Kybernetik, Kryptologie und Krieg

Friedrich Kittler über Unsterbliche

Von Stefan HöltgenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höltgen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unsterblich wird man nur für jemanden und dann auch nur wegen etwas. Als Unsterblicher wird man nicht geboren; Unsterblichkeit wird einem posthum verliehen. Zu den Unsterblichen gehören viele Denker, einige Revolutionäre und wenige Staatsmänner. Der Berliner Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler hat nun eine Sammlung mit "Nachrufen" auf zehn Unsterbliche veröffentlicht - allesamt Wissenschaftler. Die Texte versammeln - mehr oder weniger chronologisch - Denker der europäischen Geistesgeschichte von der Renaissance bis in die Gegenwart.

Kittlers Zugang zu den Biografien jener Unsterblichen ist dabei höchst spezifisch und lässt sich grob in zwei Kategorien gliedern: Vorläufer und Zeitgenossen. Kittler, der den deutschen Kultur- und Medienwissenschaftsbetrieb wohl wie kein Zweiter durch seine besondere Perspektive geprägt hat, sucht auch in den Lebensläufen dieser Vor- und Mitdenker konsequenterweise nicht nach dem allgemein, sondern nach dem speziell Unsterblichen. Die drei großen Themenbereiche, die seine eigene Forschungsleistung immer begleitet (und teilweise dominiert) haben, bilden dabei den Fokus: Kybernetik, Kryptologie und Krieg.

Angefangen beim "uomo universale" Leon Battista Alberti, den Kittler als Architekten, Vordenker von "Windows" und Erfinder einer wichtigen Verschlüsselungstechnik diskutiert, über die Mathematiker Fermat und Leibniz, die Kybernetiker Wiener, Turing und Shannon, die Kulturwissenschaftler Luhmann, Lacan und Foucault subsumiert Kittler seine Leitfragen den jeweiligen Figuren der Geistes- und Technikgeschichte unter. Einzig der Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer will sich nicht so recht in die Riege einfügen - und steht als Beender "ein[es] Jahrhundert[s] deutschsprachiger Erlebnisdichtung" thematisch wie chronologisch quer zwischen dem Luhmann- und dem Lacan-Text.

Die Zugänge zu den Biografien der zehn werden, je näher sie zeitlich an die Kittlers heranrücken, umso persönlicher, ja man mag schon fast sagen: kryptischer. Erscheint die Verschränkung von biografischer Entwicklung und mathematischer Leistung bei Fermat und Leibniz noch sehr nachvollziehbar, die bahnbrechenden Errungenschaften der Informationstheorie durch Wiener und Turing noch fraglos (wenn auch hier der "Einfluss" persönlicher Anekdoten - vor allem über Norbert Wieners professorale Zerstreutheit - den Text schon fast in die Komödie überführt), so wird doch spätestens im Luhmann-Kapitel fraglich, was der Text seinem Leser sagen will. Kittler beschreibt den Erfinder der Systemtheorie nun gar nicht mehr als Denker, sondern als Freund; die Beziehung beider zueinander ist das leitende Thema des 1999 entstandenen Erinnerungstextes.

Der Grund für die stilistischen und methodischen Unterschiede liegt natürlich darin, dass "Unsterbliche" nicht "aus einem Guss" entstanden ist. Die Texte sind allesamt in unterschiedlichen Kontexten in einem Zeitraum von 10 Jahren (1994 bis 2004) geschrieben worden. Das macht das Buch schwer lesbar - verstehbar ist es ganz wohl nur für denjenigen, der sich bestens "in Kittler" auskennt und deshalb ahnt, welches theoretische Potenzial sich hinter den Allusionen und Anekdoten verbergen mag. Für den in die Geheimschrift des Kittler-Universums Uneingeweihten bleiben nach der Lektüre wohl zehn höchst disparate Texte bestehen (deren Höhepunkt sicherlich das fingierte "Geistergespräch" zwischen Sokrates und Hermogenes bildet), deren Unterhaltungswert durch die Verbindung von allem mit allem jedoch zuweilen beachtlich ist.

Kostprobe? Eine Dichtung Albertis paraphrasiert Kittler wie folgt: "Den einzigen Gott, der Jupiter die schlichte Weisheit guter Herrschaft ungelesen aufschreibt, entmannen alle Göttinnen vereint als Furien, nachdem er eine unter ihnen raffiniert geschwängert hat. Umsonst sucht diese Jungfrau des lasziven Augenspiels in einem Tempel Zuflucht. Albertis romanesker Heldengott rankt sich als Efeu von der Außenwand durchs Fenster namens Windows an der Innenwand entlang - bis in ihren Schoß. Das Begehren des Architekten, heißt das aber, geht auf Architektur. Sonst wären Alteuropas schöne Städte nicht so schön, wie Rumsfeld nie begreifen wird."

Titelbild

Friedrich Kittler: Unsterbliche. Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2004.
150 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3770540743

Weitere Informationen zum Buch





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN