Gegen die Preisgabe des Gewissens

Ein vergessener Literaturkritiker der fünfziger und sechziger Jahre steht zur Wiederentdeckung frei: Wolfgang Grözingers gesammelte "Hochland"-Kritiken

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Literaturkritik der Adenauer-Ära sah ihre Aufgabe vor allem darin: das nach dem Krieg verunsicherte Publikum mit Maßstäben und Orientierung zu versehen. In der Rolle von wegweisenden Autoritäten feierten konservative Kritikergrößen wie Sieburg, Blöcker oder Holthusen die "Klassiker der Moderne" und spotteten über die junge bundesrepublikanische Nachkriegsliteratur.

Zu den namhafteren Rezensenten jener Jahre zählte auch Wolfgang Grözinger (1902-1965). Seinen größten Erfolg feierte der heute fast vergessene Feuilletonist mit seiner kunstpädagogischen Studie "Kinder kritzeln zeichnen malen. Die Frühformen kindlichen Gestaltens" (1952). Pädagogisch intendiert war auch Grözingers literarische "Orientierungskritik", die er vor allem in der katholischen Monatsschrift "Hochland" mit seinen Rezensionen zum "Roman der Gegenwart" leistete. Von 1952 bis 1965 räumte er zwei- bis dreimal jährlich seinen Nachttisch ab und besprach auf zwölf Seiten zehn bis 15 Neuerscheinungen aus aller Welt auf einmal. Und dies stets unter einer übergeordneten Fragestellung wie "Verfolgte und Verfolger", "Vom Familien- und Existenzroman", "Religiöse und weltliche Antworten" oder "Roman zwischen Dichtung und Reportage".

Wieder ausgegraben haben diese beeindruckenden Exempel einer auch heute viel zu selten gepflegten Textsorte, der Sammelrezension, die Mainzer Literaturwissenschaftler Erwin Rotermund und Heidrun Ehrke-Rotermund. Mit einer ausführlichen Einleitung informieren die Herausgeber über Grözingers Wertmaßstäbe, Intentionen und die von ihm gesichtete Literatur. Diese war erstaunlich vielfältig und reichte vom Nouveau Roman Robbe-Grillets und der "experimentellen Prosa" eines Arno Schmidt (die Grözinger jedoch ablehnte) über Kriegsromane wie die Gert Ledigs bis hin zu aktuellen literarischen Bestandsaufnahmen der Liebes- und Geschlechterverhältnisse. Religiöse Romane beurteilte Grözinger vom Standpunkt eines offenen, undogmatischen Christentums aus; Besprechungen, in denen er das Publikum vor der Rezeption warnen zu müssen glaubt, bleiben so die Ausnahme. So heißt es 1951 zu Becketts Roman "Molloy": "Nur wenn man Beckett mit Protest liest, erscheint auf seinem düsteren Grund das Komplement der Wahrheit. Im andern Fall führt er in die absolute Verzweiflung, die nach christlichem Glauben eine Todsünde ist."

Mit ihren knappen Werkcharakterisierungen, präzisen Problemerfassungen und einem angenehm uneitlen Ton vermitteln Grözingers Rezensionen ein lebendiges Bild der epischen Nachkriegsproduktion und laden zu Wiederentdeckungen ein. Auch unterscheiden sie sich in mancher Hinsicht von der Literaturkritik jener Zeit, für die Literatur meist unter einer ahistorischen, außergesellschaftlichen Glasglocke stattfand. In Grözingers Urteilen waren in ungleich stärkerem Maße außerliterarische Aspekte von Bedeutung.

Und anders als viele seiner konservativen Kollegen war Grözinger auch ausgesprochen neugierig auf die junge deutsche Nachkriegsliteratur und diskutierte die Werke Carl Amerys ebenso wie die von Reinhard Baumgart, Max Frisch, Grass, Hildesheimer oder Böll. Und nicht nur das: In Grözingers Besprechungen nehmen auch die Werke von Exilautoren und Rückkehrern oder von im Nazi-Deutschland verfolgten Autoren einen ungewöhnlich breiten Raum ein. Grözinger, der selbst bis 1938 Mitglied der Reichsschrifttumskammer war, als Soldat am Polen-"Feldzug" teilnahm und die Jahre bis 1945 als Zahlmeister in Lindau am Bodensee überwinterte, machte in der Nachkriegszeit kontinuierlich auf Romane, die das "Genocidium", den Holocaust, thematisierten, aufmerksam. Und während Kollegen wie Holthusen schon in den frühen sechziger Jahren eine Erinnerungsmanie beklagen zu müssen glaubten, kritisierte Grözinger die Tendenz seiner Zeitgenossen, sich vor der braunen Vergangenheit zu flüchten: "Sie verdrängen, vergessen, verfälschen, was war, und geben so ihr Gedächtnis, ihr Gewissen preis."

Freilich hatte auch Grözingers ästhetische Aufgeschlossenheit ihre Grenzen. Ostblock-Autoren interessierten ihn primär, um die "Mentalität hinter dem Eisernen Vorhang" zu erkunden; die Literatur der DDR ignorierte er ebenso wie seine Kollegen völlig, ebenso jene Heimkehrer aus dem Exil, die sich wie Arnold Zweig oder Anna Seghers für den SED-Staat entschieden. Einzig Uwe Johnson gelang es mit seinen "Mutmaßungen über Jakob", den Westkritiker nachhaltig zu irritieren: Denn die Synthese einer modernen Form mit einer "linientreuen" Handlung (!) stellte für Grözinger erstmals eine mögliche Verbindung von Kommunismus und Individualismus in Aussicht und damit sein Weltbild in Frage. Für den entsetzten Grözinger zeigte Johnson, "wie sehr sich die beiden Teile Deutschlands schon auseinanderentwickelt und -gelebt haben, vor allem die Jugend".

Titelbild

Wolfgang Grözinger: Panorama des internationalen Gegenwartsromans. Gesammelte "Hochland"-Kritiken 1952-1965.
Herausgegeben von Erwin Rotermund und Heidrun Ehrke-Rotermund.
Schöningh Verlag, Paderborn 2004.
478 Seiten, 59,00 EUR.
ISBN-10: 3506701169

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