Von Fhernhachen, Lindwürmern und Unvorhandenen Winzlingen

Walter Moers erkundet erneut Zamonien in "Rumo & Die Wunder im Dunkeln"

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Sowie diertplauap das Kumlipub nicht?", "Beha ich mich nicht lichständver nugge drücktgeaus?". Können Sie mit den Worten des neunundneuzigsten Gaunab von Untenwelt etwas anfangen? Mit Wolpertingern, Haifischmaden, Teufelszyklopen und Eydeeten? Wenn nicht, dann ist Ihnen bisher eine sagenhafte Welt entgangen.

In "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" erweckte Walter Moers den ebenso verschrobenen wie liebenswerten Kontinent Zamonien auf über 700 Seiten zu einem wunderlichen Leben. Das zweite Buch, das Märchen "Ensel und Krete" bot nicht nur eine lustige Geschichte, sondern war in weiten Teilen eine exzellent geschriebene, bissige Satire auf den Literaturbetrieb, auf Verleger und Kritiker. Wer erinnert sich nicht mit Vergnügen an die seitenlangen Tiraden des zamonischen Dichtertitanen Hildegunst von Mythenmetz gegen den "Großkritiker" Laptantidel Latuda? Mit "Rumo & Die Wunder im Dunkeln" hat Moers seinen dritten Zamonien-Roman vorgelegt, in dem er die Geschichte von Rumo, dem jungen Wolpertinger, der uns bereits im "Blaubär" begegnete, erzählt. Der kleine Rumo wird als Welpe von den Teufelszyklopen gefangen, die ihn auf die wandernden Teufelsfelsen verschleppen. Dort lernt er von seinem Mitgefangenen Volzotan Smeik das Sprechen und erfährt einiges über Zamonien und das Leben. Nachdem ihnen die Flucht gelingt, zieht Rumo aus, um seinen "Silbernen Faden" zu finden, den er wittert und in dem er das Glück vermutet. Schlussendlich findet er dieses auch, in Form der bezaubernden Rala, die nach vielen Irrungen und Abenteuern doch zu ihm findet.

Eine Heldengeschichte also, die zunächst recht konventionell klingt und im Kern auch ist. Doch dieses simple Standard-Heldenleben peppt Moers mit unvergleichlichen Untergeschichten, Einschüben und irrwitzigen Personenkonstellationen auf, die das Buch wieder zu einem wahren Vergnügen machen. Nicht die Geschichte, sondern das Detail ist der Star. Auf seinen Wanderungen macht Rumo die wundersamsten Bekanntschaften, etwa mit Doktor Kolibril, einem Vertreter der intelligentesten Lebewesen Zamoniens, den Eydeeten, die neben ihrer Genialität einen kaum unterdrückbaren Hang zur Eitelkeit haben. Er erforscht die geheimnisvolle Stadt Nebelheim und misst die Nebeldichte selbstverständlich in der Einheit "Kolibril".

Glanzstück ist aber der zweite Teil des Buches, der in der unter der Erde liegenden Stadt Hel spielt. Hier vermengt Moers Elemente der Antike, wahnsinnige Herrscher, alchimistischen Hokuspokus und eine nicht zu unterschätzende Menge Gesellschaftskritik zu einem köstlichen, wahnwitzigen Abenteuer.

Aus der Fahrt über den Hades wird so das Übersetzen mit den toten Yetis, die eigentlich eher aus Versehen und aufgrund der Schusseligkeit ihres Anführers - dem die anderen dies natürlich auch immer noch nachtragen - in der Untenwelt gelandet sind. Der wahnsinnige Herrscher ist der wirres Zeug mit verdrehten Silben dahinfaselnde neunundneunzigste Gaunab, dessen Leben daraus besteht, die an Gladiatorenkämpfe erinnernden Schauspiele im "Theater der schönen Tode" zu betrachten und der ansonsten ein hilfloser Spielball seiner intriganten Berater ist. Dies nur, um einige Beispiele zu nennen und nicht zuviel zu verraten.

Ein wenig erinnert das Finale schon an Elemente aus "Herr der Ringe", nur weicht hier die verbissene Ernsthaftigkeit Tolkiens und dessen nicht abzustreitende Langatmigkeit einem eher spielerischen und im besten Sinne unterhaltsamen Ton. Das Buch ist witzig, ohne in Sinnlosigkeit oder alberne Nichtigkeit abzugleiten. Auch hat Moers ein feines Gefühl für das richtige Timing und lässt daher nie Langeweile aufkommen. Er versteht es hier, seine Leser auch mit einer nicht ganz so geglückten Rahmenhandlung zu fesseln und ein weiteres Stück "zamonischer Hochliteratur" abzuliefern. Man kann also durchaus gespannt sein auf das nächste Werk aus dem fernen Zamonien. Das Publikum applaudiert also und Moers hat sich verständlich genug ausgedrückt.

Titelbild

Walter Moers: Rumo & Die Wunder im Dunkeln. Roman.
Piper Verlag, München 2003.
696 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-10: 3492045480

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