Brüderchen und große Schwester

Ingeborg Bachmanns und Hans Werner Henzes Briefwechsel

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Noch 2003 musste Christian Bielefeldt in seiner Untersuchung zur "intermedialen Ästhetik" im gemeinsamen Werk der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und des Komponisten Hans Werner Henze beklagen, dass es nur "wenige greifbare Beglaubigungen" ihrer "ungewöhnlich enge[n] und produktive[n] Künstlerfreundschaft" gibt. Nur ein Jahr nach Erscheinen seines an der Psychoanalyse Lacans geschulten "Versuch[s] einer Konzeptionalisierung der Intermedialität von Musik und Literatur" im gemeinsam Œuvre Bachmanns und Henzes hat sich die Quellenlage grundlegend gewandelt.

Ingeborg Bachmanns Erben haben das Schloss des von ihnen gesperrten Nachlasses ein wenig gelüpft, und herausgeschlüpft ist der Briefwechsel zwischen der österreichischen Literatin und dem deutschen Komponisten. Nun, das ist nicht ganz richtig, nur ein Teil des Briefwechsels gehört zu Bachmanns in der Österreichischen Nationalbibliothek gelagertem handschriftlichem Nachlass. Es sind dies die Schreiben Henzes sowie Briefdurchschriften, Briefentwürfe und nicht abgeschickte Briefe Bachmanns. Ihre abgesandten Schreiben werden in der Hans Werner Henze-Sammlung der Paul Sacher Stiftung in Basel aufbewahrt. Insgesamt handelt es sich um 252 Schriftstücke, davon allerdings nur 33 aus der Feder der Literatin. Das eklatante Missverhältnis ist nicht nur darin begründet, dass Henze die Korrespondenz aktiver pflegte - so beschwert er sich wiederholt darüber, dass Briefe von ihm unbeantwortet geblieben sind. "[M]ein voriger brief muß ja auch sehr blöd gewesen sein, dass Sie ihn nicht beantwortet haben", beklagt er sich schon in einem der ersten Briefe aus dem Frühjahr 1953. Doch sind ihm auch "einige Bachmannbriefe" verloren gegangen, wie er im Vorwort der vorliegenden Edition bekennt. Dies sei "wirklich beschämend und unverzeihlich", streut er nun Asche auf sein Haupt. Tatsächlich handelt es sich offenbar nicht nur um einige, sondern um etliche verloren gegangene Briefe. Denn der Herausgeber Hans Höller weist im editorischen Bericht darauf hin, dass Henze auf "mehr als doppelt so viele" Briefe von Bachmann Bezug nimmt, als überliefert sind. Grund genug, alle erhaltenen Briefe Bachmanns in die Edition aufzunehmen. Von Henzes 219 Schreiben hingegen wurde etwa ein Drittel als nicht editionswürdig aussortiert. Es handelt sich überwiegend um Mitteilungen "organisatorischen Charakters" oder "formelhafte Ansichtskarten". Diesen Ausschluss mag man bedauern, doch immerhin wird das - wie Höller schreibt - "Zitierenswerte" aus den nicht abgedruckten Briefen in den Stellenkommentar übernommen, den der Herausgeber ebenso kenntnisreich wie gründlich besorgt hat. Dies gilt nicht zuletzt für die Auflösung der privaten Abkürzungen und Anspielungen der BriefpartnerInnen sowie für die zahlreichen Kürzel und Namen. Nie jedoch gerät Höller auch nur in Gefahr, sich der Verletzung der Privat- oder gar der Intimsphäre der Beteiligten oder gar Dritter schuldig zu machen, dient der Kommentar doch auch weniger der "bloßen Entschlüsselung des Privaten", sondern vielmehr der Erschließung seiner "werkgeschichtliche[r] Dimension".

Mit einem kurzen Brief vom November 1952, in dem Henze bedauert, dass Bachmann Burg Berlepsch, wo er sie gerade auf einem Treffen der Gruppe 47 kennen gelernt hat, verlässt, ohne dass er sie noch mal sehen kann, setzt der Briefwechsel ein. Er endete etwa 20 Jahre später im Dezember 1972 wiederum mit einem kurzen Schreiben Henzes. In den dazwischen liegenden zwanzig Jahren entwickelte sich eine intensive künstlerische Zusammenarbeit gepaart mit einer tiefen persönlichen Zuneigung, die weit mehr war als das, was man gemeinhin Freundschaft nennt.

Sind die Briefe der ersten Jahre von Henzes "Verrücktheit" geprägt - "Du bist sehr verrückt aber sehr lieb", heißt es auf einer undatierten Karte Bachmanns, die offenbar aus der ersten Zeit der Korrespondenz stammt -, so die der zweiten Hälfte der 50er Jahre durch die künstlerische Zusammenarbeit (hier ist der Briefwechsel am dichtesten) und die 60er Jahre durch Bachmanns Verzweiflung. In diesem Jahrzehnt werden die beiderseitigen Schreiben seltener, was Henze damit erklärt, dass sie beide während der "späten Jahre" im "Römischen" wohnten, so dass es kaum noch eine "epistolare Kommunikation" gab. "Man traf sich oder man telefonierte." Henzes von Bachmann konstatierte 'Verrücktheit' macht sich in seinen Privatsprachenbriefen bemerkbar, die schon mal aus einem einzigen, zwei Druckseiten langen Satz bestehen, den er mit spürbarem Vergnügen zu Papier gebracht hat. Sie borden über vor eigentümlichen Wendungen, so dass sie sich für Außenstehende - zumal des 21. Jahrhunderts - oft kryptisch ausnehmen. So manches - auch bildungsbürgerliche - Rätsel allerdings vermag der Kommentar zu heben.

Offenbar sind Bachmann und Henze seit dem ersten Zusammentreffen einander zu- und voneinander angetan, persönlich wie auch künstlerisch. Von den ersten Briefen an sind sie voll des Lobes füreinander. So schwärmt Bachmann, "dass Ihre Musik einfach auf mich zukommt und da ist" und erinnert sich daran, wie "unheimlich" es ihr in Bad Berlepsch war, dass Henze auch in der Literatur "zu hause" ist. "Nur Jodeln", fügt die Verfasserin der bekannten Heimatromane hinzu, könne er wahrscheinlich nicht. Dabei schreibe sie gerade ein Libretto für "eine ländliche Oper 'Hiasls Abenteuer beim Fasslrutschen'".

Henze seinerseits versichert der Poetin, dass man ihr Gedicht "Die blaue Stunde", nicht komponieren könne, und eine "höhere Lobpreisung" gebe es nicht. Doch, erklärt Höller im Kommentar, es gebe sie, diese höhere Lobpreisung aus dem Munde Henzes. Er vergibt sie mehr als ein Dezennium später, indem er telegraphiert, "Malina" sei Bachmanns "ERSTE SINFONIE WELCHE DIE ELFTE VON MAHLER IST".

Schon im Februar 1953 denkt Henze an eine mögliche Zusammenarbeit mit Bachmann, und gerade einmal zwei Monate später fragt er an, ob sie nicht die Monologe für sein Ballett "Der Idiot" schreiben möchte. Es wird das erste von sechs gemeinsamen Werken sein. Die bekanntesten sind vielleicht die Oper "Der Prinz von Homburg", für die Bachmann das Libretto schrieb, und das Hörspiel "Die Zikaden" mit Henzes - wie der Komponist schreibt, "devote[m] versuch, einen klang dem klang beizugeben, mich in die welt Deines wortes einzuleben und einen widerhall dieser welt tönenden entr'actes zu binden". Nicht im Einklang miteinander standen hingegen Bachmanns Arbeitsweise, die ihre Texte kaum einmal zu einem vereinbarten Termin fertig hatte, und Henzes fast rigide zu nennendes Arbeitsethos. Dem Komponisten schien "kontinuierliches diszipliniertes Arbeiten" der "einzige Ausweg" aus "vielen schlimmen Traurigkeiten und Einsamkeiten" zu sein, die man nur ertragen könne, "indem man arbeitet (im Dunkeln singt) und sich selbst weitgehend ignoriert". Ähnlich wie ihre Verleger musste auch Henze immer wieder das "Schildkröten-Verhalten" seiner Librettistin monieren und sie mal mehr, mal weniger nachdrücklich zur Eile mahnen ("Ingeborg, entschuldige, wenn ich es noch einmal sage: ich habe angst, dass ich es mit der oper nicht schaffte, wenn Du Dich damit nicht beeilst! Sag mir wenigstens etwas!"). Zwar wusste er, dass die Qualität der irgendwann endlich abgelieferten Arbeiten deren langes Ausbleiben "verzeihlich" machten. "[A]ber manchmal", so seufzt er, "kann man wirklich an Dir verzweifeln."

Doch ihre Freundschaft, "oder wie man diese Merkwürdigkeit nennen will" (Henze), litt hierunter ebenso wenig wie unter den mehrfach ins Auge gefassten und nie verwirklichten Heiratsplänen. Und sie litt auch nicht an den nicht eben wenigen Unsicherheiten, Empfindlichkeiten, Ängsten, Missverständnissen und auch Verletzungen, die Henze offenbar stärker plagten als seine Freundin. "[N]ie, versichert er ihr, "habe ich einen teureren und schöneren menschlichen kontakt gehabt als den zu Dir". Und auch Bachmann "ist völlig klar, dass die Freundschaft mit Dir die wichtigste menschliche Beziehung ist, die ich habe, und das soll sie auch bleiben". Eine Freundschaft, in der Bachmann sich als 'Mann' gefühlt haben dürfte, denn, so schrieb sie Henze, wie er wohl wisse, sei sie "in den Dingen der Freundschaft" ein Mann "und nicht weibisch wie die meisten Männer, die nicht wissen was Freundschaft ist."

Wie man aus Henzes Biographie weiß, sah er sich als kleines Brüderchen in einer geschwisterlichen Beziehung zu seiner großen Schwester Ingeborg, deren Wissen "um die Welt, um die Menschen, um Dinge der Kunst" das seine "um zweitausend Jahre" übertreffe. So habe er ihr oft das Herz ausgeschüttet, wenn sich eine seiner Liebesaffären dem Ende zuneigte. Während Bachmanns Verzweiflungsjahren nach Max Frischs Liebesverrat kehrte sich dieses Verhältnis jedoch um. Sich "nach der grösste[n] Niederlage" ihres Lebens "tödlich verletzt" fühlend, verfasste sie Anfang 1963 in Uetikon am See einen wahren Verzweiflungsbrief, in dem sie bekennt, sich "nichts Schrecklicheres" vorstellen zu können, "als das, was ich durchgemacht habe", und bat Henze flehentlich zu kommen, damit sie mit ihm in die Berge fahren und "fröhlich sein" könne. Zwar wisse sie, dass dies angesichts seiner Arbeit ein "unbilliges Verlangen" sei, doch kenne sie niemanden "mit dem ich das kann und können möchte außer Dir". Sie fürchtete, Henze könne denken, sie selbst sei Schuld am Ende ihrer Liebesbeziehung zu Frisch. "[A]ber das stimmt nicht", versicherte sie. "Wenn man überhaupt von Schuld sprechen kann, dann ist es die Schuld von Max, sonst wäre es mit mir nicht so weit gekommen". Doch wolle sie "nicht von Schuld sprechen", auch werfe sie Frisch nichts vor, "manchmal schon, aber nur Kleinigkeiten, nebensächliche Dinge, doch für das wesentliche nützt es nichts zu reden, weder auf die eine noch andere Weise, über etwas, das geschehen ist und das vielleicht hat geschehen müssen". Henze fand - nicht auf diesen Brief (offenbar ist er statt zu antworten sogleich zu ihr geeilt), sondern später - im Notfall sehr eindringliche Worte, um Bachmann aus ihrer für sie ausweglos scheinenden Verzweiflung zu reißen. Worte, die gefühllos klingen konnten, wäre aus ihnen nicht die Sorge um die Freundin zu spüren.

Sie beide, Brüderchen und große Schwester, litten nicht nur an gescheiterten Liebesbeziehungen, sondern am Leben überhaupt. Henze immer, Bachmann aber stärker, zumindest nach Frischs Liebesverrat. Wiederholt hegten beide Suizidgedanken. Bei Henze nahm sich das 1956 fast frivol aus: "vor zwei Tagen wollte ich sterben, statt dessen habe ich mich lediglich besoffen". Bachmann hingegen unternahm Ende 1962, wie aus dem Briefwechsel ersichtlich, tatsächlich einen Suizidversuch. Auch zwei Jahre später klangen in einem Brief Henzes noch einmal beiderseitige Suizidabsichten an: "Alles ist tot und leer, aber das geht nicht, Du darfst nicht sterben, auch ich möchte sterben, aber ich darf nicht sterben."

Zu dieser Zeit schrieb Bachmann bereits intensiv am "Buch Franza", von dessen Personen und von dessen "Grausamkeit" sie sich "ganz aufgefressen" fühlte. Bald darauf, im August 1965, begann sie parallel hierzu an einem zweiten Werk zu arbeiten, nicht an einer Oper zu schreiben, wie sie überraschenderweise vorübergehend ins Auge gefasst hatte, sondern an einem zweiten Buch, das zwar wie auch "Das Buch Franza" dem "Todesarten"-Projekt zuzurechnen ist, in dem aber "viel Komisches vorkommt, Witziges, Impertinentes, momentan nenne ich es nicht ein Buch sondern eine Operette". Die Rede ist von den "Wienerinnen", einem Erzählband, der später unter dem Titel "Simultan" publiziert wurde. Eine Briefstelle, von der im Übrigen Höllers Kommentar vermerkt, dass sie eine neue Datierung des Beginns der Arbeiten an den "Simultan"-Erzählungen erlaubt, da bislang der Forschung der Winter 1967/68 als gesichert galt. Der Brief aber wurde bereits im Juni 1966 verfasst.

Neben Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft besitzt der Briefwechsel auch eine politische Dimension. So beschwor Henze Bachmann in den 50er Jahren immer wieder, nicht nach "nazideutschland" zu gehen, wo sie "nichts zu suchen" habe. 1954 warnte er sie etwa, sie sei "verloren", wenn sie ihr Vorhaben, nach München zu ziehen, in die Tat umsetze. Im folgenden Jahr insistierte er aus Ischia, sie beide könnten es sich "um unserer gesundheit willen" nicht erlauben, "in dieses land von mördern, neofaschisten, neoneurotikern zurückzukehren". Nach einem Verriss seiner Musik zu den "Zikaden" titulierte er den Rezensenten ohne zu zögern gar als "deutsche sau". Ähnliche Ausfälle sucht man in Bachmanns Briefen vergeblich. Ging es jedoch darum, politische Initiative zu ergreifen, so war es an ihr. So etwa 1958 als sie ihn telegraphisch bat, ebenso wie sie selbst "UND ALLE ANDEREN ARTISTI", den Protest gegen die Atombewaffnung der BRD zu unterschreiben. "Natürlich", tat er es postwendend, fürchtete allerdings, dass es "nur demonstrativen und keinen praktischen zweck" haben werde. 1965 war es wiederum Ingeborg Bachmann, die ihn um einen Redebeitrag auf einer Wahlkampfveranstaltung der SPD bat. Sie selbst unterstützte da bereits seit einiger Zeit den Wahlkampf Willy Brands, obwohl sie die "Schüchterlinge" der SPD nur für "das kleinere Übel" hielt. Immerhin aber sah sie in der Partei auch "ein paar ehrenwerte Leute" am Werk, die "zu bedauern" seien. Ein Engagement, das ihr nicht leicht gefallen sein dürfte, angesichts des "Absolutheitswahn[s], den Grass zum Beispiel an [ihr] kritisiert" habe, ohne den sie aber "nicht existieren" könne. Die Kritik des späteren Nobelpreisträgers mochte sie nicht gelten lassen, denn die "wenigen würdigen Dinge", die es "zu vertreten und zu verteidigen" gilt, seien eben absolut, "obwohl sie nur unsren Köpfen entsprungen sind, die Konzeptionen der Gerechtigkeit, der Wahrheit, der Freiheit". "Alle meine Neigungen", erklärte sie Henze, "sind auf der Seite des Sozialismus, des Kommunismus, wenn man will, aber da ich seine Verbrechen etc. kenne, kann ich nicht votieren". Und so konnte und wollte sie auch den späteren politischen Weg ihres Freundes Henze nicht mitgehen, der den Kommunisten nach Kuba führen sollte.

Titelbild

Christian Bielefeldt: Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann: Die gemeinsamen Werke. Beobachtungen zur Intermedialität von Musik und Dichtung.
Transcript Verlag, Bielefeld 2003.
307 Seiten, 25,80 EUR.
ISBN-10: 3899421361

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Ingeborg Bachmann / Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft.
Herausgegeben von Hans Höller.
Piper Verlag, München 2004.
538 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3492046088

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