Vom zitternden Kind mit dem Kaleidoskopauge

Peter Handkes "Lucie im Wald mit den Dingsda"

Von Patricia Nickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken: Sinn-Training - macht Sinn. Eigentlich ist dieses Buch kaum zu rezensieren. Die Mischung aus Märchen, poetischen Naturbeschreibungen und Weltentdeckungsreise einer Zehnjährigen macht es schwierig, die tatsächliche Geschichte Lucies dem Leser näher zu bringen und zu beschreiben, warum es Sinn macht, dieses Hör-Buch sinnlich zu erfassen. Darum sollte man es ja auch hören. Kapiert?

Das Hörbuch "Lucie im Wald mit den Dingsda" von Peter Handke wird von der etwas unmotivierten, manchmal stockend-onkelhaften Stimme des Autors selbst gelesen, und mit der Maultrommel in einzelne Kapitel akustisch unterteilt. Das Buch enthält zudem zehn Skizzen Handkes. In den 80 Minuten beschreibt er in einer reflektierenden und gleichzeitig kindlich-naiven Sprache den Entwicklungsverlauf einer Zehnjährigen. Das typisch sprunghafte und zunächst unreflektierte Verhalten der Heranwachsenden steht dabei im Mittelpunkt der Geschichte. Sie ist eine Repräsentantin der gegenwärtigen Gesellschaft, die zwar erst relativ kurz auf dieser Welt wandelt, doch eigentlich schon viel versteht, wenn sie sich nach einer funktionierenden Familie sehnt, bei der beide Elternteile wirklich da sind.

Lucie wächst in einer Umgebung auf, die von der mächtigen Mutter, einer Kriminalkommissarin, dominiert wird. Der zitternde, hässliche und von einem schrecklichen Verfolgungswahn getriebene Vater verbringt die meiste Zeit im nahe gelegenen Wald. Das Mädchen begegnet dem 'Waldschrat' zunächst mit derselben Verachtung wie ihre Mutter. Sie fürchtet sich im Wald und ekelt sich vor der Sammelleidenschaft des Vaters, der immer auf der Suche nach den Dingsda ist, wie sie in Lucies Sprache kindertypisch genannt werden. Mit gezielten Fußtritten zertrampelt Lucie die verabscheuten Dingsda, ohne die existenzielle Bedeutung derselben zu verstehen. Außerdem vermeidet sie jegliches Reden mit ihrem Vater, da er sich mit ihr nur in einer für sie umständlichen Ausdrucksweise unterhalten kann.

Doch eines Tages nimmt der Vater Lucie mit auf eine Wanderung in die Berge. Als Lucie mit ihm das bezeichnende Spiel "Wer hat mehr" beginnt, wird sie ganz 'Suche', was meint, mit der Natur eins zu werden. Das beginnende Erwachsenwerden, d. h. den vorgegebenen Denkstrukturen durch eigene Erfahrungen zu entwachsen, wird bei Handke gleichgesetzt mit dem Schärfen der Sinnesorgane und dem Aufgehen im Anderen. Hier zeigt sich das moralische Interesse des Autors, der fordert, zwischen reiner Wahrnehmung und Reflexionsvermögen zu unterscheiden. Die Kultur- bzw. Vernunftkritik lokalisiert er dort, wo das kindliche Entdecken, das Suchen und Finden nie ein Ende nimmt. Dies überträgt sich auch ins Sprachliche, wenn der Autor die Sätze immer mehr zerlegt und selbst nach den Worten zu suchen scheint. Der Leser kann so nur schwer dem Werdegang der Geschichte folgen und ist veranlasst, das Geschriebene zweimal zu lesen bzw. wie Lucie richtig zuzuhören.

Die Vater-Tochter-Geschichte schiebt sich im weiteren Verlauf immer mehr in den Vordergrund. Lucie lernt Dinge des Lebens zu sehen, denen sie sonst keine Beachtung schenkt, und entdeckt so ihre Welt aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Dieser zweifach geschärfte Blick, die "natürlichste Welterfahrungsmethode", beansprucht sowohl das sinnliche als auch das geistige Auge.

Als Lucies Vater sich des Terrorismus verdächtig macht und daraufhin verhaftet wird, begibt sich das Mädchen in die große Stadt. Auf ihrer Reise erfährt sie, dass das menschliche Miteinander bestimmt ist vom Desinteresse am Anderen, Gleichgültigkeit und dem Leben als Masse. Der Glaube an das Übersinnliche, Mythische, Erstaunliche ist in der medial verdorbenen Welt unmöglich geworden. Emotionalität und Sprache, die tatsächlich etwas meint, sind verloren gegangen. Doch glücklicherweise hat Lucie auf ihrer Reise die Dingsda eingepackt, die nur in der Erinnerung der Menschen lebendig werden. Das Rückbesinnen ist es dann auch, das den Menschen Freude und Frieden bringt. Die Städter erinnern sich an ihre eigene Kindheit und kommen so zu einem gemeinsamen Thema, was gleichbedeutend ist mit dem Wiederfinden der Sprache.

Handkes Zivilisationskritik manifestiert sich hier erneut im Gegensatz von Stadt und Land. Sie wird erweitert in der eindeutigen Dualisierung zwischen der Mutterwelt und der chaotisch anmutenden väterlichen Verlorenheit in der Natur. In der radikal kriminologischen Mutter-Sprache herrscht der Begriff 'Sicherheit' vor. Themen wie Ausländerfeindlichkeit und der Umgang mit der eigenen Vergangenheit ziehen sich zusätzlich durch das Erzählte. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Geschichte der väterlichen Flucht - wovor auch immer - ist wiederum nur in der Natur möglich.

Handkes Märchen für Erwachsene hat demzufolge nicht umsonst ein Kind als Protagonisten, das durch seine entdeckte Naturverbundenheit seinem Impuls, einer natürlichen Notwendigkeit folgt und von nun an furchtlos leben kann.

Doch eigentlich geht es immer wieder darum, dass die Welt vielschichtig und auf unterschiedlichste Weise zu entdecken ist. Also: Am Besten einfach selber lesen oder gemütlich Onkel Handke lauschen. Die Dingsda auf jeden Fall leuchten, so viel wird verraten, und mit ihnen ein Fünkchen Hoffnung.

Titelbild

Peter Handke: Lucie im Wald mit den Dingsda. Mit 2 CDs.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
96 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3518415891

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