Mit Gebet und Pillen zu Gott

Katharina Ernst untersucht die medikale Kultur württembergischer Pietisten im 18. Jahrhundert

Von Anja Schonlau

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"HErr JEsu ich bin dein hilf mir Amen Halleluhjah waren die letzte Worte, die sie mir mühsam nachsagte", berichtet die Pietistin Maria Barbara Burkin vom Sterbebett ihrer sechsjährigen Tochter Sara Beata. Von den zahlreichen Selbstzeugnissen, die Katharina Ernst zur Untersuchung der medikalen Kultur württembergischer Pietisten im 18. Jahrhundert eingesehen hat, bleiben die elterlichen Berichte über Krankheit und Tod ihrer Kinder besonders im Gedächtnis. Bei diesen Schilderungen in Briefen, Tagebüchern und Autobiografien hat sicherlich die pietistische Konvention eine Rolle gespielt, die es erbaulicher erscheinen ließ, über das letzte Gebet und nicht über das letzte Medikament am Sterbebett zu berichten. Die Briefschreiberin Burkin erwartet aber eine positive Reaktion auf ihre Beschreibung. Dies zeigt, wie existenziell die religiöse Fürsorge um das Seelenheil in pietistischen Kreisen gewertet wurde: Hier soll eine sterbende Sechsjährige folgsam tröstende Gebetsworte nachsprechen - nicht weniger folgsam, als sie vermutlich zuvor Medikamente eingenommen hat.

Denn wenn auch am Totenbett der religiöse Ritus die größere Bedeutung erlangt und von einer Medikalisierung des Sterbens nicht die Rede sein kann, so schließen sich ein pietistisches Krankheitsverständnis und medizinische Behandlung keineswegs aus, wie Ernst in ihrer Heidelberger Dissertation belegt. Zwar begreifen die Württemberger Pietisten Krankheit als von Gott gesandte Strafe für sündiges Verhalten des Kranken und seiner Umgebung sowie als eine Lektion göttlicher Pädagogik, die der inneren Läuterung dient. Trotzdem ist eine ärztliche Behandlung erwünscht und wird auch in Pfarrersfamilien befolgt: "[V]on den Pillulen habe verwichenen montag nachts 25 genommen", schreibt Johanna Regina Bengel in den 1740er Jahren ihrem Schwiegersohn, dem Pietisten und Mediziner Albert Reichart Reuß.

Eine in der Forschung gelegentlich postulierte Dichotomie zwischen religiöser und medikamentöser Fürsorge weist Ernst zurück, zumal ihr eine modernistische Auffassung des Gebets als 'passiv' zugrunde liege. Die pietistischen Pfarrer behandeln sich und ihre Familienmitglieder zum Teil auch selbst. Dabei beruht ihre Behandlung auf einem humoralpathologischen Medizinverständnis. Nicht einmal eine besondere Vorliebe für pietistische medizinische Autoren oder Hallenser Medikamente sieht Ernst belegt, wenn die Hallenser Essentia dulcis auch "als wahres Wundermittel" gelobt wird.

Der humoralpathologische Deutungsstrang in der medikalen Kultur der Württemberger Pietisten bezieht sich auf ein Ungleichgewicht der Säfte im Körper und entspricht auch in seiner teilweisen Beeinflussung durch jüngere chemische und mechanische Konzepte einem weit verbreiteten Krankheitsverständnis des 18. Jahrhunderts. Spannungsreicher erscheint der religiöse Deutungsstrang: Der Unbekehrte wird durch die Krankheit für seine Gottlosigkeit bestraft. Für den Erweckten ist sie dagegen eine väterliche Züchtigung mit bestimmtem Zweck. Nach dem jeweiligen Zweck forschen aber nicht alle Pietisten so intensiv wie Philipp David Burk und Albert Reichart Reuß. Pfarrer Philipp Matthäus Hahn beendet sogar seine Schuldzugeständnisse regelmäßig mit schweren Vorwürfen an seine Ehefrau(en). Wie die pietistische Korrespondenz zeigt, sind die Versuche der Pfarrer, ihre Gemeindemitglieder im Krankenbett zur Reue zu bewegen, wenig erfolgreich. Als ernstes Problem erweist sich die Frage, ob im Gebet um Heilung gefleht werden kann, schließlich fordert der Pietismus Ergebung in Gottes Willen.

Der wesentliche Vorzug dieser Studie liegt in der sorgfältigen Auswertung der zahlreichen Selbstzeugnisse der Württemberger Pietisten. Die Autorin stellt nach einer vorbildlichen methodologischen, quellenkritischen und begrifflichen Einführung zunächst das Krankheitsverständnis in den normativen pietistischen Schriften vor. Im Weiteren erörtert sie die Darstellung von Krankheit bezüglich der Ursache, des Verhaltens, der Heilung, ihrer Auffassung als Lektion und des pietistischen Topos vom seligen Sterben in eigenen Kapiteln. Diese Kapitel sind nach ihren Quellen noch einmal in Unterkapitel zur Bengel'schen Familienkorrespondenz, dem Tagebuch Philipp David Burks, der Zirkularkorrespondenz, dem Tagebuch Philipp Matthäus Hahns, dem Tagebuch Israel Hartmanns und zu kleineren Selbstzeugnissen unterteilt. Diese etwas schematische Gliederung führt zu gelegentlichen Wiederholungen in der Untersuchung (z. B. die vermeintlichen Lügen der beiden Ehefrauen Philipp Matthäus Hahns). Das schmälert angesichts der sorgfältigen Ausarbeitung aber nicht das Vergnügen der Lektüre. Mit ihrer Dissertation hat Katharina Ernst einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte des Württemberger Pietismus und des Pietismus insgesamt, zur Erforschung medikaler Kulturen sowie zum Verhältnis zwischen Religion und Medizin bzw. Krankheit geleistet.

Titelbild

Katharina Ernst: Krankheit und Heiligung. Die medikale Kultur württembergischer Pietisten im 18. Jahrhundert.
Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003.
258 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3170181033

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