Einmaligkeit des Erlebens

Hans Ulrich Gumbrecht über Sinnkulturen und Präsenzkulturen

Von Waldemar FrommRSS-Newsfeed neuer Artikel von Waldemar Fromm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hans Ulrich Gumbrechts "Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz" wendet sich gegen die Ausschließlichkeit der Interpretation in den Geisteswissenschaften. Gumbrecht plädiert dafür, neben die Interpretation einen anderen Zugang zu den Dingen der Welt zu stellen: das ästhetische Erleben von Präsenz. Ein solches Erleben kann sich zunächst recht unscheinbar ausnehmen. Beispiele, die Gumbrecht für Präsenzerlebnisse gibt, sind z. B. das "nachgerade exzessive, überschwenglich liebliche Wonnegefühl", wenn eine Mozartarie "in polyphone Komplexität übergeht", es ist der "Moment der Bewunderung" eines schönen Körpers, aber auch ein Touchdown-Pass beim Football oder eine "tiefe Niedergeschlagenheit" bei der Lektüre eines Gedichtes, wie auch die "Verheißung", die aus bestimmten Bildern spricht. Die Beispiele zeigen, dass Gumbrecht Momente der Intensität anspricht, für die man nicht immer die passenden Worte findet, oder wenn man Worte findet, dann nehmen diese schnell den Geschmack des Schalen an. Ist man es gewohnt, solche Beispiele als Illustrationen für den ästhetischen Mehrwert zu verwenden, sind sie bei Gumbrecht viel grundsätzlicher als Beispiele für ein nicht mehr interpretierendes Verhältnis zu den Dingen intendiert. Gumbrecht schreibt gegen die cartesianische Geringschätzung oder Missachtung solcher Körpererfahrungen an. Gerade sie werden als Reservoir verstanden, aus dem Sinnbildungsprozesse ihre Energie zur Bildung neuer Sinnwelten ableiten. Paradoxerweise zementiert er damit den Dualismus von Körper und Geist.

Die Position Gumbrechts gewinnt ihre Brisanz aber aus der Tatsache, dass man sich in den Geisteswissenschaften auf die Konstruktivität allen Tuns verständigt hat. Die darin enthaltene historische, kulturelle oder auch schlicht subjektive Relativität kontert Gumbrecht mit der Annahme eines außerhalb dieser interpretativen Ordnungen stehenden basalen Zugangs zur Welt. So soll das Denken der Präsenz "das Zeitalter des Zeichens" zu Ende bringen. Einen solchen Schritt zur Beendigung der Vorherrschaft des Zeichens und der damit verbundenen Konstruktivität allen Tuns hat Gumbrecht von Jacques Derrida erwartet. Nun legt er selber einen Entwurf dazu vor. Er spricht einleitend davon, dass die gegenwärtige Theorielage an einem Punkt angekommen sei, an dem man sich die 'Hände schmutzig machen' müsse. Dazu sei es unumgänglich, "diskursive Tabus" zu brechen, und das heißt zunächst, zu provozieren.

Das Buch entwickelt in fünf Kapiteln und einer "Gebrauchsanleitung" die Grundzüge eines Umgangs nicht nur mit der Literatur diesseits der Interpretation. In der Einleitung skizziert er im persönlichen Duktus den Werdegang seiner theoretischen Überlegungen. Der Mittelteil enthält den Kern seines Entwurfes eines Kulturverständnisses diesseits der Hermeneutik, in den letzten beiden Kapiteln entwickelt er Zukunftsperspektiven für die Geisteswissenschaften, die sich der "Präsenz" annehmen. Dieser Ausblick ist nicht zuletzt deshalb notwendig, um die methodische Provokation 'auf's Kleingeld zu bringen'. Gumbrecht schlägt Fächern, die in der kritischen Diskussion von Begriffen ihren Schwerpunkt finden, vor, das ästhetische Erleben gewissermaßen zu institutionalisieren und mit Begriffen zu arbeiten, die sich wohl nur narrativ, im Nacherzählen des Erlebens, festlegen lassen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er im einleitenden Unterkapitel "Grundbegriffe" nie von Begriffen spricht, sondern erläutert, wie die "Worte" Präsenz, Metaphysik usw. verwendet werden. Dargestellt werden also "nichtinterpretative Begriffe" für die Bereiche Ästhetik, Geschichte und Didaktik. Die drei wichtigsten lauten: "Epiphanie", "Präsentifikation" und "Deixis". Der schlüssige Mittelteil des Buches, der diese Begriffe theoretisch vorbereitet, versucht Plausibilität für die These des Präsenzerlebens und die Möglichkeiten zu gewinnen, es in die tägliche wissenschaftliche Arbeit zu integrieren. Die Praxis der "Präsentifikation" hat Gumbrecht bereits in seinem Buch "1926. Ein Jahr am Rand der Zeit" vorgestellt. Deiktische Elemente werden vor allem in der Lehre nötig, um über die Hinweise auf die präsentischen Erlebnisse einzuholen, was sich nicht begrifflich zeigt. Epiphanie schließlich gehört zur ästhetischen Wahrnehmung dazu, die sich nicht in Sinndeutungen erschöpfen soll.

Gumbrecht ist von Beruf Philologe und Provokationen dieser Berufsgruppe berufen sich zunächst auf Texte. So ist auch der Gedanke, auf Körpererfahrungen zu hören, im Zeitalter des Zeichens nicht neu. Er hat religiöse, mystische und literarische Traditionen (und gerade von diesen Traditionen aus wäre zu fragen gewesen, ob die buchstäbliche Setzung von Körpererfahrungen ganz ohne kulturelle Kodierungen auskommen kann). Gumbrechts Entwurf verlässt sich also zunächst und zu Recht auf traditionelle Sinnbildungssysteme. Von Niklas Luhmann leiht er die Idee der Differenz von Sinn und Wahrnehmung, um damit zu markieren, dass es außerhalb von Sinn noch eine weitere Dimension im Verhalten des Menschen gibt, innerhalb derer er auf seine Umwelt reagiert. Von Heidegger greift er u. a. den Gedanken eines vorgeschichtlichen Seins heraus, den er mit dem Präsenzerleben verbindet. Jean-Luc Nancy gibt Gumbrecht die Beschreibung des Spannungsverhältnisses zwischen Präsenz und Repräsentation an die Hand und den Gedanken, dass Präsenzphänomene nicht nahtlos repräsentiert werden können. Zitiert wird auch die Beschreibung ephemerer "Plötzlichkeit" bestimmter Erscheinungen bei Karl Heinz Bohrer und eine von Sinnschichten abgelöste Präsenz im Kunstwerk bei George Steiner.

Im Vordergrund der Darstellung steht eine "binäre Typologie": "Sinnkultur" und "Präsenzkultur" charakterisieren darin idealtypisch zwei grundlegend verschiedene Verhaltensmuster, deren Geschichte Gumbrecht unter Auslassung der Romantik nacherzählt. Die Typologie ist jenseits des cartesianischen Dualismus von Körper und Geist angesiedelt. Der Begriff "Präsenz" unterläuft die Subjekt/Objekt-Spaltung, indem er gewissermaßen parallel zur Sinnbildung angesetzt wird. Im Kern soll der Anteil der Wahrnehmung vor der Erfahrung aufgewertet und der Anteil der Interpretation am Zustandekommen von Sinnwelten relativiert werden. Gumbrecht verbindet mit seinem Entwurf eine Kritik an metaphysischen Positionen und an dekonstruktivistischen oder konstruktivistischen Verfahrensweisen. Er verwendet eine weite Definition von "Sinn", die alle diese unterschiedlichen methodischen Ansätze aufnehmen kann. "Sinn" ist die Vorstellung eines Verhältnisses des Dinges zu einem selbst. Da ein solches Verhältnis immer projektiert wird, kann auch die Produktion von Sinn nicht aufgegeben werden. Kommunikation aber enthält Gumbrecht zufolge neben der Sinnschöpfung immer auch eine Produktion von Präsenz. Präsenzeffekte entstehen durch die materiellen Elemente der Kommunikation, sie sind der Einmaligkeit des Erlebens geschuldet und nicht dauerhaft. "Präsenz" markiert deshalb ein ausschließlich räumliches Verhältnis zur Welt. Es verhandelt das in der Zeitdauer der Reflexion und der Sinnbildung Übersehene, Vergessene, das parallel zur Sinnschöpfung immer schon Vorhandene. Gumbrecht argumentiert - im Buch immer in Anführungszeichen gesetzt - "substantialistisch". Seine Argumentation mag durch den Poststrukturalismus gelernt haben, ohne transzendentalen Bezugspunkt auszukommen, am unteren Ende der Skala werden aber "substantialistische", letztgültige Verbindlichkeiten durch die Materialität alles Geschehens eingeholt.

Gumbrecht formuliert also nicht bloß eine problematisierte Hermeneutik, sondern eine, in der materielle Eigenschaften des Erlebens nicht ins Verstehen übersetzbar sind. Die Grenzziehung zwischen Sinn- und Präsenzkultur ist in doppelter Hinsicht kritisch. Sie versucht, die Grenzen der Hermeneutik aufzuzeigen und den Bereich vor diesen Grenzen als relevante Räume zu behaupten. "Sinnkultur" und "Präsenzkultur" werden so gegeneinander abgewogen, dass deutlich wird, wie die Moderne die "Präsenzkultur" vernachlässigt und sich auf die Arbeit am Begriff konzentriert hat. Der Autor orientiert sich aber nicht nur daran, bestimmte präsentische Wahrnehmungsweisen von und Verhaltensweisen gegenüber der Welt zu restituieren. Sein Einwand gegen die "Sinnkultur" gründet in der Gegenwärtigkeit aller Handlungen. Präsenz meint nicht Ursprünglichkeit oder einen Anfang von Allem, sondern dass vor dem Verständnis von Welt bereits eine Reaktion auf sie erfolgt ist; hier arbeitet der Autor Heideggers Seinsanalyse für seine Zwecke um. Gumbrechts Variante der Unmittelbarkeit zeigt ein Subjekt, das körperlich in seine Umgebung eingebunden ist und immer schon präsentisch auf sie reagiert - übrigens auch mit Gewalt. Für das Erleben von Präsenz gibt es verschiedene Steigerungsgrade, "Intensitäten", die in den Künsten besonders ausgeprägt sind (aber nicht nur dort, sondern auch im Sport und in allen anderen kulturellen Bereichen). Präsenzkulturen sind nicht nur durch die besondere, kosmologische Position des Körpers in der Welt bestimmt, sondern auch durch eine andere Art des Wissens, das "nicht ausschließlich begrifflicher Art" ist. Es handelt sich dabei um "offenbartes" und "mystisches" Wissen, denn die Dinge haben einen inhärenten Sinn im Ganzen.

Ob die Einwände gegen die Interpretationskultur dieser immer gerecht werden, soll hier nicht ausführlich diskutiert werden. Es wäre neben Hans Georg Gadamer, den Gumbrecht selbst wiederholt zitiert, auf Hans Blumenberg und George Steiner hinzuweisen, die beide den Aspekt der Unbegrifflichkeit ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt haben. Wie bei Gumbrecht gibt es auch bei Blumenberg vor der theoretischen Erschließung von Welt eine Etappe unmittelbarer Welterfahrung, die theorieresistent ist. Dieser theorieresistente Teil amalgamiert im Bewusstsein in Bildern. Sowohl bei Blumenberg als auch bei Steiner wird der Begriff des "Rituals" für diese Art der Weltaneignung eingesetzt: Steiners Konzeption der ästhetischen Erfahrung als messianisches "Ritual des Wiedererkennens" erscheint bei Blumenberg als mythisches Ritual der Bannung unverstandener Welt in "absoluten Metaphern". Laut Steiner ist Literatur als "die Maximalisierung der semantischen Inkommensurabilität hinsichtlich der formalen Ausdrucksmittel" beschreibbar. Steiners Ansatz enthält also bei allen Unterschieden zu Gumbrecht die Reflexion einer "realen Präsenz", die nicht mehr formalisierbar ist, und sie enthält eine Reflexion auf die Sprachlichkeit der Literatur, die von jener Gumbrechts nicht mehr kategorial unterschieden ist, wenn er die aristotelische Zeichenkonzeption verwendet, wonach im Zeichen eine Substanz mit einer Form verbunden ist.

Es überrascht nicht, dass Gumbrecht fern von Derrida argumentiert und eher einen theoretischen Anschluss an Jean-Luc Nancy sucht, der die Bewegung zur Präsenz betont. Derrida setzt den Begriff der "Präsenz" in der "Grammatologie" an einer Stelle ein, an der die abendländische Metaphysik essentialistisch argumentierte, verwendet ihn aber in einer dekonstruierenden Absicht. Es gibt, schreibt Derrida, "kein erfülltes gesprochenes Wort", da bereits das, was dem Zeichen 'vorangeht', keine Präsenz beanspruchen kann. "Präsenz" beziehe sich auf außersystemische Orte. In der Geschichte der abendländischen Philosophie seien dies: Essenz, Existenz, Substanz, Subjekt, Transzendenz, Gott, Bewusstsein oder Mensch gewesen. Präsenz ist ein "Nicht-Ort". Voraussetzung der Präsenz sei deshalb "Absenz", die Derrida wiederum im Sinne einer "reine[n] Abwesenheit [...] von allem, in der sich jede Präsenz ankündigt", versteht. Anders bei Gumbrecht: Präsenz hat einen Ort außerhalb der Interpretation. Der Begriff bildet keine zeitliche Dimension des Menschen in der Welt ab, sondern beschreibt ein räumliches Verhältnis zu ihr. Aber auch, wenn man Gumbrecht zustimmt, bleibt sein Präsenzbegriff problematisch. Präsenz soll keine Dauer haben, dennoch ist der Mensch mit Fähigkeiten ausgestattet, die Flüchtigkeit einzuholen. Das Gedächtnis hält letztendlich auch sinnesspezifisch Momente der Präsenz fest. Ein solches Gedächtnis präsentischen Erlebens wird Einfluss auf die folgenden Präsenzerlebnisse haben und insofern ist dann auch Präsenz ein zeitliches Phänomen. Das Hier und Jetzt des Erlebens mag autonom sein, aber die Fähigkeiten des Menschen, Präsenz dieserart zu erleben, sind es nicht. Mystisches Wissen ist in den Ritualen des Wiedererkennens leichter zu finden als in der Flüchtigkeit einer Präsenz ohne Dauer.

Die Beispiele einer zweiten Typologie, die Gumbrecht neben der ersten, binären Typologie von "Sinnkultur" und "Präsenzkultur" entfaltet, zeigen die Stärken und Probleme des Präsenzbegriffs besonders deutlich auf. Gumbrecht zählt zum präsentischen Verhältnis zur Welt u. a. den Verzehr, die Sexualität und die Aggression. Deren Wahrnehmung ist aber nicht so entschieden vom handelnden Subjekt insgesamt zu trennen, dass präsentisches Erleben eigenständig bestehen kann (auch wenn paradoxerweise für die Eigenständigkeit der Präsenz wiederum spricht, dass man nicht sagen kann, warum solche Erlebnisse nicht beliebig wiederholbar sind, ja, dass eine Wiederholung den Geschmack einer Simulation bekommen kann). Gumbrecht verwendet in dieser zweiten Typologie das Wort "Angst" zur Beschreibung jedes der elementaren räumlichen Verhältnisse zur Welt, so als ob die Konzeption der Angst bei Heidegger und im Existentialismus in seine Vorstellung der Präsenz zu transformieren sei.

Gumbrecht berichtet über nicht wenige Einwände von Kollegen gegen den Präsenzbegriff. Sie betreffen seinen Versuch, Präsenz als Grundfigur menschlicher Tätigkeit zu denken. Will man nun die Mimikry dieser eingeschobenen Erzählungen deuten, liegt es nahe anzunehmen, dass die Plausibilität dieser Einwände das Buch insgesamt zu dem persönlichen Duktus geführt hat. Andererseits hätte Gumbrecht Plausibilität für den Begriff der Präsenz aus den historischen Gegenständen der Geisteswissenschaften selbst gewinnen können. Der Nachweis am Gegenstand hätte die theoretische Umdefinition der Position Heideggers, aber auch die kritischen Anleihen bei Nancy, Luhmann, Vattimo, Eco, Steiner und Heidegger nicht nur erleichtert, sondern "Präsenz" noch entschiedener ein eigenständiges Profil gegeben.

Literatur ist ohne Präsenzeffekte kaum zu denken. Bereits in Baumgartens Betrachtungen des Gedichtes wird an ästhetischen Objekten ein präsentischer Aspekt ausfindig gemacht, der nicht ausschließlich über das Verstehen eingeholt werden kann. Baumgarten findet, dass im Gedicht "etwas relativ Unfassbares eher eingeschlossen ausgesagt wird". Diese Beobachtung verliert sich nicht. Mit der Beachtung von "Unsagbarkeiten" etwa im Sturm und Drang wird immer auch die Unfähigkeit des Sinnsystems Sprache berührt, präsentische Erlebnisse zu vermitteln. Weitere Beispiele aus der Romantik und der Moderne, z. B. die furiosen Sinn austreibenden und Präsenz schaffenden Dada-Verse, ließen sich bis zum Umfang einer Habilitationsschrift aufführen und darüber hinaus fortsetzen. Erwähnt werden soll hier nur noch Hofmannsthals Brief des Lord Chandos, weil er als ein Gründungsdokument der Moderne gilt. Der "Brief" träumt in der sprachkritischen Geste noch von der "stummen Sprache der Dinge", also von der Mitteilung präsentischen Erlebens der Dinge der Welt in einer anderen Sprache der Präsenz.

Die Frage, was diesseits der Hermeneutik die Sinnschöpfungen begleitet, irritiert oder negiert, hat auch eine lange literarische Tradition. Sie wird auch dann, wenn sich die Literaturwissenschaften ihrer nicht annehmen sollten, diesseits der institutionalisierten Fächer sorgsam gepflegt werden. Vielleicht war und wäre auch weiterhin diese 'Exterritorialität' ihr größtes Glück.

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Hans Ulrich Gumbrecht: Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
190 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3518123645

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