Kollektiv und Individuum

Zu Walter Kempowskis "Abgesang '45" und zu "Culpa", seinem Selbstkommentar zum "Echolot"

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit 1993 der erste Band des "Echolots" erschienen ist, hat Walter Kempowski einige Zeit mit der Vollendung seines Werkes verbracht. Das Ergebnis dieser intensiven Sammel-, Archiv-, Dokumentations- und Schreibarbeit liegt jetzt (vollständig) vor - zumindest ist der Abschlussband "Abgesang '45" erschienen und damit fast 10.000 Seiten von dem, was man landläufig "Erinnerung" nennen würde, bekäme man es von jemandem von Angesicht zu Angesicht erzählt. Aber das wäre dann eine persönliche Erinnerung - um die es Kempowski auch geht. In seiner komplexen Collage von Texten zahlreicher sich Erinnernder geht es jedoch vor allem um den literatur- und kulturwissenschaftlich konnotierten Begriff der "kollektiven Erinnerung" und damit um ein "kollektives Tagebuch". Dass sich Kempowski an dieser Stelle nicht nur dem "kollektiven Erinnern" verpflichtet fühlt, zeigt der ebenfalls zum Abschluss vom "Echolot" erschienene Band mit seinen persönlichen Tagebuchaufzeichnungen, die die Entstehung des "Echolots" begleitet haben.

Auf den ersten Blick vielleicht befremdlich hat Kempowski seinen "persönliche[n] Tagebuchband" mit dem Titel "Culpa" versehen. Was es mit dem Inhalt auf sich hat, entnimmt man dem Untertitel: "Notizen zum 'Echolot'". Was den Leser da auf knapp 400 Seiten erwartet, dokumentiert vor allem die enorme Zähigkeit, mit der der Autor sein Ziel, das Projekt "Echolot", verfolgt. Allen frühen Einwänden zum Trotz beginnt er mit Materialsammeln. Wenn man von den ersten Ideen dieses "Archivprojektes" liest, wie sie formuliert und kommuniziert werden, dann ist es spannend zu sehen, wie dabei das Projekt "Echolot" an Konturen gewinnt, wie es einerseits schon in den ersten Gedanken nahezu haptisch greifbar ist, und wie sich die Gedanken zur Materialsuche, zur Dokumentation eines Zeitabschnitts im Kopf des Schriftstellers immer mehr verdichten. Er beginnt mit der Arbeit: mit dem Eifer eines manischen Sammlers einerseits und dem visionären Blick des Schriftstellers andererseits. Dabei steht ihm die Methode der "Material"-Präsentation immer deutlich vor Augen, wie eine Notiz Mitte Februar 1980 zeigt:

"Man müßte auf den ersten Blick nichtssagende Bilder abdrucken wie ein Gedicht und sie auf der anderen Seite auf Formales hin untersuchen und auf historischen Gehalt. Sich jetzt schon Gedanken zu machen über die Nützlichkeit des Unternehmens ist sinnlos. Bisher ist es noch immer so gewesen, daß alles, was mich interessierte, eines Tages auch nützlich war."

Am 19. März 1978 heißt es: "Hier habe ich nun eine neue Idee, die ich irgendwann einmal angehen will. Ein Archiv für ungedruckte Lebenserinnerungen. Ungezählte Leute haben ihre Biographie geschrieben, die liegen in den Schränken herum. Man müßte diese auf Büchsen gezogene Erfahrung speichern und der Gesellschaft nutzbar machen."

Es sind die Hindernisse und die Skepsis, die Kempowski immer wieder zu überwinden hat. Aber nicht nur das ist es, was dem Leser Respekt abnötigt. Es ist auch das Reifen des Panoramas, das den Autor als Folie im Hintergrund begleitet, dies intuitive Gespür für den Rahmen des Projektes, für das Funktionieren eines wohl des Öfteren absurd scheinenden Plans einer so umfassenden Dokumentation, die letztlich keine Dokumentation ist. Denn sie schafft das, was man von Literatur erwarten kann: die Transzendierung der Zeit, einer Epoche, eines "kollektiven" Befindens, über Grenzen hinweg, seien es nationale Grenzen, seien es mentale Grenzen oder gesellschaftliche Perspektiven. Der persönliche Blick der durch Texte und Äußerungen Beteiligten einerseits und die Überführung dieser persönlichen Zeitzeugnisse in Kunst, in Literatur sowie die damit verbundene Veränderung der Perspektive für den Leser andererseits schaffen die Möglichkeit, verschiedene Verarbeitungsstadien von Erinnerung nebeneinander zu stellen und damit ein auch zeitlich multiperspektivisches Bild zu formen bzw. einen ebensolchen Blick zu ermöglichen.

Und: Das "Echolot" wird von Kempowskis Humor begleitet, ein norddeutscher, oft sehr hilfreicher Humor, mit Selbstironie durchsetzt: "Ein Amerikaner in Mexico City, der seit 50 Jahren seine unspielbaren Klavierkompositionen in Papier stanzt, damit sie von einem automatischen Instrument gespielt werden. Es war auch einiges zu hören, sehr sonderbar, laufgeil und trommelartig. Das ist auch so ein Mensch, der seinem Affen Zucker gab, wie man es ausdrückt. Wie ich!"

Dokumente von unmittelbar erlebten Gräueltaten und individuellen Verängstigungen stehen neben Berichten, die aus zeitlichem Abstand auf das Geschehene geschrieben, geschönt und offensichtlich verfälscht sind - und beides gibt die Möglichkeit, sich mit "Realität" und ihrem Abbild auseinander zu setzen. Kempowski schreibt Ende April 1992: "Es kommt mir so vor, als müsse ich mit dem 'Echolot' Schuld abtragen. Ich habe mal ein Klassenfoto gesehen, auf dem waren die später dann Gefallenen mit Bleistift eingekreist. Das wirkte so, als ob man sie für den Tod ausgewählt hätte."

So sehr man dies auch nachvollziehen kann, sind es doch nicht der Aspekt der Schuld und die Abarbeitung von Schuld, die die literarische Bedeutsamkeit von Kempowskis "Echolot" ausmachen. Dies vielleicht sogar am wenigsten. Es mag die individuelle Motivation des Autor sein, das kann man zur Kenntnis nehmen oder auch nicht, aber für das Lesevergnügen und für die Zeitlosigkeit des Projektes "Echolot" ist es wenig interessant. Das Ergebnis der "Culpa"-Aktivitäten von Kempowski ist es, was auch diesen Text leitet: Ja, vielleicht ist es für den einen Trauer und Mahnung, die aus den Bänden sprechen, oder Gedenken, Erinnern und "Nachdenken" - aber vor allem ist das "Echolot" das, was der Name sagt: ein "Echolot", eine Sonde in unsere Erinnerung und was wir davon wissen wollen. Der Maler A. R. Penck alias Ralf Winkler hat es einmal mit anderen Worten gesagt: "Je mehr im Kasten drin ist, desto mehr kommt auch raus". Ob er mit "Kasten" nur den Kopf meinte oder auch das, was wir hier mit "Erinnern" meinen, hat er seinen Ausführungen nicht nachfolgen lassen.

Daher ist es wohl auch nicht das aus dem etwas abgeleierten Kirchenlatein bekannte "mea culpa", aus dem Kempowski die Titelbezeichnung seines Tagebuchbandes entnommen hat und die ihn die Entstehung des "Echolots" über begleitet hat. Es scheint eher eine juristische Formel aus dem Lateinischen zu sein, die eine wesentliche Rezeptionsebene entbirgt: "Alterius culpa nobis nocere non debet."

Titelbild

Walter Kempowski: Culpa. Notizen zum Echolot.
Knaus Verlag, München 2005.
383 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3813502546

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang '45. Ein kolletives Tagebuch.
Knaus Verlag, München 2005.
491 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-10: 381350249X

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