu lernen ist zu teuer, um als No-Name-Produkt Erfolg zu haben. Ein Markenartikel aber stützt sich auf ein etabliertes Image, das im Falle des Deutschen sich, wie Ha betont, eben nicht auf Massenkultur beziehen kann, aus deren Bereich in Korea nur das Biertrinken Popularität erlangt hat. Literatur, Philosophie, "klassische" Musik, aber auch Begriffe und Erfahrungen aus den Bereichen Recht und Umwelttechnik sind dagegen einschlägig.

Kurz und ohne Konsequenz führt Ha die "German Studies" als neues Forschungsparadigma an, was von sozialwissenschaftlicher Landeskunde bis hin zur Kulturwissenschaft viel heißen kann. Choi Yun-Young akzentuiert in ihrem Aufsatz den letzteren Aspekt. Neben einer Verbesserung des in der Tat vielfach unzureichenden universitären Sprachunterrichts fordert sie eine kulturwissenschaftliche Neuorientierung, die sich in die Tradition einer emanzipatorischen Geisteswissenschaft stellt. Dabei betont sie, dass eine koreanische germanistische Kulturwissenschaft nicht einfach deutsche Modelle nachahmen kann, sondern eine stärker kulturvermittelnde Aufgabe erfüllen muss. Deutschabteilungen koreanischer Universitäten übernehmen in dieser Perspektive die Aufgabe deutscher Kulturzentren: durch koreanischsprachige Lehrveranstaltungen für die große Gruppe der Studierenden, die keinerlei Deutsch können, sowie in naher Zukunft vielleicht auch in der Erwachsenenbildung.

Titelbild

Ulrich Ammon / Chong Si-Ho (Hg.): Die deutsche Sprache in Korea. Geschichte und Gegenwart.
Iudicium-Verlag, München 2003.
408 Seiten, 56,00 EUR.
ISBN-10: 389129669X

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