Geplante Erregung?

Thomas Bernhards "Holzfällen" als Hörbuch

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Thomas Bernhard gilt weiten Teilen seiner Leserschaft als Skandalautor, ein Bild, das nicht zuletzt von ihm selbst in gewisser Weise aufrecht erhalten wurde, ein Bild aber auch, das ihm nicht wirklich entsprach. Er stilisierte sich zwar gerne als knorrigen Grantler, war aber privat eher zurückhaltend und von höflicher Natur. Der öffentliche Schein vom "bösen" Bernhard macht sich neben der Affäre um die Aufführung von "Der Ignorant und der Wahnsinnige" vor allem an seinem Roman "Holzfällen" fest, dem nach wie vor der Ruch des "Buches mit dem Skandal" anheftet. Die Geschichte um diese Aufregung ist ebenso typisch wie banal: Der österreichische Komponist Gerhard Lampersberg - einstmals mit Bernhard befreundet - glaubte sich in der Figur des trunksüchtigen Komponisten Auersperger wiederzuerkennen und klagte vor Gericht gegen die Auslieferung des Buches, welches in allen österreichischen Buchhandlungen beschlagnahmt wurde. Nach einer sensationsheischenden Berichterstattung in der Presse richtete sich Bernhard im November 1984 mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die besagte, dass seine bei Suhrkamp erschienenen Bücher nicht mehr in Österreich ausgeliefert werden sollten, eine Anweisung, die Bernhard in seinem Testament 1989 wiederholte. Die "Ehrbeleidigungsklage" wurde Anfang des Jahres 1985 von Lampersberg selbst zurückgezogen.

Viel Theater um nichts also, einige witterten einen geplanten PR-Coup, um das Buch in der Flut der in jener Zeit erscheinenden Bernhard-Bücher hervorzuheben. Ganz geklärt werden kann das wohl nicht, doch steht fest, dass "Holzfällen" zwar ein sehr gutes Buch, aber keinesfalls ein "Meisterwerk" des Bernhard'schen Œuvres darstellt, weshalb es auch etwas verwunderte, genau dieses Buch in Reich-Ranickis "Kanon" zu finden.

Dennoch ist "Holzfällen" eines der wichtigsten Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur, deutlich ist hier auch der komödiantischere Ton, die leise Selbstironie des Werkes, vor allem gegenüber den früheren Romanen wie etwa "Frost" oder dem "Kalkwerk" zu spüren.

Diesen leisen Witz transportiert auch Thomas Holtzmanns sehr gelungener Vortrag in der ungekürzten Hörbuchfassung von Bernhards "Holzfällen. Eine Erregung". Fein und nuanciert "fühlt" er sich in den Text, gibt mal den spöttischen, mal den kühl-analytischen Erzähler. Er versteht es, den sperrigen Text - quasi ein mehrere hundert Seiten langer monologischer Monolith - in eine dem Hörer zugängliche Form zu bringen. Beinahe acht Stunden lang zieht er den Zuhörer in seinen Bann, Langeweile kommt dabei nicht auf. Ein einem großen Buch unbedingt angemessener Vortrag eines großen Schauspielers.

Titelbild

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung. 7 CDs. Gelesen von Thomas Holtzmann.
Der Hörverlag, München 2003.
470 Minuten, 49,00 EUR.
ISBN-10: 3895849499

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