Alles an ihr sprach und lachte und höhnte und trauerte

Irmgard Keun zum 100. Geburtstag

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ihr ganzes Leben sei über das "Sich-Kleinmachen als Frau" gegangen, sagte Elfriede Jelinek über sie. Sie selbst bekannte in einem Brief, dass sie "lieber Mann" sein würde. Und dies, obwohl sie von Männern nicht allzu viel hielt, zumindest, was deren Verhältnis zum weiblichen Geschlecht und ihr mangelndes Gefühlsvermögen betrifft. "Man hat", konstatierte sie, "eine Frau wie ein Auto - eine Mercedes-Frau oder eine Rolls-Royce-Frau", und das nicht einmal "aus selbständiger Neigung", sondern "aus Eitelkeit". Irmgard Keun, die Erfolgsautorin der ausgehenden Weimarer Republik ist es, die die "Unselbständigkeit des Empfindens" bei Männern beklagt. Der Stern ihres Erfolges flammte in Deutschland allerdings nur kurz auf. Er erstrahlte 1931 mit ihrem seinerzeit sehr umstrittenen Erfolgsroman "Gilgi - eine von uns", funkelte kaum ein Jahr später mit "Das kunstseidene Mädchen" in vielleicht noch hellerem Glanz, um sodann allerdings innerhalb weniger Monate zu verlöschen.

Keuns, wie ihre Biografin Hiltrud Häntzschel konstatiert, sowohl der Neuen Sachlichkeit als auch dem Expressionismus verpflichteter Erstling "Gilgi" wurde nicht nur in den LeserInnenbriefen der Sozialdemokratischen Presse, die den Roman in Fortsetzungen abdruckte, heftig und kontrovers diskutiert, sondern erregte auch in Rezensionen Begeisterung und Ablehnung. Gabriele Reuter etwa, die Altmeisterin literarischer "Leidensgeschichten" von Frauen, lobte den Roman in "The New York Times Book Review", während sich Ingeborg von Wangenheim in der Zeitschrift "Der Weg der Frau" unter dem Pseudonym Ingeborg Franke zu der Behauptung verstieg, Gilgi verkörpere "das faschistische Führerideal im Alltagsleben". Einem solchen Irrtum war die rechtsextreme Presse nicht erlegen. Vielmehr verwahrte sie sich gegen die "nahezu gemeinen Anwürfe gegen die deutsche Frau", die sie in dem Roman auszumachen glaubte. Keuns Nachfolgewerk "Das kunstseidene Mädchen" rief zwar nicht mehr derartige - in der sozialdemokratischen Presse zum Teil erbittert geführte - Kontroversen hervor, doch war ihm nicht nur ein ähnlicher Verkaufserfolg beschieden, ihm wurde auch die Ehre zuteil, Eingang in eines der Standardwerke feministischer Theorie zu finden, in Simone de Beauvoires bahnbrechendes Buch "Das andere Geschlecht".

Dass den beiden Erfolgsromanen in absehbarer Zeit kein weiterer folgen sollte - zumindest in Deutschland nicht -, lag nicht etwa an einer plötzlich über die Autorin hereinbrechenden Schreibblockade. Es waren die Nazis, die, nachdem sie in Deutschland gar nicht so plötzlich hervorgebrochen waren und 1933 die Macht an sich gerissen hatten, fortan zwar nicht Irmgard Keuns Schreiben, aber doch die Publikation weiterer Romane von ihr blockieren konnten. So hielt sie sich mit der Veröffentlichung zahlreicher "kleine[r] Sachen" über Wasser, von denen sie zwar selbst nicht allzu viel hielt, die sie aber in verschiedenen Zeitschriften unterzubringen wusste. "Gut kann ich kurze Sachen nie schreiben, weil ich mich da nicht ausbreiten kann und alles richtig entwickeln", erklärte sie Arnold Strauss in zwei Briefen aus dem Jahre 1934, "[i]ch kann nur Romane und hab' auch nur daran Freude". Sie mache sich also "verflucht wenig draus, kleine Sachen zu schreiben. Ich fang nun mal erst an, meine Menschen erst von der 40. Seite an zu lieben. Und erst ab der 100. Seite kann ich mich richtig mit ihnen verständigen und an ihrem fremden Leben restlos teilnehmen." Aber, so versicherte sie dem Adressaten, "lernen kann man schließlich auch den größten Quatsch". Gar so schlecht, wie Keun es - vielleicht mit absichtlichem Understatement - darstellt, sind ihre meist heiteren Kurzgeschichten und ihre kleinen feuilletonistischen Arbeiten allerdings durchaus nicht.

Keun war das Nazi-Regime von Anfang an verhasst, wie die Briefe an Arnold Strauss ebenfalls zeigen. "Mich macht das gottverfluchte Regime krank - die Luft ist vergiftet, man wagt nicht mehr zu atmen, geschweige denn zu denken", klagt sie in einem Brief vom 1. April 1933. Doch sie klagt nicht nur, sie handelt auch, zumindest was ihre privaten Belange betrifft. Doch hier legt sie einen gefährlichen Mut an den Tag und reicht eine Schadensersatzklage ein wegen des Verdienstausfalls durch die Beschlagnahmung ihrer Romane. Dass die Klage abgewiesen wurde, überrascht nicht, wohl aber, dass die Nazis es bei der Zurückweisung beließen. 1936 beschreitet sie einen anderen, allerdings ebenso erfolglosen Weg. Um eine Publikationserlaubnis zu erhalten, beantragt sie die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, was ihr später übel vermerkt wurde.

Zwei Monate nach der Ablehnung ihres Antrags ging Keun ins Exil, wo sie zahlreiche Exil-Autoren, unter ihnen Herman Kesten, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch und Stefan Zweig, kennen lernte und es als ihre "heilige Aufgabe" betrachtete, "mitzuhelfen in meiner Art im Kampf gegen Nazitum, menschliche Sturheit, Schlappheit und Barbarei". "Alles an ihr sprach und lachte und höhnte und trauerte", berichtet Kesten über ihre erste Begegnung im Ostender Exil. Mit einem ihrer exilierten Zunftgenossen, dem wie sie selbst dem Alkohol verfallenen Österreicher Roth, geht sie eine Liebesbeziehung ein. Der in sie verliebte Arnold Strauss, dem sie in ihren Briefen wiederholt eine Heirat in Aussicht gestellt hat und auf dessen finanzielle Zuwendungen sie über Jahre hinweg immer wieder angewiesen ist, erfährt von der Liebschaft nichts. Vielmehr schreibt sie ihm, "das angenehme" an der Arbeitsbeziehung mit Roth sei, "daß man keine Spur verliebt in einander ist, keine Spur von Flirtigkeit herrscht". Nicht nur in Liebesdingen und nicht nur Strauss gegenüber hatte Keun "zur Wahrheit ihrer Lebensumstände ein ganz spezielles Verhältnis", wie ihr Häntzschel bescheinigt.

Den Kampf gegen Nazi-Deutschland führte Keun im Exil mit der Feder, aus der nun die Romane "Nach Mitternacht" und "Kind aller Länder" flossen. Sind "Gilgi" und "Das kunstseidene Mädchen" ihre bekanntesten und erfolgreichsten Werke, so ist "Nach Mitternacht" zweifellos ihr bedeutendstes. Der Roman verrät weit mehr über die Lebenswirklichkeit im Nationalsozialismus als etwa Anna Seghers unwahrhaftiges "Siebtes Kreuz". Keuns Roman rief ein von den USA bis in die UdSSR reichendes - allerdings nicht immer positives - Echo hervor.

1940 kehrte Keun illegal ins nationalsozialistische Deutschland zurück. Zwar scheint den Behörden ihre Rückkehr nicht verborgen geblieben zu sein, doch haben sie offenbar nichts unternommen, um sie aufzuspüren. Ihre Publikationsmöglichkeiten waren ihr jedoch bis zur Befreiung Deutschlands genommen. Zwar publizierte die "Neue deutsche Illustrierte" den Roman "Nach Mitternacht" bereits ein Jahr nach Kriegsende in Fortsetzungen. Als Buch erschien der Roman in Deutschland jedoch erst nach Jahren: 1956 in der DDR und weitere fünf Jahre später in der BRD. Allerdings ohne größere Resonanz hervorzurufen. Auch ihr in der jungen Bundesrepublik veröffentlichter Roman "Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen", der letzte, den Keun noch schreiben sollte, fand wenig Beachtung. Zu Recht, wie man sagen muss.

Größere Aufmerksamkeit wurde Keun, die von 1966 bis 1972 wegen einer durch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch verursachten Erkrankung in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Bonn untergebracht werden musste, erst wieder in den 70er Jahren zuteil. Wie etliche andere Autorinnen wurde sie von der Frauenbewegung wiederentdeckt. Und die interessierte sich mehr für "Gilgi" und das "Kunstseidene Mädchen" als für die Exil-Romane "Nach Mitternacht" und "Kind aller Länder". Als Keuns Geburtsstadt Köln den vermeintlich 70., tatsächlich aber den 75. Geburtstag der Autorin, die sich schon früh fünf Jahre jünger gemacht hatte, feierte, hielt die Feministin und spätere Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek die Laudatio. 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, erhielt Keun ihren einzigen Literaturpreis, den Marieluise-Fleißer-Preis.

Am 6. Februar wäre Irmgard Keun hundert Jahre alt geworden. Gilgi und das kunstseidene Mädchen jedoch sind jung geblieben. Und die Lektüre ihrer Romane lohnt sich noch immer.

Titelbild

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Roman.
Ullstein Taschenbuchverlag, München 2001.
218 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-10: 3548600859

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Irmgard Keun: Gilgi - eine von uns.
Ullstein Taschenbuchverlag, München 2002.
262 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-10: 3548602673

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Irmgard Keun: Nach Mitternacht. Roman.
Ullstein Taschenbuchverlag, München 2002.
199 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-10: 3548601510

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Irmgard Keun: Kind aller Länder. Roman.
Ullstein Taschenbuchverlag, München 2004.
211 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-10: 3548604153

Weitere Informationen zum Buch





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