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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2005 » Fremdsprachige Literatur
 
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Die uralte Geschichte von der Verletzlichkeit des Rechts

Imre Kertészs "Detektivgeschichte"

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Imre Kertész 1976 innerhalb von zwei Wochen eine kurze "Detektivgeschichte" schrieb, wusste er nicht, ob sie veröffentlicht werden würde. Es war kühn, in einer auf illegalem Wege an die Macht gelangten Diktatur vor den Nasen beflissener Zensoren eine Geschichte zu veröffentlichen, in der es um die Technik einer auf illegalem Weg nach oben gekommenen Macht geht. Kertész verlegte das Geschehen in ein imaginäres südamerikanisches Land und kreierte eine moralische Parabel wider die Ignoranz der Öffentlichkeit gegenüber Menschenrechtsverletzungen und Folter. Jetzt - fast dreißig Jahre später - hält der Leser die erste fremdsprachige Ausgabe der "Detektivgeschichte" in der Hand und soll wohl ob der Aktualität des Büchleins staunen. Es ist die uralte Geschichte von der Verletzlichkeit des Rechts, die immer wieder von neuen Fällen auf der ganzen Welt genährt wird.

Ein Umsturz findet statt, eine Diktatur wird errichtet. Dem Polizisten Antonio Martens bietet sich die Chance seines Lebens, er wird zum "Corps" berufen, einer Eliteeinheit, die den Staat schützt - per Überwachung, Fahndung und Folter. Mit harmlos anmutenden Beschattungen fängt es an und mit der Aufnahme zahlloser unbescholtener Bürger in das Register. Martens verschließt davor die Augen, rechtfertigt Gesehenes mit den Gesetzen und der notwendigen Wahrung der Ordnung. Ordentliche Protokolle beweisen stets die Legalität des Vorgehens. Während überall nach Aufständischen gesucht wird, beginnt er schließlich doch, die Logik seines sadistischen Vorgesetzten Diaz zu überdenken. Denn der hat eine Foltermaschine in Auftrag gegeben, die er zu nutzen gedenkt. Es beginnt schon beim Abtasten von Verdächtigen auf der Suche nach Waffen: Eine Frau wird vom Abtasten, so glaubt Martens, noch lange Blutergüsse auf der Brust haben. Dann berichtet Martens den Lesern vom Fall Salinas. Federigo Salinas, ein reicher Eigentümer einer im ganzen Land bekannten Kaufhauskette, und sein Sohn Enrique wurden von Martens, Diaz und deren Spießgesellen zu Unrecht ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Die Polizisten sahen eine Geheimorganisation, wo es gar keine gab. Doch der Fehler wird nicht etwa eingestanden, sondern es soll ein Geständnis erpresst werden. So befiehlt ein Oberst die Zusammenstellung von "Beweisen" und schon eineinhalb Stunden später verurteilt ein Sondergericht Federigo und Enrique Salinas wegen erwiesener Geheimbündelei zum Tode. Vater und Sohn werden im Hof des Gefängnisses standrechtlich erschossen.

Im Krieg gegen Saddam-Verbündete und al-Qaida sind Amerikaner und viele ihrer Verbündeten nachweislich bereit, auch durch Folter Informationen von Verdächtigen zu bekommen. Die Fotos von misshandelten Häftlingen erschütterten die ganze Welt. Wie dünn doch das Eis der Konsense ist. Das Folterverbot gehört zum Weltkonsens. Dachten wir. In einer Zeit, in der Spezialisten der Bush-Administration ungeniert über eine Anpassung des Folterbegriffs an die Erfordernisse der politischen Praxis nachdenken, entfaltet Kertészs Erzählung ihr radikales moralisches Potenzial als Lehrstück über menschliche Niedertracht, Täuschung und Verrat. Bezüge zur Zeitgeschichte sind von Kertész ausdrücklich gewollt, er stellt seiner Erzählung ein Vorwort voran, in dem er hofft, dass die "Detektivgeschichte" etwas von der frischen Aktualität ihrer Entstehung bewahrt hat. Sie ist sicherlich nicht das beeindruckendste und wichtigste Werk des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Kertész, hält man sie neben "Liquidation" und den "Roman eines Schicksallosen". Doch wie im "Roman eines Schicksallosen" kommt Kertész auch hier wieder auf das ihn treibende Thema des verbrecherischen Regimes zurück. Der große Vorteil der "Detektivgeschichte" ist, dass sie viel leichter zu lesen und zu verstehen ist als die anderen Werke Kertészs. Auch deswegen ist sie für Kertész-Einsteiger ein Muss und sollte im Regal nicht fehlen. Es stellt sich nur die Frage, ob die "Detektivgeschichte" ihren Titel überhaupt verdient hat?

Titelbild

Imre Kertész: Detektivgeschichte.
Übersetzt aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Máté.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004.
138 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3498035258

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Letzte Änderung: 01.03.2005 - 16:13:38
Erschienen am:10.03.2005
Lesungen: 3916
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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