Die Apotheose Homers und Artes Etruriae renascuntur

Kunst und Kommerz im 18. Jahrhundert: Der Katalog der Vasen-Sammlung Sir William Hamiltons in einem opulenten Reprint

Von Felix SaureRSS-Newsfeed neuer Artikel von Felix Saure

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Susan Sontag hat in ihrem "Volcano Lover" Sir William Hamilton ein literarisches Denkmal gesetzt. Die Hauptfigur des 1992 erschienenen Romans, der Cavaliere, orientiert sich erklärtermaßen an Hamilton, der im Jahre 1764 zum Vertreter Großbritanniens in Neapel ernannt worden war. Die Stadt war damals ein kulturelles Zentrum, das mit London und Paris konkurrieren konnte, und die Residenz des wissenschaftlich wie künstlerisch dilettierenden Gesandten bildete einen festen Anlaufpunkt für die Reisenden auf ihrer Grand Tour. Auch Goethe besuchte "Hamilton und seine Schöne" - Emma Hart, die spätere Lady Hamilton und Geliebte Lord Nelsons. Während seiner Jahre in Süditalien hat sich Hamilton eingehend und aus wissenschaftlicher Perspektive mit Vesuv und Ätna beschäftigt und nicht nur zahlreiche Gesteinsproben gesammelt, sondern über seine Erkenntnisse auch 1776 die "Campi Phlegraei. Observations on the Volcanos of the two Sicilies" veröffentlicht, die mit zahlreichen handkolorierten Tafeln geschmückt sind. In diesem Werk der frühen Erdgeschichtsforschung verbindet sich die dokumentierende Beobachtung mit der ästhetischen Faszination der vulkanischen Tätigkeiten, die der Botschafter am Hofe Ferdinands IV. oft aus allernächster Nähe miterlebte.

Hamilton war aber nicht nur Diplomat und Vulkanologe, sondern er trug in seiner Villa eine außergewöhnliche Kollektion von Vasen des Altertums aus Süditalien zusammen, die er 1772 für einen stattlichen Preis an das British Museum verkaufte und die dort den Grundstock der Antikenabteilung bildete - Friedrich der Große hatte den Erwerb aus finanziellen Gründen abgelehnt. Noch heute findet sich in der Londoner Ausstellung unter Inventarnummer BM Vases F 284 ein besonderes Schmuckstück, die so genannte Hamilton-Vase, ein apulischer Volutenkrater aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. Seine Kollektion konnte Hamilton relativ schnell zusammentragen, denn vor Ort erwarb er nicht nur Stücke aus bestehenden Sammlungen, sondern nutzte auch die damals üblichen Wege, an antike Kunst zu gelangen: Im 18. Jahrhundert waren Ausgrabungen noch keine wissenschaftlichen Unternehmungen, sie hatten vielmehr den Charakter einer exklusiven Unterhaltung für die Oberschicht und boten dem Rest der Bevölkerung eine Möglichkeit des Gelderwerbs. Ans Tageslicht gebracht wurde antike Kunst von professionellen Raubgräbern, daneben wollten auch einheimische Bauern die auf ihren Äckern entdeckten Funde zu Geld machen. Auf diese beiden Quellen konnte auch Hamilton zurückgreifen. Außerdem kann er wohl als fanatischer Sammler bezeichnet werden. Nach kurzer Zeit umfasste die Sammlung daher 730 Vasen und andere Antiken, die "um ein Spottgeld" zusammengetragen worden waren, wie Karl August Böttiger, der inoffizielle Chronist des Goethe'schen Weimar, später bemerkte.

Schon ein Jahr nachdem er in Neapel angekommen war, fasste Hamilton den Entschluss, Exponate seiner Kollektion in einem Katalog zu publizieren. Dazu ging er die Kooperation mit einem schillernden Zeitgenossen ein, Pierre-François Hugues. Der stammte aus Frankreich, war zuvor als Militär tätig, versuchte sich als Gelehrter, trat nun als Baron D'Hancarville auf und sollte als Herausgeber des Sammlungskatalogs fungieren. Der erste von insgesamt vier Bänden der "Antiquités Etrusques, Grecques et Romaines. Tirées du Cabinet de M. Hamilton, Envoyé extraordinaire de S. M. Britannique en Cour de Naples" erschien dann auch 1767, bis zur Publikation des letzten Bandes vergingen aber noch neun weitere Jahre. Das lag in der schwierigen Finanzlage des auf Subskriptionen basierenden editorischen Großprojekts begründet, die ausgerechnet D'Hancarville nicht konsolidieren konnte. So flüchtete er mit den Druckplatten der letzten zwei Bände vor Schuldnern und der Justiz nach Florenz und Hamilton musste mit massiven Finanzmitteln die Fortsetzung des Projekts sichern.

Neben Stichen sollte das Werk aus Begleittexten bestehen und als Verfasser dieser Erklärungen war niemand Geringeres als Johann Joachim Winckelmann vorgesehen, der mit den 1755 erschienenen "Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst" und der 1764 publizierten "Geschichte der Kunst des Alterthums" nicht nur eine wichtige theoretische Grundlage der deutschen Griechenbegeisterung und des europäischen Klassizismus geschaffen hatte, sondern auch zu einer etablierten Größe in der europäischen Altertumskunde aufgestiegen war. Winckelmann wurde jedoch 1768 in Triest ermordet. Die Folge war, dass D'Hancarville die Texte zum Katalog der Sammlung Hamilton schrieb, vermutlich griff er dabei auf erste Entwürfe Winckelmanns zurück. Am Ende umfassten die Erläuterungen über 1000 Seiten, denn der Autor erweiterte den Erklärungsteil zu einer unabhängigen historischen Gesamtdarstellung der Kunst des klassischen Altertums, um sich so als Antikenkenner zu profilieren. Während die hohe Qualität und Genauigkeit der Abbildungen auf den über 400 teils handkolorierten Tafeln beim Publikum in ganz Europa großen Anklang fanden, sind D'Hancarvilles Texte fast unlesbar und passen darüber hinaus oft gar nicht zu den Abbildungen der Bände, in denen sie erschienen.

Die komplizierte Gelehrsamkeit D'Hancarvilles fand wohl weniger das Interesse der zeitgenössischen Leser als die ästhetische Dimension der abgebildeten Vasen. In den Stichen in Hamiltons Katalog werden die Fundstücke in einer Gesamtansicht und in einer Schnittzeichnung dargestellt, zudem sind die Maße der Kunstwerke angegeben. Daneben finden sich die farbigen Abbildungen der Vasenmalereien, nur in wenigen Fällen werden allerdings konsequent alle Formen der Wiedergabe für ein Sammlungsstück verwendet. Mit der Darbietung der Malereien in einer von der äußeren Form der Gefäße weitgehend autonomen Weise wurde einer Auffassung in der zeitgenössischen Altertumswissenschaft und Ästhetik entsprochen. Durch die Vasenmalereien glaubte man, mindestens einen ungefähren Eindruck von den nicht überlieferten Gemälden der Antike zu erhalten, die man nur aus literarischen Beschreibungen kannte. Auch Winckelmann ging von einer solchen engen Beziehung aus und vergleicht in einer berühmten Passage aus der "Geschichte der Kunst des Alterthums" die Abbildungen auf den Gefäßen mit Zeichnungen Raffaels, in beiden würden die zugrunde liegenden künstlerischen Ideen sichtbar werden. D'Hancarville entwickelte diese These in den "Antiquités" weiter und fügte im zweiten Band zur Illustration seiner Ausführungen auch einen Kupferstich nach Raffael ein.

Nicht nur als Hinweis auf die verlorene Malerei des Altertums dienten die Vasengemälde, sondern sie lieferten darüber hinaus die visuelle Entsprechung zum Kanon der antiken Literatur und den dort dokumentierten Mythen, Religionsauffassungen und Gebräuchen. In der zeitgenössischen Wahrnehmung bedingten und verifizierten sich die Abbildungen und Texte gegenseitig. So ist im dritten Band von Hamiltons Katalog eine Vasenmalerei abgebildet, die sich auf einem attischen Kelchkrater aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert findet. Sie zeigt einen Musiker, der mit seiner Leier ein Podest besteigt, flankiert von einer geflügelten Nike, einem Richter und anderen Figuren. Die heutige Forschung geht davon aus, dass es sich hierbei um die Darstellung des Siegers in einem Musikwettstreit handelt. Im 18. Jahrhundert war man aber davon überzeugt, dass es sich bei der Figur mit der Kithara um Homer handelt. Hamilton selbst hatte diese Vermutung zwar eher zurückhaltend geäußert, doch D'Hancarville identifizierte die Abbildung zweifelsfrei als die Apotheose Homers, die Erhebung des Dichters zum Gott.

Dass sich Homer auf einer der hochwertigsten Vasen aus der Sammlung Hamilton findet, war zugleich ein fassbarer historischer Beleg für die eigene hohe Verehrung, die man diesem Autor entgegenbrachte. Seit dem 18. Jahrhundert waren zunächst in England und dann auch in Deutschland die Dichtungen des griechischen Altertums und einer eigenen germanischen oder keltischen Vorzeit gegenüber den bisher normsetzenden antiken Texten aufgewertet worden. Nicht mehr die rhetorische Kunstfertigkeit römischer Autoren, sondern die vermeintlich natürliche Kreativität eines Homer oder eines Ossian galten nun als poetisches und poetologisches Ideal - Goethes Werther liest nicht zufällig gerade in ihren Werken. Indem man auf einem außergewöhnlich schönen archäologischen Fundstück eine Abbildung Homers nachweisen konnte, hatte man einen Beleg dafür, dass ihm schon in der griechischen Antike eine überragende Bedeutung zugekommen sei.

Das Antikebild, das Hamilton und D'Hancarville in den "Antiquités" präsentierten, fand aber nicht nur in der Altertumskunde und der Ästhetik seinen Niederschlag, sondern auch in der zeitgenössischen Kunst und im Kunstgewerbe. Der Intention des Sammlers entsprach das genau, denn Hamilton wollte durch seine Publikation erklärtermaßen den Geschmack in England befördern, d. h. Vorbilder für künstlerische Werke und für die Produktion von kunstgewerblichen Gegenständen liefern. Gerade deshalb kam auch der hochwertigen Reproduktion der Sammlungsstücke auf den Tafeln des Katalogs eine große Bedeutung zu.

Bei der Frage nach dem Einfluss der "Antiquités" auf Europas Kunstgewerbe im ausgehenden 18. Jahrhundert kommt dem Keramik-Produzenten Josiah Wedgwood eine entscheidende Rolle zu. Porzellan aus dem Hause Wedgwood wird noch heute mit den Designs assoziiert, die unter Rückgriff auf Vorlagen aus Hamiltons Katalog entwickelt wurden. In der traditionellen Töpfergegend Staffordshire in England hatte Wedgwood ein Unternehmen aufgebaut, das nicht nur produzierte, sondern auch selbst entwickelte und vermarktete. Sein Betrieb war konsequent arbeitsteilig, auf ständige Innovation und den internationalen Verkauf ausgerichtet. Im Jahre 1766 wurde Wedgwood zum Potter to Her Majesty ernannt, 1769 ging er eine Partnerschaft mit dem hochgebildeten Liverpooler Kaufmann Thomas Bentley ein, der über einen großen Kreis von Bekannten und Freunden aus den meinungsbildenden Schichten verfügte. Bentley war für das Design und die Vermarktung zuständig, er lenkte die Aufmerksamkeit seines Kompagnons außerdem immer wieder auf neue Trends. Zusammen eröffneten sie im selben Jahr eine neue Fabrik in Burslem, die in der Branche nicht nur die modernste war, sondern die auch über eine umfangreiche Firmenbibliothek verfügte. Dort befanden sich als Inspirationsquelle für eigene Entwürfe die maßgeblichen illustrierten Architektur- und Kunstpublikationen der Zeit, neben den Werken von Johann Fischer von Erlach, Comte de Caylus und James Stuart auch der Katalog der Sammlung Hamilton.

Mit einem Gespür dafür, woran seine oftmals von einer Grand Tour geprägte Kundschaft erinnert werden wollte, nannte Wedgwood die neue Anlage Etruria, und selbstbewusst verkündet die Inschrift der ersten, von ihm und Bentley persönlich dort hergestellten Vasen Artes Etruriae renascuntur - die Künste Etruriens sollten also in den frühkapitalistischen West Midlands wiedergeboren werden. Daran hatten Abbildungen aus den "Antiquités" wesentlichen Anteil, denn 1767 hatte Wedgwood über einen Schwager Hamiltons schon vor dem ersten Druck Abzüge der Tafeln erhalten und sogleich deren Wert als Designvorlage erkannt. Auch die sechs First-Day's-Vases sind in Form und Bemalung Vorbildern aus den "Antiquités" nachgebildet. Wedgwood wollte aber auch durch das Material die Hochwertigkeit seiner Produkte unterstreichen und sie so unverwechselbar machen. Seit Beginn seiner Tätigkeit hatte er konsequent mit Tonmischungen und Brennverfahren experimentiert - später ließ er sich sogar Tonproben aus Australien senden -, und im Jahre 1768 war es ihm gelungen, eine neuartige, schwarze Keramik mit einer feinen, matt glänzenden Oberfläche zu erzeugen. Aus dem Black Basaltes genannten Material wurde nun in erster Linie antikische Dekorationskeramik gefertigt, auch die erwähnten First-Day's-Vases gehören dazu.

Diese Serien fanden großen Anklang, die Chimney Pieces genannten Kaminaufsätze schmückten bald die Häuser von Adeligen und vermögenden Bürgern in ganz England. Es handelt sich dabei um Vasen, die denen aus Hamiltons Katalog nachgebildet sind. Eine sehenswerte Garnitur befindet sich im Wörlitzer Schloss, der anglophile Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der zusammen mit seinem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff 1766 in Neapel Hamilton persönlich getroffen hatte, ließ die Kamine des Speisesaals damit ausstatten.

Wedgwoods Produkten aus Black Basaltes war großer wirtschaftlicher Erfolg beschieden, doch der Markt verlangte zunehmend nach farbigem Dekor im antikischen Stil. Nach einem halben Jahrzehnt an Versuchen gelang die Herstellung eines durchscheinenden, feinen Steinzeugs, das sich in verschiedenen Farben herstellen lässt, die so genannte Jasper Ware. Bei den Käufern waren besonders Produkte beliebt, deren aufgelegte Ornamente und Figuren aus weißer Jasper Ware sich vor einem himmelblauen Hintergrund abhoben. Ab 1775 wurden nicht nur Geschirr, sondern alle Arten von Dekorkeramik aus Jasper Ware produziert.

Dabei sticht die ästhetische Qualität der Stücke heraus, die unter Beteiligung von John Flaxman entwickelt wurden. Dieser arbeitete seit Mitte der 1770er Jahre für Wedgwood. Die schon erwähnte vermeintliche Apotheose Homers setzte er 1778 in Jasper Ware um, sie wurde in hohen Stückzahlen produziert und Hamilton selbst lobte dieses neue Kunstwerk ausdrücklich. Später entwickelte Flaxman daraus auch eine Apotheose des Vergil, die ebenfalls als Vasenschmuck diente. Während seiner Zeit in Rom ab 1787 illustrierte er dann Szenen aus Homers "Ilias" und "Odyssee" in seinen berühmten Umrißzeichnungen, die in ganz Europa Aufsehen erregten und in Deutschland im "Athenaeum", dem Zentralorgan der Frühromantik, emphatisch von August Wilhelm Schlegel besprochen wurden. Charakteristisch sind dabei die Darstellung der Figuren im Profil, der Verzicht auf jegliche Hintergrundgestaltung und das Fehlen einer Tiefenperspektive. Obwohl sie ursprünglich als Vorlage für zu schaffende Reliefs gedacht waren, etablierten sich die Umrisszeichnungen schnell als eigene Kunstgattung.

Zu der Zeit, als Flaxman in Rom arbeitete, hatte Hamilton in Neapel schon mit dem Aufbau einer zweiten Sammlung begonnen, die ebenfalls in einem Katalog dokumentiert wurde. Dieser entstand nun unter direkter Aufsicht des berühmten Sammlers, für die Tafeln war der Direktor der Neapler Kunstakademie, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, verantwortlich. Er ließ die Vasenabbildungen als Umrisszeichnungen reproduzieren, was aber nicht auf einhellige Zustimmung stieß. So bemerkte Böttiger, das europäische Publikum verlange "ausgesuchte Kupferstiche" - eben wie im ersten Katalog. Wegen der preiswerten Herstellungsweise erreichte der zweite Katalog aber eine größere Verbreitung und auf die Entwicklung von Flaxmans Umrisszeichnungen hatte dieses Projekt ebenfalls Einfluss, denn er hatte Tischbein und Hamilton während der Publikationsvorbereitungen in Neapel besucht.

Mit seinen antikisierenden Keramiken war Wedgwood außerordentlich erfolgreich und so wundert es nicht, dass bald Nachahmer auf den Plan traten. Im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts entstanden nun beispielsweise in Gotha, Königsberg und Meißen ebenfalls Dekorkeramik und Gebrauchsgeschirr im Stile der Exemplare aus Hamiltons Kollektion. Als Vorlagen verwendeten die Manufakturen den Katalog der Sammlung und einzelne antike Stücke sowie Muster aus Wedgwoods Produktion. In Gotha stützte man sich dabei alleine auf die Abbildungen in den "Antiquités". Wedgwood ließ das alles geschehen, denn die Nachahmerprodukte machten seine Designs umso populärer und garantierten ihm durch den Qualitätsvorsprung seiner Waren zugleich die Marktführerschaft. Die gewinnbringenden und geschmacksbildenden Effekte der Sammlung Hamilton waren nur möglich, indem dieser seine Sammlung im Katalog bekannt machte und zugleich Wedgwood und Bentley als außergewöhnlich innovative Entrepreneurs die Ästhetik der dort reproduzierten Vasengemälde popularisierten. Hamilton selbst hat dies wohlwollend anerkannt, denn ein wichtiges Ziel seiner Katalogpublikation war ja der Einfluss auf die zeitgenössische Kunstauffassung und damit auch auf das Kunstgewerbe.

Eine solche Verbindung von antiker Kunst, klassizistischer Ästhetik und frühkapitalistischer Ökonomie widersprach Goethes Vorstellung von Antikenrezeption. Ohne sie namentlich zu nennen, wendet er sich in der "Italienischen Reise" gegen die Ideen und Methoden Hamiltons und Wedgwoods: "Die Kunst, welche dem Alten seine Fußboden bereitete, dem Christen seine Kirchenhimmel wölbte, hat sich jetzt auf Dosen und Armbänder verkrümelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt", heißt es in einem später verfassten, redaktionellen Zusatz zum Eintrag vom 8. Oktober 1786. Während er in Rom "Iphigenie auf Tauris" fertig stellte, arbeiteten in Etruria 15-20.000 Menschen und stellten Keramiken à la grecque her. Kunst und Kommerz, Schönheit und fabrikmäßige Herstellung waren in den Augen des Weimaraners aber offensichtlich ein grundsätzlicher und nicht aufzulösender Gegensatz. Goethe wollte, dass man das Land der Griechen dann doch lieber kontemplativ mit der Seele suchte und prägte mit dieser Haltung ganz wesentlich die deutsche Begeisterung für Hellas.

Die große Bedeutung, die den "Antiquités" für die europäische Ästhetik und Kulturgeschichtes des 18. Jahrhunderts zukommt, hat sich in den letzten Jahren in einem vermehrten Interesse in Museologie und Forschung gezeigt. Das British Museum stellte 1996 "Vases and Volcanoes. Sir William Hamilton and his Collection" vor, in Deutschland war 1999 an der Universität Freiburg die Ausstellung "1768. Europa à la grecque. Vasen machen Mode" zu sehen. Diese Präsentationen waren jeweils von informativen Publikationen begleitet, die jedoch mit ihren wenigen verkleinerten Abbildungen allenfalls eine Ahnung vom Katalog der Sammlung Hamilton vermitteln können.

Der Kölner Taschen Verlag hat es nun gewagt, alle Abbildungen aus den vier Bänden der "Antiquités" in einem opulenten Reprint herauszubringen. Das ist zu begrüßen, bedenkt man den Quellenwert dieses Werks, das längst nicht in jeder Universitätsbibliothek vorhanden ist. Zugleich ist der Band aber immer noch so preiswert, dass er auch als eindrucksvolle Zierde jeder Privatbibliothek dienen kann. Die Tafeln werden bis auf Ausnahmen in der Reihenfolge der Vorlagenbände wiedergegeben, die hochwertigen Reproduktionen der Abbildungen werden durch eine Definition der Gefäßform und eine kurze Beschreibung der dargestellten Szenen ergänzt. Bis auf die wenigen verschollenen oder unbekannten Keramiken wird zudem der heutige Standort und die jeweilige Inventarnummer angegeben. Ergänzt werden die Illustrationen durch zwei kurze Glossare der archäologisch korrekten Vasenbezeichnungen und mythologischer bzw. historischer Personen und Begriffe, sowie eine Bibliografie, die sowohl Quellen als auch ausgewählte Forschungsliteratur umfasst. Alle Begleittexte finden sich in einer englischen, französischen und deutschen Version. Die wenigen fachlichen Versehen bzw. Übersetzungsfehler in den Bildlegenden, auf die schon Michael Siebler in der FAZ hingewiesen hat, fallen bei der sonstigen hohen Qualität des Bandes praktisch nicht ins Gewicht, wären aber bei einer erneuten fachlichen Durchsicht wohl zu vermeiden gewesen. Als Begleitbuch für einen Besuch des British Museum, wo sich noch heute die allermeisten der abgebildeten Vasen im Original befinden, ist der Band trotz des hochwertigen Inhalts und der wertvollen Aufmachung aber denkbar ungeeignet. Wie die Vorlage im repräsentativen Folioformat gedruckt, ist das gleichermaßen gelehrte wie ästhetisch wertvolle Buch mit einem Gewicht von sieben Kilogramm dafür eine zu schwere Last.

Für den Leser, der an der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts interessiert ist, sind besonders die zwei einleitenden Aufsätze des Kunsthistorikers Sebastian Schütze und der Klassischen Archäologin Madeleine Gisler-Huwiler sehr hilfreich. Schütze bietet eine fachlich versierte und gut lesbare Einführung in praktisch alle Aspekte der Geschichte der Sammlung Hamilton, der Publikation des Katalogs und der zeitgenössischen Ästhetik. Nicht zuletzt finden sich in diesem Essay auch zahlreiche Illustrationen. Der heutige Leser kann sich so durch Veduten der Stadt und des Golfes, das Bild einer Antikenhandlung, eine Abbildung von Hamilton und seiner Geliebten bei der Öffnung eines antiken Grabes und das Tischbein-Gemälde der Lady Hart in das zeitgenössische Neapel zurückversetzen. Wer die kulturgeschichtlichen Hintergründe zur Kenntnis genommen hat, kann dann aber auch einfach die künstlerische Qualität der Vasengemälde genießen und dazu die bei einigen Abbildungen abgedruckten Textausschnitte aus der antiken Literatur lesen - der Attische Glockenkrater wird dann als bacchantisches Kunstwerk wieder lebendig.

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Pierre-Francois Hugues D´Hancarville: The Collection of Antiquities from the Cabinet of Sir William Hamilton. Collection des Antiquités du Cabinet de Sir William Hamilton. Die Antikensammlung aus dem Kabinett von Sir William Hamilton. Englisch / Französisch / Deutsch.
Mit Aufsätzen von Madeleine Gisler-Huwiler und Sebastian Schütze.
Taschen Verlag, Köln 2004.
550 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3822821950

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