Zwischen Ätherkrieg und Atem Gottes

Hans Jürgen Koch und Hermann Glaser legen mit "Ganz Ohr" eine "Kulturgeschichte des Radios in Deutschland" vor

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Rettet das Radio!", titelte unlängst die "Zeit", angewidert vom allgegenwärtigen "Dudelfunk". Als Verfallsgeschichte lässt sich die Karriere des Hörfunks vom Leit- zum bloßen Begleitmedium, zum Bügel-Background, jedoch nur zum Teil verstehen. Schon in den 1920er Jahren wollten Kulturschaffende mit einem anspruchsvollen Programm das Volk bilden, während die meisten Hörer, wie erste Umfragen ergaben, am Feierabend Unterhaltungsmusik hören wollten - und keine Vorträge über Einsteins Relativitätstheorie. Auch dass sich der Rundfunk vortrefflich als Werbeträger eignet, wurde früh erkannt, die Kommerzialisierung des Radios ist fast so alt wie dieses selbst.

Als am 29. Oktober 1923 in Deutschland der Rundfunk seinen Programmbetrieb aufnahm, war man sich über die Möglichkeiten und Folgen des neuen Mediums noch nicht recht im Klaren. Viele Intellektuelle feierten die Überwindung von Raum und Zeit und das grenzüberschreitende Wort als völkerverbindenden "Atem Gottes". In konservativen Kreisen fürchtete man einen neuen "Funkerspuk" linker Revolutionäre, weshalb die Industrie nur Empfangsgeräte produzieren durfte. Und ein damals wenig bekannter Redakteur eines NS-Blättchens schimpfte 1925: "Radio im Hause! Der Deutsche vergißt über Radio Beruf und Vaterland! Radio! Das moderne Verspießungsmittel! Alles zu Hause!"

An Science Fiction-Fantasien à la "Matrix" fühlt sich erinnert, wer in Hans Jürgen Kochs und Hermann Glasers "Kulturgeschichte des Radios in Deutschland" Fotos von Hörern der ersten Stunde sieht: Mit verzückten Mienen, eben "Ganz Ohr", sitzt da eine Familie um eine bizarre Apparatur, mit der jeder wie durch eine Nabelschnur verbunden ist, an ihren Enden klobige Kopfhörer; Lautsprecher besaß erst die folgende Gerätegeneration. Bald darauf gab es auch erste batteriebetriebene tragbare Empfänger, beliebt vor allem bei Liebespaaren für Ausflüge ins Grüne.

Abbildungen wie diese, Dokumente und biografische Exkurse lassen diese ebenso lebendig wie spannend erzählte Radio-Geschichte zu einer anregenden Lektüre werden. Wenn aber die Autoren in ihrer Einleitung die "Wandlungsfähigkeit" des Hörfunks als "Geheimnis seines Überlebens" anführen, so ist das euphemistisch gedeutet. Auch für das Radio gilt der vom Medientheoretiker Jochen Hörisch formulierte "Satz von der ideologischen Unschuld der Medientechnik". Wie sehr auch dieses Medium missbrauchsfähig ist, zeigte bald der "indoktrinierende Rundfunk" der Nazis, für dessen Konzeption ausgerechnet der zitierte Radio-Gegner verantwortlich war: 1933 galt Goebbels der Hörfunk als "das allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument". Was aber im "Dritten Reich" aus den Abermillionen von "Volksempfängern" und den vom Volk "Goebbelsschnauze" getauften Kleingeräten tönte, war, wie Koch und Glaser zeigen, überraschenderweise primär nicht Propaganda, sondern - Unterhaltung. Schon die Nazis "entworteten" das Programm und narkotisierten die Hörer mit "Wunschkonzerten".

In der Nachkriegszeit diente der von den Alliierten kontrollierte Rundfunk zunächst als Helfer und Erzieher einer orientierungslosen Bevölkerung. In den 1950er Jahren dann, dem "Radio-Jahrzehnt", war der öffentlich-rechtliche Rundfunk das wichtigste Massenmedium. Und betrieb nebenbei Kulturmäzenatentum im großen Stil: Kaum ein Autor, der in dieser Zeit nicht hauptsächlich von Hörspielen und Auftritten in den Abend- und Nachtstudios lebte. Die große Krise kam, als das Fernsehen zum neuen Leitmedium avancierte, übrigens auch in der Erziehungsdiktatur DDR, wo die Unterhaltungswünsche der Hörer lange Zeit ignoriert wurden. Der "mediale Urknall", die Einführung des dualen Systems, führte schließlich zur Dominanz des Dudelfunks, mit "Service-Wellen" und "durchhörbarer Musik".

Koch und Glaser erinnern an Rundfunk-Pioniere wie Hans Bredow und an alliierte Geheimsender, die mit akustischer Mimikry für Verwirrung sorgten. An den "Ätherkrieg" über Berlin und an die ganze Generationen prägende Faszination von Sendern wie dem amerikanischen AFN oder dem DDR-Jugendsender "DT 64". Schade jedoch, dass die privat-kommerziellen Sender und Internet-Radios von heute nur mit wenigen abschätzigen Bemerkungen abgefertigt werden. Mitunter hätte man sich auch etwas weniger "Kulturgeschichte" und mehr medientheoretische Fundierung gewünscht. Über das Ziel hinaus schießen die Autoren mit ihrem abschließenden Plädoyer für "mehrdimensionales Hören" und "Radio-Kultur", bei dem das Pisa-Debakel und die Gehirn-Debatte bemüht werden.

Wenn der Rundfunk tatsächlich "ein wichtiger Attraktor für die Ausbildung der Hirnstruktur" ist, waren dann die Menschen vor 1923 dümmer? Auch ist die von Koch und Glaser formulierte "Hoffnung auf ein mündiges Publikum", das nach mehr Qualität verlangt, nicht ohne unfreiwillige Ironie, ginge damit doch der Bildungsauftrag vom Radio auf den Rezipienten über. Dass viele längst ihre eigene "Hör-Kultur" entwickelt haben, dank Hörbücher und MP3-Player, scheint den Autoren entgangen zu sein.

Titelbild

Hans Jürgen Koch / Hermann Glaser: Ganz Ohr. Eine Kulturgeschichte des Radios in Deutschland.
Böhlau Verlag, Köln 2005.
376 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-10: 3412135038

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