"Vertrocknete" oder "blutvolle" Greise

Daniel Schäfer rekonstruiert medizinisches Wissen über "Alter und Krankheit" in der Frühen Neuzeit

Von Karen Nolte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Vorstellung, dass erwachsene Menschen in der Frühen Neuzeit eine Lebenserwartung von kaum mehr als dreißig Jahren hatten, ist noch weit verbreitet. Manch einer mag sich daher über den Gegenstand der Studie Daniel Schäfers wundern, der medizinisches Wissen über Alter und Krankheit in der Frühen Neuzeit untersucht. Der Medizinhistoriker aus Köln stellt in seiner Einführung richtig, dass in der Frühen Neuzeit für Menschen, die das Erwachsenenalter erreicht hatten, statistisch eine Lebenserwartung von durchschnittlich fünfzig Jahren galt. Verlässt man die statistische Perspektive, bedeutete dies realiter, dass nicht wenige Erwachsene durchaus ein Alter von 60 Jahren und mehr erreichten. Schäfer knüpft an die frühe Arbeit des Medizinhistorikers Mirko D. Grmek an, indem er systematisch die größtenteils in lateinischer Sprache publizierten medizinischen Hochschulschriften des 16. bis 18. Jahrhunderts auf allgemeine Äußerungen über das Alter, physiologische Erklärungen des Alterns und alterspezifische Krankheitsbilder hin untersucht.

Die Studie befasst sich mit Konzepten der medizinischen Altenfürsorge - so übersetzt Schäfer den Galen'schen Begriff Gerokomien, der im 15. Jahrhundert wieder aufgegriffen wurde und sich von den griechischen Begriffen "gerokomikón" oder "gerontokomía" ableitet. Unter Gerokomien fasst Schäfer die vielfältigen frühneuzeitlichen Schriften zur Erhaltung der Gesundheit im Alter und der Verlängerung des Lebens jenseits seiner bekannten natürlichen Grenzen. Im Unterschied zur heutigen Gerontologie wurden in den von Schäfer untersuchten frühneuzeitlichen Schriften nicht spezifische Alterskrankheiten benannt (wie z. B. Altersdiabetes), sondern vielmehr eine vermehrte Anfälligkeit alter Menschen für altersunspezifische Leiden (Verdauungsbeschwerden, Katarrhe etc.) beschrieben. Frühneuzeitliche Medizinwissenschaftler zeigten sich Schäfers Forschungen zufolge seit dem 17. Jahrhundert eher skeptisch gegenüber Rezepten zur Verjüngung und Langlebigkeit. Schließlich sei doch "der Tenor der Unvermeidlichkeit von Alter und Tod" in den Hochschulschriften bestimmend gewesen.

Wie genau es sich mit dem Säftehaushalt alternder Menschen verhielt, war in der wissenschaftlichen Community der Frühen Neuzeit durchaus umstritten, wie der von Schäfer herausgearbeitete Gelehrtenstreit im 17. Jahrhundert über Sinn und Unsinn des Aderlasses - das Therapeutikum der Humoralpathologie par excellence - bei der Behandlung von alten Kranken zeigt. Aufgrund der Vorstellung vom "blutarmen Greis" hielten einige frühneuzeitliche Mediziner den Aderlass für gefährlich. Dem Bild des "vertrockneten" Alten stellten Verfechter des Plethora-Konzeptes (Plethora=Blutfülle) das des rüstigen, "blutvollen" Alten gegenüber. Diese Blutfülle komme durch die sich im Alter vermindernde Ausscheidung von überflüssigen Nahrungsstoffen sowie durch unterlassene Aderlässe zustande. Entsprechend wurde auch darüber gestritten, ob Geschlechtsverkehr der Gesundheit greiser Männer zu- oder abträglich sei, d. h. ob der Verlust von Samen vertretbar sei. Zentral in der medizinischen Behandlung von alten Menschen war über den gesamten Untersuchungszeitraum die Diätetik - die Lehre des Maßhaltens. Alternden wurde als wirksamstes Mittel das rechte Maß an Licht und Luft, Getränken und Speisen, Anstrengung und Ruhe sowie die Vermeidung größerer Gemütsbewegungen empfohlen. Diese Empfehlungen zielten vorrangig darauf, den physiologischen Alterungsprozess aufzuhalten. Altersvergesslichkeit zählt heute zu den Altersbeschwerden schlechthin. Schäfer betont aufgrund seiner Quellenstudien, dass Vergesslichkeit erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ins Zentrum ärztlicher Überlegungen zu den Altersleiden gerückt sei.

Zwar bezieht der Autor die Verbindung von Weiblichkeitskonzepten und Alter in seine Betrachtungen mit ein, indem er in dem mit "Seitenblicke" betitelten Teil ein gesondertes Kapitel speziell den "alten Frauen" widmet. Doch wäre ein genauer Blick auf geschlechtsspezifische Alterskonzepte auch im Hinblick auf Konstruktionen von Männlichkeit erhellend gewesen. Ähnlich wie in seinen "allgemeinen" Ausführungen zum medizinischen Diskurs über Alter und Krankheit konstatiert Schäfer nämlich sehr heterogene und unsystematische Darstellungen weiblicher Pathologie in den spärlich überlieferten Schriften über alte Frauen. Durch die gesonderte Analyse des weiblichen Alterns entsteht jedoch der Eindruck, als habe bereits eine geschlechterpolarisierende Perspektive die geriatrischen Schriften der Frühen Neuzeit strukturiert - eine These, die angesichts der vom Autor konzedierten schmalen Quellenbasis offenbar schwer zu belegen ist. Schäfer fordert deshalb eine sozialgeschichtliche Studie, welche die Stellung von alten Frauen in der frühneuzeitlichen Gesellschaft beleuchtet. Eine solche Untersuchung ist bereits mit Heide Wunders einflussreicher Studie "Er ist die Sonn, sie ist der Mond" (1992) vorhanden, in der sie dem Lebenszyklus von Frauen sowie der Situation von Witwen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Während Schäfer aufgrund seiner Studien anhand medizinischer Schriften die randständige Position von alten Frauen in der Frühen Neuzeit betont, differenziert Wunder die soziale Lage alter Frauen nach ihrer ständischen Zugehörigkeit.

Schäfer beschränkt sich in seiner Studie keineswegs auf seinen Untersuchungszeitraum, sondern weiß vielmehr kenntnisreich Entwicklungslinien von antiken zu frühneuzeitlichen medizinischen Alterskonzepten zu ziehen. Die bisherige Medizingeschichtsschreibung datierte den Beginn der Geriatrie als medizinwissenschaftliches Fachgebiet um 1940. Dagegen betont Schäfer anknüpfend an frühe Studien zur Altersheilkunde, dass es schon seit 1620 eine Vielzahl von geriatrischen Schriften gab. Gleichwohl räumt er ein, dass bei aller Differenziertheit der gesammelten Schriften über Alter und Krankheit "Hinweise (und seien es nur Absichten) auf die Professionalisierung der Altenheilkunde innerhalb der Medizin" vollständig fehlen. Auch sei das Thema Alter und Krankheit keineswegs im Zentrum der "Alten Universität" diskutiert worden, da sich zwar eine große Zahl dieser Schriften mit dem Thema Alter befassten, dieser Untersuchungsgegenstand jedoch selten von den bedeutenden Wissenschaftlern der Frühen Neuzeit gewählt wurde. Wie schon frühere Studien zur Geschichte der Altenheilkunde betonen, stellt die besondere Beachtung des Alters und der spezifischen Altersbeschwerden von Seiten der Medizin keineswegs eine medizinwissenschaftliche Novität des 20. Jahrhunderts dar.

Daniel Schäfers Ausführungen zeichnen sich durch große Genauigkeit aus, was allerdings zuweilen dazu führt, dass der Leser sich in den detaillierten Beschreibungen und Analysen verliert und sich den größeren Kontext mühevoll erschließen muss. Schäfer betont zu Recht, dass das Alter ein Forschungsdesiderat in der historischen Forschung darstellt. Leider musste der Autor aus arbeitsökonomischen Gründen die Analyse sozialgeschichtlicher Quellen zum Forschungsgegenstand ausklammern, doch hätte er noch stärker schon existierende sozialhistorische Studien in seine Überlegungen mit einbeziehen können.

Am Ende bleibt jedoch festzuhalten, dass Daniel Schäfer eine sehr sorgfältige und detaillierte Studie über Alter und Krankheit in der Frühen Neuzeit vorgelegt hat. Seine Beschränkung auf den medizinischen Diskurs an den frühneuzeitlichen Hochschulen ermöglicht ihm eine sehr dichte Darstellung der einzelnen Lehrmeinungen, deren Entwicklung er über mehrere Jahrhunderte hinweg verfolgt hat. Mit Blick auf die heutige Debatte über den Umgang mit alten Menschen, in der eine romantisierende Perspektive auf vergangene Zeiten dominiert, ist abschließend ein weiteres Ergebnis der Studie hervorzuheben: Schäfer betont, dass der abwertende Blick auf den alten Menschen den medizinischen Altersdiskurs in der Frühen Neuzeit beherrscht hat.

Titelbild

Daniel Schäfer: Alter und Krankheit in der Frühen Neuzeit. Der ärztliche Blick auf die letzte Lebensphase.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
436 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-10: 3593374625

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